„Für mich ist wichtig, was ich tue ... “ - Fee Schlennstedt im Gespräch mit jazz-fun.de

Fee Schlennstedt
Ask me now: Nica-Gründerin Fee Schlennstedt

In Hamburg wird Anfang November ein ganz neuer Jazzclub eröffnet, das „Nica“. Wir trafen die Gründerin und künftige Betreiberin Fee Schlennstedt auf der Baustelle ihres neuen Projekts, das sie mit hohem persönlichem Einsatz voran treibt.

Der Mann hinter der Baustellentür ist ein wenig ungehalten, weil die grobe Holztür in der rohen Bauspundwand offenbar nicht der Eingang zum neuen Nica-Jazzclub ist. Das ist die zweite Baustelle gegenüber des Rathauses, am Alten Wall mitten in der Hamburger Innenstadt, die den Zugang verspricht. Irgendwo oben an der Fassade war ein Logo zu sehen, auf einem folierten Fenster. Wieder falsch, da muss man sich jetzt tatsächlich durchfragen. Immerhin residiert hier im Nachbarhaus auch einer der traditionsreichsten Herrenausstatter der Hansestadt, beim Eintreten in die gediegenen Räumlichkeiten kann man in einem Display das Programm des neuen Clubs stecken sehen.

So richtig weiß der Anzugexperte aber auch nicht über die neue Nachbarschaft Bescheid. Aber ein Kunde: "Warte einen Moment, ich zeig dir das!" Wieder vor der Tür, kommt mir das Gesicht des Kunden doch merkwürdig bekannt vor: "Ich bin Jeffrey …", so stellt er sich vor. Es ist Jeffrey Weiss, der Bassist von "Django Deluxe", der Band, die mit ihrem virtuosen Frontmann Giovanni Weiss und der NDR BigBand anno 2015 den Sinto-Jazz neu aufgemischt hatte und dafür sofort einen ECHO-Jazz bekam.

"Da ist es!" – tatsächlich findet man den Eingang an der Wasserseite des Gebäudes, man muss hinter dem Bucerius-Kunstforum durch eine Passage gehen. Jeffrey zieht weiter und winkt noch einmal von der Fleetbrücke.

Das Nica ist noch ein Rohbau. Ein langer Raum, rechts ist die ganze Wand zum Fleet hin mit Fenstern versehen, links kommt wohl die Bar hin. Überall Farbeimer, Zementsäcke, und ein erster Schwung von noch verpackten Stühlen, vor der Schmalseite gegenüber des Eingangs hantieren zwei Bauarbeiter zwischen rotlackierten Stahlträgern – die Bühne.

Lange müssen wir nicht auf die Betreiberin, Fee Schlennstedt, warten. Wir machen Fotos zwischen all den Farbeimern, unser Gespräch muss mangels echter Sitzgelegenheit im benachbarten Restaurant stattfinden. Schon aus dem Vorgespräch wissen wir: Es ist viel zu tun.

jazz-fun.de:
Einen neuen Club in einer neuen Stadt aufzumachen ist sicher ein echtes Wagnis. Du hast erfolgreich das „Unterfahrt“ in München geleitet und zuletzt das renommierte „Quasimodo“ in Berlin. Und jetzt bist du plötzlich hier. Bist du eine Abenteurerin oder ist das so etwas wie ein persönlicher Neuanfang?

Fee Schlennstedt:
Also Abenteurerin würde ich mich jetzt nicht nennen, aber ich bin, glaube ich, recht furchtlos. Ich habe wenig Angst vor Dingen. Aber Ich bin jetzt hier auch nicht wie der Geist aus der Flasche gestiegen in Hamburg. Ich habe hier bereits 13 Jahre gelebt.

jazz-fun.de:
Na, für die Hamburger Jazzszene ist so eine neue Playerin mit diesem Background sicher schon ein bisschen überraschend. Bist du denn aus dem Quasimodo weg, weil du sagtest, ich möchte jetzt einfach mal etwas Eigenes machen oder es gibt einen privaten Grund, warum du mehr oder weniger plötzlich hier in Hamburg erscheinst.

Fee Schlennstedt:
Es war immer schon so, dass es mein Traum war, einen eigenen Club zu betreiben, bereits zu Unterfahrt-Zeiten in München. Und zu Quasimodo-Zeiten in Berlin war es schon echt ein Kampf, das Programm, das ich da gemacht habe, durchzusetzen. Der Betreiber hatte auch etwas andere Vorstellungen.

jazz-fun.de:
Das Quasimodo wurde 2019 unter deiner Leitung als Club des Jahres ausgezeichnet – trotzdem diese Schwierigkeiten?

Fee Schlennstedt:
Das Quasimodo wurde Club des Jahres, weil ich das Programm so gestaltet habe, schon klar. Aber das Bewusstsein war trotzdem nicht dafür da. Es lief gut und ich hatte darauf gehofft, dass der Betreiber vielleicht auch verkauft – dann hätte ich sofort zugeschlagen. In dieser Zeit, gerade, als ich den Preis gewonnen hatte, gab es keine Anerkennung dafür. Und eigentlich war das doch toll, nicht wahr? Da habe ich gemerkt, okay, ich reiße mir hier Arme und Beine aus, aber immer irgendwie für nichts. Das war unbefriedigend. Und dann habe ich tatsächlich kurz danach und noch vor der Pandemie, meinen jetzigen Geschäftspartner Robert von Bennigsen kennengelernt. Wir sind ins Gespräch gekommen, da ein eigener Club auch sein Lebenstraum war, aber eben aus einer ganz anderen Perspektive. Erst dachte ich: Der weiß gar nicht, was das heißt, einen Jazzclub zu betreiben. Und wenn der dann erstmal die Zahlen sieht, wird er kein Interesse mehr haben. Also, er ist...

jazz-fun.de:
... ein Liebhaber?

Fee Schlennstedt:
Ja, das ist er, wirklich ein Liebhaber. Und dann haben wir uns zusammengesetzt. Das passte und er ist dabeigeblieben. Und dann habe ich gesagt, gut, dann werden wir das jetzt angehen.

jazz-fun.de:
Wo habt ihr euch denn kennengelernt?

Fee Schlennstedt:
Der Bassist Dieter Ilg rief mich im Januar 2020 an und meinte, er habe sich nach dem Konzert mit einen Konzertbesucher unterhalten. Der habe erzählt, sein Lebenstraum sei es, einen Jazzclub zu eröffnen. Aber er wisse halt nicht, wie er das angehen solle. Er bräuchte jemanden, der das kann. Und dann meinte Dieter: „Guck mal, du hast doch den gleichen Traum. Und du hast doch immer gesagt, du bräuchtest eigentlich jemanden, der solvent dahintersteht – soll ich deine Nummer weitergeben?“ Mir fehlten die Mittel, ihm fehlte das Knowhow und so kamen wir zusammen. Robert von Bennigsen hat mich angerufen, dann haben wir uns in Berlin in der Paris Bar getroffen, und ich dachte erstmal, der wird ganz schnell wieder davon ablassen. Aber es kam anders.

jazz-fun.de:
Also es gibt diese Glücksfälle doch tatsächlich noch. Und dann wurde es Hamburg aus alter Liebe?

Fee Schlennstedt:
Ich habe ja in Lüneburg studiert und dann während des Studiums auch schon hier gearbeitet und gewohnt. Deswegen kenne ich die Stadt sehr gut. Und ja, letztendlich ist das schon wie ein zurückkommen nach Hause. Auch Robert lebt bereits seit 30 Jahren hier. Er ist auch kein gebürtiger Hamburger, aber eben schon lange hier und sehr fest verankert. Wir hatten ganz kurz überlegt, wo wir den Club eröffnen, uns war dann ganz schnell klar, das Hamburg die Stadt für unser Vorhaben ist.

jazz-fun.de:
Da muss ich natürlich nachfragen: Warum ist Hamburg die bessere Stadt? Trotz der berühmten Berliner Szene?

Fee Schlennstedt:
Vielleicht weil der Umgang mit dem kulturellen Angebot und das Rezeptionsverhalten ein etwas anderes ist. Berlin ist schon sehr dicht. Dort gibt fast schon ein Überangebot und dazu auch eine hohe Umsonst-Mentalität. Kultur, finde ich, wird teilweise nicht genug wertgeschätzt – im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Empfinden ist, dass es in Hamburg etwas anders ist. Zum einen empfinde ich die Bereitschaft bei den Hamburgern etwas höher, für Kunst und Kultur Geld auszugeben. Außerdem tut die Stadt viel für ihre Kulturschaffenden, hier wird wahnsinnig viel getan.

jazz-fun.de:
Durch den Senat oder die Kulturbehörde?

Fee Schlennstedt:
Durch beide. Der Zuspruch ist enorm, gerade vom rot- grünen Senat.

jazz-fun.de:
Also habt ihr einen Baukostenzuschuss bekommen?

Fee Schlennstedt:
Nein, keinen Baukostenzuschuss, sondern einen Zuschuss für Tontechnik und die Bühne. Das war überwältigend und hat die Fertigstellung des Clubs und unsere Eröffnung gerettet. Aber ich habe mit unserem Konzept auch, denke ich, überzeugen können. Ich habe wirklich sehr dafür gekämpft.

jazz-fun.de:
Es ist also nicht die Kulturbehörde, die das macht. Es geht mehr um Innenstadtbelebung und so etwas?

Fee Schlennstedt:
Es geht sicher erstmal grundsätzlich darum, Kultur in der Stadt zu fördern. Aber ganz sicher spielt auch das Thema Innenstadtbelebung dabei eine Rolle. Wir werden klar dafür sorgen, dass mehr Leben in die Innenstadt kommt.

jazz-fun.de:
Wie blickst du auf die deutsche Jazzlandschaft, nachdem du München und Berlin so intensiv als Veranstalterin kennengelernt hast.

Fee Schlennstedt:
Also erst mal finde ich das recht divers in Deutschland. Ich merke, dass im Bereich des sehr unkonventionellen und genreübergreifenden Jazz sehr viel in den letzten Jahren passiert ist. Die Szene hat sich extrem verjüngt, es gibt total spannende Konzerte oder Bands, die eine wirklich hochinteressante Vermischung vornehmen und dadurch ein Publikum abgreifen, das vorher nie in  Jazzkonzerte gegangen wäre. Auch ein jüngeres Publikum. Das beobachte ich schon sehr lange und finde das auch toll.

jazz-fun.de:
Es gibt aber auch – und gerade hier – die sehr konservativen 70+ Coltrane-Sammler-Szene. Die wirst du sicherlich auch treffen.

Fee Schlennstedt:
Ja, die gibt es natürlich auch hier. Ich finde alles berechtigt und das ist es, wo ich hin will. Weil ich es spannend finde, dass es so viel Verschiedenes gibt. Das ist ja so einzigartig im Jazz, dass du eigentlich alles miteinander kombinieren kannst.

jazz-fun.de:
Glaubst du denn, dass sich das öffnet? Bleib es in der Nische oder kann man es vielleicht noch weiter öffnen

Fee Schlennstedt:
Ich glaube sicher, dass man es noch weiter öffnen kann und ich finde das auch absolut richtig und wichtig. Es gibt ja die sogenannte Jazzpolizei, die dann immer gut aufpasst, dass das nicht zu poppig oder zu mainstreamig wird, und dann wird sich gleich beschwert. Das sehe ich ganz anders. Ich finde das sogar fantastisch. Ist doch toll, wenn Menschen mit der Musik andere Menschen erreichen, die vorher nie etwas mit Jazz zu tun hatten und plötzlich merken: Ach Mensch, das gefällt mir ja doch. Und sich dadurch vielleicht auch andere Sachen anhören, die sie sonst nicht gehört hätten.

jazz-fun.de:
Gibt es da nicht so die Gefahr, dass es dann irgendwann zur falschen Seite wegklappt? Wenn wir hier auf das große Elbjazz-Festival schauen, das hat inzwischen ein fast ein reines Indieprogramm, da findet der Jazz nur noch auf zugigen Nebenbühnen statt. Wie ist das? Ist das eine Gefährdung der Sache? Das verlangt doch Balance, oder?

Fee Schlennstedt:
Das ist nur eine Gefährdung, wenn die Qualität nicht stimmt. Ich finde nicht, dass es eine Gefährdung darstellt, wenn man verschiedene Genres miteinander vermischt. Aber sehr wohl, wenn die qualitative Ausrichtung nicht mehr stimmt.

jazz-fun.de:
Machen wir mal eine kleine Kurve. Der Name des Clubs: „Nica“ – das ist Pannonica de Koenigswarter, eine große Jazz-Mäzenin der 50er Jahre. Das ist ja noch aus einer Zeit, die sich so ganz anders darstellt als unsere. Ist das ein Modell für dich oder gar ein Vorbild? Oder ist das vielleicht auch nur ein Trigger für die eingeführte Jazzszene?

Fee Schlennstedt:
Also Vorbild ist sie in jedem Fall, aber kein explizites, nach der ich jetzt irgendwelche Lebensentwürfe gestalte. Manchmal aber empfinde ich auch bei mir so eine Art Aufopferungsbereitschaft für die Musik, Musiker zu fördern oder in ihrer Arbeit zu unterstützen. Weil ich einfach eine Riesenfreude daran habe, wenn ich merke, dass jemand musikalisch etwas zu sagen hat und vielleicht noch nicht so richtig gehört wurde. Wenn derjenige dann die Chance für einen Auftritt bekommt, ist das doch toll für den Musiker, aber auch das Publikum. Die haben dann auch etwas zu entdecken.

Fee Schlennstedt, Matthias Schumann
Fee Schlennstedt, Matthias Schumann, Foto: Jacek Brun

jazz-fun.de:
David Kastin, einer der Biografen von Pannonica de Koenigwarter, hat das mal „Cultural Bridge“ genannt. Sie war eine Brücke, um etwas, was unter dem Horizont war, nach oben zu bringen. Das haben wir ja hier nicht so ausgeprägt. Die soziale Lage, auch wenn ich weiß, dass manche Musiker für ein Bier und Fuffi spielen, ist anders. Es ist ja hier nicht die schwarze Kultur, die unterdrückt ist und der Schrei nach Freiheit über die Musik, wie es in den 50er Jahren war. Das ist sicher nicht vergleichbar, aber tatsächlich bleibt der Jazz dann doch eine Nischenkultur. Ist „Nica“ als Name vielleicht auch ein Frauen-Thema, im Bedeutungsraum von Jazz und weiblicher Ermächtigung? Ist das für dich ein Thema?

Fee Schlennstedt:
Für mich ist das immer Thema, und doch wieder keins. Ganz offen gesagt: Mich stört, dass so viel drüber geredet wird, aber so wenig danach gehandelt wird. Ich bevorzuge es zu handeln, ich will da gar nicht drüber diskutieren müssen. Und ich möchte auch nicht Symposien und irgendwelche Panels begleiten und dann über irgendwas reden, woran sich doch wieder keiner hält. Für mich ist wichtig, was ich tue, was ich umsetze. Und da versuche ich immer ausgewogen vorzugehen. Und das ist es. Punkt.

jazz-fun.de:
Gehen wir mal nach Hamburg. Hamburg, Jazzstadt. Es gibt ja hier einige Angebote, es gibt diese ganzen Vereine, Jazzbüro, Jazz Moves, Jazz Open, Clubs wie das Birdland und seit neuestem die Jazz Hall mit eigenem Programm.
(Das Telefon klingelt, unser Gespräch wird unterbrochen.)

Fee Schlennstedt:
Das war Karsten Jahnke.

jazz-fun.de:
Da muss man rangehen, ja?

Fee Schlennstedt:
Ja, auf jeden Fall, ich muss mir nur mal schnell was aufschreiben.
(schreibt)

jazz-fun.de:
So, noch einmal Hamburg. Es erweckt den Eindruck, dass sich da manche vielleicht ein bisschen wärmer anziehen müssen – jetzt mit diesem Lineup, dieser Location und diesem Konzept und mit jemandem, der das schon seit vielen Jahren macht. Hast du Kontakt im, sagen wir, „Konkurrenzumfeld? Ist das ein sportlicher Wettkampf?

Fee Schlennstedt:
Also ich bin schon ganz früh auf die anderen zugegangen. Vielleicht spanne ich da mal den Bogen zu dem, was wir am Anfang hatten, weil du meintest, ich komme hier so aus dem Nichts geschossen. Ich weiß, das war nicht despektierlich gemeint, aber was meine Arbeit betrifft stimmt das schon, weil ich bewusst erstmal nicht über unser Vorhaben gesprochen habe. Ich bin jemand, der gerne erstmal macht, und wenn es konkret wird und wirklich sicher ist, dass alles klappt, erst dann spreche ich drüber. Es gibt ja einige, die gerne schon groß was ankündigen und dann funktioniert nur die Hälfte, zu denen möchte ich nicht gehören. Und das ist der Grund, weshalb es lange erstmal sehr ruhig lief und niemand groß was davon mitbekommen hat. Aber gewisse Personen wie andere Clubbetreiber in Hamburg habe ich natürlich früh kontaktiert. Weil es aus meiner Sicht eben wichtig ist, aufeinander zuzugehen und miteinander zu funktionieren.

Mit anderen, wie Stefan Gerdes vom NDR gibt es den Kontakt schon lange, mit Karsten Jahnke auch. Der war eigentlich der erste, dem ich das hier in Hamburg erzählt habe. Er war sofort hellauf begeistert. Aber klar, er sagt auch, das sei schon ein Brett, er ist gespannt.

jazz-fun.de:
Wenn du jetzt sagen würdest, du machst jetzt einen Club auf, mit welcher Publikumsorientierung gehst du ran? Willst du das Jazzpublikum, was sowieso kommt so, oder auch noch den Börsianer von nebenan, der abends auf einen Drink vorbeikommt und denkt, oh, hier ist ja gute Musik?

Fee Schlennstedt:
Ich will alle! (lacht)

jazz-fun.de:
Aber was ist die programmatische Ausrichtung?

Fee Schlennstedt:
Die programmatische Ausrichtung ist die, dass ich wirklich alles so divers wie möglich machen möchte. Eigentlich ist das Programm jetzt auch schon recht durchmischt, was die Stile betrifft, aber es wird noch diverser.

jazz-fun.de:
Und meinst du denn, du würdest so jemanden erreichen? In den großen Jazzmetropolen in Europa, in London oder in Rom hat man Vergleich zu dem, was ich von hier kenne, einen relativ anderen Ansatz. Da gibt es Locations, die haben unten eine Kneipe, einen Pub, darüber haben sie eine Gastro, dann haben sie eine Pianobar und obendrauf ist der Jazzclub gestapelt, die Leute diffundieren sozusagen an einem Abend von unten nach oben. Und wenn man da hingeht, da findest du halt die Normalos, die Mittelstandsfamilien, die Angestellten, die jungen Leute und auch die Coltrane-Nerds. Das stellt sich hier ziemlich anders dar. Wenn man sich das Publikum hier anschaut, meinst du, du kriegst diese Normalbürger mit deinem Konzept?

Fee Schlennstedt:
Mein Ansatz ist, dass ich für jeden das richtige Programm bieten möchte. Also sprich, das wird jeden Abend variieren, es wird jeden Abend ein anderes Publikum da sein und insofern wird sich das durchmischen. Es soll ein Club werden, in dem sich jeder wohlfühlt. Diese Gegend hier ist doch sehr sophisticated, schick und teuer. Für mich ist der Ansatz der allerwichtigste, dass es keine Hemmschwellen gibt, dass es niederschwellig ist, dass sich wirklich jeder reintraut und sich jeder wohlfühlt.

jazz-fun.de:
Und abends ist es hier vollkommen tot.

Fee Schlennstedt:
Abends tot. Genau. Aber das wird sich mit uns ändern. Wenn die Atmosphäre in dem Club stimmt und alles sehr entspannt, nett und freundlich ist, hoffe ich, dass die Menschen auch regelmäßig wiederkommen. Es braucht auch die Wiedererkennung von Gästen, die öfter kommen. Die sollen unbedingt zu Stammgästen werden. Wir planen zukünftig auch ein Mitgliedersystem. Ich bin mir sicher, dass sich unsere Gäste dann auch mal in Konzerte trauen, die sie sonst nicht ausgesucht hätten und einfach auch mal was anderes hören und ausprobieren und nicht nur in die Konzerte gehen, in die sie sonst gehen würden.

jazz-fun.de:
Kann es Abende geben, die nicht bespielt sind, wo du vielleicht einfach nur einen Pianisten hast und irgendwie ein bisschen Gastro.

Fee Schlennstedt:
Es wird fast jeden Abend Live-Programm geben. Also mindestens fünf Tage die Woche, immer mit Live-Programm. Sicher wird es natürlich auch mal private Veranstaltungen geben. Wir sind kein Restaurant, und nebenbei Musiker spielen lassen wir nicht. Einen Club tragfähig zu betreiben ist halt leider ein hartes Geschäft. Wir brauchen schon einen gewissen Durchlauf und funktionieren nicht nur über ein wenig Gastro. Auch der Musiker muss am Abend ja bezahlt werden.

jazz-fun.de:
Die Location ist sicher eine Aufgabe. Du hättest ja theoretisch auch in irgendeinen Stadtteil gehen können, nach Eimsbüttel oder nach St. Pauli, wo die Leute leben. Warum also hier?

Fee Schlennstedt:
Ja, es war schon ein ganz klarer Wunsch, in die Innenstadt zu gehen. Die Suche nach der passenden Immobilie, die hat zweieinhalb Jahre gedauert. Wir haben bestimmt mindestens 50 Immobilien angesehen. Die Suche war sehr schwierig und hat viel länger gedauert als gedacht. Unsere jetzige Fläche am Alten Wall ist ein echter Glücksfall für uns.

Fee Schlennstedt
Fee Schlennstedt, Foto: Jacek Brun

jazz-fun.de:
Wie wird das alles finanziert, über deinen Partner?

Fee Schlennstedt:
Robert von Bennigsen hat klar ein begrenztes, aber elementares Budget zur Verfügung gestellt. Das waren € 400.000, damit das Ganze losgehen kann und der Rest war über Kredite besprochen. Wir sind ja beide gleichberechtigte Gesellschafter zu 50%, ich habe die Geschäftsführung inne. Als Geschäftsführerin habe ich einen Kredit über € 750.000 aufgenommen. Dazu haben wir dann eben noch die städtische Förderung bewilligt bekommen.

jazz-fun.de:
Also du bist so Pi mal Daumen bei anderthalb Millionen?

Fee Schlennstedt:
Ja, manchmal frage ich mich: Was machst du hier eigentlich?

jazz-fun.de:
Jazz. Was ist das? Was ist das für dich? Was ist deins daran?

Fee Schlennstedt:
Diese Freiheit in der Musik. Und diese Bindung, die die Musik herstellt. Und ein Glücksgefühl, wenn ich diese Musik höre.

jazz-fun.de:
Viele Leute haben Angst vor dem, vor dem „Unordentlichen“ des Jazz, dem sie nicht mehr folgen können, weil viel nur noch das Vorhersehbare gewohnt sind. Das begegnet dir nicht?

Fee Schlennstedt:
So nicht. Also ich sehe das nicht als unaufgeräumt. Ich sehe das als schönes Chaos im gewollten Sinne, also ein konstruiertes Chaos. Aber im besten Sinne, das dann aber immer auch wieder eine Wendung zum Harmonischen kriegt. Klar gibt es Momente, da sage ich okay, das ist mir jetzt auch ein bisschen zu weit draußen. Aber das ist doch gerade schön, weil es toll ist, wenn es das auch gibt.

jazz-fun.de:
Es gibt ein hübsches Zitat aus dem sehr jazzaffinen Hollywood-Film „La La Land“: „Jazz is about the future!“ Kannst du damit etwas anfangen?

Fee Schlennstedt:
Ja. Weil Jazz sich immer weiterentwickelt und weil er offen ist. Weil Jazz eben nie gleich ist. Also deswegen: Ja, das trifft es.

jazz-fun.de:
Meine These ist ja: Ich glaube, es ist die Musik der Zeit, die es eigentlich sein müsste, weil sie die Freiheit darstellt. Also das, was du eben als kreatives Chaos so dargestellt hast.

Fee Schlennstedt:
Ja. Und dass die Musik eben nie auf der Stelle tritt, sondern sich immer weiterentwickelt und immer neue Strömungen mit aufnimmt, sich allem öffnet.

jazz-fun.de:
Du hast am zweiten Abend nach der Eröffnung den amerikanischen Trompeter Theo Croker bei dir, der hat eine Nummer, die heißt „Jazz is dead“. Warum sagt er das?

Fee Schlennstedt:
Ich vermute eher, dass das als Provokation gemeint ist. Das sagt er hoffentlich nicht, weil er es denkt. Wir werden ihn fragen.

jazz-fun.de:
Und was ist in zehn Jahren hier und mit dem Jazz los?

Fee Schlennstedt:
Ich lehne mich jetzt mal weit nach draußen und behaupte ganz kühn, dass der Jazz sogar noch weiter eine Renaissance erfahren wird. Durch die ganze Digitalisierung und durch den ganzen Digitalisierungsprozess in der Musikbranche wird es, glaube ich, eine Rückbesinnung auf Authentisches geben. Vielleicht nicht in der breiten Masse, aber vielleicht in einer immer größer werdenden Nische mit Lust auf ehrliche, handgemachte, freie Musik. Und ich bin mir irgendwie sicher, dass wir in zehn Jahren eine sehr, sehr rege, lebendige und existierende Jazzszene vorfinden.

jazz-fun.de:
Wird es politischer werden? Also man weiß, in den 50er und 60er Jahren war Jazz ein wichtiger Ausdruck des schwarzen Selbstverständnisses und Empowerments. In der DDR war es ja auch der Begriff der Freiheit, die immer dahinterstand, das freie Spielen als Symbol, das „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“, das die Leute zu tausenden zur Jazzwerkstadt Peitz kommen ließ.

Fee Schlennstedt:
Kann ich nicht beurteilen und kann es nur vermuten. Aber es liegt nahe, dass das wieder eintreten kann.

jazz-fun.de:
Wenn du eine Vision von einem Booking hättest. Wen würdest du buchen wollen, den du bislang noch nicht hattest?

Fee Schlennstedt:
Das ist meine Lieblingsfrage. (schmunzelt) Und ich habe darauf nur eine Antwort: Die Band oder der Künstler, von dem ich überzeugt bin, den es aber noch zu entdecken gilt und der die große Überraschung für alle ist. Der mich dann total aus den Schuhen fegt. Das sind wir wieder bei diesem Newcomerthema, das mir sehr am Herzen liegt; dieses rechtzeitige Erkennen. Wenn jemand wirklich toll ist, aber noch kein Hahn danach kräht, was der macht. Den dann einzuladen und zu erleben, was für ein Zauber von dem Konzert ausgeht und sich auf uns, also das Publikum überträgt. Das ist einfach immer wieder toll.

jazz-fun.de:
Also es gibt nicht den einen großen Namen, so einen Jägerinstinkt, wo du sagst: Ich möchte jetzt unbedingt das Mildred Snitzer Orchestra von Hollywood-Star Jeff Goldblum?

Fee Schlennstedt:
Ich freue mich am meisten über Abende, an denen ich und alle anderen, die dabei sind, nachher dasitzen und sagen: Das war der Wahnsinn, damit haben wir so nicht gerechnet und wir haben es erleben dürfen. Wenn dieser Künstler nach zwei, drei Jahren dann auf den großen Bühnen dieser Welt auftritt und man so früh dabei sein und erleben durfte, wie so eine Magie entsteht. Das sind mir die schönsten Konzerte.

jazz-fun.de:
Damit sollten wir vielleicht aufhören, oder? Wir danken für dieses Gespräch.

Der nächste Termin ruft, Fee Schlennstedt verschwindet in ihrer Baustelle. Sie trifft ihre Gastronomin, die Weine sollen besprochen werden. Es ist viel zu tun.

Das Gespräch führte Matthias Schumann.
Fotos: Jacek Brun

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Frank Ay |

Ein sehr wertvolles Interview! Warum: weil eine mutige Unternehmerin vormacht, wie es gehen kann, statt den Kopf in den Sand zu stecken wie viele andere in diesen schwierigen Zeiten. Weil sie eine Haltung gegenüber der Musik und ihren Ausführenden zeigt, die ich als ehemaliger Programmacher nur gut finden kann. Und nicht zuletzt, weil dieses Interview die vielen relevanten Fragen, die besonders zur Zeit in der Luft liegen, anspricht und Einblicke hinter die Kulissen gibt. Ich freue mich auf meinen ersten Besuch im Nica. Chapeau, Fee!

Was ist die Summe aus 3 und 3?