Goran Stevanovich - Sarajevo
Goran Stevanovich
Sarajevo
Erscheinungstermin: 16.05.2025
Label: Berlin Classics, 2025
Dieses Album verlangt Vorbereitung – und ein Verständnis nicht nur für klassische Musik, sondern auch für die Besonderheiten dieses außergewöhnlichen Instruments. Die Spielweise, die Klangerzeugung und das charakteristische Timbre des Akkordeons haben hier eine zentrale Bedeutung. Goran Stevanovich ist nicht nur ein brillanter Instrumentalist, sondern auch ein vielseitiger Künstler, der große Werke neu arrangiert und zugleich originelle eigene Kompositionen schafft. Dieses Album ist nicht nur ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Kreativität und technischen Meisterschaft, sondern vor allem ein Schatz an großartiger, tief berührender Musik. (Jacek Brun, 19.05.2025)
Zwischen Klassik, Virtuosität und Tiefgang – Goran Stevanovichs "Sarajevo"
Goran Stevanovich ist ein begnadeter bosnischer Akkordeonist, der bereits zahlreiche nationale und internationale Preise gewonnen hat, darunter den Deutschen Akkordeon-Musikpreis 2012. Bekannt für sein außergewöhnlich breites Repertoire, das von Alter Musik über Schubert, Bruckner, Mahler und Hindemith bis hin zu zeitgenössischen Komponisten reicht, wird er von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung als „Botschafter für die Vielseitigkeit seines Instruments“ gefeiert. Am 16. Mai 2025 erscheint sein Debütalbum Sarajevo" bei Berlin Classics.
„Sarajevo“ ist Titel und thematisches Zentrum des Albums. Der in Hannover lebende Künstler hat für dieses Projekt Werke von Komponisten wie Max Richter, Béla Bartók und Bryce Dessner ausgewählt. Dabei war es ihm wichtig, dass die Stücke einen Bezug zur Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas und ihrer bewegten Geschichte haben. Ergänzt werden diese Werke durch vier eigene Kompositionen („Der Asra“, „Bartók reframed“, „Takht“, „Kad ja podjoh“), die das Thema reflektieren. Das Ergebnis ist ein sehr persönliches Selbstporträt, für das Goran Stevanovich tief in die musikalische Tradition seiner Heimat eingetaucht ist.
Gleich zwei Werke des Albums tragen den Titel „Sarajevo“: eines vom britischen Komponisten Max Richter (*1966) und eines vom niederländischen Komponisten Guillermo Lago (*1960). Richters „Sarajevo“ entstand kurz nach dem Ende der Jugoslawienkriege und war ursprünglich für Orchester und Sopran geschrieben. Goran Stevanovich greift den traurigen und zurückhaltenden Charakter des Stückes in seiner einfühlsamen Bearbeitung für Akkordeon solo auf. Lagos „Sarajevo“, ein Werk für Saxophonquartett aus dem Zyklus „Ciudades“, ist den Freunden des Komponisten in Sarajevo gewidmet. Auch diese Komposition wurde von Stevanovich virtuos für Akkordeon solo bearbeitet.
Geboren und aufgewachsen in Bosnien, erlebte Goran Stevanovich im Alter von fünf Jahren den Ausbruch der Jugoslawienkriege - eine Erfahrung, die ihn tief geprägt hat. „Als der Krieg begann, ließ meine Mutter abends immer das Radio laufen“, erinnert er sich. So wuchs er mit der traditionellen Volksmusik Bosniens auf - dem Sevdah, auch „Blues Bosniens“ genannt. Diese Musik erzählt unmittelbar von den Freuden und Leiden der Menschen. Schon als Kind spielte Goran Stevanovich diese Volksmelodien nach Gehör auf dem Akkordeon. Diese Einflüsse sind in seinen Arrangements und Eigenkompositionen deutlich zu hören. Das kleine Land Bosnien, das bis ins 19. Jahrhundert zum Osmanischen Reich gehörte, wurde später von den Habsburgern geprägt, die die Tradition der europäischen Romantik mitbrachten. Diese verschiedenen kulturellen Einflüsse spiegeln sich in der bosnischen Volksmusik wider. Sogar Heinrich Heine schrieb einen Sevdah-Text: „Der Asra“. Dieses vertonte Gedicht ist bis heute auf dem Balkan bekannt und wird oft gesungen. In seiner Komposition „Der Asra“ greift Stevanovich diesen multikulturellen Hintergrund auf und verweist klanglich auf die Saz, eine Langhalslaute, deren Klang oft mit türkischer Musik assoziiert wird.
Goran Stevanovich will das Sevdah erneuern, ohne es zu verwässern. Dafür hat er akribisch nach den Ursprüngen des Sevdah geforscht und in Archiven in London und New York zahlreiche authentische Werke entdeckt - ähnlich wie Béla Bartók (1881-1945), der mündlich überlieferte Volksmusik aus Ungarn und Rumänien sammelte und notierte. Bartók dokumentierte rund 50 Sevdah-Lieder. „Peasant Song“ ist eine dieser Volksmelodien, die Bartók ursprünglich für Klavier arrangierte und die Goran Stevanovich gekonnt für Akkordeon solo adaptierte. „Bartók reframed“ ist Stevanovichs Hommage an Béla Bartók: drei Konzertetüden (Sevdah-Verses I-III), die auf alten bosnischen Sevdah-Melodien basieren. Eine Besonderheit ist die Verwendung einer von Stevanovich selbst modifizierten Zither in Verse I. Dieses hölzerne Bauteil des Akkordeons, das in seiner Funktionsweise einer Mundharmonika ähnelt, wird von ihm wie ein Blasinstrument gespielt - eine raffinierte Klangerweiterung.
Kinan Azmeh (*1976), ein bekannter syrischer Klarinettist und Komponist, hat sein Werk „Prelude“ ursprünglich für Oboe geschrieben. Goran Stevanovich übertrug es nicht nur auf das Akkordeon, sondern fügte auch einen Bordun - einen Halteton zur Begleitung der Melodie - hinzu. Dadurch entsteht ein reizvolles Klangfarbenspiel aus Dissonanz und Harmonie.
Das letzte Werk des Albums ist „Aheym“, ein Stück des amerikanischen Komponisten und Gitarristen Bryce Dessner (*1976), der auch Mitglied der Indie-Band „The National“ ist. Inhaltlich handelt das Stück von der Flucht der Großmutter des Komponisten in die USA nach der Oktoberrevolution in Russland. Ursprünglich für Streichquartett geschrieben, arrangierte Stevanovich es für Akkordeon solo. Seine einfühlsame Interpretation lässt die überstürzte Flucht der Großmutter spürbar werden.
Mit seinem Debütalbum „Sarajevo“ ist Goran Stevanovich ein eindrucksvolles Porträt gelungen, das die reiche Kultur, Geschichte und Musik seiner Heimat in einem sehr persönlichen und farbigen Licht zeigt.
Titelliste
- Max Richter: Sarajevo (bearb. für Akkordeon von Goran Stevanovich)
- Goran Stevanovich: Der Asra
- Goran Stevanovich: Verse Nr. 1
- Goran Stevanovich: Verse Nr. 2
- Goran Stevanovich: Verse Nr. 3
- Bela Bartok: Peasant Song (bearb. für Akkordeon von Goran Stevanovich)
- Kinah Azmeh: Prelude (bearb. für Akkordeon von Goran Stevanovich)
- Goran Stevanovich: Takht
- Guillermo Lago (Willem van Merwijk): Sarajevo
- Goran Stevanovich: Kad ja pojoh
- Bryce Dessner: Aheym (bearb. für Akkordeon von Goran Stevanovich)
- Heinrich Heine: Der Asra (Epilog)
jazz-fun`s recap:
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