Herbie Hancock in München – Eine lebende Legende begeistert die Isarphilharmonie

Herbie Hancock
Herbie Hancock, Foto: Robert Fischer

Legenden haben es auch nicht leicht. Nie können sie es allen recht machen. Die einen wollen von ihnen immer wieder nur das hören, was sie einst zur Legende werden ließ. Die anderen erwarten von ihnen immer wieder etwas Neues. Und wieder anderen ist das Neue dann schon mal zu neu. Nämlich anders als das, was sie von „ihrer“ Legende zu erhoffen wagten.

Jemand wie Herbie Hancock macht es sich da ganz einfach: Er spielt – vielleicht kein Wunder für einen, der seine Autobiografie „Possibilities“ überschrieb und auf eine sechs Dekaden umspannende, äußerst wandelbare, mit reichlich Platin-Alben und Grammy-Auszeichnungen verzierte Karriere zurückblicken kann – mit den Möglichkeiten, die er in seiner komfortablen Lage hat. So beginnt der mittlerweile 85 Jahre alte, 1940 in Chicago geborene Pianist und Keyborder sein Konzert mit der Ansage, viele wollten doch gerne einige der Stücke von ihm hören, die er schon vor vielen, vielen Jahren aufgenommen habe. Deshalb hätte er eine Art „Overture“ geschrieben, in die er eine Reihe von Selbstzitaten vergangener Tage („little snippets here“, „little parts of them there“) einfließen ließ. Und selbst für diejenigen, die sich nicht am musikalischen Rätselraten mit heiterem Zitateerkennen beteiligen wollten oder konnten, war das, was nun folgte, ein gelungener Auftakt des Konzerts, in dem Herbie Hancock mit Terence Blanchard, Trompete, James Genus, Bass, Lionel Loueke, Gitarre und Jaylen Petinaud, Schlagzeug, eine exzellente Band zur Seite stand.

Komfortabel ist Hancocks Lage übrigens auch deshalb, weil er es sich leisten kann, am Bühnenrand drei Notenständer aufzustellen, um darauf eine ellenlange Partitur zu verteilen, auf die er dann später nur kurz ein paar Blicke für einige wenige Keyboardtakte werfen wird. Ansonsten braucht er am Notenpult des Fazioli-Flügels bloß eine Setlist zu plazieren, die ihm anzeigt, dass auf die gelungene Overtüre Wayne Shorters „Footprints“ folgt und auf diese wiederum seine Eigenkomposition „Actual Proof“, die sich zum musikalischen Höhepunkt des Abends entwickeln wird. Natürlich darf auch die Einlage mit dem „Keytar“ nicht fehlen, dem wie eine Rockgitarre umgehängten Keyboard, mit dem Herbie Hancock gegen Ende des Konzerts sogar ein paar Luftsprünge macht. Sein fröhliches Grinsen dabei wird man genauso wenig vergessen wie seinen Humor, mit dem er auch über sich selbst lachen kann, als ausgerechnet ihm, der vor seiner Musikkarriere Elektrotechnik studierte und zeit seiner musikalischen Karriere stets an innovativen Erfindungen interessiert blieb, eben jene Technik versagt: „Man müsse wohl das Notebook neu starten“, meinte er, nachdem sein Keyboardtechniker mehrfach vergeblich auf die Bühne geeilt war, um den Vocoder in Gang zu bringen, und schließlich mit grübelnder Miene neben ihm auf dem Podium saß.

Humor hatte er auch schon zu Anfang des Konzerts bewiesen, als er von einem Programm erzählte, das er auf seinem Korg Kronos Synthesizer installiert habe und das „Pre Historic Predatory“ (Prähistorische Raubtiere) heiße. „What's that?“, meinte er dann mit gespielter Verblüffung zu den ersten mysteriös wabernden Klängen: „Dinosaurs“?
Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Herbie Hancock ist bei allem Legendenstatus nun wirklich kein  Relikt vergangener Zeiten, sondern auch mit 85 Jahren noch ein neugierig gebliebener Ausnahmemusiker, der immer dann, wenn er sich an den Flügel setzt, die Sonne aufgehen lassen kann. Weshalb der einzige Wunsch – neben einem besseren Schlagzeugsound –, der am Ende seines gut zweistündigen Konzerts in der Isarphilharmonie übrig blieb, der war, dass er vielleicht doch  eine Zugabe gegeben hätte: allein am Klavier.

Text und Fotos: Robert Fischer

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Kommentar von Clemens Jenaczek |

Ausgezeichneter Bericht, gelungener Fotoreport👍👍👍

Was ist die Summe aus 4 und 4?