Eindrücke von seinem Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 19. Juni 2025

Igor Levit
Igor Levit, Foto: Robert Fischer

Die einst von Peter Handke formulierte, seitdem sprichwörtlich gewordene Angst des Tormanns vor dem Elfmeter lässt sich auch auf andere Berufszweige übertragen: ganz sicher auf den des Konzertpianisten. Bei Igor Levit, der an diesem Abend mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf dem Podium der Münchner Isarphilharmonie steht, hat man den Eindruck, es handele sich weniger um Angst als um gespannte Erwartung – eine Mischung aus  nicht nur zur Schau getragenem Selbstbewusstsein und dem Wissen jedes intelligenten Menschen um die eigene Fehlbarkeit.

Sehr gelassen wirkt das, als er sich an den Flügel im ausverkauften Haus setzt, wo ihm zu Beginn von Busonis Klavierkonzert genügend Zeit bleibt, neugierig-interessierte Blicke zum Orchester wie zum Publikum im ausverkauften Haus zu werfen. Erst kurz vor seinem ersten eigenen Einsatz entlädt sich die nervöse Anspannung in einem heftig auf und ab wippenden rechten Bein, gefolgt von einem beherzten Griff in die Tasten. Gleich darauf wechselt metaphorisch das Metier: vom Fußballer zum Bergsteiger, der noch einen weiten Weg zum Achttausender-Gipfel zu erklimmen hat. Manche Hürde liegt vor ihm – im Fall des Klavierparts von Busoni sind da sogar zwei, drei Momente, bei denen selbst ein Igor Levit zweifelt, ob diese rein physisch zu bewältigen sind.

Was man seinem Spiel aber an keiner Stelle anmerkt: Besonders ergreifend gelingen ihm in einem Werk voller ausnotierter, gern kaskadenhaft großflächig in die Saiten gehämmerter Tastenakrobatik gerade die leisen, intimen Stellen, in denen sein Ton eine lyrische Zärtlichkeit bekommt, von dem man sich nur allzu gern verführen  lässt.

Busonis rund 80 Minuten langes Klavierkonzert ist ein selten aufgeführter Solitär, der mit einem rund zehnminütigen Choral endet, für den der Männerchor des Bayerischen Rundfunks zuvor gut eine Stunde lang geduldig ausharren muss. Die sechsstimmig arrangierte Melodie dazu soll dem 1866 in Empoli bei Florenz geborenen, 1924 in Berlin gestorbenen Ferrucio Busoni bei einem Besuch des Straßburger Münsters gekommen sein, das er einst bei Sonnenaufgang betreten und dabei unsichtbare menschliche Stimmen erklingen gehört haben will.

Über Busoni, der auch die Uraufführung seines Werks am 10. November 1904 in Berlin selbst spielte, meinte Levit in einem vor dem Konzert im Merkur veröffentlichten Interview mit Markus Thiel, dieser sei „einer der zwei, drei größten Pianisten der Menschheitsgeschichte“. Dass sein Konzert auch von ebensolchen („großen“) Pianisten gespielt werden will, wie Levit hinzufügte, legt die Latte für den bergsteigenden Torwart am Klavier doch ziemlich hoch. Ob er sich selbst – Marc-Andre Hamelin als „Pate“ aller modernen Interpretationen des Konzerts anführend – tatsächlich in dieser dünnen pianistischen Höhenluft sieht, sei mal dahingestellt: In jedem Fall ist Igor Levit genau der richtige Interpret für dieses Werk. Denn jemand, der auch Fred Hersch verehrt und mit Johanna Summer auf die Bühne geht, beweist mit seiner grenzüberschreifenden Neugier wohl auch eine Art Seelenverwandtschaft mit dem Komponisten, den der im Programmheft zitierte Schriftsteller und Musikkritiker Paul Bekker als »Grenznatur« bezeichnete: »Er stand an der Grenze zweier Zeiten, er stand an der Grenze zweier Völker; er stand an der Grenze zweier Künste, denn Begriff und Wort waren ihm ebenso gefügig wie der Klang, er stand innerhalb der eigenen Kunst an der Grenze des Nach- und des Neuschöpferischen.«

Igor Levit steht bei diesem bravourös gemeisterten musikalischen Grenzgang ein mitreißend-wunderbar musizierendes, von Sir Antonio Pappano souverän geleitetes Orchester zur Seite, und wer ihn beim Schlussapplaus von der Seite durch den geöffneten Flügel beobachten konnte, der mag in seinem freundlichen Lächeln auch einen fast dankbaren letzten Blick auf die Noten eines Konzerts bemerkt haben, von dem man sich wünscht, dass es doch sehr viel öfter zur Aufführung käme.

Text und Fotos: Robert Fischer

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Kommentar von Monika Fischer |

Lieber Robert, auch wenn ich nicht dabei war, so kann ich mir mit deinen Fotos und dem Text gut vorstellen, wie schön das Konzert war. Toll!!
Liebe Grüße, Monika

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