Jazzwoche Burghausen 55 Jahre und kein bisschen müde
Von Angela Ballhorn
Normalerweise sind deutsche malerische Innenstädte abends ausgestorben, nach Sonnenuntergang hört man meist nur noch selten Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, machmal huscht noch eine Katze durch die Gassen.
In der Internationalen Jazzwoche in Burghausen sieht das allerdings ganz anders aus, in der Jazznight zum Sonntag (die die Fans, die immer noch nicht genug bekommen konnten, gleich mit einem Jazzfrühschoppen verlängern konnten) ergoss sich aus vielen Kneipen der Altstadt Musik, Fans drängelten sich nach drinnen oder vor den Eingängen, gespielt wurde bis in die frühen Morgenstunden. Und auch als die letzten Nachtschwärmer gegen vier Uhr auf dem Heimweg waren, war man nicht alleine auf dem Walk Of Jazzfame, letzte Getränkerunden wurden noch serviert und Technik wieder verstaut.
Burghausen – eine Stadt mit Jazzgeschichte
Meine Reise in die geschichtsträchtige ehemalige Herzogstadt Burghausen direkt an der Salzach und der Landesgrenze zu Österreich gelegen war ein Novum, bisher hatte es mich noch nicht in die Stadt mit 1000jähriger Geschichte und der längsten Burg der Welt verschlagen. Und die eine rührige Jazzinitiative hat, die seit mittlerweile 55 Jahren ein großes internationales Jazzfestival veranstaltet.
Auf dem Walk of Jazzfame im Kopfsteinpflaster der Altstadt kann man nachlesen, wer in fünfeinhalb Jahrzehnten alles da war: Wayne Shorter, Stan Getz, Chick Corea, Klaus Doldinger, Art Blakey, es fehlen nur wenige Namen der grossen Jazzgeschichte.
Zwischen Stadtsaal und Wackerhalle – die Bühnen der Jazzwoche
Die Veranstaltungsorte könnten nicht gegensätzlicher sein, Stadtsaal, Ankersaal und Jazzkeller im Laufabstand in der Altstadt auf der einen Seite, die grosse Wackerhalle in der Neustadt auf der anderen. Die sechs Konzerttage inklusive Nachwuchswettbewerb waren gut besucht, fast 7000 Jazzfans pilgerten zu den Spielstätten.
Cory Henry und die Funk Apostles – Gospel, Funk und Ekstase
Mein erster Konzerttag war der Freitag, Cory Henrys mitreissendem Auftritt vorangestellt war die Berliner Band Sonic Interventions. Der Deutsche Jazzpreisträger des Jahrs 2025
ist eine transdisziplinäre Groove- und Jazzband. Das Gemisch aus Percussion- und Groovejams und Spoken Word brauchte einen langen Anlauf, bis es ins Laufen kam. Die vom Festival bevorzugte Konzertlänge von 90 Minuten ließen Längen zu, eine komprimiertere Spielzeit hätte der Musik der Berliner Band meiner Meinung nach nicht schlecht getan.
Cory Henry mit seinen Funk Apostles riss dagegen das Publikum sofort von den Stühlen: Ein Gig, der nicht immer das hohe intellektuelle Niveau hielt, aber stets einen großen Unterhaltungswert hatte. Musikalische und technische Raffinesse hatte die achtköpfige Besetzung sowieso: Stanley Randolph (Schlagzeug), Dominique Xavier (Keyboard), Joshua Easley (Bass), Randy Runyon (Gitarre) und die Backing Vocals Matia Washington,Taneka Damone und Brianna Turner hielten die musikalische Latte sehr hoch.
Ein Bad in der Menge – der Höhepunkt des Festivalabends
Höhepunkt war Cory Henrys Bad in der Menge, das auch die letzten Zuschauer vom Stuhl der Wackerhalle riss. Das funktionale Belegschaftshaus der Wackerwerke verlor sein praktisches Ambiente und verwandelte sich zu einem Gospel-Gottesdienst einer Baptistengemeinde. Wurde schon zum Opener Stück „Staying Alive“ der Bee Gees vereinzelt getanzt, wogte und klatschte die Menge inklusive des Amerikanischen Generalkonsuls Dr. James Miller, der sowohl das Konzert besuchte als auch dem Burghausener Bürgermeister Florian Schneider und Cory Henry eine Sondermünze zum 250jährigen Jubiläum der Vereinten Staaten von Amerika überreichte.
Sessions bis zum Morgen – Jazzkeller und Late-Night-Magie
Wer nach den Hauptkonzerten noch nicht genug bekommen konnte, traf sich im Jazzkeller wieder, in dem Shuteen Erdenebaatar mit ihrem Trio zur Light Night Session spielte.
Fragwürdig ist ein Konterbier auf zu viel Alkohol am nächsten Morgen, was aber auf jeden Fall funktioniert ist ein langes Blueskonzert zur Mittagszeit, um die Müdigkeit nach den letzten Sessionnoten und der zu kurzen Nacht zu bekämpfen. Paul Lamb & The King Snakes aus England heizten den Bluesfans ein. Ronnie Baker Brooks fügte sich mit seinem Chicago Style Blues nahtlos an. Lustigerweise wurden für den Bluesnachmittag Stufen vor die Bühne gesetzt – Cory Henry am Abend vorher hat die Hürde ins Publikum mit jugendlicher Energie und einem Sprung überwunden, sowohl dem 71jährigen Paul Lamb wie auch Ronnie Baker Brooks machte man den Weg durch die Menge einfacher und stellte ihnen einen Stairway to Blues zur Verfügung.
Bluesfrühschoppen – wenn der Jazzmorgen mit Blues beginnt
Und war bei Cory Henry das Outfit eher nebensächlich und bestand aus lockeren schwarzen Klamotten für die Beweglichkeit und war er den Grossteil des Konzerts auf Socken, so war für die Bluesmusiker in der Frontline Snakeprint-Hemd, Weste mit religiösen Kreuzmotiven, Hut und Alligator-Boots verpflichtend. Wenn schon die Geschichten traurig sind, die vorgetragen werden, muss wenigstens das Outfit perfekt sitzen und funkeln. Das Bluespublikum ist anderes als das Jazzpublikum. 13h mittags für ein langes lautes Konzert ist kein Problem, die Handys wurden munter auf die beiden Bands gehalten, und die Stairway to Blues Spaziergänge in die Menge wurden mit Fistbumps rechts und links begleitet.
Amy Gadiaga – ein Talent am Beginn einer Karriere
Die junge Kontrabassistin und Sängerin Amy Gadiaga steht vermutlich am Beginn einer guten Karriere, ihr Auftritt wäre in einem kleineren Ambiente besser aufgehoben gewesen. Das Programm war unausgewogen, die Jazzstandards blieben trotz Scateinlagen flach, und vor allem hätte der Trioauftritt einen sensibleren Schlagzeuger verdient.
Von Amy Gadiaga wird man sicher noch hören, der Auftritt auf der grossen Bühne kam für das Trio noch deutlich zu früh. Das Publikum war dennoch sehr angetan von der Musikerin (der vermutlich einzigen Kontrabassistin mit langen Fingernägeln).
Bigband-Finale mit Robben Ford
Was viele Jahrzehnte Bühnenerfahrung ausmachen, war dem Abschlusskonzert der Zurich Bigband unter Leitung von Ed Partyka und ihrem Gast Robben Ford abzulesen. Vielleicht nicht innovativ, aber sehr professionell spielten sich der Schweizer Klangkörper und der mittlerweile 74jährige Gitarrist durch einen Querschnitt von Fords Schaffen. Ed Partyka hat dem Gitarristen und Sänger mit der immer noch jugendlichen Stimme massgeschneiderte Arrangements verpasst, und die Bigband samt guter Solisten wie Ford groovten durch ein abwechslungsreiches Programm.
55 Jahre Internationale Jazzwoche – eine Tradition lebt
Die Jazznight im Anschluss für alle Nimmermüden ging bis in die frühen Morgenstunden.
Im Jazzkeller sass irgendwann Nils Kugelmann am Klavier, später vierhändig mit Shuteen, weil Esat Ekinciogly, Bassist von Korhan Futacıs Band, sein Instrument okkupiert hatte.
Dass am nächsten Morgen gleich mit Jazzfrühschoppen weitergemacht wurde, war zumindest für den Pressekollegen aus Luxemburg leicht befremdlich: „Die sitzen hier und hören schon wieder Jazz. Und trinken Bier, aber es ist noch vor 11 Uhr!“
Willkommen in Bayern!
1000 Jahre Burghausen und 55 Jahre Internationale Jazzwoche sind beachtlich, und der IG Jazz Burghausen (mit ihrem neuen Vorsitzenden Alexander Hauf) kann man zu einem weiteren gelungenen Jahrgang gratulieren.
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250 Jahre Münze an Cory Henry, Foto: Angela Ballhorn -
250 Jahre USA Muenze an den Burghausener Bürgermeister Florian Schneider, Foto: Angela Ballhorn -
Ella Zirina, Jakob Bänsch, Foto: Robert Fischer -
INUI, Foto: Robert Fischer -
Mike Stern, Foto: Robert Fischer -
Renner, Foto: Robert Fischer -
Stian Westerhus & Maja S.K. Ratkje, Foto: Robert Fischer -
Theo Crocker, Foto: Robert Fischer -
Wolfgang Haffner, Foto: Robert Fischer
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Einen Kommentar schreiben
Kommentar von Gabriele Beckel |
Sensibel beobachtet und das meiste richtig beschrieben. Aber weder hier noch in anderen Berichten ist die Rede vom "schändlichen" Auftritt von Shantel😆 in Wolfgang Haffners Besetzung. Ich erinnere mich noch gut an alte Zeiten, wo Lob und Tadel gleichermaßen vertreten waren. Das ist heute out.
Ich habe die Jazzwoche auch überaus genossen und komme immer wieder; das bedeutet aber nicht, dass ich komplett kritiklos alles hinnehme.
Kommentar von Burkhard Schlinkmann |
Wir waren recht zufrieden mit unserem ersten Besuch beim Jazzfestival in Burghausen. Es waren Liveauftritte und keine Drehbücher auf der Bühne. Sonic Intervention, Cory Henry und Orchestra Mondi haben uns gefallen und wir werden wiederkommen. Auch die Zeit zwischen den Konzerten war schön. Danke an die Veranstalter und allen Mitwirkenden. Die 700 km Anfahrt haben sich gelohnt. Liebe Grüße aus Arnsberg.