Interview mit Kanunspielerin Eleanna Pitsikaki über ihr Album "Aroma"– Jazz, Makams, mediterrane Melodik und poetische Klangwelten zwischen Kreta und Mainz.

Eleanna Pitsikaki
Eleanna Pitsikaki, Foto: Damián Irzik

Mit ihrem neuen Album "Aroma"präsentiert die Kanunspielerin, Komponistin und Kulturforscherin Eleanna Pitsikaki ein Werk voller Sinnlichkeit, Tiefe und transkultureller Poesie. Zwischen Jazz-Improvisation, mediterranen Klangfarben und traditionellen Makam-Strukturen entfaltet sich eine Musik, die atmet, fließt und Erinnerungen weckt.

Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Eleanna Pitsikaki über Identität als Duft, musikalische Wurzeln zwischen Kreta und Deutschland, die Freiheit des improvisierten Moments sowie die Bedeutung von „transkulturellem Ethno-Jazz“. "Aroma" ist ein Album über Herkunft, Klangräume und jene unsichtbaren Spuren, die Musik in uns hinterlässt.

jazz-fun.de:
Eleanna, dein Album "Aroma"verbindet Jazz, Weltmusik und mediterrane Einflüsse auf sehr organische Weise. Wie kam es zu dieser Verbindung, und was wolltest du damit ausdrücken?

Eleanna Pitsikaki:
Die Musik auf "Aroma" war nichts, was ich geplant hätte – sie ist ganz natürlich entstanden, wie der Duft des Meeres, den der Wind trägt. Ich bin zwischen verschiedenen Welten aufgewachsen: dort, wo der Jazz von Freiheit flüstert, wo mediterrane Melodien von Salz, Sonne und Sehnsucht erzählen und wo jeder Rhythmus von Erinnerung pulsiert.

In "Aroma" wollte ich all diese Stimmen frei zusammenkommen lassen – ohne Grenzen. Ich wollte, dass das Kanun den Kaval umarmt, dass menschlicher Atem Rhythmus in alten Echos findet. Dieses Album handelt vom Dazugehören – überall und nirgends zugleich; von Wurzeln, die reisen, und von Musik, die sich erinnert, bevor Worte es tun.

Ich wollte zeigen, dass Identität kein fester Ort ist, sondern ein Duft – flüchtig, zart und lebendig, etwas, das in der Luft bleibt, lange nachdem der letzte Ton verklungen ist. Diese Mischung aus Ethno- und Jazzmusik ist meine eigene Reise – von Psiloritis auf Kreta bis nach Mainz, und all die Wege dazwischen.

jazz-fun.de:
Du spielst das Kanun – ein Instrument, das im Jazz nur selten zu hören ist. Was fasziniert dich daran, und welche neuen Klangwelten eröffnet es dir?

Eleanna Pitsikaki:
Das Kanun war für mich immer eine Brücke zwischen Welten – zerbrechlich, schimmernd und grenzenlos. Seine Saiten tragen Jahrhunderte voller Geschichten, und doch klingt jeder Ton, als würde er eine Frage zum ersten Mal stellen. Wenn ich spiele, spüre ich den Pulsschlag der Ägäis, den Atem der Wüste und das Herz der Städte, die ich geliebt und verlassen habe.

Im Jazz wird das Kanun zu etwas Neuem – es lernt anders zu atmen, zu improvisieren, zu sprechen. Es öffnet Fenster zwischen Ost und West, zwischen Erinnerung und Spontaneität. Sein Klang erlaubt mir, Emotionen zu malen, die Worte nicht fassen können – Sehnsucht, Nostalgie, Entdeckung.

Das Kanun ist ein uraltes Instrument, mit Wurzeln von Pythagoras über Byzanz bis zum Osmanischen Reich. Es gehört zu vielen Ländern und Kulturen. In unserer traditionellen Musik gibt es viel Improvisation – wie im Jazz. Beide sind ähnlich und doch ganz verschieden, und genau dieser Kontrast lässt mich meine innere Freiheit finden.

Über diese Verbindung kehre ich zu meinen Wurzeln zurück – zu dem, was mein Herz und meine Seele wirklich glücklich macht. Deshalb wollte ich beides zusammenbringen.

jazz-fun.de:
In der Rezension wurde die Musik als „organisch fließend, frei von Künstlichkeit – sie atmet“ beschrieben. Wie entsteht dieses Gefühl des Atmens in deinen Arrangements und Improvisationen?

Eleanna Pitsikaki:
Für mich muss Musik atmen wie ein lebendiges Wesen – mit Stille, mit Puls, mit Raum zum Träumen. Ich will den Klang nie erzwingen, sondern ihn sich entfalten lassen, wie Licht, das sich über Wasser ausbreitet.

Beim Arrangieren oder Improvisieren höre ich mehr, als ich spiele. Ich lausche auf den Raum zwischen den Tönen, auf das, was die Instrumente einander zuflüstern, auf die Emotionen, die aufsteigen und vergehen. Dieses Gefühl von Atmung entsteht aus Vertrauen – Vertrauen in die Musiker:innen, in den Moment und in die Idee, dass nicht alles gesagt werden muss, um gefühlt zu werden.

Auf "Aroma" ist jede Pause, jeder Nachklang Teil der Geschichte. Jedes Stück klingt anders, weil wir im Moment aufeinander hören und reagieren. Ich möchte Geschichten erzählen, keine Informationsflut erzeugen. Ich hoffe, dass die Hörer:innen ihre Augen schließen und ihre eigenen „Aromen“ erschaffen – ihre eigenen Duftflaschen voller Erinnerungen, Gefühle und Bedeutungen.

jazz-fun.de:
Einige Stücke auf dem Album, wie „Faraggi“, erinnern an Orte und Erinnerungen deiner Heimat Kreta. Welche Bedeutung haben Ort und Erinnerung für dich in diesem Projekt?

Eleanna Pitsikaki:
Ort und Erinnerung sind ein wesentlicher Teil von mir – sie sind Teil meines "Aroma". Die Gerüche, die Landschaften, die Momente, die ich mit mir trage, prägen meine Art zu spielen und zu komponieren. In meinem ersten Album wollte ich mich selbst zeigen – und Kreta ist ein riesiger Teil von mir.

Man kann es sich vorstellen wie einen Wanderer mit einem Rucksack voller Dinge, die man für die Reise braucht. So haben Griechenland, Deutschland und alles dazwischen mich geformt. Meine Musik ist wie eine Brise, die von den Bergen Kretas bis an die Ufer des Mains weht – wie der Klang der Laute, der durch die Gassen von Heraklion hallt und sich mit dem elektronischen Puls der Stadt verbindet.

Diese doppelte Identität – das Land, aus dem ich wachse, und das Meer, auf dem ich treibe – prägt meinen Klang. Kreta, mit dem Duft seiner Erde und der Schwere seiner Traditionen, gibt mir Stärke, Ritual und die Schlichtheit des Lebens in der Natur.

Sogar der Olivenbaum hat für mich tiefe Bedeutung – einer ist auf meinem Kanun eingraviert. Er ist ein uraltes Symbol, das seit Jahrtausenden Bestand hat. Zwischen Olivenhainen und Feldern entsteht meine Musik: mit Erdverbundenheit, Zugehörigkeit und einem lebendigen Bewusstsein für die Vergangenheit.

jazz-fun.de:
In deinem Ensemble kombinierst du Bass, Keyboards, Schlagzeug und Kaval mit dem Kanun. Wie kam es zu dieser Besetzung, und was trägt jedes Instrument zur Klangwelt bei?

Eleanna Pitsikaki:
Als ich das Ensemble für "Aroma" zusammenstellte, wollte ich einen Klang, der sich frei bewegen kann – geerdet und offen zugleich. Jedes Instrument bringt seine eigene Stimme, seine eigene Farbe ein, und gemeinsam entsteht ein Gespräch, kein Begleiten.

Es gibt keine andere Band mit dieser Besetzung: Kanun, Kaval, Keyboards, Schlagzeug und E-Bass. Ich wollte Tradition und Gegenwart vereinen. Ich liebe den Klang des Kavals – das Ensemble brauchte ein Blasinstrument, um den Klang zu verankern.

Das Kanun ist mein Herz – es trägt die Geschichten von Tradition und Erinnerung. Das Kaval fügt Atem hinzu, wie ein Flüstern aus den Bergen, und Vladimir, der aus Bulgarien kommt, bringt eine Nähe zu meinen eigenen Wurzeln mit. Bass und Keyboards schaffen Tiefe und eine harmonische Landschaft, in der sich die Melodien entfalten können, während das Schlagzeug Puls und Leben gibt – eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Jede:r Musiker:in ist ein:e Geschichtenerzähler:in. Diese Besetzung schafft Raum fürs Zuhören, Reagieren und spontanes Erzählen. So entsteht ein klingendes Gewebe aus Geschichten, Kulturen und Emotionen, das ganz natürlich fließt – jeder Ton hat Raum, jede Stimme wird gehört.

jazz-fun.de:
Du beschreibst deine Musik als „transkulturellen Ethno-Jazz“. Wie würdest du diesen Begriff jemandem erklären, der deine Musik zum ersten Mal hört?

Eleanna Pitsikaki:
Transkultureller Ethno-Jazz ist Jazz im Kern – bereichert durch traditionelle Musik verschiedener Kulturen. Es ist nicht einfach Jazz mit exotischen Farben, sondern ein bewusster Dialog zwischen Traditionen: Makams, Balkangrooves und Instrumente wie Kanun und Kaval treffen auf Jazzharmonik und Improvisation. Ziel ist es, etwas Neues zu schaffen, das jede Musiksprache respektiert.

Diese Musik verbindet Traditionen und fördert den Dialog zwischen ihnen. Sie spiegelt unsere heutige Welt wider – Kulturen existieren nicht isoliert, und Musik kann Brücken schlagen. Ich nehme die Offenheit des Jazz und kombiniere sie mit den Klängen und Instrumenten Kretas, des Balkans und des Mittelmeers. So ehre ich jede Tradition und finde gleichzeitig meinen eigenen Klang.

Wenn man Musik spielt, spielt es keine Rolle, woher die Person neben einem kommt – man hört zu, reagiert, erschafft gemeinsam. Kurz gesagt: Es ist Jazz im Herzen, erweitert durch die Vielfalt der Welt.

jazz-fun.de:
Der Titel "Aroma"ruft Assoziationen von Duft, Erinnerung und Atmosphäre hervor. Wie übersetzt sich diese Idee in Klang?

Eleanna Pitsikaki:
Der Titel "Aroma"ist nicht nur ein Name, sondern eine Erfahrung. Düfte haben die Kraft, Erinnerungen und Gefühle zu wecken, die Worte nicht fassen können – genau das wollte ich mit Musik erreichen. Ich wollte das Unsichtbare eines "Aroma"s in Klang verwandeln: Töne, die nachhallen, Melodien, die sich langsam entfalten, Harmonien, die umhüllen, ohne zu drängen, aber eine Spur hinterlassen.

Jedes Stück ist wie ein eigener Duft – manche warm und vertraut, andere bittersüß oder geheimnisvoll. So wie ein Parfum einen sofort in eine vergessene Erinnerung zurückversetzen kann, soll die Musik dieselben Türen zu Emotionen öffnen.

Das Album bewegt sich zwischen Zartheit und Intensität, zwischen Licht und Schatten – wie die Schichten eines Parfums. Es lebt von Atmosphäre, Texturen, Stille und Raum – und lädt dazu ein, mit Herz und Sinnen zu hören. So wird "Aroma"mehr als Klang – es wird zu einem Gefühl, das bleibt.

jazz-fun.de:
Jazz-Improvisation trifft auf mediterrane Melodik und Rhythmik. Wie fühlt sich das im Moment des Spiels an?

Eleanna Pitsikaki:
Beim Improvisieren denke ich nicht bewusst daran, zwei Traditionen zu verbinden – es passiert ganz von selbst, wie ein Gespräch. Jazz gibt mir die Freiheit, zu erkunden und den Moment zu gestalten, während der mediterrane Teil mich erdet – er ist die Sprache meiner Wurzeln, meiner Erinnerung, meiner Emotionen. Ich liebe es, Makams zu verwenden, während meine Melodien vom Jazz inspiriert sind.

In diesen Momenten verschmelzen beide Welten – der Rhythmus des Meeres, die Wärme der Volksmelodien, die Offenheit der Jazzharmonien. Es ist ein Dialog zwischen Instinkt und Herkunft, zwischen Überraschung und Vertrautheit. Jede Improvisation ist wie eine Wiederentdeckung – ich weiß nie genau, wohin die Musik mich führt, aber ich weiß immer, woher sie kommt.

jazz-fun.de:
Deine Musik wirkt sehr persönlich und intim, zugleich hat sie eine universelle Dimension. Wie findest du die Balance zwischen beidem?

Eleanna Pitsikaki:
Für mich sind das Persönliche und das Universelle untrennbar. Ich beginne mit etwas sehr Persönlichem – einer Erinnerung, einem Gefühl, einem Klang – aber wenn ich es ehrlich ausdrücke, wird es automatisch universell. Emotionen wie Liebe, Sehnsucht oder Hoffnung sind überall dieselben.

Musik verwandelt Intimität in etwas Kollektives. Selbst wenn ich aus meinem eigenen Leben schreibe, lasse ich immer Raum für die Zuhörer:innen, damit sie ihre eigene Geschichte darin finden können. Die Melodien tragen Spuren meiner Kultur, aber die Gefühle gehören allen.

Je wahrhaftiger ich in meinem Inneren bin, desto näher komme ich den anderen. Genau das wünsche ich mir: dass meine Musik die innere Stimme eines Menschen mit dem gemeinsamen Herz vieler verbindet.

jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass Hörer:innen empfinden, wenn sie "Aroma"zum ersten Mal hören – vielleicht spät in der Nacht oder in stiller Stimmung?

Eleanna Pitsikaki:
Ich hoffe, "Aroma"berührt sie so, wie der Duft eines vorbeigehenden Menschen auf der Straße – dieser flüchtige, schöne Moment, in dem man denkt: „Wie wunderbar das riecht“, ohne zu wissen, woher er kommt. Oder wie der Duft des Sommers – unsichtbar, aber sofort da und voller Wärme.

Ich wünsche mir, dass dieses kindliche Staunen bleibt – dieses leise, innere Lächeln. Dieses Gefühl, das einen sagen lässt: „Das war so schön… wir müssen sie live sehen!“

Ich möchte, dass die Hörer:innen ihr eigenes "Aroma" erschaffen – dass sie sich zu Hause fühlen in meiner Musik, dass sie schöne Erinnerungen wiederfinden und an das denken, was in ihren Herzen lebt.

jazz-fun.de:
Neben deiner Tätigkeit als Musikerin bist du auch akademisch und kulturell aktiv. Wie beeinflusst das dein künstlerisches Schaffen?

Eleanna Pitsikaki:
Die wissenschaftliche und kulturelle Arbeit beeinflusst meine Musik stark. Das Unterrichten fordert mich heraus, künstlerische Konzepte zu formulieren und zu reflektieren – dadurch vertiefe ich mein eigenes Verständnis. Forschung eröffnet mir neue Perspektiven, Geschichten und Methoden, die ich kreativ verarbeite.

Durch transkulturelle Netzwerke begegne ich Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Publikum aus verschiedenen Ländern – diese Verbindungen erweitern mein Vokabular, inspirieren Zusammenarbeit und machen meine Kunst vielschichtiger. Diese Bereiche ergänzen nicht nur meine Musik – sie nähren sie.

jazz-fun.de:
Zum Schluss: Was möchtest du nach "Aroma"als Nächstes erkunden?

Eleanna Pitsikaki:
Nach "Aroma" interessiert mich, wie Klang Räume und Begegnungen formt – wie Musik Orte verändern kann, anstatt sie nur zu füllen. Wir hoffen auf eine Tour zum Release! Ich möchte mit Künstler:innen außerhalb der Musik arbeiten – Tänzer:innen, visuellen Künstler:innen, vielleicht sogar Wissenschaftler:innen –, um zu erforschen, wie Austausch die Grenzen von Rhythmus, Melodie und Erzählung erweitert. Ich bin offen für alles, was kommt!

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Damián Irzik

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Kommentar von Michael Siegmann |

Ich habe mir das Album gekauft. Es ist richtig gut 👍🏻 Ist mal was anderes. Ich kann es absolut empfehlen.

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