Gero Hensel im Interview – Reminiscence | Jazz zwischen Erinnerung und Klang

Gero Hensel Foto
Gero Hensel, Foto: Masako Sakai

Trompeter Gero Hensel spricht über sein Album „Reminiscence“, über Klangforschung, Improvisation und die feine Balance zwischen Jazz und klassischer Inspiration.

Gero Hensel - trumpet
Yeahwon Shin - vocals
Vitaly Burtsev - piano
Nils Kugelmann - bass
Flurin Mück - drums

jazz-fun.de:
Gero, „Reminiscence“ wirkt wie ein stilles Leuchten – lyrisch, warm und von großer innerer Ruhe geprägt. Was war der erste Impuls, aus dem dieses Album entstanden ist?

Gero Hensel:
Die Stücke sind zunächst einzeln entstanden, unabhängig voneinander. Irgendwann kam der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass sich aus diesen einzelnen Kompositionen eine längere, zusammenhängende Geschichte erzählen lässt – eine musikalische Erzählung im Rahmen eines Albums.

jazz-fun.de:
Deine Kompositionen verbinden Jazzästhetik mit Einflüssen klassischer Musik – von Mussorgsky bis Bartók. Wie findest du die Balance zwischen diesen Welten?

Gero Hensel:
Klassische Musik ist für mich eine wichtige Inspirationsquelle. Wenn ich neue Impulse suche, höre ich oft Klassik, bevor ich selbst komponiere.

Auch wenn ich Elemente aus der klassischen Musik aufgegriffen habe und mich stellenweise bewusst von jazztypischen kompositorischen Normen entfernt habe, bleibt die Intention der Musik auf dem Album klar im Jazz verankert. Die Klassik war Ausgangspunkt vieler Ideen und hat das Album geprägt, ohne jedoch den Kern – den Jazz – zu verdrängen.

Für mich sind Klassik und Jazz keine strikt getrennten Welten. Deshalb sehe ich auch nicht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig überlagern.

jazz-fun.de:
Klang scheint ein zentrales Element deiner Arbeit zu sein – fast wie ein eigener Erzähler. Was bedeutet Klangforschung für dich?

Gero Hensel:
Klang ist ein wesentlicher Bestandteil meines Trompetenspiels. Über ihn kann ich Emotionen und meine musikalische Persönlichkeit ausdrücken. Besonders in der Improvisation eröffnet mir das Spiel mit Klangfarben neue Möglichkeiten.

Nicht nur das Was – also welche Töne oder Rhythmen ich spiele – ist entscheidend, sondern vor allem das Wie. Auch kompositorisch wähle ich Melodieverläufe oder Tonarten danach aus, wie meine Trompete darin klingt und welche klanglichen Möglichkeiten sich daraus ergeben.

jazz-fun.de:
Denkst du beim Schreiben in Bildern, Erinnerungen oder Stimmungen?

Gero Hensel:
Vor allem in Stimmungen. Erinnerungen sind oft der Ausgangspunkt, aber ich übersetze sie in atmosphärische Zustände.

jazz-fun.de:
Yeahwon Shins Stimme fügt sich wie ein zusätzliches Instrument in deine Musik ein. Was hat dich an ihr fasziniert?

Gero Hensel:
Mich hat besonders ihre Stimmfarbe und klangliche Flexibilität fasziniert. Ich wollte ihre Stimme unbedingt in meine Musik integrieren. Auf diesem Album habe ich sie kompositorisch wie ein Instrument behandelt.

Ohne ihre Stimme würde die Trompete – und damit die gesamte Musik – völlig anders klingen. Die Kombination aus Stimme und Trompete war für die kompositorische Arbeit essenziell.

jazz-fun.de:
Dein Ensemble wirkt außergewöhnlich sensibel verbunden. Wie hast du die Musiker:innen ausgewählt?

Gero Hensel:
Meine Kompositionen sind bewusst offen angelegt. Ich liebe es, wenn Mitmusiker:innen sich einbringen und die Musik mitgestalten.

Vitaly Burtsev, Nils Kugelmann und Flurin Mück – ebenso wie Yeahwon – bringen enorme Flexibilität, Spontaneität und Offenheit mit. Jeder hat seine eigene Klangästhetik eingebracht. Dadurch ist unser Zusammenspiel intensiver und zugleich organischer geworden.

jazz-fun.de:
Deine Musik ist strukturell komplex, wirkt aber nie überladen. Wie gelingt dir diese Balance?

Gero Hensel:
Ich kombiniere Einfachheit mit Komplexität. Es gibt in meiner Musik immer klar erkennbare Elemente – gewissermaßen Ankerpunkte. Selbst in abstrakteren Momenten bleiben diese Momente der Klarheit bestehen. Sie ermöglichen es, emotional einen Zugang zu finden.

jazz-fun.de:
Miles Davis und Chet Baker waren wichtige Bezugspunkte. Welche Aspekte ihres Spiels begleiten dich heute noch?

Gero Hensel:
Die Intensität, die eigene Persönlichkeit über den Klang auszudrücken – das habe ich von beiden mitgenommen.

Da ich jedoch meine eigene Musik mit anderen Herausforderungen spiele, musste ich meinen eigenen Weg und Stil entwickeln. Das war notwendig, um authentisch zu bleiben.

jazz-fun.de:
Wie nimmst du den Moment des Spielens wahr – analytisch oder intuitiv?

Gero Hensel:
Intuitiv. Ich reagiere auf das, was musikalisch um mich herum geschieht, und versuche, vollständig in die Musik einzutauchen

jazz-fun.de:
Welche Rolle spielt Erinnerung in deinem kreativen Prozess?

Gero Hensel:
Erinnerungen sind eine wichtige Inspirationsquelle – konkrete Erlebnisse ebenso wie Empfindungen, die nachwirken. Ich versuche, diese in Musik zu übersetzen.

jazz-fun.de:
Du arbeitest als Musiker, Komponist und Hochschuldozent. Wie beeinflusst das deine Entwicklung?

Gero Hensel:
Es ist nicht immer leicht, alles zeitlich zu koordinieren, aber es bereichert mich sehr.

Da ich gleichzeitig spiele und komponiere, kann ich beides direkt aufeinander beziehen. Meine Studierenden profitieren davon, dass ich Jazz nicht nur als Trompeter, sondern auch aus kompositorischer Perspektive betrachte.

Ihre Neugier und Freude an der Musik inspirieren wiederum mich. Der Austausch im Unterricht eröffnet mir immer wieder neue Blickwinkel.

jazz-fun.de:
Was sollen Hörer:innen von „Reminiscence“ mitnehmen?

Gero Hensel:
Ich wollte eine Klangwelt erschaffen, in die man eintauchen kann.

Ich möchte sie nicht mit einem konkreten Bild festlegen. Es wäre schön, wenn die Musik offen bleibt – sodass jede und jeder eigene Interpretationen und vielleicht sogar eigene Erinnerungen darin finden kann.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Masako Sakai

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