Der finnische Pianist über sein Album Soul Songs 3, Musik als Gebet, Depression, Natur und das Loslassen des Egos

Heikki Hallanoro
Heikki Hallanoro

In loser Folge erscheinen in Kooperation mit der Zeitschrift JAZZTHETIK die kompletten Interviewtexte zu Geschichten, die im letzten Jahr erschienen sind.
Das Interview mit dem finnischen Pianisten Heikki Hallanoro fand im Spätsommer 2025 statt und wurde zu weit mehr als nur einem Gespräch über sein neues Album „Soul Songs 3“.
Ein Interview von Angela Ballhorn

jazz-fun.de:
Hallo Heikki, wie geht es dir?

Heikki Hallanoro:
Ich bin beschäftigt, aber auf eine gute Weise. Seit August sind eine Reihe unterschiedlicher Aufträge reingekommen. Es gab eine Menge zu üben, weil es nicht die üblichen Konzerte werden würden. Außerdem war eine Menge Papierkram zu erledigen, auch für Bewerbungen zu Stipendien, die eingereicht werden mussten. Zudem versuche ich, weitere Gigs zu organisieren.

jazz-fun.de:
Du gehörst nicht zu den Skandinaviern, die den ganzen Sommer in ihrem Sommerhaus verbringen?

Heikki Hallanoro:
Ich habe keines, ich bin ein Reisender. Als Kind habe ich die ganzen Sommer immer am See verbracht. Immer! Wir sind nie irgendwo anders hingegangen. Jetzt verbringe ich meine Ferien mit Reisen. Ich mag es, andere Plätze zu entdecken. Offensichtlich bin ich ein Nomade, manchmal gehe ich an die gleichen Plätze, in Lappland zum Beispiel, aber nicht zweimal hintereinander, da muss schon Zeit dazwischen liegen. I go with the flow.

jazz-fun.de:
Du lebst im finnischen Oulu, der Stadt, die einmal im Jahr ganz gross in den Medien ist, weil dort die Air Guitar Weltmeisterschaft stattfindet? Verfolgst du das?

Heikki Hallanoro:
Das ist im August, da gibt es hier sehr viele Festivals. Die Air Guitar Weltmeisterschaft ist eines davon, eines der bekanntesten. Das Make Air Not War ist eine wirklich witzige Idee.

jazz-fun.de:
Bisher war über dich kaum etwas in deutschen Magazinen zu lesen.

Heikki Hallanoro:
Es gab ein bisschen etwas in finnischen Magazinen. Außer einer Menge Biografisches zum neuen Album ist bisher allerdings kaum etwas erschienen.

jazz-fun.de:
Ich finde schon deinen Background sehr besonders, weil du Astronom und Musiker bist. Und ich mag das Konzept deines Albums, oder besser deiner Albumserie.
Wie würdest du selber das Konzept hinter deinen „Soul Songs“ beschreiben?

Heikki Hallanoro:
Ich habe ein Astronomiestudium abgeschlossen und den Mechanismus der Ringe des Saturn studiert. Ich war in der glücklichen Lage, mit den nötigen Daten versorgt zu werden. Mein Professor ist ein einzigartiger Typ und seine Simulationen sind die besten in Europa, vielleicht sogar weltweit. Ich habe den Code der Ringe für eine Simulation gefixt und für eine realistischere Version addiert. So konnten wir herausfinden, wie sich die Ringe des Saturn gebildet haben und warum sie in ihrer Form bleiben. Ich war sehr glücklich, dass ich aus dieser Situation heraus mein PhD machen konnte, und das auch noch an verschiedenen Orten der Welt. Es gibt nicht viele Menschen weltweit, die überhaupt verstehen, was wir machen.

Aber ich habe schon immer Songs geschrieben. Das ist das intimste, was du machen kannst. Ich habe gefühlt, dass mein Ding einfach die Musik ist. Mein Professor heisst Heikki wie ich, so war mein Weg schon als Heikki II. vorgezeichnet, der die Arbeit von Heikki I. fortführt. Mit der Musik habe ich aber absolut einzigartige Dinge zu geben.

Schon an der Universität habe ich die Hälfte meiner Zeit in meinem Büro Musik geschrieben. Ich war oft sehr frustriert an der Uni, Musik war die richtige Entscheidung. Musik war mir immer sehr wichtig, ich komme aus einer musikalischen Familie. Meine Brüder und Schwestern gingen alle zum Unterricht und haben ihre Prüfungen gemacht. Ich wollte immer mein eigenes Ding machen, habe meine eigenen Songs gespielt. In den frühen Teenagerjahren habe ich mich in Afrocuban Jazz verliebt, mein Bruder spielte zu der Zeit Schlagzeug. Deshalb kann ich auch Percussion spielen. Als Teenager war Klavier immer ein intimes Ding, meine Schwester spielte früher Klavier. Heute nicht mehr, dafür ich (lacht). Das war komisch für meine Eltern: Wie kann das sein, dass ausgerechnet du der Musiker der Familie bist?

Heikki Hallanoro
Heikki Hallanoro

jazz-fun.de:
Vielleicht weil du der Free Spirit bist?

Heikki Hallanoro:
Vielleicht. Ich habe seit ich 15 bin, also fast mein ganzes Leben schon in Bands gespielt. Da habe ich meist Schlagzeug gespielt. In Finnland musst du zur Armee gehen, dort habe ich auch Drums und Percussion in der Armeeband gespielt. Musik ist mir das wichtigste gewesen.

Aber man muss Karriere machen oder Geld verdienen. Deshalb habe ich lange als Mathe- und Physiklehrer an der Upper Highschool gearbeitet. Aber ich bin vor ein paar Jahren in eine fatale Depression gefallen. Meine alkoholkranke Mutter konnten wir jetzt endgültig in einem Heim unterbringen. Ich habe in den letzten sieben Jahren eine Novelle über sie und mich geschrieben. Dann kam Corona, dann war das alles, was ich machen konnte. Ich habe inzwischen ein paar Novellen veröffentlichen können. Alle Kapitel hatten einen Song, die Alben sind zusammen mit den Novellen veröffentlicht worden. Ich habe etwas ähnliches für die Novelle über meine Mutter und mich geplant. Als Corona kam, hatte ich keine Zeit zu schreiben, ich hatte weder Zeit noch Möglichkeit aufzutreten und wurde depressiv. Ich gab die Arbeit auf und kümmerte mich nur um die Musik. Das war wohl die gesündeste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Es ist ein Märchen seither, ich hatte sechs Monate lang überhaupt kein Klavier gespielt und es gab keinen einzigen Song, der in meinen Ohren geklingelt hätte. Es gab keine Musik in mir, das war das Schrecklichste. Ich war tot innen drinnen. Ich ruhte mich zuhause aus, verfolgte alle Cross Country Skiing Wettbewerbe, ich habe wirklich jeden einzelnen Event verfolgt. Und mir wurde klar, dass es auf keinen Fall so weitergehen darf. Ich habe ein Notizbuch rausgeholt und meine alten Songs wieder ausgegraben. Ich habe gespielt, was ich vor Jahrzehnten geschrieben hatte. Dann habe ich etwas gekritzelt, Note für Note. So bin ich letztlich wieder aufgewacht. Ich wurde wiedergeboren.

Für mich waren die ersten musikalischen Skizzen wie musikalische Engel oder Wesen, fast wie Gebete für mich. Manchmal wirken sie wie Magie, das ist eine wunderschöne Sache.

jazz-fun.de:
Das ist eine harte Geschichte und ein schwerer Weg, den du zurückgehen musstest.

Heikki Hallanoro:
Die meiste Zeit meiner musikalischen Karriere war ich Singer-Songwriter, ich singe normale Folkrock-Pop Songs. Ich spiele Klavier, Drums, singe und spiele in einer Band. Was Leute an meiner Musik mochten, waren die Texte, die Wörter und der Gesang.

Nach meiner Depression fielen all diese Ego-Sachen weg. Die Worte hatten ihre Bedeutung verloren, Wörter helfen überhaupt nicht mehr, wenn du in einer Krise bist. Die absolute Musik bringt die Energie und etwas Neues beginnt. Ich wollte keine Liedtexte mehr schreiben, vielleicht nicht als endgültige Entscheidung, aber momentan passt es so.

jazz-fun.de:
War das nicht beängstigend, auf die Texte zu verzichten? Gerade weil die Zuhörer auf die Texte und Stimme am besten reagiert haben?

Heikki Hallanoro:
Das war es. Aber es war das erste Mal, dass ich nicht versucht habe, etwas zu pushen. Ich spiele so, wie es in meinen Ohren klingt, als musikalisches Wesen, das mir erscheint. Ich bin kein richtiger Pianist, aber wenn ich am Klavier sitze, schliesse ich die Augen und bin präsent. Ich lebe durch den Song und lasse ihn einfach geschehen. Ich weiss nichts darüber, was ich am Klavier spielen werde. Kein Ego - je weniger desto besser.

Die einfachsten Dinge sind wunderbar, so wie sie sind. Das Schöne, was die Leute hören, ist, dass niemand versucht, etwas oder jemand zu sein. Das ist es, wie ich tief drinnen bin, so bin ich.

Ein wichtiges Element ist das Klavier. Ich habe viele Jahre Aufnahmen mit einem Typen aus einem professionellen Studio gemacht. Er hat dieses über 100 Jahre alte Klavier, es ist ein wunderbares Wesen. Es ist das schwierigste Instrument, du kannst keine Klassik darauf spielen.

jazz-fun.de:
Das ist ein Klavier auf der Aufnahme, kein Flügel? Das Instrument klingt wirklich sehr besonders.

Heikki Hallanoro:
Es ist das am dunkelsten klingende Klavier, das ich kenne, und es klingt gewaltig. Meine Idee hinter den „Soul Songs“ ist, sich selbst zu öffnen, es sind wie Gebete, wie eine Meditation. Wir haben die Songs aufgenommen in der absolut heikelsten Einstellung. Das kannst du hören, die Mikrofone sind so nah, dass es manchmal in einer Verzerrung knistert. Das haben wir seit der ersten Aufnahme beibehalten.

Meine Idee dahinter ist, den Kopf fast an das Klavier zu schlagen. Das Klavier hat ein Leben für sich, ich wollte den Sound so groß und so präsent wie möglich haben. Für mich sind die kleinen verzerrten Noten wie Metaphern, wie der Mensch, der das Glasdach durchbrechen will. Das ist absichtlich. Wir wollen keinen kristallklaren Sound, im Menschen drin ist es schmutzig und schlammig, deshalb sollte das Klavier auch schmutzig klingt. Aber sanft!

jazz-fun.de:
Es ist ungewöhnlich, dass inzwischen wieder vermehrt auf Klavieren aufgenommen wird. Olafur Arnalds „Re:member“ wurde auf einem dänischen Tiny Piano aufgenommen, Malakoff Kowalski hat sein Klavier aus der Kinderzeit wieder ausfindig gemacht und damit ganz nah und intim aufgenommen. Offensichtlich sind Klaviere etwas besonderes.

Heikki Hallanoro:
Ein Klavier ist wie ein menschliches Wesen, es kommt darauf an, was für ein Leben und Umgebung es gehabt hat und wieviel Stress es hatte. Man muss sich darum kümmern. Es ist also wie ein menschliches Wesen. Es reagiert auf mein Spielen und umgekehrt. Die Aufnahmesessions sind sehr lebhaft, weil ich sehr unterschiedlich spiele, auf dem alten Klavier oder dem Nord Stage elektrischen Klavier, das ich hier zuhause habe.

jazz-fun.de:
Das Instrument macht natürlich auch bei Konzerten einen grossen Unterschied. Wie wäre es für dich, wenn du für ein Konzerte einen neuen, gigantischen Fazioli Konzertflügel, quasi den Lamborghini unter den Tasteninstrumenten, hingestellt bekämst?

Heikki Hallanoro:
Das würde alles ändern. Ich würde dann ganz anders spielen.
Jedes Instrument ändert das. Für mich ist das Tempo der Songs eine Variable wie auch die Dynamik. Spiele ich laut oder leise? Ich spiele, wie es an dem Tag kommt. Die Farbe des Instrumentenklangs und die Umgebung bestimmen, wie es in diesem speziellen Moment klingt.

Und ich liebe es zu üben, meine Idee ist in jeder Millisekunde, in der ich darüber nachdenke, was der Song verlangt, das nimmt meine eigene Präsenz weg.

Mein Gedanke dahinter ist, wenn ich die Stücke wie ein Verrückter übe, dass ich sie mit geschlossenen Augen spielen kann, wenn ich mich traue. Dann versuche ich Energie zu sammeln und alles passieren zu lassen. Mein Ding wäre es, dass die Leute ihre eigenen „Soul Songs“ finden würden und meine Stücke nur Beispiele sind. Denn jeder Mensch hat seine eigenen Songs. Und ich hoffe, dass die Menschheit einen nicht versaut, wenn man sich offenbart.

jazz-fun.de:
Die Musik und die Songs sind also wie dein Safe Space, an den du dich zurückziehen kannst?

Heikki Hallanoro:
Ja, das trifft es ganz gut. Meine Mutter war Alkoholikerin, sie lebt zwar noch, aber sie hat Alzheimer, ihr Gehirn ist geschmolzen, sie ist nicht mehr da. Ich war immer Mutters Lieblingskind und wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Ich bin sensibel, ich kann Dinge durch die Wände spüren, ich kann die Stimmung eines Raumes schnell erfassen. Das ist praktisch, wenn du Lehrer bist. Ich kann etwas an der Tafel aufschreiben und weiss, was hinter meinem Rücken passiert. Ich spüre die Stimmung bestimmter Menschen. Im Konzert ist das sehr praktisch, weil ich die Stimmung in einem grösseren Umfeld erfassen kann.

jazz-fun.de:
Das stelle ich mir für Solokonzerte sehr wichtig vor.

Heikki Hallanoro:
Das ist ein besonderes Werkzeug, das ich besitze. Musik war etwas, das mir erlaubt zu schlafen, weil dann nichts radikales passiert, wenn ich an diesem Platz bin.

Meine Mutter war sehr musikalisch, aber sie hat nie etwas aus ihrer Gabe gemacht. Aber es gab immer viel Musik in unserem Haus. Sie war eine typische Frau ihrer Zeit, sie musste all die Haushalts- und Familiensachen machen, während der Mann Karriere machte. Sie wurde mit den Kindern alleine gelassen, war aber eine starke Person. Leider war sie, wenn sie betrunken war, sehr gewalttätig und böse, aber sie hat mir auch beigebracht, sehr sanft zu sein. Sie hat nie für sich selbst gesprochen haben, nie das gemacht hat, von dem sie geträumt haben. Es ist eine traurige Geschichte und ich verdanke ihr sehr viel, dass ich so bin, wie ich bin.  Ich habe da viel analysiert, das war gut.

jazz-fun.de:
So wie du Klavier spielst und wie das Klavier und die Songs klingen und wie es aufgenommen ist, könnte ich mir vorstellen, dass du draußen in der Landschaft spielen könntest.

Heikki Hallanoro:
In der Natur? Draussen? Das wäre wunderbar. Aber das habe ich nie gemacht.

jazz-fun.de:
Ich habe mich beim Anhören ein bisschen an Olafur Arnalds Aufnahmen mit Streichquartett in der Natur oder an den Singer-Songwriter Teitur von den Färöer Inseln erinnert gefühlt. Der spielt in der ruppigen Witterung auf einer Wiese, das Klavier ist nicht richtig gut, ziemlich runtergeritten, aber das ist egal, weil es eine Einheit mit der Landschaft bildet. Ich hatte den Eindruck, dass das mit Deiner Musik gut funktionieren würde.

Heikki Hallanoro:
Das wäre eine gute Idee, und man könnte das alles gut mit Video dokumentieren.

jazz-fun.de:
Ich hatte in deiner Biographie gelesen, dass du am liebsten und am besten in der Natur und beim Wandern komponieren kannst.

Heikki Hallanoro:
Ich habe aufgehört, Musik zu schreiben, wie ich es früher gemacht habe. Also quasi ins Büro gehen und anfangen, zu komponieren. Bei der Entstehung dieser Stücke gehe oder wandere ich. Da summe ich immer und überall. Ich spiele überall mit Musik. Wenn du stundenlang wanderst, passiert etwas mit dir. Wenn du nichts versuchst, nichts pusht und einfach nur zuhörst, was um dich herum passiert. Da ist überall Musik und es ist andere Art der Musik. Das ist meine Idee hier. Ich mache Musik nicht, wie Popkomponisten sie normalerweise machen. Nicht mit Gewalt etwas wollen, es kommt durch mich, auch wenn es nicht immer perfekt ist.

jazz-fun.de:
Also deine ganz eigene, sehr tiefe und persönliche Musik.

Heikki Hallanoro:
Es fühlt sich für mich nach zeitloser Musik an, ich liebe die Idee, dass ich die Musik nur einsammle, ernte. Ich arbeite, indem ich die Songs lerne, damit ich sie präsentieren kann. Wahrheitsgemäss, dass die Energie da ist und die Energie in diese Welt gebracht wird. Es ist einfach, wenn du nur ein Teil davon bist.
In diesem Prozess solltest du dich nicht stressen oder versuchen, jemand anders zu sein. Natürlich musst du die Zeit fixen, damit du dein Leben organisieren kannst. So musst du die Musik manchmal teilen. Das kann schmerzhaft, sein weil ich nicht in einer normalen  Arbeitswelt bin, normale Arbeitszeiten habe oder eine Menge Geld verdiene. Ich liebe es, in der Natur zu sein, nur zu wandern und leise zu sein. Die Stille in der Natur spiegelt sich wieder, die ist definitiv der Schlüssel, die Songs zu finden. Das Nichts, die Stille ist die Geburt von allem. Das kann Magie in einem selbst auslösen. Man findet sich in der Stille selber.

Heikki Hallanoro
Heikki Hallanoro

jazz-fun.de:
Die Aufnahme ist nun veröffentlicht, du möchtest mit dem Programm auch auftreten. Wie kannst du dann im Reisen, Soundchecks und all dem Stress die richtige Denkweise finden, deine Musik aufzuführen? Oder kannst du das alles ausschalten?

Heikki Hallanoro:
Das ist nicht einfach und ist auch sehr unterschiedlich. Manchmal geht es ganz schnell und du hast die Songs in der richtigen Stimmung. Manchmal kommst du gar nicht zu dem Song. Du musst mutig sein. Wenn ich normalerweise meine Augen schliesse und die Musik geschehen lasse, klappt es. Das ist das einfachste und gleichzeitig komplizierteste. Just let it happen, vergiss alles und lass die Musik kommen.

Ich brauche Schlaf, das ist entscheidend. Ich brauche ein Nickerchen vor dem Konzert, das ist ein Hauptbestandteil. Du bist vom allem müde, und ich brauche den Schlaf. Wenn das Konzert um sieben beginnt, muss ich zwischen drei und fünf für mindestens eine halbe Stunde ins Traumland gehen. Dann kann mein Gehirn arbeiten. Du musst wach und wachsam sein beim Konzert, sonst geht das nicht.

Du gibst in dem Moment alles auf, da musst im richtigen Geisteszustand sein Der Kopf muss ausgeruht sein, wenn du Leistung bringen möchtest. Und ich liebe es sowieso zu schlafen. Ich brauche acht Stunden Schlaf, schon bei nur sieben einhalb fühle ich mich miserabel.

jazz-fun.de:
Da kann ich dir nachfühlen.

Heikki Hallanoro:
Die Depression hat mir meine Erinnerung weggenommen, sie funktioniert nicht mehr wie früher. Man sollte mehr auf sein Gehirn aufpassen. Das versteht man, wenn man lernt, dass das Gehirn wie ein Muskel ist, der auch kaputt gehen kann. Das, vor dem ich am meisten Angst habe, ist Alzheimer. Weil es ein furchtbarer Gedanke ist, dass man sich selber auf diese Art verliert. Meine Mutter hat diese seltene frühe Alzheimer Art, die mit einer 50/50 Chance an die Kinder weitervererbt wird. Ich bereite mich also vor, dass mein Gehirn schmilzt, wenn ich 60 bin. In Finnland wird das nicht untersucht und diagnostiziert, zumindest diese Art nicht. So ist es halt im Moment. Keiner weiss, was in 20 Jahren sein wird. Mein Vater hatte eine Menge Geld gespart, so dass er in seiner Rente viel mit meiner Mutter reisen könnte. Aber jetzt gibt es keine Mum mehr, nur noch physisch.
Das Leben ist im jetzt!

jazz-fun.de:
Das erfasst deine Musik aber ziemlich gut, finde ich, es ist wirklich Musik aus dem Moment heraus.

Heikki Hallanoro:
Sie ist nicht gross, sie ist nicht glamourös, sie ist manchmal schlammig, aber sie ist gegenwärtig.

jazz-fun.de:
Aber da gibt es ja die verschiedenen Schichten – es kann supervirtuos sein und dich nicht berühren und es kann einfach und vielleicht nicht im besten Sound sein, und trotzdem spricht es dich an.

Heikki Hallanoro:
Die Sache ist: du kannst die Songs nicht bluffen, die so einfach sind. Entweder sind sie schön oder nicht, es gibt Gefühl oder eben nicht. Du kannst nichts verstecken. Das schwierigste ist es, eine Melodie in deinem Leben zu finden, die es wert ist, zu teilen, weil sie so schön ist, dass du alles daraus machen kannst. Wenn du sie mit mit zwei Tasten und zwei Fingern spielen kannst und sie immer noch wunderschön ist. Das ist für mich die Aufgabe, für die ich meilenweit wandere. Es kommen auch andere viele Sachen beim Wandern.

Lass uns sehen, was passiert. Ich versuche jetzt, Volume 4 zu machen. Ich bin ein bisschen spät im Zeitplan, wir werden im Januar aufnehmen. Zwar habe ich schon ein paar Songs, aber ich hatte noch keine Zeit durch meine Ideen durchzugehen und sie zu orchestrieren.

Es ist magisch, letztes Jahr war ich auf den Fjells skifahren und da kam diese wunderschöne Melodie, die das Album öffnet und beschliesst. Die Songs sind wie Reisen, und das schafft Probleme mit den Spotify Play Listen. Kein Song darf länger als drei Minuten dauern. Wenn du startest und noch kein bekannter Name bist, ist das schwierig. Manchmal mache ich zwei Songs aus einem, oder ich vermischen Sachen, um diese Regeln zu umgehen. Ich mag es wie in den klassischen Werken, dass es ein Eröffnungsthema gibt, das am Ende wieder auftaucht. Das mache ich ähnlich, eine Melodie vom Beginn der CD verwandelt sich zum Ende des Albums, taucht aber wieder auf. Es kann sogar Zyklen geben, mit zwei oder drei Stücken zu Beginn, die am Ende wiederkehren. Ich mag die Idee des Spiegelns. Es sind verschiedene Versionen, aber trotzdem verbundene Teile der Songs. Manchmal ähnlich, manchmal total neu. Der Abschluss eines Albums ähnelt dem Beginn, ich mag es, Alben so zu machen.

jazz-fun.de:
Weil du schon Spotify erwähnt hast – ist das der Grund, dass du keine Songtitel hast, sondern nur Nummern? Dann sortiert die Spotify in der richtigen Reihenfolge statt alphabetisch?

Heikki Hallanoro:
Die Hauptidee ist, weil es Heilungssongs für mich sind.Ich wollte die Stücke nicht mit meinen eigenen Sorgen zu Tode steinigen. Ich wollte mein Ego nicht da rein nehmen und will auch keine Piggie Points. Es war mir wichtig, die Songs herauszubringen und hoffe, dass sie bei anderen resonieren. Das will ich aber nicht, indem sich jemand mit meinem Schlamm identifiziert. Deshalb gibt es keine Titel. Das ist am hilfreichsten für den Zuhörer. Ein Titel gibt immer eine Idee vor. Live sind meine Stücke sowieso immer anders, je nach der Stimmung der Tages. Ich will es so behalten, ohne Titel.

Vielleicht werde ich in der Zukunft die Geschichten zu Stücken notieren und mitteilen. Nicht bei den „Soul Songs“- Alben, da bleiben Nummern. In Konzerten kann ich im richtigen Setup etwas zu meinen Stücken erzählen. Nach meiner Depression war ich so frustriert und enttäuscht von Worten, es erschien mir so fake. Nummern waren clean. Das war besser.

Es war meine persönliche starke Entscheidung, es so zu machen. Der Song ist eine Sache, aber er gehört mir nicht. Ich würde immer lieber live spielen als ein Produkt zu machen, weil es mich geistig gesund hält.

Live zu spielen, da bist du im Moment, vielleicht ist es der einzige Moment am Tag oder im Leben. Es ist das, was einem am meisten Angst macht, aber es ist eine gute Übung, die man machen sollte. Ich liebe es, live zu spielen.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das intensive Gespräch!

Heikki Hallanoro:
Ich habe zu danken, I am just a simple man.

Das Gespräch führte Angela Ballhorn
Foto: Heikki Hallanoro

Dieses Interview entstand im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen jazz-fun.de und dem Magazin JAZZTHETIK und wurde dort bereits im 11_12/25 Heft veröffentlicht. Die hier vorliegende Fassung ist die ungekürzte Version des Gesprächs.

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