Louise Knobil über ihr Live-Album „Knobilive in Cully Jazz“ – Jazz, Risiko und Freiheit. Ein Gespräch über Intimität, Energie und Improvisation.
Mit „Knobilive in Cully Jazz“ veröffentlicht die Schweizer Kontrabassistin, Sängerin und Komponistin Louise Knobil ein energiegeladenes Live-Album, das am Cully Jazz Festival aufgenommen wurde.
Gemeinsam mit Chloé Marsigny (Bassklarinette) und Simon Chappuis (Schlagzeug) präsentiert Knobil ein Trio, das Konventionen sprengt: Jazz, Chanson, Punk-Attitüde und Improvisationslust verschmelzen zu einem unverwechselbaren Klang.
Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Louise Knobil von Risiko und Freiheit auf der Bühne, vom Spagat zwischen Intimität und Öffentlichkeit – und davon, warum ehrliche, rohe Musik gerade heute so wichtig ist.
jazz-fun.de:
Louise, dein neues Album „Knobilive in Cully Jazz“ wurde live beim Cully Jazz Festival vor 1200 Zuhörer:innen aufgenommen. Was ging dir in diesem Moment auf der Bühne durch den Kopf?
Louise Knobil:
Ich bin in Lausanne aufgewachsen und mit dem Festival, das ganz in der Nähe stattfindet. Deshalb fühlte ich mich auf seltsame Weise wie zu Hause – auch vor diesen 1200 Menschen. Es war eine unglaublich warme, offene Energie im Raum, die mich sofort entspannt und glücklich gemacht hat. Dieser Auftritt war für mich ein ganz besonderes Erlebnis.
jazz-fun.de:
Das Album fängt eine unmittelbare, ungefilterte Energie ein – in einer Rezension wurde von „authentic risk“ gesprochen. Wie definierst du „Risiko“ im Kontext des Jazz, und welche Rolle spielte es bei dieser Aufnahme?
Louise Knobil:
Für mich liegt das größte Risiko immer in den Soli und den improvisierten Passagen – weil man nie weiß, wann die Inspiration kommt. Genau das macht Jazz für mich bis heute spannend: Wenn man zu einem Konzert geht, ist es jedes Mal einzigartig. Diese Einzigartigkeit bewegt mich und ist der Grund, warum ich Jazz liebe. Ich wollte mit diesem Live-Album dieses Gefühl und die Liebe zum Unvorhersehbaren teilen.
jazz-fun.de:
Dein Trio besteht aus Kontrabass, Bassklarinette und Schlagzeug – eine ungewöhnliche Besetzung. Wie kam es dazu, und welche besonderen Möglichkeiten bietet sie?
Louise Knobil:
Anfangs waren wir ein Quartett mit Klavier. Das war ebenfalls spannend, aber als ich Konzertaufnahmen in dieser Besetzung hörte, fiel mir auf, dass ich eher eine Sängerin mit Bass hörte – obwohl es eigentlich umgekehrt ist: Ich bin zuerst Bassistin und dann Sängerin. Ohne ein harmonisches Instrument bekommt der Bass – und damit auch die Kompositionen – einen originelleren und größeren Platz im Klangbild. Was ich an diesem Trio liebe, ist die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten und dass jede:r genug Raum hat, die eigene künstlerische Persönlichkeit auszudrücken. Die Bassklarinette ist für mich eine echte Entdeckung: Sie ist unglaublich vielseitig, reicht klanglich vom Fundament bis zu Gesangshöhen und verbindet Rhythmusgruppe und Melodieebene auf wunderbare Weise.
jazz-fun.de:
Viele Hörer:innen betonen, wie dein heller, klarer Gesang mit dem tiefen Klang des Basses und der expressiven Bassklarinette kontrastiert. Wie spiegelt dieser Gegensatz deine musikalische Identität wider?
Louise Knobil:
Am Anfang jeder Komposition stehen bei mir eine Basslinie und eine Gesangsmelodie. Durch ihr Talent und ihre Bassklarinette hebt Chloé Marsigny den Kern meiner musikalischen Ideen auf eine tiefere Ebene. Ihr Ton verschmilzt leicht sowohl mit dem Bass als auch mit der Stimme. Chloé und ich teilen einen ähnlichen Geschmack und ein ähnliches musikalisches Verständnis – sie begreift sofort, was ich ausdrücken möchte, und umgekehrt, wenn wir gemeinsam improvisieren oder an Stücken arbeiten.
jazz-fun.de:
Du beschreibst deine Musik als eine Art musikalisches Tagebuch – mit Themen wie Polyamorie, Pesto-Rezepten oder queerer Identität. Wie findest du die Balance zwischen persönlicher Intimität und öffentlicher Performance?
Louise Knobil:
Beim Komponieren bin ich emotional am verletzlichsten, besonders beim Schreiben der Texte. Wenn ich dann auf der Bühne meine Stücke interpretiere, versuche ich, dieses ursprüngliche Gefühl wieder aufzugreifen. Und weil unsere Musik viel Improvisation enthält, bleiben wir dabei ehrlich und spontan. Ich finde, das ist unsere Aufgabe als Jazzmusiker:innen – immer neue musikalische Geschichten zu erfinden und zu teilen, egal wie oft wir auftreten.
jazz-fun.de:
Eine Live-Aufnahme vermittelt Unmittelbarkeit. Wie anders war dein Mindset für dieses Konzert im Vergleich zu einem Studioalbum?
Louise Knobil:
Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich zum Aufnehmen improvisierter Musik im Studio stehe. Heute kann man alles nachbearbeiten – das ist nicht schlecht, aber es bedeutet eine ganz andere künstlerische Haltung. Im Studio achte ich mehr auf Details, Overdubs und den Mix, die Soli spielen dann eine kleinere Rolle. Bei diesem Live-Album war es umgekehrt: Ich wollte den Bandsound, unser Zusammenspiel und die Energie zwischen uns und dem Publikum einfangen.
jazz-fun.de:
Der Titel „Knobilive“ spielt mit deinem Namen und dem Wort „live“. Welche Bedeutung hat dieser Live-Aspekt für dich als Komponistin und Performerin?
Louise Knobil:
Die Jazz-Alben, die mich am meisten berührt haben, sind Live-Alben – oder solche, die in einem Take aufgenommen wurden. Ich fühle mich emotional stark verbunden, wenn ich spüre, dass Musiker:innen wirklich gemeinsam im Moment spielen und etwas Einzigartiges teilen. Genau dieses Gefühl wollte ich auch mit meiner eigenen Musik schaffen.
jazz-fun.de:
Du hast Einflüsse genannt, die von Jazz über Punk bis zu Chanson und Post-Bop reichen. Welche dieser Einflüsse waren bei diesem Konzert am stärksten spürbar?
Louise Knobil:
Definitiv die Jazzsprache – weil wir die Stücke live spielen, improvisieren und das Publikum einbeziehen. Die Länge der Soli, die Arrangements, unsere Energie – all das verändert sich mit jeder Zuhörerschaft. Und genau das ist für mich das Wesen des Jazz.
jazz-fun.de:
Das Publikum in Cully war groß, die Atmosphäre festlich. Wie gelingt es dir, in so einem Rahmen trotzdem Intimität zu bewahren?
Louise Knobil:
Die Aufmerksamkeit und das aufmerksame Zuhören des Publikums haben unser Konzert intim gemacht. Ihre Wärme – und die Tatsache, dass wir quasi „zu Hause“ gespielt haben – ließ es wie einen Abend in einem kleinen Jazzclub wirken. Außerdem hat unser Tontechniker, der das Konzert und auch den Mix und das Mastering betreut hat, ein besonderes Talent, Jazz in jeder Umgebung nah und intim klingen zu lassen.
jazz-fun.de:
Du bist noch jung, tourst aber bereits quer durch Europa. Wie siehst du deine Rolle in der Schweizer und europäischen Jazzszene – und welche Bedeutung hat dieses Album dabei?
Louise Knobil:
In Europa gibt es heute unglaublich viele großartige Musiker:innen, täglich erscheint neue Musik. Das ist wunderbar, weil wir in einer Zeit großer Vielfalt und Kreativität leben. Gleichzeitig drängt die Musikindustrie zu immer mehr Produktivität. Durch Streaming-Plattformen und den Druck sozialer Medien ist es manchmal schwierig, einfach nur Musikerin zu sein. Auch die Formate, die diese Plattformen vorgeben – kurze, „perfekte“ Songs – sind ästhetisch einschränkend. Mit meinem Live-Album möchte ich zeigen, dass Musik roh, seltsam, ungeschliffen und trotzdem wertvoll sein darf – und dass sie das Recht hat, einfach zu existieren.
jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass Hörer:innen empfinden, wenn sie Knobilive in Cully Jazz auflegen?
Louise Knobil:
Ich hoffe, sie erleben das Album so, als wären sie dabei gewesen. Es gibt übrigens eine vollständige Videoaufnahme des Konzerts. Ich wünsche mir, dass sie die gleiche Emotion spüren wie ich, wenn ich ein gutes Live-Album höre – dieses wunderbare Gefühl, das jeder Mensch einmal haben sollte.
jazz-fun.de:
Und zum Schluss: Wie geht es nach dieser Live-Aufnahme weiter? Gibt es neue Ideen, Richtungen oder Formate, die du erkunden möchtest?
Louise Knobil:
Ich frage mich, was es heute überhaupt bedeutet, ein Album zu veröffentlichen. Früher war das Format durch Vinyl oder CD physisch begrenzt – heute nicht mehr. Warum also 45- bis 60-minütige Alben? Ich möchte ein dreistündiges Werk schaffen, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter dem Namen „Knobil“ erforscht – meinem Familiennamen. Ich will mein musikalisches Tagebuch weiterschreiben, aber auch meine Wurzeln zwischen Osteuropa, Algerien, Marokko und der Schweiz erkunden. In dieser politisch und ökologisch unsicheren Zeit möchte ich mir neue Zukünfte vorstellen und offene Fragen stellen. Wahrscheinlich werde ich wieder ins Studio gehen, aber auch Live-Stücke einbeziehen. Ich möchte ein wirklich besonderes künstlerisches Objekt erschaffen. To (kno)be continued.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Louise Knobil Internetseite:
https://knobil-music.com/
Einen Kommentar schreiben