Januar in New York: Jazz, Gemeinschaft und Zuhören

Jazz at Lincoln Center
Jazz at Lincoln Center, Foto: Izabela Olejniczak

Der Januar ist in New York seit Jahren eine besondere Zeit für den Jazz. Es ist der Moment, in dem Künstler:innen, Bandleader, Pädagog:innen und Kurator:innen aus aller Welt in die Stadt kommen, um sich zu treffen, auszutauschen, zuzuhören und gemeinsam über die Zukunft dieser Musik nachzudenken. Die Metropole verwandelt sich dann in eine dichte Landkarte aus Veranstaltungen – ein Marathon aus Konzerten, Panels und Showcase-Formaten, der sich von Uptown bis nach Brooklyn erstreckt.

In diesem Jahr bildete der Jazz Congress das Zentrum dieser Begegnungen. Parallel dazu fanden Unity Jazz, das Winter Jazzfest sowie die APAP Conference statt. Es waren intensive Tage – kaum Schlaf, dafür das deutliche Gefühl, dass Jazz trotz aller Herausforderungen lebt, getragen von den Menschen, die ihn gestalten.

Jazz Congress: Zuhören als Akt der Gemeinschaft

Die Eröffnung des Jazz Congress setzte den Ton für die gesamte Veranstaltung. Der Schauspieler und Kulturaktivist Wendell Pierce sprach von der Bühne als einem „heiligen Raum“, in dem Zuhören zu einer Form des Gebets wird und Stille Bedeutung erhält. Er erinnerte daran, dass Musik Erinnerung in sich trägt, und bezeichnete Jazz als „Glauben in Aktion“ – als Verbindung von Intellekt und Seele. Seine Botschaft war klar: Wir dürfen nicht aufhören, Beziehungen aufzubauen, solange Verbindung möglich ist.

Diese Haltung zog sich durch viele der Panels. In der Diskussion „Artists Make Technology“ beschrieben Künstler:innen Technologie nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug der Imagination und Kommunikation – als Möglichkeit, Grenzen zwischen Kunstschaffenden und Publikum zu überwinden.

Ein weiterer zentraler Programmpunkt waren Gespräche über Vermächtnis und Verantwortung. Ein Panel zum 100. Geburtstag von Miles Davis mit unter anderem Terence Blanchard und Marcus Miller erinnerte daran, wie sehr Davis’ Offenheit für Zusammenarbeit ganze Generationen von Musiker:innen geprägt hat. Eine intime Gesprächsrunde mit Ron Carter wiederum wurde zu einer eindringlichen Lektion in künstlerischer Konsequenz und achtsamem Umgang mit Klang.

Aus vielen Debatten kristallisierte sich ein gemeinsamer Nenner heraus: Jazz ist eine kollektive Seele. Diese Musik existiert wirklich nur dann, wenn wir einander zuhören. Gerade in Zeiten globaler Spannungen und gesellschaftlicher Spaltungen wurde der Ruf nach langfristigem Denken, Solidarität und Zusammenarbeit laut – auch und besonders zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Winter Jazzfest: „Still I Rise“

War der Jazz Congress ein Raum der Reflexion, so wurde das Winter Jazzfest zu seiner lebendigen Ergänzung. Die diesjährige Ausgabe stand unter dem Motto Still I Rise – inspiriert von der Dichterin Maya Angelou – ein Manifest von Widerstandskraft, Stärke und Lebensfreude.

Das Festivalprogramm und seine visuelle Gestaltung betonten die Bedeutung afroamerikanischer Musik als Ausdruck von Erinnerung, Protest und Gemeinschaft. In einer Zeit, in der Kultur zunehmend marginalisiert wird, machte das Winter Jazzfest deutlich: Gemeinsames Erleben von Musik ist ein Akt des Widerstands.

Zu den bewegendsten Momenten zählte ein Konzert mit Dee Dee Bridgewater, Kurt Elling und Arturo O’Farrill – Künstler:innen, die Jazz seit Jahren mit Fragen sozialer Gerechtigkeit verbinden. Daneben standen Vertreter:innen der jüngeren Generation auf der Bühne, darunter Immanuel Wilkins, Made Kuti und Lakecia Benjamin. Sie zeigten eindrucksvoll, dass die Zukunft dieser Musik ebenso intensiv ist wie ihre Geschichte.

Der Januar in New York wirkte wie ein spiritueller Impuls zum Beginn des neuen Jahres. Er erinnerte daran, dass Musik – und besonders Jazz – Hoffnung, Freiheit und ein Gefühl von Gemeinschaft schenken kann. In einer Welt voller Spannungen sind es Kultur, Klang und die Begegnung mit anderen Menschen, die helfen, die Seele neu auszurichten.

Oder, wie Wendell Pierce es formulierte:
„Keep swinging.“
Ein Satz, der nachklingt – und bleibt.

Talk Panel - Confress
Talk Panel - Confress, Foto: Izabela Olejniczak

Text und Fotos: Izabela Olejniczak

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