Jack DeJohnette – Rhythmus, Geist und Freiheit

Der legendäre Schlagzeuger, Komponist und Bandleader ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Mit seinem unverwechselbaren Spiel prägte Jack DeJohnette den modernen Jazz – von Miles Davis bis Keith Jarrett.

Von Angela Ballhorn

Jack DeJohnette (9. August 1942 – 27.Oktober 2025)

Fast scheint es, als ob das grosse himmlische Wesen unter Herbstblues leidet oder Ablenkung vom Wahnsinn der Menschheit braucht und deshalb neue Musiker in seine Band beruft.
Nach dem Saxophonisten Klaus Doldinger und dem E-Bassisten Anthony Jackson machte heute unter bestürzten Musikern schnell die Nachricht die Runde, dass der Schlagzeuger Jack DeJohnette im Alter von 83 Jahren verstorben sei.

Aufzulisten, mit wem dieser epochale Drummer nicht gespielt hat, wäre vermutlich schneller erledigt:
Jackie McLean, Betty Carter und Abbey Lincoln waren seine ersten Musikkontakte im Big Apple, als der in Chicago geborene Schlagzeuger nach seinem Studium nach New York zog. 1966 bis 1969 war DeJohnette Mitglied im phänomenalen Quartett von Charles Lloyd, das unter anderem auf der Live-Aufnahme „Charles Lloyd in the Soviet Union“ (dem Festival in Tallinn von 1967) dokumentiert ist.

Seit der Zeit spielte er mit John Coltrane, Thelonious Monk, Freddie Hubbard, Stan Getz, Keith Jarrett, Chick Corea und Bill Evans. Auch Miles Davis gehörte zu seinen Arbeitgebern ab Ende der 60er Jahre. Nachdem Jack DeJohnette schon bei einigen Aufnahmesessions für Miles dabei war, ersetzte er 1969 Tony Williams am Schlagzeug und war der Drummer von Miles’ „Bitches Brew“. Bis 1972 spielte er bei Miles, bevor er sich auf eigene Projekte besann. Davon hatte der Schlagzeuger reichlich. Seine eigenen Bands hiessen Compost oder die legendäre Special Edition. Schon auf Dutzende Aufnahmen unter eigenem Namen konnte Jack DeJohnette zurückblicken, sein Werk als Sideman ist schier unübersichtlich. Keith Jarrett, Kenny Wheeler, Pat Metheny, Michael Brecker, Herbie Hancock, keiner wollte auf den Drummer und sein feines, durchorchestriertes Spiel verzichten, egal, ob es Jazz oder Jazzrock war. Seine Zusammenarbeit mit Keith Jarrett in dessen Standard Trio war unerreicht, das Zusammenspiel zwischen Keith Jarrett, Bassist Gary Peacock und Drummer Jack DeJohnette war wie eine Symbiose.
Der Output des Schlagzeugers war immens, genauso wie sein Einfluss auf die nachfolgenden Schlagzeuger-Generationen.
Rest in Peace, Jack DeJohnette!

Eine kleine Anekdote noch am Rande:

Jack DeJohnette hatte schon im Vorfeld ein Interview im Rahmen des Jazzbaltica Festivals vor bald 20 Jahren abgelehnt, sein Schlagzeugerkollege Roy Haynes liess sich – sehr widerwillig – für ein Interview überreden. 15 Minuten, während er isst, mehr wollte er nicht einräumen. Doch der Zufall wollte es, dass Jack DeJohnette am Nachbartisch beim Essen sass und sich irgendwann in das Gespräch einklinkte.
Das endete in einem eher untypischen Interview, nachdem sich Jack DeJohnette mit an den Tisch setze und die beiden Drummer sich eine gefühlte Ewigkeit über ihre Anfänge als Schlagzeuger, die Jazzszene der 60 Jahre und ihre Einflüsse austauschten.

Auswahldiskographie:

als Leader:
The DeJohnette Complex (1968)
Untitled (1976) Jack DeJohnette's Directions mit  John Abercrombie und Alex Foster
New Directions (1978) mit Lester Bowie, John Abercrombie und Eddie Gomez
Jack DeJohnettes Special Edition (1980) mit David Murray und Arthur Blythe
The Jack DeJohnette Piano Album (1985)
Parallel Realities (1990) Trio mit Pat Metheny und Herbie Hancock
Music for the Fifth World (1993) mit Vernon Reid und John Scofield
Extra Special Edition (1995) mit Bobby McFerrin
Music in the Key of OM (2005) Solo
The Elephant Sleeps but Still Remembers (2006) Trio mit  Bill Frisell und Ben Surman Music We Are (2009) mit Danilo Pérez und John Patitucci
In Movement (2016) mit Ravi Coltrane und Matthew Garrison
Hudson (2017), mit Larry Grenadier, John Medeski und John Scofield

Als Co-Leader:
Gateway (Trio mit  John Abercrombie und Dave Holland):
Gateway (1975), Gateway II (1977), Homecoming (1995), In the Moment (1996)
Trio Beyond (mit  Larry Goldings und John Scofield) (2006)
The Super Premium Band (Trio mit Kenny Barron und Ron Carter): Sounds of New York (2011)
Wadada Leo Smith, Jack DeJohnette & Vijay Iyer: A Love Sonnet for Billie Holiday (2021)

Als Sideman:
Charles Lloyd: Forest Flower (1966)
Miles Davis: Bitches Brew (1969); Live-Evil (1970)
John Abercrombie: Timeless (1974), Night (1984)
Kenny Wheeler: Gnu High (1975)  
Gary Peacock: Tales Of Another (1977)
Pat Metheny: 80/81 (1980)
Keith Jarrett: Standards Vol. I and II (1983), Changes (1983), Standards Live (1985), Still Live (1986), Changeless (1987), The Cure (1990), Bye Bye Blackbird (1991), Tokio ‚96 (1998), After The Fall (1998), Whisper Not (1999), Inside Out (2000), Always Let Me Go (2001), Up For It (2002), Somewhere (2009)
Pat Metheny / Ornette Coleman: Song X (1985)
Michael Brecker: Michael Brecker (1987); Tales from the Hudson (1996); Pilgrimage (2007)
Dave Holland, Steve Coleman, Jack DeJohnette: Triplicate (1988)
Lyle Mays: Fictionary (1993)
Herbie Hancock The New Standard (1996)
Anouar Brahem: Blue Maqams (2017)
McCoy Tyner & Joe Henderson: Forced to Nature: Live at Slugs’ (1966/2024)

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