Rest in Power: Anthony Jackson und der Herzschlag des modernen Bass
Von Angela Ballhorn
Mit Anthony Jackson ist einer der stilprägendsten E-Bassisten der letzten Jahrzehnte gestorben. Sofort in Sound und Spielweise erkennbar, tief verwurzelt im Groove, locked in mit den Drums und trotzdem frei im Spiel verzierte er Aufnahmen von Madonna bis Donald Fagen, von Michel Petrucciani bis Hiromi.
Schon als 18jähriger arbeitete Jackson als Studiomusiker, 1973 verlieh er den O’Jays für den Hit „For The Love Of The Money“ eine markante unverkennbare Bassline als Einstieg.
Ich persönlich bin eher zufällig in einen ersten Gig mit Anthony Jackson gestolpert, mit einem Festivalpass der Leverkusener Jazztage 1989. Die Band Metro sagte mir zwar nichts, aber es gab kein anderes Konzert zu dem Zeitpunkt - die erste Bassnote hat mich umgeworfen. Druckvoll, groovy und elegant, und im Zusammenspiel mit dem noch sehr jungen Wolfgang Haffner am Schlagzeug eine wahre Freude.
Früher gab es noch Jazz im Fernsehen zu sehen, im Schweizer Fernsehen gab es die Sendung „Jazz in Concert“, wo Traumformationen von Musikern zusammengestellt wurden. Ob es Tony Lakatos’ oder Peter O’Maras Band war, weiss ich nicht mehr, aber Anthony Jackson am Bass spielte unfassbar, und die eingestreuten Interviews der Musiker zeigten, wie absolut wichtig ihm Musik war. Nicht Bassspielen alleine oder in der Rhythmusgruppe, sondern die Musik als Ganzes.
Folgerichtig war ihm ein gutes Instrument notwendig, er entwickelte den ersten sechssaitigen E-Bass, seine contrabass guitar.
Sein Bassbauer Fodera und sein alter Weggefährte Al di Meola teilten als erste den Tod des Bassisten mit, Anthony Jackson hatte lange mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, nach Parkinsonerkrankung und mehreren Schlaganfällen lebte er im Pflegeheim. Seine Kollegen Christian McBride, Victor Wooten und mehr veranstalteten Anfang 2025 noch ein Benefizkonzert zur Finanzierung der Arztrechnungen.
RIP Anthony, was einer der Kommentatoren unter den Youtube-Videos treffend mit „Rest in power“ übersetzte, was für den stilbildenden Bassisten absolut zutreffend ist.
Eigentlich hält Anthony Jackson eine Laudatio auf seinen langjährigen Weggefährten, den Drummer Steve Gadd, aber die Rede ist eine Lehrstunde für Rhythmusgruppen
Quasi ein Vorwort zu dem wichtigen E-Bassisten und mehr als bescheidenen Musiker, dem es nur um die Musik ging, nicht um das Rampenlicht und die grossen Solospots.
Beeinflusst von Motowns James Jamerson wie auch Komponist Oliver Messiaen entwickelte Anthony Jackson einen ganz eigenen Weg der Bassbegleitung. Den von ihm entwickelten sechssaitigen E-Bass nannte er contrabass guitar, und so war auch sein Spiel-Approach.
Auf weit über 500 Alben hat Anthony Jackson mitgewirkt. Madonna, Donald Fagen bis Roberta Flack konnten auf seine Bassnoten zurückgreifen, er war auch mit Jazzgrössen wie Michel Petrucciani, Hiromi, Metro oder Steve Khan auf Tour.
Eine kleine, sehr persönliche Top 10 (oder mehr) meiner Lieblings-Performances von Anthony Jackson:
Michel Camilo Big Band Live „Not Yet“
Vielleicht zu viel Kraftmeierei in der Bigband und ziemlich sicher Overplay von Pianist Michel Camilo, aber die Rhythmusgruppe mit Anthony Jackson und Drummer Cliff Almond...
Simon & Garfunkel, Concert in Central Park, „50 Ways To Leave Your Lover“
Wenn die volle Band zum Refrain einsetzt….
Es gab eine Zeit, da musste jeder Schlagzeuger den Groove von Steve Gadd beherrschen
Metro „Grand Slam“
So unkonventionell kann ein fetter Fusion-Groove am Bass sein (Wolfgang Haffner am Schlagzeug, Mitch Forman an den Keyboards, Chuck Loeb an der Gitarre)
Michel Petrucciani „Little Peace in C for U“ (1998)
„September Second“
Der grossartige Michel Petrucciani mit einer der besten Rhythmusgruppen der Welt: Steve Gadd und Anthony Jackson, mit zwei Stücken
Michel Camilo Trio Calle 54
Auch im Trio fantastisch, das Album „Suntan“ ist absolut empfehlenswert
Hiromi „Flashback“
„Now or Never“
Zwei Titel mit der Pianistin Hiromi und Schlagzeuger Simon Phillips, ein weiteres Rhythmusgruppen Dreamteam...
O’Jays For „The Love Of The Money“
Diese markante Basslinie zu Beginn des Songs machte Anthony Jackson berühmt.
Wayne Krantz „Why“
Gitarrist Wayne Krantz, Drummer Keith Carlock und Bassist Anthony Jackson spielten um die Jahrtausendwende einen ziemlich regelmässigen Gig in der New Yorker 55Bar
Steve Khan Anthony Jackson Dennis Chambers live in Köln 1994 „Suitcase“
Ich habe ein Konzert der 1994er Tour in Amsterdam gesehen, Steve Khan verzweifelte irgendwann an seiner Rhythmusgruppe, die ihn komplett hatte aussteigen lassen. Seine Ansage war dann: „Ich habe keine Ahnung, was Dennis und Anthony gerade gemacht haben, aber es war grossartig!“
Tony Lakatos, Anthony Jackson „12 Bars But No Blues“
Das ganze Konzert hier:
Als es noch Jazz im Fernsehen gab, wurde in der Schweizer Reihe „Jazz in Concert“ Dream-Formationen zusammengestellt. Hier Tony Lakatos am Sax, David Witham (Keyboards), Peter O’Mara (Gitarre), Terri Lyne Carrington (Drums), Anthony Jackson (Bass)
Chaka Khan „Move Me No Mountain“
Eine fantastisch funky Studioaufnahme
Scott’s Bass Lessons
Eigentlich eine Bass-Lern-Plattform, doch die Erklärungen, was Anthony Jacksons Bassspiel so besonders macht, ist auch für Nicht-Bassisten interessant.
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
Einen Kommentar schreiben