XJAZZ! Festival 2026 abgesagt – Kritik an Berliner Kulturförderung
Das Berliner XJAZZ! Festival muss seine Ausgabe im Mai 2026 absagen. Die Festivalleitung kritisiert strukturelle Probleme der Berliner Kulturförderung und fordert eine grundlegende Reform der Förderin
Die Berliner Kulturverwaltung behindert, anstatt zu fördern. Als Konsequenz muss das XJAZZ! Festival im Mai abgesagt werden – mit massivem finanziellem und reputativem Schaden. Das Festival fordert eine grundlegende Reform der Berliner Kulturförderung.
Berlin, 9. März 2026. Das XJAZZ! 2026 ist abgesagt! Berlins größtes Jazzfestival, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jazzpreis und mit einem einmalig jungen Publikum zu internationaler Strahlkraft für die Berliner Jazzszene gewachsen, scheitert an den Förderstrukturen der eigenen Stadt. Die Festivalleitung hat der Kulturverwaltung zur Rettung des Festivals eine einmalige Verschiebung in den Herbst vorgeschlagen, was der Verwaltung die benötigte Zeit zur Prüfung und Bescheiderteilung geben würde.
Was geschehen ist
Im Dezember 2025 hat das Berliner Abgeordnetenhaus zum dritten Mal in Folge einen eigenen Haushaltstitel für das XJAZZ! Festival beschlossen. Das Festival hat daraufhin mit der Umsetzung begonnen – so wie in jedem der vergangenen Jahre, in denen der endgültige Förderbescheid regelmäßig erst wenige Wochen oder sogar Tage vor dem Festivalstart einging.
Trotz festivalseitiger aktiver Kommunikation mit Verwaltung und Senatorin erfuhr die Festivalleitung erst am 10. Februar durch eine versehentlich weitergeleitete interne E-Mail der Verwaltung von der intern offenbar bereits getroffenen Entscheidung gegen eine Förderung. Die offizielle Mitteilung der Absage erfolgte erst danach – ausschließlich mündlich, ohne schriftliche Begründung, während sich das Festival mitten in der Umsetzung befand.
Seitdem sind alle Planungen eingefroren. Verträge mit Künstlern, Venues und Dienstleistern mussten storniert oder auf Eis gelegt werden. Der Vorverkauf wurde gestoppt. Der durch die kurzfristige Absage des sich mitten in der Umsetzung befindlichen Festivals entstandene finanzielle Schaden ist nur schwer zu tragen. Hinzu kommt ein erheblicher Reputationsschaden gegenüber Künstlern, internationalen Partnern und einem Publikum, das XJAZZ als verlässliche Marke kennt.
Betroffen sind rund 60 Konzerte, darunter rund 40 Konzerte Berliner Künstlerinnen und Künstler, das Nachwuchs- und Familienprogramm, der Auftritt des Jugendjazzorchesters Berlin Brandenburg sowie der Netzwerkevent „Berlin Market“. Über 10.000 Besucherinnen und Besucher – darunter ein für ein Jazzfestival einmalig junges Publikum – kamen in den vergangenen Jahren zum Festival.
Das eigentliche Problem: Ein System, das Kulturschaffende zerreibt
Die Absage des XJAZZ! Festivals ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines systemischen Problems: Die Kulturverwaltung beginnt ihre Arbeit an den Förderbescheiden regelmäßig erst zum Jahresbeginn. Die Bescheide kommen dementsprechend extrem spät – teilweise
erst Tage vor dem Festival. Für ein umfangreiches Festival mit internationaler Strahlkraft in der ersten Jahreshälfte, das natürlich nicht innerhalb weniger Wochen geplant und umgesetzt werden kann, ist das strukturell unvereinbar.
Um das Festival trotzdem durchzuführen, gehen die Macher Jahr für Jahr ins persönliche finanzielle Risiko und schaffen es dank extrem pragmatischer und effizienter Arbeit, das Festival gegen die Verzögerungen und Behinderungen der Verwaltung zum Erfolg zu führen. Die Verwaltung sanktioniert genau dieses Handeln dann im Nachhinein als förderwidriges Verhalten – obwohl seit Jahren aktiv mit Politik und Verwaltung kommuniziert wird, dass die bestehenden Förderinstrumente für diese Art der Kulturarbeit nicht geeignet sind.
Statt das Momentum der internationalen Strahlkraft langfristig aufzubauen und strategisch weiterzuentwickeln, wird das Festival so jedes Jahr wieder auf den Anfangspunkt zurückgeworfen. Parallel wächst eine Verwaltungsspirale aus Prüfungen, Nachprüfungen, vertieften Prüfungen, Sanktionierungen und Rückforderungsdrohungen, die jetzt in der Verweigerung der Förderung für das laufende Festival kulminiert.
Statt einer substanziellen Antwort auf den Vorschlag, das Festival zur Rettung einmalig in den Herbst zu verschieben, kam die unkommentierte Ankündigung einer weiteren vertieften Nachprüfung – diesmal für das Jahr 2022, in dem das Festival vor dem Hintergrund der im April gelockerten Corona-Regelungen komplett auf eine live stattfindende Version in alter Größe umplante. Man darf gespannt sein, welche Beanstandungen die Verwaltung in einem unter Pandemiebedingungen kurzfristig umgeplanten Festival finden wird.
Dass die Verwaltung ausgerechnet das Festival de facto als nicht förderfähig behandelt, das in Relation zu den eingesetzten Mitteln den größten Impact erzeugt – Publikum, Diversität, Nachwuchs, Strahlkraft –, zeugt von einem massiven Strukturversagen bei der Einschätzung durch die Verwaltung.
Die Politik schafft es seit mehreren Legislaturperioden nicht, dieses System zu reformieren – trotz klarer und wiederholter Adressierung durch die Kulturschaffenden. Es geht längst nicht mehr um Korrekturen, sondern um grundlegend neue Förderinstrumente.
Dass professionelle und realitätsnahe Kulturförderung möglich ist, zeigt der Bund: Das XJAZZ! Festival wurde in 2023 und 2024 sowohl vom Bund (Initiative Musik) als auch vom Land Berlin gefördert. Die Bundesförderung – als Festbetragsförderung – verlief in beiden Jahren reibungslos. Die Senatsförderung desselben Festivals führte zu massiven Abrechnungsproblemen und Rückforderungen. Der Unterschied liegt nicht im Handeln des Festivals, sondern im Förderkonstrukt. Konkret fordert das Festival die Einführung von flexibleren Festbetragsförderungen nach dem Vorbild der Initiative Musik, die nicht nur die Macher entlasten würden, sondern auch die extrem aufwendige und immer noch nicht digitalisierte Prüfung vereinfachen würden.
Ausblick
Das XJAZZ! Festival hat zur Rettung eine einmalige Verschiebung in den Herbst 2026 vorgeschlagen – was der Verwaltung die benötigte Zeit zur Prüfung und Bescheiderteilung geben würde. Die Verwaltung hat Gesprächsbereitschaft signalisiert, und das Festival hofft auf zügige Klärung. Der finanzielle Schaden für das Festival ist enorm, ebenso der Reputationsschaden für das Festival, für Berlin als Kulturstandort und für das Agieren der Kulturpolitik und Kulturverwaltung.
Unabhängig vom Ausgang dieser Gespräche fordert das Festival eine grundlegende Reform der Berliner Kulturförderung. Die bestehenden Instrumente müssen durch zeitgemäße, praxistaugliche Modelle ersetzt werden – wie sie auf Bundesebene längst existieren.
„Wir haben dieses Festival aus dem Nichts aufgebaut, mit privatem Geld und ohne Gehalt. Eine Bundesjury hat es zum besten Festival Deutschlands gewählt. Und jetzt stehen wir vor dem Aus, weil das Fördersystem nicht funktioniert. Das Festival im Mai ist nicht mehr zu retten. Aber die Situation muss ein Weckruf sein. Der Bund macht vor, dass es anders geht.“
– Sebastian Studnitzky, Geschäftsführer XJAZZ Festival GmbH, Echo-Jazz- und Opus Klassik-Preisträger, Professor für Trompete an der HfM Dresden
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
Einen Kommentar schreiben