Schwitzen mit Steinmeier - von Bigbands, Bundespräsidenten und (Laus)Buben
Von Angela Ballhorn
„Offensichtlich habe ich ein sehr teures neues Hemd, das immer wieder neue Muster entwickelt“ brachte Drummer Emil Brandqvist die besonderen Umstände des diesjährigen Jazzbaltica Festivals mit Temperaturen um die 40 Grad auf den Punkt. Letztendlich sahen alle – Musiker wie Zuschauer – aus, als hätten sie immer größer werdende Rorschach-Muster auf ihrer Kleidung. Fächer und Wasserflaschen waren notwendige Accessoires. Rekordhitze und Rekordzahlen mit mehr als 21.000 Besuchern erfreuten den erschöpften, aber glücklichen künstlerischen Leiter Nils Landgren.
Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, über ein Festival zu berichten. Die chronologische Aufzählung ist immer die langweiligste. Qualitativ auf- oder abwertend ist schwierig, auf- oder absteigend anhand der Anzahl der Musiker auf der Bühne ist ebenfalls nicht immer hilfreich.
Nun hatte die 2026er Ausgabe aber eine hohe Dichte an Bigbands zu verzeichnen, im Nachwuchsbereich waren es das Ensemble des Ostsee Gymnasiums und die beiden Landesjugendjazzorchester von Schleswig-Holstein und Hamburg. Die beiden letzteren Ensembles hatte auch der diesjährige Preisträger des IB.SH Jazzawards, der Saxofonist Ben Prechtl, durchlaufen.
Hoher politischer Besuch
Der bekam seinen Preis zur Festivaleröffnung überreicht, vor den Augen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der dem Jazzbaltica-Festival als großer Jazzfan einen Besuch abstattete. Der hochrangige politische Besuch (samt seiner Frau Elke Büdenbender und Ministerpräsident Daniel Günther) konnte das Trio des schwedischen Schlagzeugers Emil Brandqvist genießen, der mit von filigraner schwedischer Volksmusik beeinflussten Kompositionen und einem feinen Gespür für Dynamik und Klangfarben begeistern konnte. Das zweite Konzert im selben Block fiel dagegen stark ab. Das Konzert des Sängers Michael Mayo mit der Norbotten Bigband blieb blass. Die Arrangements blieben seltsam konturlos, der Sänger hätte auch mit einem Quartett auf der Bühne stehen können.
Klangfarben mit selten eingesetzten Instrumenten
Aber vielleicht war es der Kontrast zur Danish Radio Radio Band, die am Abend zuvor die brasilianische Legende Ivan Lins samt den New York Voices begleitete, wobei „begleitet“ fast ein falscher Begriff ist. Ivan Lins ist mit seinen 81 Jahren noch gut auf den Beinen und agil, stimmlich brauchte es ein paar seiner epochalen Kompositionen, bis die fragile Stimme gefestigt war. Die Band mit den meisterhaften Arrangements von ihrem Dirigenten Ralf Schmid, der ein grossartiges Händchen für Klangfarben hat (wann kann man in einer Bigband Alt- und Bass-Querflöten oder Althörner erleben?) war der eigentliche Star des Abends.
Röhrenglocken und Exorzismus
Fester Bestandteil seit Beginn des Festivals vor mehr als 30 Jahren ist die NDR Bigband, die zum zweiten Mal mit ihrer neuen Leiterin Nikki Iles anreiste. „The Shadow of a Dream“ war das aktuelle Programm überschrieben, besonders eindrücklich war Iles’ Komposition „Dark Underbelly“, in der ihre Wut nicht vom Brexit, sondern Trumps Wiederwahl getriggert wurde. Am anderen, sanfteren Ende des Spektrums war ihr „Loveletter to Vienna“, ihrem Ruheplatz vor einer Kirche gewidmet, die der Bigband Röhrenglocken im Instrumentarium bescherten.
Bobby Sparks II versuchte im nicht mehr als Dance Night deklarierten Freitag-Abend-Konzert noch mehr einzuheizen. Funky-groovy ging die Band auf die Bühne, vor allem Keith Anderson am Saxofon machte neben Keyboarder Sparks mächtig Alarm. Zuerst einladend wie ein mitreißender Gospelgottesdienst mutierte das Konzert fortschreitend mit immer höherem Lautstärkepegel eher zum Exorzismus. Und nur Groove und ausgetüftelte Retro-Keyboards konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass den Stücken gelegentlich Melodie und Schlüsse fehlten.
Mindfulness und Dankbarkeit
Mindfulness und politische Themen blitzten im abwechslungsreichen Festivalprogramm immer wieder überraschend auf. Alma Naidu begeisterte mit ihrem Aufruf, Frauen nicht als Besitz zu betrachten. Vor allem die Backing Vocals der Band in ihren eher poppigen Stücken waren zum Niederknien schön.
Drummer Carsten Lindholm erzählte von seinem Dankbarkeitstagebuch und spielte sich mit seinem Trio mit Eva Kruse (Bass) und Stefan Aeby (Klavier) durch 100 Jahre dänische Jazzgeschichte, wobei sein Augenmerk eher auf den letzten 20 Jahren lag.
Mit „Lost Places“ war das neue Programm des Projekts Delay Lake überschrieben. Gitarrist Kalle Kalima entfachte zusammen mit seinem zweiten Gitarristen Keisuke Matsuno ein wahres Feuerwerk an Sounds und Rhythmen, die Texte, die die etwas spröden Stücke sicher zugänglicher gemacht hätten, blieben leider schwer verständlich und stimmlich zu sehr im Hintergrund (Mirna Bogdanovic).
Arcanum – das Geheimnisvolle
Politisch positionierte sich auch das norwegisch-finnische-schwedische Quartett Arcanum. Die unfassbar empathisch traurig-schöne Komposition „Elegy“ für alle Kinder in Gaza oder der Ukraine, die mit Krieg leben müssen, nistete sich eindrücklich im Kopf ein. Arve Henriksen an Trompete und Effekten, Trygve Seim an Saxofonen, Anders Jormin am Bass und Markku Ounaskari an den Drums gehörten für mich zu den absoluten Highlights des Festivals, da ihre Musik wie auch ihre Bühnenpräsenz genau das für mich ausmacht, worum es in der lebendigen Musik Jazz gehen sollte: Eine musikalische Kommunikation auf der Bühne, in der motivische Ideen aufgenommen und Dynamik-Fäden gesponnen werden, die mit dem Publikum geteilt werden. Ein wahrlich magischer Moment.
Joo Kraus, Omar Sosa und Diego Piñera haben mich mit ihrem Vibe Factor noch nicht vollends überzeugen können, es kann aber auch an der doch sehr späten Stunde gelegen haben, dass meine Ohren nicht mehr aufnahmebereit waren.
Pianist David Helbock und Bassistin / Cellistin Julia Hofer stellten ihr neues Album vor, Schlagzeuger Peter Gall rockte mit seinem Quintett die neuen Kompositionen seiner „Love Avatar“-Veröffentlichung.
Die estnische Pianistin Britta Virves, die mittlerweile in Stockholm beheimatet ist, durfte auf die grosse Mainstage upgraden, nachdem sie in einem anderen Festivaljahr schon im Hotel-Jazzclub zu hören war. Ihre Kompositionen für Familienmitglieder, vor allem das Stück für ihre Mutter Lilly, bezauberten.
„Geht es dem Klavier gut?“
Momentan in allen Jazzmedien zu finden ist der südafrikanische Pianist Nduduzo Makhathini. Schon im Soundcheck wurde klar, dass diesem Musiker alle gleich wichtig sind, egal, ob Mitmusiker oder Techniker. Seine erste Frage richtete er an den Klavierstimmer: „Is she OK?“ wollte er wissen. Das Instrument war es und war dem Musiker für den Respekt und die Fürsorge dankbar. Das Trio mit Dalisu Ndlazi am Bass und Lukmil Perez am Schlagzeug mischte afrikanische Texte, Healing Messages, Cape Jazz Vibes und eine berührende Hommage an den verstorbenen Abdullah Ibrahim. Dankbar nahm das Publikum die Einladung an, für seine Melodien den Background-Chor zu übernehmen.
„MICHEL!“
Auch die Kleinsten kamen nicht zu kurz, wie immer gab es ein Kinderprogramm, diesmal Michel aus Lönneberga gewidmet. Der Schauspieler Gustav Peter Wöhler erzählte den Kindern Michels Streiche auf dem Katthult-Hof in Lönneberga. Nils Landgren hatte drei Posaunistinnen (Lisa Stick, Izumi Ster, Annette Saxe) und Eva Klesse am Schlagzeug um sich geschart und Georg Riedels Filmmusik und eigenes arrangiert.
Allradantrieb zum Festivalausklang
Zum Festivalausklang Blieb die rote Posaune gleich weiter aktiv.
Doch 4 Wheel Drive mit Nils Landgren am Steuer war 2026 eine eher irreführende Namensgebung, trotz der Besetzung mit Landgren / Wollny / Danielsson / Haffner auf der Bühne. Dadurch, dass Magnus Lindgren mit seinen Bielefelder Blechbläsern sowie Ida Sand, die für die doppelt gebuchte China Moses eingesprungen war, allesamt im Vordergrund standen, blieb für Lars Danielsson und Wolfgang Haffner nur der Rücksitz. Beim Vierrad-Antrieb, bei dem normalerweise die Kraft des Motors auf alle vier Räder verteilt wird, war hier der Heckantrieb nicht ganz gleichberechtigt.
Das dargebotene Joe-Sample-Programm lieferte als Abschlusskonzert die richtige Partystimmung, auch wenn die Band – um den Bogen zum teuren Hemd mit den immer neuen Mustern zu schlagen – einen offensichtlichen Wortwitz übersehen hatte. Joe Samples Megahit „Streetlife“ hätte bei fast 40 Grad Aussentemperatur eigentlich zu „Heat Life“ umbenannt werden müssen:
„Heat life - But you better not get old
Heat life - Or you're gonna feel the cold“
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Britta Virves, Foto: Angela Ballhorn -
Kalle Kalima - eine typische Handbewegung bei den Temperaturen, Foto: Angela Ballhorn -
Nils Landren, Ida Sand, Foto: Angela Ballhorn -
Nils Landren, Ida Sand, Foto: Angela Ballhorn -
Männerfreundschaft, Foto: Angela Ballhorn -
Michael Wollny, Foto: Angela Ballhorn -
Michel aus Lönneberga, Foto: Angela Ballhorn -
Nduduzo Makhatini, Foto: Angela Ballhorn
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