Unter dem Motto „Where Will You Run When the World’s on Fire?“ zeigte das Jazzfest Berlin 2025, wie Jazz als Spiegel einer brennenden Welt neue Formen von Klang, Energie und Gemeinschaft hervorbringt.

Jazzfest Berlin 2025 - Feuerfest

Von Angela Ballhorn

„Where Will You Run When the World’s on Fire?“ war das Motto des diesjährigen Jazzfest Berlin. Das Zitat „Wohin wendest Du Dich, wenn die Welt in Flammen steht?“ ist vom neuen Album „Map of a Blue City“ des Gitarristen Marc Ribot entliehen, und es gibt kaum ein passenderes Zitat, das die momentane Lage der Welt besser umreissen könnte.
Jazz ist immer ein Spiegel seiner Zeit, eine Musik, die wie ein politischer Seismograph funktioniert.

Fast vergessen ist inzwischen die Festivalfreude, Hoffnung und Aufbruchsstimmung nach der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten direkt zum Festivalbeginn 2008. Das  „Jazz we can“ ist lange verklungen in Zeiten, in denen man morgens gar nicht erst die Nachrichten der vergangenen Nacht checken möchte.

Dystopie allenthalben, no place to run or hide.

Das spiegelte sich auch in den Beiträgen des Jazzfest Berlin wider, das in diesem Jahr zum 62. Mal stattfand. Viele Premieren und neu komponierte Musik kamen auf der Bühne der Berliner Festspiele, aber auch im A-Trane, dem Quasimodo oder der Gedächtniskirche zu Gehör. 120 internationale Musiker*innen aus 20 Ländern spielten vor fast 6.000 Besucher*innen in 27 Acts, viele davon verteilten sich auf Grossformationen, neu gegründet, erweitert oder alt eingesessen.

Stakkato-Salven, hektisches Flirren und kurze, prägnante Motive und Geräusche waren Material der meisten Acts, die Nadin Deventer mit Unterstützung von Peter Margasak kuratiert hatte, Wohlklang und Melodien, die sich im Gedächtnis einnisteten, musste der Zughörer eher verstreut auf weiter Flur suchen.

Viel Energie und Schönheit in Abstraktion brachte Saxophonistin Angelika Niescier zusammen mit der Cellistin Tomeka Reid und der Drummerin Eliza Salem im Eröffnungskonzert auf die Bühne, vor allem Niesciers Komposition „Risse“, in Corona-Zeiten entstanden in der Hoffnung auf ein besseres „danach“, präsentierte in der Dringlichkeit im Sound und der Nervosität im Zusammenspiel von Cello und Drums die neue Realität. Jazz ist für Angelika Niescier Musik an den Rändern und bildet Orte und Räume des Widerstands.

Kleine Besetzungen oder gar Soloperformances waren rar gesät. Dass finanziell geförderte Festivals fast die einzige Möglichkeiten sind, Grossformationen mit neuer Musik zu buchen oder zu beauftragen, nutzte auch das Berliner Jazzfest zur Genüge. Der Berliner Bassist Felix Henkelhausen brachte mit seinem Septett organisiertes Chaos auf die Bühne, in seinen „Deranged Particles“ löste sich der Nebel spät, Solospots von Evi Filippou am Vibrafon und vom Bandleader selbst am Kontrabass brachten etwas Ruhe in die vielschichtigen Klänge.

Agil und runderneuert zeigte sich das London Jazz Composers Orchestra unter der Leitung von Barry Guy. Der mittlerweile 78jährige Bassist versammelte Musiker wie den Soundgroover Lucas Niggli oder die beiden spektakulären Pianistinnen Marilyn Crispell und Angelica Sanchez in seiner Bigband. Vor dem „Double Trouble III“ Konzert wurde Marilyn Crispell für ihr Solokonzert am letztjährigen Jazzfest der Instant Award for Improvised Music überreicht. Quirlige Solospots allenthalben, zusammengehalten vom Dirigat des Komponisten, der sein Werk in einem lauten Akkordschlag enden liess.

Skandinavien scheint ein nie versiegender Quell an neuer Musik, Talenten und Grossformationen zu sein. Der Sog geht in Richtung Oslo, wo auch die dänische Saxophonistin Amalie Dahl ihr momentanes Lebenszentrum hat. Ihre Dafnie EXTENDED Version war eine Deutschlandpremiere. Die mit doppelter Rhythmusgruppe, fünf Bläsern und Akkordeon bestückte Formation lotete unerwartete Soundscapes mit hohen Bassflageolett-Tönen und tiefstem Akkordeonregister aus. Schon alleine die Energie und die Dynamik im Zusammenspiel der beiden Bassisten Ingebrigt Håker Flaten und Nicolas Leitrø zu beobachten war eine Freude.

Mats Gustafsson FIRE! Orchestra passte namentlich perfekt zum diesjährigen Festival, das Programm „Words“ war eine Uraufführung, die Grossbesetzung mit unter anderem Kit Downs (Keyboards), Mariá Portugal (Drums und Vocals) und Mette Rasmussen (Altsaxofon) prominent besetzt. FIRE! versuchte, einen Flächenbrand zu entzünden, die häufigen Wiederholungen von Grooves und Mustern erschöpften sich leider irgendwann und glommen nur noch vor sich hin.

Einen anderen Verlauf nahm Signe Emmeluths BANSHEE Projekt, die dänische und ebenfalls in Oslo arbeitende Saxophonistin hatte eine rein weibliche Band zusammen gestellt, "Banshee" (Todesfee oder Geisterfrau) bezeichnet in der keltischen Mythologie und im irischen Volksglauben einen weiblichen Geist, dessen Erscheinen den bevorstehenden Tod ankündigt. Das Projekt scheute keinerlei Grenzen zwischen den Musikstilen Noise, Improvisation, Jazz oder Experimental. Zu Beginn mischte sich eine Kakophonie an Geräuschen, Klängen und Stimmen, rhythmische Akzente mit verzerrtem E-Bass plus Tuba mit Effekten eher verstörend, das spätere Kreischen aller Frauen nicht schön, aber eindrücklich. Dass BANSHEE an Halloween auftrat konnte kein Zufall sein. Hexen und an den Sommer erinnerndes Vogelzwitschern, Motive, die in Circles wiederkehren wie im klassischen Rondo und Sounds über allem: Motive in den Stimmen in sehr rhythmischen Silben, die die rhythmischen Ideen vom Anfang widerspiegeln, Multiphonics im Altsax, die wie Glocken klingen, Akkorde über Effekte in der Tuba, was  wie eine Orgel klang. Der Eindruck von Krach legte sich, BANSHEE war sehr präzise einstudiert und hatte gar nichts Ungefähres. Der Gesangsteil zum Schluss mit demselben Motiv, das sich zu Dreiklängen aufbaute und einstimmig verklang, liess das Publikum beeindruckt zurück.

Ein bisschen leichtere Kost versprachen die kleineren Formationen, Saxophonist David Murray verband in seinem Gig Tradition und Moderne, liess seine Rhythmusgruppe mit Pianistin Marta Sánchez durch seine „Birdly Serenade“ swingen und zwitscherte und grollte auf dem Tenorsaxofon dazu. Der Name des mittlerweile 70jährigen Saxophonisten und Bassklarinettisten war eines der bekannteren Zugpferde des Jazzfests.

Im Anschluss an seinen  Gig durfte das Publikum eines der Highlights des Festivals erleben: Drummer Makaya McCraven liess die Bühne brennen, seine Mischung aus komplexen Beats, klaren Strukturen und einer fantastischen Band begeisterte, vor allem Gitarrist Matt Gold liess Energiewellen über den Bühnenrand schwappen. Das neue Programm „Off The Record“ bestach durch klug eingesetzte Sounds und klare Melodien, die beim herausströmenden Publikum noch lange weitergepfiffen oder gesummt wurden.

Sperriger und trotzdem zugänglich war Mary Halvorsons neues Amaryllis Sextett. Klanglich für mich etwas gewöhnungsbedürftig, bis die Ohren Halvorsons Gitarrensound, der als einziger elektronisch verfremdet war, in das akustische Gebilde einordnete. Mit Nick Dunston am Bass, Patricia Brennan am Vibraphon (die ebenfalls mit ihrer Band am Jazzfest auftreten konnte), Tomas Fujiwara am Schlagzeug und den beiden Bläsern Adam O’Farrill (Trompete) und Jacob Garchik (Posaune) baute die Gitarristin interessante Soundscapes.

Ein weiteres Highlight war das versöhnliche Duokonzert mit langen Melodiebögen in strahlendem und sehr persönlichem Trompetenton von Wadada Leo Smith, kongenial begleitet von Vijay Iyer, mit dem der mittlerweile 83jährige seit über 20 Jahren zusammen spielt. Eine wunderbare Symbiose in Klang und Zusammenspiel im „Defiant Life“ (trotziges Leben) überschriebenen Programm liess das Publikum atemlos. Man hätte Stecknadeln fallen hören können. Wadadas Strahlkraft der Trompete, kombiniert mit Glockenschlägen am Klavier und Donnergrollen in der Tiefe berührte sehr emotional. Versöhnlich, mehr Klang und Melodien als Sounds, auch in dreckigen lange Noten machten das Konzert der vermutlich letzten Europa-Tournee des wichtigen Trompeters besonders.

Wenn Vijay Iyer wuchtige Noten in der Tiefe und Blockchords in der rechten Hand spielt, auf der Trompete Bluesmelodien entstehen und Formen, nicht nur Strukturen und Akkordfolgen und modale Schichtungen auftauchen, lässt die Musik den Zuhörer in Zeiten des Flächenbrandes allenthalben aufatmen.

Pat Thomas zeigte in einem viel zu kurzen Klaviersolokonzert, wie der Flügel auf der Bühne der Berliner Festspiele klingen kann – Schönklang tauchte nur am Rande auf, der Flügel klingt scharfkantig, brüchig in der Musik, die im Schwebezustand zwischen zeitgenössischer E-Musik und Jazztradition steht. Letztere blitzt immer wieder auf, wie ein Taucher, der zum Luftholen an die Oberfläche kommt. Stridepiano und kurze swingende Passagen beruhigen die schwere See, bevor wieder Cluster hereinbrechen. Solche Gewalt fordert Zugaben – hier forcierte Pat Thomas seine brillante Version des Monk-Klassikers „Evidence“ aus dem Flügel.

Auch Sakina Abdou spielte solo – die französische Saxophonistin erforschte die Klangmöglichkeiten der Gedächtniskirche. Letztes Jahr war sie in Eve Rissers Desert Orchestra zu hören, jetzt 20 Minuten solo auf dem Tenorsax. Das Spektrum war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend – Flageloettnoten und Upper Structures standen gegen ganz leise Subtones, lange Noten entwickelten sich, flirrende Arpeggios veränderten sich in der Intensität wie ein Filter. Und Abdou versteht es meisterlich, die
Intensität mit oder gerade trotz Zirkularatmung hochzuhalten, die ihr nicht nur Mittel zum Zweck ist.

Solo war auch die diesjährige Preisträgerin des Albert Mangelsdorff Preises zu erleben, die Stimmkünstlerin Lauren Newton zeigte flüsternd, brummelnd, quietschend und zischend, zu was die menschliche Stimme fähig sein kann. Mit ihrer Partnerin in Crime seit 31 Jahren, der Kontrabassistin Joëlle Léandre liess sie viel Humor aufblitzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die diesjährige Ausgabe des Jazzfests interessante neue Blickwinkel im Jazz ausleuchtete und viel Risiko wagte. Das Motto war mehr als klug gewählt, wobei sich die Frage stellt, wie der Widerstand und der Einsatz für etwas Besseres von Jazzmusikern bewerkstelligt werden kann. Die momentane politische Lage der Welt ist herausfordernd, was sich in der Kunst widerspiegeln muss. Eine mögliche Antwort gab es in den Artist Talks – Community schaffen und Community Projekte zum Zusammenhalt zu gründen, das nannte Vibraphonist Stefan González als seine Lösung in seinem Umfeld.

Community fördern ist mit den Jazz Labs schon fest im Jazzfest Berlin verankert, in diesem Jahr wurde ein Film mit vielen Vereinigungen und Nachbarschaftsprojekten aus Berlin-Moabit produziert und Konzerte des Moabit Imaginariums veranstaltet.

Widerstand ist scharfkantig und direkt, was sich auch in der Musik des Jazzfests zeigte. Kurze Motive, signalartige Warnungen und viele Geräusche bestimmten die Musik. Doch auch eine behutsame, langsame Melodie in Schönheit kann zusammenbringen. Das bewiesen Makaya McCraven und Wadada Leo Smith mit ihren sehr unterschiedlichen, aber doch eindringlich eingängigen Melodien, die die Zuhörer mit nach Hause nehmen konnten.

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Fabian Schelhorn, Camille Blake

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