Jazzkaar 2026 in Tallinn – Auftakt zwischen Frauenpower und Flamenco

Von Angela Ballhorn

Facts:
Die mittlerweile 37. Ausgabe der Jazzkaar findet im estnischen Tallinn statt. Kuratiert wird das Festival immer noch von der Gründerin Anne Erm, einer ehemaligen Musikredakteurin und Komponistin. Erm war ebenfalls Mitglied des Collage-Ensembles, das erstmals Folkelemente mit anderen Musikstilen verwob. Die 1943 geborene Organisatorin stemmt mit ihrem fast ausschließlich weiblichen Team ein Festival, das in den letzten Jahren über 20.000 Besucher anzog.

Jazzkaar
Jazzkaar, Foto: Sven Tupits

Jazz ist in dem kleinen baltischen Land (1,3 Millionen Einwohner) wichtig, die freiheitsliebende Musik hat als besonderes Alleinstellungsmerkmal, dass viele Bands Jazzelemente mit der eigenen Folklore verknüpfen.

Die Jazzkaar hilft, die eigene Musikszene sichtbar zu machen. Viele einheimische Musiker stellen Ende April neue Alben und Projekte vor, können vielleicht im Rahmen des Festivals auch in Tartu, Polvä oder Otepää auftreten. Sie lernen Jazzmusiker aus anderen Ländern kennen, Musiker, die sie schon seit Jahren bewundern und die sie nun endlich auf Bühnen der Telleskivi Creative City hören kann. Und manchmal sogar von ihnen lernen kann, denn viele der Musiker geben Workshops an der Musikhochschule, geben bereitwillig in moderierten Gesprächen Auskunft oder mischen an den Jamsessions mit.

Die Mischung aus jungen, aufstrebenden Talenten, etablierten einheimischen Musikern und bekannten Jazzgrössen aus aller Welt bildet eine wunderbare Melange für eine Woche voller Musik. Die Konzerte in der estnischen Hauptstadt finden meist abwechselnd im grossen Van Grahl Theatersaal und dem kleineren Saal des Fotografiska statt.

Hauskonzerte vervollständigen die Auftrittsorte, in diesem Jahr öffneten Musiker ihre Türen und boten Kollegen und einem handverlesenen Publikum eine Bühne.

Opening mit Frauenpower und Posaunenwucht

2026 eröffnete die Bassistin Mingo Rajandi das Festival. Ihr „Lady Sapiens“-Projekt war schon in seiner Besetzung besonders: Zwei Kontrabässe, Cello und Geige kombiniert mit Stimmen und Elektronik ist nicht stromlinienförmig, aber auch ohne grossen Knall, den eine Bigband liefern würde. Die estnische Musikerin Rajandi lotet seit Jahren in immer ungewöhnlichen Besetzungen ebenso ungewöhnliche Thematiken aus. Ursprünglich war das Kommissionswerk für drei Kontrabassistinnen und eine Serpent-Spielerin konzipiert, in Tallinn wurde die Besetzung zu zwei Kontrabässen, Cello und Geige / Elektronik geändert. Weibliche Power zur Rolle der Frau in der Geschichte: Da wurde gezupft, gestrichen und elektronisch variierte Beats und Sounds von Marja Nuut in das akustische Setting eingestreut.
Eine sehr eigenwillige Eröffnung, die aber schon einen ersten  Ausblick auf die große kreative Power der estnischen Jazzszene zeigte.

Der Franzose Robinson Khoury mit seinem fantastischen MŸA Trio begeisterte im kleineren Saal des Fotografiska, der Posaunist griff wie immer tief in die Trickkiste, denn Posaune funktioniert durchaus auch ohne Schallbecher, und seine eigentümliche Lure passt ebenfalls perfekt in seine musikalische Welt. Die verschmilzt gekonnt verschiedene Kulturen und zeigt, wie Integration und Verbindung von zivilisatorisch scheinbar Unüberbrückbarem gelingen kann. Khourys Schlagzeugerin Anissa Nehari ist eine Zauberin von fragilem Geflecht und wuchtigem Groove. Jazzkenner, die Khourys Auftritte kennen, mögen anmerken, dass seine Auftritte mit dem Trio immer derselben Dramatik folgen, doch dem estnischem Publikum, die das fulminante Trio erstmals erleben konnten, war das herzlich egal.

Da der erste Konzertabend an einem Samstag war, wurden zwei musikalisch zugänglichere Acts für grösseres Publikum angehängt. Gitarrist Erki Pärnoja, in klassischer Musik ebenso als Komponist zuhause wie in Jazz und Rock, ist ein häufig gesehener Gast am Festival. Er feierte mit seiner Rockband das zehnjährige Jubiläum seines Debütalbums „Himmelbjerget“. 2016 konnte er an der Jazzkaar debütieren und freute sich, eine grosse Fangemeinde begrüssen zu können. Pukk Brings Dilla beendete den ersten Abend mit tanzbaren Grooves.

Jazzkaar
Jazzkaar, Foto: AliisKampus

Frisell und Flamenco

Der Festival-Sonntag steht immer im Zeichen der freien Konzerte, lokale Bands vor allem der verschiedenen Gesangs- und Musikschulen dürfen ihre Qualität zeigen. Besonders beachtlich war hier die MUBA Bigband, die sich der Musik der Funkband Lettuce verschrieben hatte und schon um die Mittagszeit die Funken sprühen liess.

Das offizielle Programm des zweiten Abends konnte kaum gegensätzlicher sein, kammermusikalisch sehr feinen und kommunikativen Hochgenuss zelebrierte Gitarrist Bill Frisell mit Bratscher Eyvind Kang, bevor Saxofonist Antonio Lizana mit seiner fulminanten Band die Sonne Südspaniens auf die Bühne brachte. Flamenco-Rhythmen und vor allem Tänzer El Mawi liessen das kalte Aprilwetter vor der Tür vergessen.

Antonio Lizana gab am nächsten Morgen eine Masterclass für interessierte Studenten an der Hochschule, er demonstrierte seinen Approach der südspanischen Musik und wie er Flamenco und Jazz auf dem doch für den Musikstil eher untypischen Instrument Saxofon vereint.

Für das junge musikbegeisterte Publikum sang und spielte am Abend Jordan Rakei in der mehr als gut besuchten Alexela Arena. Mir zu meiner Schande total unbekannt, spielte sich der Sänger und Multiinstrumentalist Rakei mit seiner kleinen Band durch ein gefälliges Soul- und R’n’B-Programm.

Session: Bop, Never Stop!

Der interessantere Teil des Abends schloss sich direkt an, in einer Kelleretage am Freiheitsplatz liegt der Club Philly Joe’s, der Jazzclub hat ein ausgewogenes Programm mit Blues, Jazz, Sessions und manchmal auch internationalen Bands. Letzteres ist nicht selbstverständlich, denn Estland liegt eher selten auf dem Tourplan der Jazzgrössen. Die spielen normalerweise an der Jazzkaar oder müssen eine gut organisierte Tour durch das komplette Baltikum mit allen Anrainerstaaten haben, um rentabel zu sein.

An dem Abend spielte die nächste Jazzgeneration Estlands und die Openerband mit unter anderem Mikk Kaasik (Klavier), Marten Männa (Drums) und Nikita Korzoun (Altsax) spielten Standards und Eigenkompositionen im Hardbopstyle, als ob ihr eigenes Leben davon abhängen würde. Die Zukunft des Jazz in Estland ist auf jeden Fall gesichert, wenn Musiker, die noch nicht einmal 25 Jahre alt sind, so mitreissend improvisieren können.

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Sven Tupits, Aliis Kampus, Raul Ollo, Siiri Männi, Anneli Ivaste

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