Rezension des Albums "Dialoge" von Johanna Summer
Johanna Summer
Dialoge
Erscheinungstermin: 29.05.2026
Label: ACT, 2026
Wo zwei Klaviere dieselbe Seele finden
Manchmal genügt ein einziger erster Ton, um zu spüren, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Genau dieses Gefühl begleitet Dialoge von Johanna Summer von der ersten Minute an. Das Album vereint vier Klavierduos mit Claire Huangci, Kit Armstrong, Danae Dörken und Igor Levit – Begegnungen, die sich zwischen Komposition und Improvisation, zwischen klassischer Tradition und gegenwärtiger musikalischer Freiheit bewegen.
Das Besondere an diesem Projekt liegt bereits in seiner Entstehung. Johanna Summer wusste bis zum ersten gespielten Ton nicht, welche Werke ihre Duopartner ausgewählt hatten. Um jeder vorgefassten Vorstellung aus dem Weg zu gehen, verließ sie sogar den Raum, während sich ihre Gäste einspielten. Erst im eigentlichen musikalischen Moment begann der Dialog – spontan, offen und voller gegenseitiger Neugier.
Aus dieser ungewöhnlichen Arbeitsweise entsteht eine faszinierende Spannung. Die Musik wirkt niemals kalkuliert oder geplant, sondern entwickelt sich aus dem aufmerksamen Zuhören und dem intuitiven Reagieren. Jeder Titel erzählt seine eigene Geschichte und öffnet einen Raum, in dem sich zwei musikalische Persönlichkeiten begegnen, ohne ihre Individualität aufzugeben.
Beim Hören entsteht unweigerlich das Gefühl, Zeuge eines einzigartigen Ereignisses zu sein. Jede Phrase trägt den Charakter des Augenblicks, jede improvisatorische Wendung scheint aus gegenseitigem Vertrauen und großer musikalischer Sensibilität zu entstehen. Gerade darin liegt die besondere Schönheit dieses Albums: Es dokumentiert keine perfekte Aufführung, sondern einen lebendigen kreativen Prozess.
Johanna Summer bestätigt einmal mehr ihre außergewöhnliche Stellung unter den bedeutendsten Pianistinnen ihrer Generation. Für sie ist das Klavierspiel weit mehr als Virtuosität oder technische Meisterschaft – es ist eine Sprache, mit der sie Gedanken, Emotionen und spontane Einfälle unmittelbar ausdrückt. Ihre enorme musikalische Sensibilität ermöglicht es ihr, sich auf jede Begegnung einzulassen und daraus etwas völlig Eigenständiges entstehen zu lassen.
So überschreitet Dialoge mühelos stilistische Grenzen. Die Musik lässt sich weder eindeutig der Klassik noch dem Jazz zuordnen. Sie bewegt sich frei zwischen beiden Welten und schafft dabei einen eigenen künstlerischen Raum, in dem Kategorien ihre Bedeutung verlieren.
Am Ende bleibt schlicht die Erkenntnis, dass große Musik keine Etiketten benötigt. Dialoge ist ein Werk voller Intelligenz, Mut und poetischer Schönheit – und eines jener seltenen Alben, die man nicht analysiert, sondern erlebt.
(Jacek Brun, 06.06.2026)
Besetzung
Johanna Summer - piano
Claire Huangci - piano
Danae Dörken - piano
Kit Armstrong - piano
Igor Levit - piano
Titelliste
- Arrival
- Sostenuto E Cantabile
- Obstinacy
- On A Mission
- Fugatino
- Espressivo, Poco Animato
- I Can Only Be Me
- Silhouettes
- For Lila Lalaouni
- Andantino De Clara
- Mirage
- Adagio
- Laughing Buddha
- Seeing Faces
- Evening Edge
- Andante Semplice
- Douce Dame Jolie
- Blue Deep
- Deva King
- Your Embrace
- Allegro Con Brio
- Sergei's Spirit
- Blutmond
- Silence, After The Temple Gon
- Departure
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