Rezension des Albums "Roma" von Keith Jarrett

Keith Jarrett - Roma - Album cover
Keith Jarrett - Roma

Keith Jarrett
Roma

Erscheinungstermin: 06.11.2026
Label: ECM, 2026

Keith Jarrett - Roma - bei JPC kaufen

Ein Vermächtnis: Die Vollendung eines einzigartigen Lebenswerks

jazz-fun`s recap:

ECM veröffentlicht den Live-Mitschnitt von Keith Jarretts am 12. Juli 2016 in Rom gespieltes Konzert und vollendet damit ein Lebenswerk.

Leider, denn der inzwischen 81 Jahre alte Keith Jarrett „fühlt sich nicht mehr“ – so formulierte er das selbst in einem Interview mit der New York Times – „als Pianist“. Nach zwei Schlaganfällen im Jahr 2018 kann er nur noch mit der rechten Hand Klavier spielen. Aber das – auch das sagte er in dem Interview – überzeuge ihn nicht: „Ich habe sogar Träume, in denen ich so beeinträchtigt bin, wie ich es in Wirklichkeit bin – ich versuche also in meinen Träumen zu spielen, aber es ist genau wie im echten Leben.“ Welche Tragik das für jemanden bedeutet, der sich zeit seines Lebens als Pianist verstanden hat, wird nur er selbst ganz ermessen können.

Keith Jarrett, am 8. Mai 1945 geboren und aufgewachsen in Allentown, Pennsylvania, galt schon früh als Wunderkind. Der Familienüberlieferung zufolge war er drei Jahre alt, als er erstmals auf dem Klavier improvisierte, nachdem eine Tante auf einen nahegelegenen Bach gedeutet und ihn aufgefordert hatte, dessen Plätschern musikalisch umzusetzen.

Die beiden Schlaganfälle sind nicht der erste schwere Schicksalsschlag in Jarretts Leben. Drei Jahre lang litt er an einer kräftezehrenden, rätselhaften Krankheit, dem Chronischen Fatigue-Syndrom. Sich mühsam davon erholend, nahm er in seinem Heimstudio einige Balladen aus dem Great American Songbook auf, die später von ECM unter dem Titel „The Melody at Night, With You“ veröffentlicht wurden – eines der schönsten und vielleicht das am tiefsten berührende Album von Keith Jarrett. Danach spielte er auch wieder mit seinem langjährigen Trio, zu dem der Schlagzeuger Jack DeJohnette und der Bassist Gary Peacock gehörten, die inzwischen beide verstorben sind. Und er gab auch wieder Solokonzerte, mit denen er einst seinen legendären Ruf begründet hatte.

Ein letztes Mal begab er sich im Jahr 2016 auf eine Europatournee: Nachdem er zunächst noch drei Konzerte in den USA gegeben hatte (am 9. Februar in New York City, am 29. April in Los Angeles und am 2. Mai in San Francisco), reiste er nach Budapest (3. Juli), dann weiter nach Bordeaux (6. Juli), Wien (9. Juli), Rom (12. Juli) und München (16. Juli).

Alle fünf Konzerte dieser letzten Europatournee wurden von ECM mitgeschnitten und veröffentlicht, allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge: Das letzte Konzert in München erschien zuerst (2019), das vorletzte in Rom erscheint erst jetzt, zehn Jahre nach dem Aufnahmetermin. Welcher Dramaturgie diese Veröffentlichungspolitik folgt, erschließt sich wohl nur den Labelverantwortlichen und dem Künstler selbst: Keith Jarrett soll von dem im Jahr 2020 veröffentlichten Auftaktkonzert der Europatournee in Budapest so begeistert gewesen sein, dass er sogar in Erwägung zog, das Album „The Gold Standard“ zu nennen. Was er auf „eine gewisse Nähe zu dieser Kultur“ zurückführte: Seine Großmutter mütterlicherseits war Ungarin, und Keith Jarrett spielte schon in frühen Jahren gern die Musik von Béla Bartók. Das allerletzte Konzert seiner Karriere spielte Keith Jarrett dann am 15. Februar 2017 im Isaac Stern Auditorium der Carnegie Hall in New York City – ein für den März 2018 geplantes Folgekonzert am selben Ort musste bereits abgesagt werden.

Was also bleibt von dieser staunenswerten Karriere, die so abrupt beendet werden musste? Ein staunenswertes, ja einzigartiges Werk. Wer sich alle fünf nun komplett vorliegenden Aufnahmen der letzten Europatournee anhört und miteinander vergleicht, der wird Keith Jarrett – der an seinem eigenen musikalischen Rang kaum Zweifel zu haben schien – zustimmen: So, wie sich alle Saxofonisten nach John Coltrane immer auch an John Coltrane messen lassen müssen, bleiben Keith Jarretts Solokonzerte wohl für immer der Goldstandard für improvisierenden Pianisten. Da ist zum einen seine beneidenswerte Technik in der linken wie der rechten Hand, die er jede für sich und gern kontrapunktisch ineinander verschlungen gleichermaßen frei und verblüffend virtuos über die 88 Tasten zu bewegen versteht. Da ist zum anderen seine profunde Kenntnis der klassischen wie der zeitgenössischen Klavierliteratur, auch des Great American Songbooks. Und da ist nicht zuletzt die empfindsame Künstlerseele, die es ihm wie seinem Publikum bei seinen Auftritten nicht immer ganz leicht gemacht hat, aber wohl doch die Voraussetzung war für seine ganz eigene Kunst.

Alle fünf Konzerte der Europatournee zeigen einen Keith Jarrett auf dem Zenit seiner Kunst. Sie sind völlig frei improvisiert und folgen doch einem sich ähnelnden Spannungsbogen: Da ist, auch in „Roma“, der wild chromatische Aufbruch in die dann doch jeden Abend wieder neuen Gefilde, eine stürmische, in der beidhändigen Spieltechnik aberwitzige Eroberung der musikalischen Leinwand, die an Jackson Pollocks Action Paintings erinnert. Wie dieser mit dem Pinsel die Farben auf das neutrale Weiß schleuderte, scheint auch Jarrett zunächst allein seinem musikalischen Instinkt zu folgen, ohne selbst zu wissen, wohin ihn das Ganze führen wird. Doch schon in der Mitte des ersten der  zehn Teile, in die das Konzert gegliedert ist, verlangsamt er das Tempo, hält inne, modelliert einzelne Töne in kristalliner Schönheit, fügt sie zu Harmonien, löst sie wieder auf, wird rhythmisch-nachdrücklich, lyrisch-verspielt, lässt gar so etwas wie eine zarte Melodie erahnen, ehe „Part I“ sanft verklingt. Was in den übrigen neun Teilen des Romkonzerts folgt, ist ein Parforce-Ritt durch Keith Jarretts große Kunst, die sich über die Jahre auf ein Niveau erhoben hat, das jenes seines größten kommerziellen Erfolgs – The Köln Concert von 1975 – meilenweit hinter sich lässt.

Wir hören vergrübelt Suchendes, zart Angetupftes, verspielt Tänzerisches, melodieseelig Verträumtes, bluesig Illuminiertes und immer mal wieder wütend Attackierendes sowie schließlich als Zugabe einen überwältigend schönen Auszug aus dem Standards-Kosmos: Im Santa Cecilia-Saal in Roms Parco della Musica war das einmal mehr „Somewhere Over the Rainbow“, das er auch in München und Wien gespielt hatte, und „It's A Lonesome Old Town“, mit dem er schon in Budapest und München das Publikum zutiefst berührt hatte. Alles in allem fügen sich die fünf Konzerte seiner letzten Europatournee zu einem künstlerischen Vermächtnis, ja zur Vollendung von Keith Jarretts ganz eigenem, einzigartigem Lebenswerk: Das bleibt.

(Robert Fischer, 06.11.2026)

Besetzung

Keith Jarrett - Klavier

Titelliste

  1. Roma, Part I
  2. Roma, Part II
  3. Roma, Part III
  4. Roma, Part IV
  5. Roma, Part V
  6. Roma, Part VI
  7. Roma, Part VII
  8. Roma, Part VIII
  9. Roma, Part IX
  10. Roma, Part X
  11. Somewhere Over The Rainbow
  12. It's A Lonesome Old Town

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 8 und 4?