Kerim König - grounded
Kerim König
grounded
Erscheinungstermin: 11.10.2024
Label: Hey!blau Records, 2024
Es handelt sich um eine äußerst kunstvolle Musik, bei der es faszinierend ist, die verschiedenen musikalischen Wege, Bezüge und Stilisierungen nachzuvollziehen. Die Musik, die wir hier hören, ist voller Leichtigkeit, Schwung und Raum. Die elektronischen und solistischen Teile, die perfekt gespielt sind und klingen, sind einfach faszinierend. Was ich vermisse, ist das Ausbreiten der Flügel in den Improvisationen, aber da ich die Fähigkeiten dieser Künstlerinnen und Künstler kenne, bin ich der Meinung, dass dies eine bewusste Anstrengung des Leaders ist. Ein schönes und hörenswertes Album. (Jacek Brun, 25.10.2024)
Besetzung
String orchestra: Scoring Berlin
Andreas Lange - Orchestration
Mayuko Miyata - Piano
Teresa Bergman - Vocals
Kerim König - Electronic programming
Über das Jazz Album von Kerim König - grounded
Seit Jahrhunderten sind es dieselben zwölf Töne, und doch gelingt es findigen Komponisten immer wieder, aus diesem recht übersichtlichen Baukasten neue Kombinationen zu zaubern, die wir Musik nennen. Der traditionelle Begriff des Komponisten könnte frei mit Tonsetzer übersetzt werden. Ein populäres Online-Lexikon drückt es etwas umständlicher aus: „Verfasser von zur Aufführung bestimmten Notentexten". Auf den Berliner Klangmagier Kerim König trifft das nur bedingt zu. Natürlich versteht er sich auf das Komponieren, das Tonsetzen und das Verfassen von Notentexten. Aber er kann noch viel mehr. Denn nicht erst auf seinem neuen Album „grounded" erweist er sich als unübertroffener Meister der äußerst seltenen Kunst der Psychoakustik.
Ein Klang schwillt an, greift nach dem Puls, gewinnt an Intensität. Eine Stimme legt sich wie Morgennebel über die Klänge und dringt in lichte Höhen vor. Aus dem Verklingen entstehen neue, wandelbare Ornamente wie Wolken am blauen Firmament. Ein Streichorchester, die nonverbale Stimme der Sängerin Teresa Bergman, das sanfte Klavier von Mayuko Miyata und zahlreiche dezent eingesetzte Synthesizer und Elektronik durchdringen sich zu einem Ganzen, das weit mehr ist als die Summe seiner Teile. Das sagt sich so leicht, doch auf „grounded" spielen die genannten Partikel nur noch insofern eine genuine Rolle, als sie eben ein nicht wegzudenkender Teil des erst dadurch entstandenen Ganzen sind. Streicher sind nicht mehr Streicher, Singstimme und Klavier nicht mehr Singstimme und Klavier und Elektronik nicht mehr Elektronik, sondern unter der Hand von Kerim König und Tonmeister Wolfgang Schiefermair wird alles zu einem geerdeten Klangraum.
„grounded" öffnet eine Tür. Dahinter verbirgt sich ein Safe Space, der Zuflucht in unruhigen Zeiten bietet. „grounded" legt sich wie ein sanftes Bad um unser von Hoffnungen und Ängsten, Erwartungen und Enttäuschungen, Gewinnen und Verlusten geprägtes Innenleben und lässt uns innehalten und nachdenken. Man kann sich in dieser Musik ausstrecken, den Kopf ausschalten und sie um sich herum fließen lassen. Die Herausforderung für Kerim König bestand darin, das empfindende Ohr von allen anderen Herausforderungen zu befreien.
Kerim König ist ein erfahrener Filmkomponist, der es routiniert versteht, bewegte Bilder in Klänge zu übersetzen. Bei „grounded" funktioniert es genau umgekehrt. Die Musik generiert ihre Bilder selbst, die in der Phantasie des Hörers neue Handlungsstränge entstehen lassen. König macht seinen Rezipienten keine Vorgaben. Der Unterschied zu seinen Soundtracks besteht darin, dass er bei Filmmusiken an Vorgaben gebunden und damit in seiner kreativen Eigenverantwortung eingeschränkt ist. Die Freiheit, den Fahrplan für seine eigenen Platten selbst zu entwerfen, schätzt er sehr. „Manchmal lasse ich mich von Fotos, Gemälden oder Kunst im Allgemeinen inspirieren oder habe eigene Bilder im Kopf, die der Musik zugrunde liegen. Die visuelle Komponente ist mir sehr wichtig. Auch wenn ich mich hier von den Vorgaben der Filmmusik befreie, ist mir der Umgang mit den Klangbildern, die ich aus der Filmmusik kenne, sehr wichtig. Während der Arbeit an "grounded" habe ich mich auch viel mit Ryuichi Sakamoto beschäftigt, dessen Einfluss man vielleicht an der einen oder anderen Stelle heraushören kann.
„grounded" ist Königs erste Arbeit mit einem Streichorchester. Für ihn ist damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen. Die Freude darüber ist ihm auch Monate nach der Aufnahme noch anzusehen. „Früher habe ich aus Kostengründen immer mit Streichersamples oder einfach mit kleineren Besetzungen gearbeitet. Als die Aufnahmen mit den Streichern begannen, bekam ich eine Gänsehaut. In diese Richtung würde ich gerne weiterforschen und vielleicht auch mal etwas für ein ganzes Orchester schreiben: Die Streicher-Samples werden zwar immer besser, aber die Erfahrung mit echten Streichern ist immer noch ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Alle anderen Mitwirkenden gehören zu einem festen Stamm von Musikern, mit denen der Berliner seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammenarbeitet. Diese Kontinuität bedeutet ihm viel, denn auch wenn er mit jeder Veröffentlichung neues Terrain betritt, so begibt er sich doch von Album zu Album auf eine Gratwanderung, die sich nicht nur zu einem zielstrebigen Weg der Vervollkommnung verdichtet, sondern auch ein vor fast zehn Jahren begonnenes Vokabular festigt. Sein Repertoire wird oft mit den Klangschöpfern des sogenannten Neoklassizismus wie Max Richter oder Jóhann Jóhannsson in Verbindung gebracht, doch auf „grounded" erreicht er eine Ebene der Unvergleichlichkeit, die ein eigenes Referenzsystem schafft. Königs Musik kommt ohne Bezeichnungen und Beipackzettel aus, sie ist einfach, was sie ist. „Ich habe selten ein richtiges Konzept", erklärt König dieses Phänomen. „Ich will vor allem berühren. Ich setze mich ans Klavier, probiere verschiedene Dinge aus und habe viel Spaß daran, dieses Puzzle zusammenzusetzen. Emotionen sind für mich das Wichtigste.
Kaum vorstellbar, wenn man Königs Musik heute hört: Der Berliner kam zur Musik über die Gitarre und seine Liebe zur britischen Metal-Band Iron Maiden, deren Stücke er zunächst nachspielte. Diese selbst auferlegte Schule lehrte ihn früh den intensiven Umgang mit Dynamik und eine musikalische Dramaturgie, in der Traditionelles und Neues, Akustisches und Elektronisches zu einer stufenlosen, hierarchiefreien Einheit finden. Unabhängig von der verwendeten Quelle wird alles zu Klang. "Ich versuche, alles fein zu dosieren", lautet Königs Geheimnis. „Grundsätzlich finde ich es spannend, elektronische Elemente in einen klassischen Kontext einzubinden. Bei vielen Stücken gibt es am Anfang mehr elektronische Elemente. Dann merke ich, dass ich wieder ein bisschen herausfiltern muss. Wenn Wolfgang Schiefermair und ich das Album abmischen, können wir dann noch an der Balance arbeiten und bestimmte Elemente etwas mehr in den Hintergrund mischen. Und wenn es nicht passt, gibt es auch mal gar keine elektronischen Elemente. Es geht immer um das Stück."
„Grounded" ist Musik, in der man sich schnell verlieren kann. Nun gibt es zwei Arten, sich zu verlieren. Entweder man fühlt sich wirklich verloren, oder man verliert sich so sehr, dass man sich am Ende geborgen fühlt. Auf seinem bisherigen Opus magnum „grounded" gelingt Kerim König nichts weniger als das Paradoxon der vehementen Geborgenheit.
Titelliste
- Prelude
- Broken
- Cold Nights - Orchestral Version
- Undaunted
- Monologue
- On a Journey
- Finally
- Ikigai
- Lights
- E-Postlude
jazz-fun`s recap:
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