Rezension des Jazz-Albums "The Solastalgia Suite" von Kris Davis and the Lutosławski Quartet
Kris Davis and the Lutosławski Quartet
The Solastalgia Suite
Erscheinungstermin: 09.01.2026
Label: Pyroclastic Records, 2025
Klang gewordene Trauer, Widerstand und leise Hoffnung
The Solastalgia Suite ist das erste Werk für Klavier und Streichquartett der kanadischen Pianistin und Komponistin Kris Davis – und zugleich ein Album von großer emotionaler Wucht. Eingespielt wurde die achtteilige Suite vom renommierten polnischen Lutosławski Quartet, dessen präzises, zugleich zutiefst empathisches Spiel den kompositorischen Intentionen von Davis eine eindringliche Ausdruckskraft verleiht.
Die Musik bewegt sich zwischen elegischen Momenten, rebellischer Energie, vorsichtiger Zuversicht und kontemplativer Ruhe. Sie spiegelt einen Zustand wider, den der Philosoph Glenn Albrecht mit dem Begriff Solastalgia beschreibt: die Trauer und Verunsicherung angesichts einer sich unwiderruflich verändernden Umwelt. Kris Davis greift diesen Gedanken auf und übersetzt ihn in Klang – als musikalische Reaktion auf den zunehmenden ökologischen und gesellschaftlichen Wandel.
„Wenn ich nach Hause nach Kanada zurückkehre, sehe ich die Veränderungen“, sagt Davis. „Das Klima ist anders, die Beziehung zur Natur hat sich verschoben – ebenso unser Umgang mit Technologie.“ In dieser Musik geht es nicht um plakative Anklage, sondern um ein tief empfundenes Innehalten, um Verlust, Ohnmacht, aber auch um das Bedürfnis nach Orientierung und Beständigkeit in einer fragilen Welt.
Diese Suite lässt sich nicht beiläufig hören. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, sich auf ihre innere Spannung einzulassen. Wer sich zudem mit den Texten und Gedanken Glenn Albrechts beschäftigt, wird die emotionale und philosophische Tiefe dieses Werks noch intensiver erfassen. Die Musik ist durchzogen von Nostalgie, von einer Sehnsucht nach Stabilität – und zugleich von dem Wissen um die Unumkehrbarkeit vieler Entwicklungen.
Das Lutosławski Quartet – benannt nach dem großen polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts – wurde 2007 gegründet und hat sich durch zahlreiche genreübergreifende Kooperationen einen Namen gemacht, u. a. mit Vijay Iyer, Craig Taborn, Uri Caine oder Kenny Wheeler. In der Besetzung Roksana Kwaśnikowska (1. Violine), Marcin Markowicz (2. Violine), Artur Rozmysłowicz (Viola) und Maciej Młodawski (Cello) interpretieren sie die Musik von Kris Davis mit beeindruckender Virtuosität, Sensibilität und einem tiefen Verständnis für deren emotionale Dimension.
The Solastalgia Suite ist kein leicht zugängliches Album – aber eines, das jede investierte Minute reich belohnt. Eine intensive Hörerfahrung, die lange nachwirkt und uns zwingt, über unsere Beziehung zur Welt, zur Natur und zu uns selbst nachzudenken.
(Jacek Brun, 17.01.2026)
Besetzung
Kris Davis - piano and composition
Lutosławski Quartet:
Roksana Kwaśnikowska - first violin
Marcin Markowicz - second violin
Artur Rozmysłowicz - viola
Maciej Młodawski - cello
Titelliste
- Interlude
- An Invitation to Disappear
- Towards No Earthly Pole
- The Known End
- Ghost Reefs
- Pressure & Yield
- Life on Venus
- Degrees of Separation
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben