Louis Matute - Dolce Vita

Louis Matute - Dolce Vita - Album cover
Louis Matute - Dolce Vita

Louis Matute
Dolce Vita

Erscheinungstermin: 09.01.2026
Label: naïve, 2025

Louis Matute - Dolce Vita - bei JPC kaufen

jazz-fun`s recap:

Neben den unbestreitbaren musikalischen Qualitäten trägt Dolce Vita eine inhaltliche Tiefe in sich, die man nicht überhören sollte. Dieses Album erzählt von Geschichte, von politischen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten – und davon, wie wichtig es ist, über jene dunklen Kapitel zu sprechen, die sich hinter der Fassade einer vermeintlich zivilisierten Welt verbergen. Der erzählerische Kern ist nicht bequem und nicht immer eindeutig, gerade deshalb verdient er Aufmerksamkeit.

Louis Matute selbst bringt es auf den Punkt:
„Dieses Album ist mehr als nur Musik – es ist eine Suche nach Identität. Dolce Vita erzählt von der Flucht meiner Familie und der Rolle meines Großvaters in Tegucigalpa im Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und dessen Bestreben, Zentralamerika durch die United Fruit Company zu unterwerfen.“
Wie aktuell diese Worte heute sind, muss man kaum erklären.

Musikalisch verbindet Dolce Vita zeitgenössischen Jazz mit Elementen aus Popkultur, urbaner Ästhetik und einer offenen, suchenden Klangsprache. Es ist ein kreativer Schmelztiegel, in dem Kompositionen, Grooves und Instrumentalstimmen eine große erzählerische Kraft entfalten. Die einzelnen Parts greifen ineinander, wirken frisch, klug arrangiert und voller Ideenreichtum.

Ein Album, das nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden will. Dolce Vita ist Musik mit Haltung – und genau deshalb ein Werk, dem man sich unbedingt widmen sollte.

(Jacek Brun, 11.01.2026)

Musik als Erinnerung, Haltung und Gegenwart

Im März 2025 reist der Schweizer Gitarrist und Komponist Louis Matute ins legendäre Studio La Frette in der Nähe von Paris, um mit seinem bewährten, jungen franko-schweizerischen Large Ensemble ein neues Album aufzunehmen.

Lateinamerika ist schon lange eine musikalische Fantasie für Louis Matute und die Musik der unterschiedlichen Regionen des Kontinents spielt in seinen Kompositionen immer eine große Rolle. Mit dem Album Dolce Vita geht er nun in eine noch sehr viel persönlichere Richtung. Es ist von seinen eigenen familiären Wurzeln und seiner Familienhistorie im mittelamerikanischen Honduras inspiriert und durchzogen.

Hinter dem sorgenfrei erscheinenden Albumtitel verbirgt sich die äußerst dunkle und schmerzhafte Geschichte der erzwungenen Flucht von Louis’ Großvater Carlos Humberto Matute und dessen Familie vor der honduranischen Diktatur. Unter dem ironischen Motto des „schönen Lebens” taucht Louis tief in die bewegte Historie Lateinamerikas ein, das jahrzehntelang unter der brutalen Herrschaft von Militärregimen und imperialistischen Großkonzernen wie der United Fruit Company (heute Chiquita Brands) litt.

In den neuen Kompositionen findet man daher weniger die Dörfer aus Gabriel García Márquez’ Skizzen, dafür aber die Gewalt gegenüber rechtlosen Arbeitern und Arbeiterinnen und den Schmerz eines erzwungenen Exils. Das erste Stück erinnert an eines der schlimmsten Massaker auf den Bananenplantagen von Santa Marta in Kolumbien im Jahr 1928. Die Klaviermelodie trägt uns wie eine Reminiszenz in den nächsten Track „Le jour où je n’aurai d’autre désir que de partir” hinein.

Nach vielen Jahren der Militärdiktatur fanden 1971 überraschend Wahlen in Honduras statt. Der frisch gewählte Präsident Ernesto Cruz ernannte Carlos Humberto Matute zum Wirtschaftsminister. Matute hatte sich bereits zwei Jahrzehnte zuvor erfolgreich für höhere Löhne der Arbeiter eingesetzt. Während seiner Amtszeit widmete dieser sich besonders dem Kampf gegen den Analphabetismus, von dem die Hälfte der damaligen Bevölkerung betroffen war. Doch schon eineinhalb Jahre später war die kurze Demokratiephase wieder vorbei: Diktator Oswaldo López Arellano putschte sich an die Macht zurück. Das Schlagzeug und die wütende Percussion in dem Stück „Tegucigalpa 72” erinnern an diese Zeit.

Matutes Familie sah in dieser Situation die Flucht als einzige Möglichkeit. Carlos Humberto Matute wurde bedroht, da er nicht mit dem Regime zusammenarbeiten wollte, und ein Familienmitglied wurde ermordet. Über das peruanische Lima und einen Kontakt bei der UN gelang es den Matutes schließlich, nach einer Schießerei direkt vor ihrem Haus in die Schweiz zu fliehen und sich in Genf niederzulassen, wo Jahre später Louis Matute aufwuchs.

Auf dem Album ist Louis' sensible Handschrift bereits nach wenigen Takten erkennbar: die berührenden Melodien, der besondere Klang von Trompete und Tenorsaxophon – und natürlich der Gitarrist selbst, dessen bewusst seltene Soli umso mehr Wirkung entfalten. Die neuen Stücke glänzen durch das herausragende Schlagzeugspiel von Nathan Vandenbulcke, die energiegeladenen Trompetensoli von Zacharie Ksyk („Tegucigalpa 72”) und die sinnlichen Tenor-Saxophon-Soli von Léon Phal („O Que O Amor”), getragen vom Kontrabassisten Virgile Rosselet und der enormen Vielseitigkeit des Pianisten Andrew Audiger.

In poetischen Kompositionen lotet das Ensemble gemeinsam musikalische Grenzen zwischen honduranischen und brasilianischen Einflüssen, Jazz, Groove, karibischem Rock und Vintage-Texturen neu aus. Das Album wurde später mit dem Schweizer Rapper Rico TK bei dem Stück „I’ll See You Soon“ sowie mit den Stimmen von Joyce Moreno und Dora Morelenbaum, die in Brasilien bei jeweils einem Stück aufgenommen wurden, komplettiert.

Hinter dem süß und verheißungsvoll klingenden Titel „Dolce Vita” verbirgt sich eine weitaus dunklere Realität, die auch heute noch von Südamerika bis nahe an den Fluchtort der Matute-Familie reicht. Im Schweizer Ort Etoy liegt einer der beiden Hauptsitze von Chiquita Brands. 2014 wurde das Unternehmen zu einer Strafzahlung von 25 Millionen Dollar verurteilt, da es die paramilitärische Gruppe AUC finanziert hatte, die Kriegsverbrechen in Kolumbien beging.

Die Entwicklung von Louis Matute und seinem Large Ensemble zählt zu den spannendsten Entdeckungen des zeitgenössischen europäischen Jazz. Dies zeigen seine Auftritte im Rahmen der Jazzahead 2025 und vieler anderer Festivals und Clubkonzerte eindrucksvoll. Er öffnet Türen und Fenster, reist, erzählt, findet in der Menschlichkeit und in der Resilienz Heilung – und erschafft daraus Musik, die das Persönliche berührt und das Universelle anspricht. Vielleicht dürfen wir „Dolce Vita” dann doch einmal ganz wörtlich nehmen?

Text: naïve

Titelliste

  1. Santa Marta
  2. Le Jour Où Je N'aurai D'autre Désir Que De Partir
  3. Não Me Convém (Ft. Dora Morelenbaum)
  4. Les Veines Noires De Son Cou
  5. Tegucigalpa 72
  6. O Que É O Amor? (Ft. Joyce Moreno)
  7. Gringolandia
  8. I'll See You Soon (Ft. Rico Tk)
  9. Dolce Vita
  10. Lençóis De Chuva (Ft. Gabi Hartmann)

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 8 und 3?