Free at last: Lucas Niggli, Barry Guy und Jordina Millà 2026 in Dachau
Von Robert Fischer
Fast eine Premiere war das Konzert des in Kamerun geborenen Schweizer Schlagzeugers Lucas Niggli mit dem britischen Kontrabassisten Barry Guy und der katalanischen Pianistin Jordina Millà, denn dieses Trio gibt es erst seit 2025, und es trat an diesem 15. März in Dachau erst zum zweiten Mal öffentlich auf. Tatsächlich eine Premiere war es insofern, als Jordina Millà anders als ihre beiden auf Einladung des rührigen Jazz e.V. Dachau schon mehrfach live zu hörenden musikalischen Partner erstmals zu erleben war. Gespannt durfte man sein, wie sich die deutlich Jüngere der drei Musizierenden an diesem Abend (Millà ist Jahrgang 1984, Niggli 1968, Guy 1947) neben diesen beiden Schwergewichten der Improvisierten Musik behaupten würde …
Um nicht lange drumherumzureden: Sie tat das grandios. So bestätigte der Abend in den Kunstwerken Dachau, in denen die großformatigen Werke von Richard Wurm einen stimmungsvollen Hintergrund für die Veranstaltungen des hiesigen Jazzvereins bieten, dass es keine Frage von Alter, Geschlecht, Herkunft oder was auch immer ist, ob und wenn ja wie gut Musiker im Idealfall auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können. Wobei es schon hilfreich ist, wenn sich die Herangehensweise der jeweiligen Beteiligten an das eigene Instrument wie an die Musik als Ganzes gleichen. Im Fall der Improvisierten Musik bedeutet das die generelle Bereitschaft, über die virtuose (ja selbst die virtuoseste) Beherrschung des Instruments hinaus neugierig zu bleiben, um unermüdlich forschend immer neue Möglichkeiten zu entdecken, welche Klänge (oder auch nur Geräusche, darüber könnte man streiten) sich damit hörbar machen lassen. So offenbarte beispielsweise der Blick in den offenen Flügel von Jordina Millà ein ganzes Arsenal von Gegenständen, die man da nicht unbedingt erwarten würde und mit denen sie glänzend umzugehen wusste, sodass sie für einen Großteil des Konzerts mehr im Flügel zu hantieren schien als auf den 88 Tasten. Wie sie ihren Flügel auch noch während des Spiels immer wieder neu präparierte, hatte ihrerseits eine Virtuosität, die der ihres „klassischen“ Spiels auf der Tastatur kaum nachstand. Und die Klänge, die sie ihrem Instrument in der Kombination beider Fertigkeiten zu entlocken wusste, hatten etwas Unerhörtes.
Was gut zum unausgesprochenen Motto des Abends passte. Wenn er in ein Konzerte gehe, soll John Cage mal gesagt haben, wolle er Musik hören, die er noch nicht gehört habe. Da wäre er bei einem Konzert des Trios genau am richtigen Ort gewesen. Dass diese Geisteshaltung des Urvaters der Improvisierten Musik aber nicht bloß für das Publikum hilfreich sein kann, sondern auch für die Musiker selbst, bestätigte Lucas Niggli bei einem kurzen Pausengespräch, als er sagte – da sei „gar nichts vorbereitet“ und sie würden auch vor einem Konzert nichts absprechen. Soll heißen: Es geschieht eben, was geschieht – im Rahmen der instrumentalen Fertigkeiten aller Beteiligten und im miteinander Ausprobieren dessen, was sich nun damit gemeinsam machen lässt. Wodurch jedes Konzert zu etwas ganz Besonderem wird und im besten Fall: zu einem einzigartigen Erlebnis.
Was aber nicht heißen muss, dass auch immer alles in einem konventionellen Verständnis „gelingt“: Manchmal, im zweiten von zwei rund 40 Minuten langen Sets, konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Trio etwas auseinander zu triften drohte, im Ungefähren zu verharren schien; wobei andererseits gerade dieser zweite Set mit einem eruptiven Dynamikausbruch auch den stärksten Moment des ganzen Konzerts hatte.
Schön zudem, dass ebenfalls in diesem Set mit einem kurz angedeuteten, heftig Bogen und Schlegel schwingend Wind und Klang erzeugenden Scheingefecht zwischen Bass und Schlagzeug deutlich wurde, dass bei aller Ernsthaftigkeit der Herangehensweise auch Raum für Humor bleibt. Die beiden Protagonisten dieses „Duells“, Guy und Niggli, spielen jetzt schon über 25 Jahre zusammen und verstehen sich wohl nicht nur musikalisch blind. Beide wissen ihr Instrument mit einem ähnlich umfangreichen Arsenal ungewöhnlicher Gegenstände klangstiftend zu traktieren wie Jordina Millà und treffen sich nicht zuletzt in der damit verbundenen Neugier auf ungewohnte Klänge mit ihrer Triopartnerin.
Bleibt als Resümee: Es war ein wunderbares, inspirierendes, vom Publikum begeistert gefeiertes Konzert mit Musik, die das Publikum – jedenfalls so – ganz bestimmt noch nicht gehört hatte.
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Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Barry Guy, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Jordina Millà, Foto: Robert Fischer -
Lucas Niggli, Foto: Robert Fischer -
Lucas Niggli, Foto: Robert Fischer -
Lucas Niggli, Foto: Robert Fischer -
Lucas Niggli, Foto: Robert Fischer -
Lucas Niggli, Foto: Robert Fischer
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