Zwischen Stille und Tiefe – Maciej Gołyźniak über „Damion“

Foto von Maciej Gołyźniak Trio
Maciej Gołyźniak Trio

Mit Damion schlägt Maciej Gołyźniak ein neues Kapitel auf – leiser, konzentrierter und zugleich persönlicher als je zuvor. Der polnische Schlagzeuger, Komponist und Produzent, der über viele Jahre unterschiedlichste musikalische Welten zwischen Jazz, Pop und Progressive Rock durchschritten hat, wendet sich hier einer Musik zu, die von Reduktion, Raum und Aufmerksamkeit lebt.

Wo frühere Projekte bisweilen von Energie, Groove und klanglicher Vielschichtigkeit geprägt waren, entsteht auf Damion eine beinahe kammermusikalische Atmosphäre. Nichts scheint überflüssig, jede Pause hat Bedeutung, jede Geste Gewicht. Gemeinsam mit dem Pianisten Łukasz Damrych und dem Kontrabassisten Tomek Pierzchniak gelingt Gołyźniak ein Album von großer emotionaler Offenheit – getragen von Vertrauen, Intuition und einem bemerkenswert organischen Zusammenspiel.

Der Titel verweist auf den „Daimon“ – jene innere Stimme zwischen Intuition und Erkenntnis. Und tatsächlich wirkt Damion wie das Dokument eines künstlerischen Innehaltens: ein Album, das weniger behauptet als zuhört.

Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Maciej Gołyźniak über innere Freiheit, Klang als Haltung, die Kunst des Weglassens – und darüber, warum wahre Tiefe oft erst in der Stille hörbar wird.

jazz-fun.de:
Maciej, Damion wirkt wie ein sehr reifes und bewusstes Album – voller Stille, Raum und emotionaler Tiefe. In welchem künstlerischen und persönlichen Moment ist diese Platte entstanden?

Maciej Gołyźniak:
Vielen Dank für diese Frage. Ich freue mich sehr, dass du diesen Eindruck hast, denn genau an einem solchen Punkt in meinem Leben befinde ich mich gerade – voller Reflexion, Raum und großer Achtsamkeit mir selbst gegenüber.

Seit vielen Jahren empfinde ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich das Glück habe, Musik machen und durch sie sprechen zu dürfen. Musik bringt mir große Freude, zugleich ist sie eine Reflexion über die Welt, die mich umgibt – und ein unglaublich universelles Medium, um diese Gedanken auszudrücken. Das ist ein großes Geschenk. Ich denke, aus genau diesem Bewusstsein, aus diesem Glück und dieser Dankbarkeit entsteht auch jene Reife, die du in diesem Album hörst.

jazz-fun.de:
Zwischen The Orchid, Marianna und Damion lässt sich eine deutliche Entwicklung deiner musikalischen Sprache hören. Was hat sich in deinem Denken über Komposition und Ensembleführung am stärksten verändert?

Maciej Gołyźniak:
Tatsächlich beobachte ich diesen Prozess selbst sehr bewusst. Und die Antwort beginnt eigentlich bei der vorherigen Frage. Aus dieser Ruhe, Dankbarkeit und Reife heraus fällt es mir viel leichter, mutig Dinge zu tun, die vollkommen im Einklang mit mir selbst und meiner Wahrnehmung stehen. Ich habe keinerlei Bedürfnis mehr, Geschmäckern oder Trends zu gefallen – das interessiert mich schlicht nicht.

Diese Art von Freiheit ermöglicht es mir, nur das zu tun, worauf ich wirklich Lust habe – und genau dann, wenn ich es möchte.

Bei The Orchid sprach die Band noch mit etwas anderen Mitteln, vielleicht auch vorsichtiger. Ich liebe dieses Album sehr, aber ich erinnere mich daran, dass es mich damals bereits zu offeneren Formen, organischeren Klangwelten und mehr Raum gezogen hat.

Marianna sehe ich heute als eine Art Verbindung zwischen dem eher „eingängigen“ The Orchid – so wurde es einmal beschrieben – und der sehr intimen, zarten und empfindsamen Welt von Damion. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass Damion ein Neuanfang ist – vielleicht sogar die eigentliche erste Platte dieses Trios.

jazz-fun.de:
In den Pressetexten sprichst du von einer „mutigen Richtungsänderung“. Was war der Impuls für diese Hinwendung zu einer lyrischeren, kammermusikalischen Ästhetik?

Maciej Gołyźniak:
Ich glaube, das ist eine natürliche Konsequenz meiner persönlichen Entwicklung – meiner Reflexion über das Leben, die Welt und eine innere Reise.

Ich habe eine wunderbare Karriere, auf die ich mit großer Dankbarkeit schaue. Vor drei Jahrzehnten hätte ich dieses Leben blind unterschrieben. Unterschiedlichste musikalische Welten haben mich geprägt, und ich fühle mich erfüllt – zugleich aber immer noch hungrig auf Neues. Vielleicht gibt es keinen besseren Moment, um genau jene musikalische Sprache zu sprechen, die mich sowohl als Musiker fasziniert als auch herausfordert.

Damion ist ein Trioalbum – ohne Gäste, anders als die vorherigen Produktionen. Die Mittel erscheinen zunächst reduzierter, und dennoch habe ich das Gefühl, dass wir eine enorme Tiefe erreicht haben. Für diesen Moment meines Lebens war ich bereit. Dahinter stand das Bedürfnis, all jene stilistischen Mittel loszulassen, die wir früher verwendet haben. Es gibt hier keine produktionstechnischen Eingriffe, wie ich sie gemeinsam mit Łukasz aus anderen Studioarbeiten kenne. Wir haben so wenig Technik eingesetzt wie nur möglich.

Ich wollte, dass zwischen mir, dem Instrument und dem Tonband nur ein Mikrofon, ein Preamp und das menschliche Ohr stehen. Auf den Klang dieses Albums bin ich sehr stolz. Es war der Wunsch zu überprüfen, ob ich jenes Klangbild erreichen kann, das ich seit Jahren höre, wenn ich hinter meinem Instrument sitze – ein Klang, der mein gesamtes Denken über das Schlagzeugspiel prägt. Der Hörer hört das Schlagzeug beinahe genauso, wie ich es selbst wahrnehme, wenn ich spiele. Diesen Effekt konnten wir dank Mut, klarer Entscheidungen, der sensiblen Arbeit meiner Mitmusiker und eines hervorragenden Mixings und Masterings erreichen.

jazz-fun.de:
Auf diesem Album führst du das Trio als Schlagzeuger eher „vom Rücksitz aus“ – du schaffst Räume, statt zu dominieren. Wie definierst du heute die Rolle eines Leaders, gerade als Drummer?

Maciej Gołyźniak:
Nicht im Weg stehen. Ich vertraue auf die Talente der Menschen, mit denen ich arbeite. Ich kann begeistern, Ideen vermitteln und andere dafür gewinnen – aber ich höre auch aufmerksam zu. Zu oft habe ich auf der anderen Seite erlebt, wie die Energie einer großartigen Idee an Überzeugungen oder Gewohnheiten derjenigen verloren ging, die letztlich Entscheidungen trafen. Diesen Fehler wollte ich vermeiden.

Mich interessierte vor allem, wie meine Kollegen im Trio organisch und in Echtzeit auf musikalische Impulse reagieren. Ich glaube zutiefst an die Ehrlichkeit von Emotionen. Deshalb nehme ich oft erste Takes auf und versuche, keinen spontanen Moment zu verlieren. Ich bin sehr offen für Meinungen, die sich von meinen unterscheiden. Gleichzeitig ist der Klang für mich absolut zentral – und da bin ich kompromisslos, vor allem mir selbst gegenüber. Letztlich leite ich die Band vor allem über meinen eigenen Sound und forme dadurch die endgültige Klangfarbe des Ensembles.

jazz-fun.de:
Łukasz Damrych spielt auf Damion eine besondere Rolle. Du hast ihn sogar als „graue Eminenz“ des Albums bezeichnet. Was macht seine musikalische Sensibilität gerade für diese Platte so wichtig?

Maciej Gołyźniak:
Das sehe ich tatsächlich so. Es ist fast ein wenig amüsant, denn wir kennen uns schon länger und haben bereits in anderen Projekten zusammengearbeitet. Diese besondere Sensibilität, die Lyrik und Romantik in Łukasz’ Spiel wirken auf den ersten Blick beinahe überraschend – vor allem im Kontrast zu seiner scheinbar so fröhlichen und unbeschwerten Persönlichkeit.

Wir haben sogar scherzhaft gesagt, dass wir durch mein Trio die wahre Natur von Łukasz entdeckt hätten. Ganz ernsthaft gesprochen: Er ist ein außergewöhnlicher Musiker – aufmerksam, erfahren und unglaublich sensibel. Er hat sich auf wunderbare Weise meinen perkussiven Ideen angepasst.

Seine langjährige Erfahrung im Schreiben von Musik für Theaterstücke und Musicals hilft ihm sicherlich dabei, sich schnell auf neue musikalische Situationen einzulassen und zugleich eine große stilistische Sensibilität mitzubringen. Die Art, wie Łukasz spielt, hat es mir ermöglicht, mich als Schlagzeuger energetisch zurückzunehmen. Ich konnte gewissermaßen im Hintergrund sitzen und behutsam in die Richtung navigieren, die mir vorschwebte.

Und natürlich hatte ich mit Tomek Pierzchniak am Kontrabass einen ebenso sensiblen Begleiter auf dieser Reise. Er ist ein außergewöhnlicher Musiker mit einem großen Erfahrungsschatz – nicht nur im Jazz, sondern auch in der klassischen Musik. Das hört man auf Damion sehr deutlich.

jazz-fun.de:
Die Musik auf Damion lebt von subtilen Spannungen und Andeutungen. Wie findet man die Balance zwischen kompositorischer Struktur und Raum für Improvisation?

Maciej Gołyźniak:
Auf dieser Platte höre ich sehr viel zu.

Es kam vor, dass ich fertige Vorstellungen davon, wie ich etwas spielen wollte, im Moment wieder verworfen habe – allein aufgrund der Interaktion mit Łukasz. Ich hatte das Gefühl, dass es wichtiger ist, Raum für die Musik zu schaffen, die gerade zwischen uns entsteht. Ich habe mehr begleitet als geführt, mehr unterstützt als diktiert und versucht, stilistische Klischees zu vermeiden. Mich interessierte vor allem die emotionale Ladung einer Komposition.

Die Antwort lautet also: zuhören, den Moment erfassen und das eigene Ego als Musiker im Zaum halten.

jazz-fun.de:
Der Albumtitel verweist auf die Idee des „Daimon“ – eines inneren Begleiters, einer intuitiven Stimme zwischen geistiger und menschlicher Welt. Wie hat diese philosophische Idee die Musik beeinflusst?

Maciej Gołyźniak:
Eigentlich hat sie mein Denken über das Album erst vollständig gemacht. Ich habe die Angewohnheit, im späten Herbst oder fast schon Winter für einige Wochen an die Ostsee zu fahren – an einen stillen, menschenleeren Ort, um Gedanken zu ordnen und musikalische Ideen entstehen zu lassen. Wörtlich genommen kann ich stundenlang einfach nur dastehen und aufs Meer schauen. Das beruhigt mich, setzt etwas zurück und bringt fast immer neue Gedanken hervor.

Ich nehme dann auch einen Stapel Bücher mit – Literatur ist für mich eine große Leidenschaft und Inspirationsquelle. Zum wiederholten Mal griff ich zu Hermann Hesse, doch diesmal hatte ich das Gefühl, dass seine Gedanken etwas in mir abschließen, etwas über die vergangenen Jahre meines Lebens erklären.

Ich empfand das fast wie ein Zeichen. Also folgte ich diesem Impuls, hörte auf diese innere Stimme – auf jenen Klang, den ich irgendwo zwischen den Wellen wahrgenommen habe. Die Ruhe, der Raum und die Achtsamkeit mir selbst gegenüber, von denen ich eingangs sprach, haben letztlich Platz für neue Musik geschaffen.

jazz-fun.de:
Im Vergleich zu früheren Alben hört man weniger Elektronik und Groove, dafür mehr Stille, Atem und organischen Dialog. War das von Beginn an eine bewusste ästhetische Entscheidung?

Maciej Gołyźniak:
Ja, absolut. Ich wollte die einfachsten Mittel nutzen, um mich auszudrücken. Das hängt auch mit meinen künstlerischen und instrumentalen Entscheidungen zusammen.

Mein neues Instrument klingt sehr organisch, fast singend. Es ist technisch anspruchsvoll, gibt mir aber unglaublich viel zurück – vor allem ein offenes, resonantes Klangbild. Darin liegt momentan eine große Inspirationsquelle für mich.

Und ehrlich gesagt hatte ich keinen einzigen Moment lang das Bedürfnis, diesen Klang künstlich zu verändern – so wie wir es beispielsweise auf The Orchid getan haben. Man könnte sagen: Damion ist ein Album kompromissloser Klangentscheidungen – und ein ganz bewusster ästhetischer Schritt.

jazz-fun.de:
In deiner Musik scheint Virtuosität nie Selbstzweck zu sein. Wie blickst du heute auf instrumentale Technik – als Ausdrucksmittel oder manchmal sogar als etwas, das begrenzt werden muss?

Maciej Gołyźniak:
Zunächst einmal: Wir haben heute eine unglaublich talentierte junge Generation von Musiker:innen – technisch hervorragend ausgebildet und beeindruckend versiert. Und natürlich ist Technik ein Ausdrucksmittel. Für mich ist sie jedoch vor allem ein Werkzeug – niemals ein Ziel an sich.

Ich vergleiche das manchmal mit dem Alphabet: Nur weil man Buchstaben kennt, ist man noch kein guter Schriftsteller oder Redner. Es bleibt zunächst nur ein Werkzeug. Man kann ein weiser Analphabet sein – und gleichzeitig ein hervorragend ausgebildeter Idiot. Ähnlich ist es mit Technik: Wenn sie Emotion, Melodie oder Energie dient, wunderbar. Wenn sie aber davon ablenkt, interessiert sie mich nicht.

Mich interessiert nicht das Schulterklopfen von Kolleg:innen für beeindruckende Schlagzeugkunst. Mich interessieren die Emotionen der Zuhörer:innen und das, was Musik in ihnen auslöst. Natürlich schließen sich technische Brillanz und emotionale Tiefe nicht gegenseitig aus – die Musikgeschichte kennt viele großartige Beispiele dafür.

Aber ich habe ebenso viele Konzerte erlebt, die am Ego eines Schlagzeugers gescheitert sind. Das Schlagzeug ist ein unglaublich spektakuläres Instrument. Man sollte mit seiner Kraft verantwortungsvoll umgehen.

jazz-fun.de:
Du bist musikalisch auch weit außerhalb des Jazz aktiv – von Pop bis Progressive Rock und alternativer Musik. Beeinflussen diese Erfahrungen deine Jazzsprache heute noch?

Maciej Gołyźniak:
Wenn überhaupt, dann heute eher als Gegenpol zu dem, was ich unter meinem eigenen Namen machen möchte. Meine musikalische Sprache hat sich verändert – oder vielleicht besser gesagt: Ich habe begonnen, sie bewusster für meine eigenen Ziele einzusetzen.

Natürlich kann ich immer noch kraftvoll Schlagzeug spielen, ich liebe Songs nach wie vor und habe große Freude daran. Aber ich übertrage diese Erfahrungen nicht mehr direkt auf meine eigene Musik.

jazz-fun.de:
Euer Trio klingt bemerkenswert organisch – als würden die Musiker denselben Atem teilen. Wie entsteht ein solcher Grad an Vertrauen und musikalischer Intuition?

Maciej Gołyźniak:
Indem man sich nicht gegenseitig im Weg steht, zuhört und Respekt füreinander hat. Ich reagiere tatsächlich nur sehr wenig auf das Spiel der anderen – einfach deshalb, weil ich das Glück habe, es nicht zu müssen.

Ich greife nur dann ein, wenn wir zufällig in eine Richtung abbiegen, die sich nicht mit meiner Vorstellung deckt. Aber ehrlich gesagt erinnere ich mich bei Damion an keinen einzigen solchen Moment. Im Gegenteil: Ich habe sowohl Łukasz als auch Tomek immer wieder zu mehr Mut ermuntert und ihnen bewusst Raum gegeben.

Natürlich spielt Vertrauen eine Rolle – aber vielleicht ist es noch stärker der Respekt vor der Sensibilität der anderen. Schließlich lädt man keine Menschen in die Band ein, deren musikalische Wahrnehmung völlig im Widerspruch zur eigenen steht.

jazz-fun.de:
Wenn du Damion in einem Satz beschreiben müsstest – oder sagen würdest, was Hörer:innen nach diesem Album mitnehmen sollen: Was wäre das?

Maciej Gołyźniak:
Die Interpretation möchte ich den Hörer:innen überlassen. Wir arbeiten hier mit Emotionen – und diese werden vermutlich für jeden Menschen anders sein. Mit Musik versuche ich, meine Welt zu beschreiben, mein Zusammenleben mit ihr.

Wenn diese Musik jemanden zum Nachdenken bringt, Reflexion auslöst oder auch nur für einen Moment von Sorgen befreit, bin ich glücklich. Wenn jemand das Gefühl hat, direkt mit uns im Studio zu sitzen – unmittelbar neben dem Schlagzeug – und den Klang und die Produktion wahrnimmt, bin ich ebenfalls glücklich. Wenn jemand durchatmet. Wenn jemand lächelt. Dann bin ich glücklich.

Musik macht meine Welt zu einem schönen Ort, an dem ich immer sein wollte. Und wenn jemand Lust hat, Teil dieser Welt zu werden, dann ist er herzlich eingeladen.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Aktuelles Album:

Maciej Gołyźniak Trio - Damion: Wie ein stilles Gespräch mit der Seele

Maciej Gołyźniak Internetseite:
https://maciejgolyzniak.com

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Maciej Gołyźniak / New Beat Records

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