Sternstunde am Starnberger See
Nein, in Bayern gehen die Uhren nicht wirklich anders, aber zum Charme der Einheimischen gehört ein eher hintergründiger Humor, der sich oft erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbart. So musste man schon ein bisschen genauer hinsehen, um zu erkennen, was die neben einem sitzende ältere Dame meinte, als sie in der Pause die Frage beantwortete, wie sie das Konzert denn bis dahin so gefunden habe. „Vogelwild“, antwortet sie ebenso rasch wie spontan, und erst der Anflug eines leisen Lächelns ließ erkennen, wie das zu verstehen war: als Kompliment.
Und, ja, tatsächlich hatte sie das, was Kit Armstrong und Michael Wollny da am 20. Juli 2025 in der Kirche St. Peter und Paul in Feldafing zur Aufführung brachten, durchaus treffend beschrieben. Ohne vorherige Ankündigung betraten die beiden den bereits voll besetzten Kirchenraum, setzten sich umstandslos an zwei einander gegenüber stehende Flügel, die ein Klavierstimmer zuvor mit bewunderungswürdiger Präzision aufeinander abgestimmt hatte, und legten los. Was folgte, war ein Parforceritt auf zweimal 88 Tasten, und zu den kleinen Wundern dieser Sternstunde am Starnberger See gehört, dass man, je länger der Ritt dauerte, desto mehr vergaß, dass es sich um zwei verschiedene Flügel handelte, an denen auch zwei verschiedene Individuen saßen. Verstärkt wurde der Eindruck noch durch den Fakt, dass in dem zwar historisch bemerkenswerten (noch aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden), aber ziemlich engen Gestühl der bereits im Jahr 1401 erstmals urkundlich erwähnten Kirche den meisten Zuhörenden der Blick auf die Hände der Protagonisten verwehrt blieb: Allein auf seinen Höreindruck angewiesen, gab man es bald auf, herausfinden zu wollen, wer denn nun eigentlich was spielte – zumal man ohnehin irgendwann auf die Idee kam, dass man es vielleicht weniger mit zwei Musikern zu tun hatte als mit einem „gemeinsam vereinten“ Individuum (oder: „Musikum“), das an diesem Abend das Glück hatte, über vier Hände und 176 Tasten zu verfügen.
Anders als wohl den meisten im Publikum dürfte Michael Wollny und Kit Armstrong dieser Höreindruck vertraut sein. Beide beschäftigen sich intensiv und jeder für sich auch wissenschaftlich forschend mit KI, wie man etwa in der sehr sehenswerten, in der arte-Mediathek abrufbaren TV-Dokumentation „Die Zukunft der Musik“ erfahren kann. Beide eint zudem eine grundsätzliche Offenheit, sich auf „das Andere“ einzulassen, von dem wir alle noch nicht wissen, was es einmal sein wird (sein kann oder sein soll), und beide scheinen das Ganze bei aller intellektuellen Reflektion nicht zuletzt mit einer spielerischen Neugier anzugehen, die, so Kit Armstrong in der Dokumentation, auch einfach Spaß machen darf.
Ernster wurde es nach der Pause, als zunächst Franziska Hölscher (Violine), die sich mit Kit Armstrong auch die künstlerische Leitung der heuer im 12. Jahr stattfindenden Musiktage Feldafing teilt, mit Felix Brunnenkant am Cello das von Kit Armstrong bereits im Jahr 2012 komponierte, eine intensive Dringlichkeit erreichende Duo „Der kranke Mond“ spielte, dessen ausklingende Töne die beiden – nun jeder am anderen Flügel als vor der Pause sitzenden – Musiker als neuen Ansatz nahmen, um von da an ein weiteres Mal in eine gemeinsam ausgesponnene (und versponnene) Improvisation einzutauchen, die sich schließlich in einem stakkatohaft anschwellenden Finale entlud. Heftiger Beifall, Standing Ovations, und zum vollendeten Glück des Publikums auch noch eine Zugabe, bei der nun beide gemeinsam an einem Flügel sitzend agierten: zunächst jeder mit nur einer Hand "Flamenco Sketches" (Evans/Davis) zitierend, dann freier fließend darüber improvisierend und zum Schluss mit einem passend zur sommerlichen Jahreszeit gewählten Gershwin-Zitat endend. Schön.
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Kirche St. Peter und Paul, Foto: Robert Fischer -
Bechstein - Kirche St. Peter und Paul, Foto: Robert Fischer -
Bechstein - Kirche St. Peter und Paul, Foto: Robert Fischer -
Michael Wollny und Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer -
Michael Wollny und Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer -
Michael Wollny und Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer -
Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer -
Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer -
Michael Wollny, Foto: Robert Fischer -
Kit Armstrong, Foto: Robert Fischer
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