Morgenland Festival 2026 – Wo Musik Menschen verbindet

Musik verbindet Menschen nicht, weil sie Unterschiede verschwinden lässt. Sondern weil sie ihnen erlaubt, einander zuzuhören

Morgenland Festival 2026
Morgenland Festival 2026

Von Jacek Brun

Mit der neuen künstlerischen Leiterin Shabnam Parvaresh entwickelt das Morgenland Festival seine unverwechselbare Handschrift weiter. Zwischen Improvisation, Tradition und elektronischen Klangwelten entstehen Begegnungen, die weit über Musik hinausgehen

Manche Begegnungen beginnen lange bevor Menschen miteinander sprechen. Manchmal genügt ein einziger Ton, um zu verstehen, dass man für einen Moment Teil von etwas Größerem geworden ist. Genau dieses Gefühl begleitete uns während der ersten Tage des Morgenland Festivals in Osnabrück.

Wer das Morgenland Festival besucht, erlebt nicht einfach eine Reihe außergewöhnlicher Konzerte. Er betritt einen Raum, in dem musikalische Traditionen, Erinnerungen und Geschichten miteinander in Dialog treten. Hier geht es nicht darum, kulturelle Unterschiede aufzulösen. Im Gegenteil: Sie bleiben sichtbar und hörbar – und gerade dadurch entsteht Nähe. Musik wird zur gemeinsamen Sprache, ohne ihre unterschiedlichen Dialekte zu verlieren.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Bedeutung dieses Festivals. In einer Zeit, in der Grenzen und Identitäten oft trennen, schafft das Morgenland Festival einen Ort, an dem Begegnung möglich wird. Nicht als politisches Statement, sondern als künstlerische Erfahrung. Die Zuhörer verlassen den Konzertsaal nicht mit dem Gefühl, ferne Kulturen kennengelernt zu haben. Vielmehr entdecken sie etwas Gemeinsames, das sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Eine neue Handschrift

Mit der diesjährigen Ausgabe beginnt zugleich ein neues Kapitel in der Geschichte des Festivals. Unter der künstlerischen Leitung von Shabnam Parvaresh erhält das Morgenland Festival eine deutlich erkennbare Handschrift. Dabei geht es weniger um programmatische Schlagworte als um eine Haltung.

Tradition begegnet Gegenwart. Akustische Klangwelten treffen auf elektronische Impulse. Improvisation steht neben sorgfältig komponierten Strukturen, und Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Herkunft begegnen sich auf Augenhöhe. Das Festival wirkt dadurch nicht wie eine Sammlung einzelner Konzerte, sondern wie eine große Erzählung, deren Kapitel miteinander verbunden sind.

Besonders beeindruckend ist dabei, dass Parvaresh keine stilistischen Grenzen zieht. Sie kuratiert keine Genres – sie schafft Begegnungen. Zwischen Musikerinnen und Musikern, zwischen Publikum und Bühne und letztlich zwischen den verschiedenen kulturellen Erinnerungen, die jede und jeder Einzelne mitbringt.

Ein erster Ton genügt

Bereits das Eröffnungskonzert in der bis auf den letzten Platz gefüllten Marienkirche setzte ein deutliches Zeichen. Der ägyptische Sänger und Poet Abdullah Miniawy betrat mit seinem Trio die Bühne und verwandelte den sakralen Raum innerhalb weniger Minuten in einen Ort gemeinsamer Aufmerksamkeit.

Noch bevor man begann, die Musik analytisch zu hören, hatte sie den Raum bereits verändert. Miniawys Stimme bewegte sich zwischen Gesang, Rezitation und spiritueller Beschwörung. Sie schien nicht einfach Melodien zu formen, sondern Geschichten und Erinnerungen in den Kirchenraum zu tragen. Das Publikum folgte dieser musikalischen Reise mit einer bemerkenswerten Konzentration, und die langen Ovationen am Ende wirkten nicht wie höflicher Applaus, sondern wie eine natürliche Antwort auf das Erlebte.

Nach dieser expressiven Intensität veränderte sich die Atmosphäre erneut. Die indisch-amerikanische Sängerin Ganavya öffnete einen völlig anderen Klangraum. Wo zuvor Kraft und Dringlichkeit dominierten, entstand nun eine beinahe meditative Ruhe. Ihre Musik verlangte keine Aufmerksamkeit – sie zog sie auf stille Weise an sich.

Es waren zwei vollkommen unterschiedliche Konzerte, und doch erzählten sie dieselbe Geschichte. Beide machten deutlich, dass Musik keine Übersetzung benötigt, wenn sie ehrlich ist. Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis dieser ersten Festivalstunden: Begegnung beginnt nicht mit Worten. Manchmal beginnt sie mit einem einzigen Ton.

Vier Frauen, eine gemeinsame Sprache

Nach den ersten Stunden des Festivals wurde immer deutlicher, dass das Morgenland Festival 2026 nicht auf spektakuläre Effekte setzt. Seine größte Stärke liegt in der Konzentration. Die Musik darf sich Zeit nehmen, sie darf wachsen und den Raum verändern. Genau das geschah beim Konzert von Sanem Kalfa und ihrem Projekt Miraculous Layers in der Lagerhalle.

Auf der Bühne standen vier außergewöhnliche Künstlerinnen: Sanem Kalfa an Stimme, Violoncello und Elektronik, Līva Dumpe als Sängerin, Marta Warelis am Klavier und Sun Mi Hong am Schlagzeug. Vier Musikerinnen mit völlig unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und musikalischen Sprachen.

Doch bereits nach wenigen Minuten verlor diese Aufzählung jede Bedeutung.

Man dachte nicht mehr darüber nach, wer gerade sang, wer das rhythmische Fundament legte oder wer harmonische Räume eröffnete. Stimme, Cello, Klavier und Schlagzeug verschmolzen zu einem gemeinsamen Organismus, der gleichzeitig fragil und kraftvoll wirkte. Die Musik entstand scheinbar aus dem Moment heraus, ohne jemals beliebig zu sein.

Es war nicht nur ein Konzert, sondern ein künstlerischer Dialog. Jede Musikerin erhielt Raum für ihre eigene Persönlichkeit und stellte diese zugleich in den Dienst des gemeinsamen Klanges. Genau darin lag die besondere Spannung dieses Abends: Individualität wurde nicht aufgegeben, sondern machte das Gemeinsame erst möglich.

Die Energie auf der Bühne war mitreißend. Mal beinahe kammermusikalisch leise, dann wieder eruptiv und voller rhythmischer Kraft entwickelte sich eine musikalische Erzählung, die das Publikum vollständig in ihren Bann zog. Man hatte das Gefühl, einer Geschichte zu folgen, deren Sprache man vielleicht nicht verstand und deren Sinn man dennoch intuitiv begriff.

Es gibt Konzerte, an die man sich wegen eines außergewöhnlichen Solos erinnert. Dieses wird im Gedächtnis bleiben, weil vier Künstlerinnen gemeinsam etwas geschaffen haben, das größer war als die Summe ihrer einzelnen Stimmen.

Drei Instrumente, drei Welten

Nicht weniger faszinierend präsentierte sich das Tania Giannouli Trio.

Schon die Besetzung erzählt eine Geschichte: Tania Giannouli am Klavier, Kyriakos Tapakis an der Oud und Jean-Paul Estiévenart an der Trompete. Drei Instrumente, die unterschiedlichen musikalischen Traditionen entstammen und dennoch eine gemeinsame Sprache finden. Darin die Magie dieses Ensembles.

Das Klavier eröffnet Räume, die Oud erzählt von Jahrhunderten musikalischer Erinnerung, während die Trompete Brücken zwischen Jazz, mediterranen Klangfarben und zeitgenössischer Improvisation schlägt. Nichts wirkt konstruiert oder exotisch. Die Musik entsteht aus gegenseitigem Zuhören.

Manche Melodien brauchen keinen Übersetzer. Während viele Produktionen heute von Geschwindigkeit und permanenter Verdichtung leben, erlaubt sich dieses Trio das Gegenteil: Stille, Pausen und feine dynamische Veränderungen werden zu tragenden Elementen der musikalischen Dramaturgie. Das Publikum folgt diesen Entwicklungen mit einer Aufmerksamkeit, die man nur selten erlebt.

Ein Festival als große Erzählung

Gerade in diesen ersten Tagen wurde die programmatische Handschrift von Shabnam Parvaresh immer deutlicher. Immer wieder begegneten sich akustische und elektronische Klangwelten, Improvisation und Komposition, Ritual und Experiment.

Dazu gehörten die eindrucksvollen „Rituals of the Last Dawn“ von Saba Alizadeh und Pietro Caramelli, ebenso wie der improvisierte Dialog zwischen der Turntable-Künstlerin Shiva Feshareki und dem Organisten Sandro Sáez, der kurzfristig den erkrankten Kit Downes ersetzte. Hier wurde Elektronik nicht als Effekt eingesetzt, sondern als gleichberechtigtes Ausdrucksmittel neben traditionellen Instrumenten.

Ebenso überzeugte das Joolaee Trio gemeinsam mit der Sängerin Golnar Shahyar, das klassische iranische Musik, Jazz und kammermusikalische Elemente miteinander verband. Auch der Auftritt der palästinensischen Oud-Spielerin und Sängerin Kamilya Jubran mit der französischen Kontrabassistin Sarah Murcia zeigte eindrucksvoll, wie selbstverständlich kulturelle Grenzen an diesem Festival verschwinden, ohne dass die jeweiligen Traditionen ihre Eigenständigkeit verlieren.

Selbst das Tanzprojekt „Friedensschritte“ von Babak Radmehr fügte sich organisch in dieses Gesamtkonzept ein und machte deutlich, dass Morgenland längst mehr ist als ein Musikfestival. Es ist ein Ort, an dem unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen miteinander ins Gespräch kommen.

Was bleibt

Nach zwei Tagen verließen wir die Konzertsäle immer wieder mit demselben Gefühl. Nicht die Anzahl der gehörten Konzerte beeindruckte uns am meisten, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der hier Begegnungen entstehen.

Man spricht heute oft über kulturelle Vielfalt. Das Morgenland Festival zeigt, dass Vielfalt kein Programmheft und keine politische Formel ist. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören.

Vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft dieser Festivaltage. Nicht die Herkunft der Musik ist entscheidend. Sondern die Richtung, in die sie uns gemeinsam führt.

Wo Begegnung Zukunft wird

Während wir Osnabrück nach zwei intensiven Festivaltagen verließen, blieb überraschenderweise nicht ein einzelnes Konzert in Erinnerung. Es war auch nicht ein spektakuläres Solo oder ein besonders außergewöhnliches musikalisches Experiment.

Was blieb, war ein Gefühl. Das Gefühl, Zeuge einer Begegnung gewesen zu sein.

In einer Zeit, in der kulturelle Unterschiede oft als Grenzen wahrgenommen werden, zeigt das Morgenland Festival einen anderen Weg. Hier müssen Traditionen nicht miteinander konkurrieren. Sie begegnen sich. Elektronische Klangwelten stehen neben jahrhundertealten musikalischen Wurzeln, Improvisation neben Ritual, Stille neben Energie. Und nichts davon wirkt konstruiert oder programmatisch. Es geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, die berührt.

Darin liegt die außergewöhnliche Kraft dieses Festivals. Musiker:innen aus unterschiedlichen Ländern, Religionen und kulturellen Traditionen stehen gemeinsam auf einer Bühne, ohne ihre Identität aufzugeben. Sie versuchen nicht, gleich zu werden. Sie hören einander zu. Dadurch entsteht etwas Neues.

Unter der künstlerischen Leitung von Shabnam Parvaresh entwickelt sich das Morgenland Festival sichtbar weiter. Neue Spielorte, größere stilistische Offenheit und die selbstverständliche Verbindung von akustischen und elektronischen Klangwelten zeigen, dass hier keine Tradition verwaltet wird. Hier entsteht Zukunft.

Dabei geht es nicht um das Etikett „World Music“, nicht um Jazz oder um klassische Musik. Es geht um die Kraft der Kunst, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Während der ersten Tage wurde immer deutlicher, dass Begegnung das eigentliche Programm dieses Festivals ist. Jede Bühne, jedes Konzert und jede improvisierte musikalische Unterhaltung erzählt dieselbe Geschichte: Zuhören ist der Anfang jeder Verständigung.

Wir hatten das Gefühl, Menschen begegnet zu sein. Und vielleicht ist genau das die schönste Definition von Musik. Denn Musik verbindet Menschen nicht, weil sie Unterschiede verschwinden lässt. Sondern weil sie ihnen erlaubt, einander zuzuhören.

Text und Fotos: Jacek Brun

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 4 und 7?