Rezension des Albums "Alarmstufe Rot" von Morgenthaler – Röllin – Ruben
Morgenthaler – Röllin – Ruben
Alarmstufe Rot
Erscheinungstermin: 12.12.2025
Label: Unit Records, 2025
Drei Musiker unter Hochspannung
Wo ist der Bass? Eine durchaus berechtigte Frage, die man beim Hören von „Alarmstufe Rot” allerdings ziemlich schnell vergisst. Robert Morgenthaler, Urs Röllin und Tanel Ruben haben für ihr Trio eine ungewöhnliche Besetzung gewählt, die zunächst eine Lücke entstehen lässt – genau diese Lücke wird jedoch zum kreativen Zentrum ihrer Musik.
Der Schweizer Posaunist Morgenthaler und der Schaffhauser Gitarrist Röllin arbeiten bereits seit mehr als zwanzig Jahren zusammen. Mit dem estnischen Schlagzeuger Ruben bilden sie inzwischen eines jener Ensembles, deren Stabilität nicht aus musikalischer Berechenbarkeit, sondern aus gegenseitigem Vertrauen entsteht. Nach Mister Z ist Alarmstufe Rot ihr zweites gemeinsames Album.
Neun Stücke führen durch einen Klangraum, der tatsächlich nach allen Seiten offen erscheint. Posaune und Gitarre bewegen sich in ähnlichen Registern, müssen aber gleichzeitig Aufgaben übernehmen, die normalerweise einem Bass zufallen würden. Morgenthaler beschreibt genau darin die kompositorische Herausforderung: Die Stücke sollten so angelegt sein, dass niemand das fehlende Instrument vermisst.
Das gelingt erstaunlich gut. Mal übernimmt die Gitarre das Fundament, mal wandert diese Funktion zur Posaune. Wenig später sind beide wieder melodische Stimmen, Gegenspieler oder Partner in einem dichten, improvisierten Dialog. Tanel Rubens Schlagzeugspiel hält diesen beweglichen Organismus zusammen, beschränkt sich dabei jedoch keineswegs auf die Rolle des Taktgebers. Es kommentiert, treibt an, setzt Widerstände und verändert immer wieder die Richtung.
Die Reibung zwischen Morgenthalers Posaune und Rölls teilweise scharfem Gitarrensound verleiht der Musik ihren besonderen Charakter. Die beiden Instrumente können miteinander verschmelzen, gegeneinander arbeiten oder sich gegenseitig in Bereiche treiben, in denen die üblichen Rollenverteilungen kaum noch gelten. Dabei gehen die drei Musiker an die klanglichen und physischen Grenzen ihrer Instrumente.
Stillstand gibt es auf „Alarmstufe Rot” entsprechend wenig. Jeder Titel entwickelt seine eigene Energie, es entstehen neue Kombinationen und überraschende Wendungen. Die enorme Spielfreude ist dabei ebenso unmittelbar zu hören wie die Erfahrung, die hinter dieser scheinbaren Spontaneität steckt.
Wer nach sauber definierten Kategorien sucht, dürfte mit diesem Album Schwierigkeiten haben. Wer Jazz dagegen als Abenteuer, Risiko und gemeinsames Entdecken versteht, findet hier reichlich davon.
Alarmstufe Rot? Durchaus. Aber Langeweile ist hier die deutlich größere Gefahr – und die hat bei diesem Trio keine Chance.
(Jacek Brun, 08.09.2026)
Besetzung
Robert Morgenthaler - trombone, efx (Switzerland)
Urs Röllin - guitar, efx (Switzerland)
Tanel Ruben - drums (Estland)
Titelliste
- Insect
- So Low
- Riff For M
- Running Wild
- Metaxa
- Alarmstufe Rot
- Shadow Lights
- Weird Talk
- Saitensprung
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