Nik Bärtsch's Ronin - SPIN

Nik Bärtsch's Ronin - SPIN - Albumcover
Nik Bärtsch's Ronin - SPIN

Nik Bärtsch's Ronin
SPIN

Erscheinungstermin: 29.11.2024
Label: Ronin Rhythm Productions, 2024

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jazz-fun`s recap:

Nik Bärtsch ist ein Komponist, der sich über Grenzen und Kanons hinwegsetzt. Auf der Suche nach rhythmischen Zusammenhängen und deren Kombination mit passenden Klängen führt er uns immer wieder in eine neue musikalische Welt, die uns mit ihren Ideen und der Konsequenz, mit der sie umgesetzt werden, fasziniert und überrascht. Es ist eine Musik, die zugleich forschend ist, die uns aber auch bewusst macht, dass das Bekannte auch ganz anders verwendet werden kann, man muss nur der Phantasie von Künstlern wie ihm vertrauen und sich von ihr leiten lassen. (Jacek Brun, 29.11.2024)

Besetzung

Nik Bärtsch - piano, keyboard
Sha - bass clarinet, alto saxophon
Jeremias Keller - bass
Kaspar Rast - drums

Über das Album von Nik Bärtsch's Ronin "SPIN"

SPIN ist die neunte Veröffentlichung der Working Band RONIN seit ihrer Gründung 2001 und die erste mit dem neuen Bassisten Jeremias Keller, der 2020 zur Band stiess. Die Band besteht weiterhin aus den Gründungsmitgliedern Nik Bärtsch und Drummer Kaspar Rast sowie dem Bläser Sha, der seit 2004 dabei ist. Seit ihrer letzten Veröffentlichung AWASE (ECM 2018) hat die Band ihr Repertoire im eigenen Club EXIL in Zürich an den wöchentlichen MONTAGS-Konzerten kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt - auch während der Corona-Zeit. Im Januar 2024 erreichte sie dank dieser Konstanz MONTAGS Nr. 1000 und feiert im November 20 Jahre MONTAGS-Konzerte. Das neue Album zeigt daher nicht nur die neuesten Entwicklungen und Stücke wie Modul 63 und Modul 66, sondern auch eine Kombination aus neuem und altem Material in Modul 70_51 (51 erschien bereits auf dem ECM-Album Llyría", 2010) sowie die beiden Klassiker Modul 14 und Modul 23 in völlig neuen Arrangements und Interpretationen.

SPIN spiegelt die Phase wider, in der sich die Band derzeit befindet: zurück in die Zukunft, vorwärts zu den Wurzeln. Die charakteristische Rhythmuskultur von RONIN ist nach wie vor präsent: ausgefeilte Drumbeats, Pattern-, Cycle- und Groove-Entwicklungen gepaart mit Spielfreude und bewussten Freiheiten innerhalb klarer Strukturen. Das Gespür der Bandmitglieder für kammermusikalische Details, Klangmischungen, Ghost-Notes und Mikrophrasierungen erfrischt die Musik live und auf Platte wie eh und je. Neu ist der kompakte und erdige Bandsound, durch den raffinierte Bezüge zu Indie, Post-Rock und Ambient-Pop durchscheinen. Die unmittelbare Groove-Energie im neuen Quartett mit Jeremias Keller ist unüberhörbar. Seine Klasse, klangliche Vielfalt und schnörkellose Differenzierung zeigte er zuletzt auch auf seinem fulminanten Soloalbum „ALLOY“ (RRR 2023), auf dem er alle Instrumente selbst einspielte und das er auch selbst produzierte, basierend auf Variationen von Bärtschs Modul-Kompositionen.

RONIN spielen regelmäßig live im Club EXIL und auf Tourneen in den USA, Europa und Asien. Dieses Album lebt von der Freude und Energie, die die Band aus dem Kontakt mit ihrem begeisterten Publikum auf der ganzen Welt schöpft. Aufgenommen und produziert von Lars Dölle, dem Toningenieur der Band, ist das Album ein komplett eigenständiges Werk. Es zeigt den authentischen und ursprünglichen RONIN-Spirit: Voller Fokus auf die Musik und ihre Gemeinschaft. Die Stücke wurden live zusammen im Studio eingespielt und basieren auf der Idee der handgemachten Groove-Qualität - das Credo der Band seit ihrer Gründung 2001.

SPIN setzt auf die gute alte Idee eines kompletten Albums als Dramaturgie und Programm, basierend auf der jahrelangen Erfahrung gemeinsamer Auftritte. Deshalb gibt es auch keine Single-Veröffentlichung. Die einzelnen Stücke zeigen verschiedene Aspekte der Philosophie und Arbeitsweise von RONIN und Bandleader Nik Bärtsch.

Modul 66 wurde von Bärtsch speziell für den Bass-Sound und die Spielweise von Jeremias Keller geschrieben. Mit ihm erkunden die RONINs neue Aspekte ihres Bandsounds - vergleichbar mit der Band „Sha's Feckel“, in der Sha und Rast zusammen spielten: eine angriffslustige Indie- und Postrock-Attitüde gemischt mit Odd-Meter-Funk. Die ausgeklügelte Struktur und der Piano-Sound verleihen dieser Kombination eine frische und authentische RONIN-Note, neuer Ritual Rock. Die harmonischen Entwicklungen basieren auf Bärtschs Idee der „strukturellen Harmonien“ und der Spiegelakkorde, die er kürzlich in seinem Buch „LISTENING - Music, Movement, Mind“ (Lars Müller Publishers, 2021) erläutert hat. Das Ausgangspattern im 11/4-Takt, das sich im Klavier zu einem 4x5/4-Takt entwickelt, gegenüber einem 11/4+9/4-Takt im Drumbeat, zeigt auch eine neue Art der Arbeit mit Beat-Entwicklungen und Pattern-Verschiebungen. Es wirkt einfach und komplex zugleich, paradoxerweise „simplex“. Das Muster wurde bereits in Bärtschs längerem Schlagzeugquartettstück „Seven Eleven“ für das Mannheimer Schlagzeugquartett konsequent durchgespielt (zu hören auf der CD „The Numbers are Dancing - New Works for Mallet Quartet“, Solaire Records 2022).

Modul 63 ist eine polymetrische Jazz-Paraphrase, eine entfernte Hommage an den Jazz, strukturell modern organisiert. Erinnerungen an Herbie Hancocks legendäres Percussion-Album „Inventions and Dimensions“, insbesondere an „Succotash“, schimmern durch Klang und Struktur. Shas Spiel zeigt seine Bewunderung für den Saxophonisten Paul Desmond und dessen Klang- und Raumgefühl. Die Komposition basiert auf linearen Kontrapunktzyklen in 5 und 3 und erinnert an Bärtschs Experimente mit harmonischen Halbtonverschiebungsfeldern, die in verschiedenen Formen z.B. aus Modul 18, 26 oder 35 bekannt sind.

Modul 70_51 kombiniert eine der schönsten harmonischen und kontrapunktischen Basslinien der Modul-Serie mit einer Neuentwicklung. Sie stammt aus Modul 51 und wurde dramaturgisch mit einem neu destillierten Groovegeflecht aus 9, 6 und 4 kombiniert. So wird das Stück zu einem klassischen RONIN-Arrangement, das einfach und direkt klingt, aber eine raffinierte und intelligente Struktur hat. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich ein Stück durch modulare Intelligenz selbst erschafft. Auch hier zeigt Sha seine Meisterschaft in der Entfaltung energetischer Dramaturgien, subtil unterstützt durch Jeremias' Klangqualitäten neben dem Spiel der Basslinien. Shas Entwicklung und Erfahrung mit großen dramaturgischen Bögen ist auch auf seinem aktuellen Soloalbum „MONBIJOU“ (RRR 2021) zu hören.
Modul 14 ist ein sehr frühes Stück, das bereits auf der legendären ersten RONIN-Platte „Randori“ (RRR 2002) zu hören war, die bis heute eine RONIN-Referenzplatte für DJs und Clubgänger ist. Es hat seine Form, Dramaturgie, Drehrichtung und seinen Sound komplett verändert, obwohl es immer noch auf der ursprünglich komponierten Beat- und Basslinie im 2x7/4-Takt und dem bizarren „Thema“ mit nur einer wiederholten Note basiert. Es ist ein gutes Beispiel für ein frühes „One Page Piece“ von Bärtsch, das in seiner Umsetzung vor allem das Können und die Kreativität der Spieler und der Gruppe als Organismus zeigt. Es zeigt auch Rasts raffinierte Fähigkeit, eine Schlagzeugdramaturgie über ein ganzes Stück hinweg zu entwickeln und zu energetisieren, gewürzt mit seinen charakteristischen Pick-ups und seiner geschmackssicheren Break-Kultur. Er erfindet geschriebene Beats quasi neu, als würde er sie bereits in der dritten Generation spielen.

Modul 23 ist ein weiterer früher Kompositionsklassiker, der bereits auf "REA" (RRR 2004) veröffentlicht wurde. Die ursprüngliche Struktur und der legendäre "Talking Beat" im 5/4-Takt wurden hier im Laufe der Jahre um ein zusätzliches Thema im 6/4-Takt sowie neue Parts und deren Interpretation erweitert. Sie zeigen, wie sich RONIN von einer radikalen Minimal- und Ritual-Groove-Band zu einer erfahrenen, verspielten und energiegeladenen Band mit einer ganzen Community um sie herum entwickelt hat. Die Band als Organismus haucht all diesen Kompositionen immer wieder neues Leben ein durch ihre einzigartige Art, diszipliniert und gleichzeitig hochkreativ zu agieren - wie ein modulares, autonomes Wesen. Das Gleichgewicht zwischen Komposition, Interpretation und Improvisation und deren Taktiken ist im Laufe der Jahre zu einer charakteristischen Art des Musizierens der Band geworden, die sich aus der grundlegenden Quelle der Musikalität und der musikalischen Neugier der Mitglieder speist.

Ursprünglich wegen seiner Kombination aus meditativer, minimalistischer Leere und hochintensivem Groove als Zen-Funk charakterisiert, entwickelt sich der Stil der Band nun zu einer Art Nano-Funk mit noch mehr Raffinesse, Details und Nuancen auf der Mikroebene der Musik. Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Albums erscheinen auf Nik Bärtschs YouTube-Kanal der Dokumentarfilm "Ingredients for Disaster" und eine Serie von sechs kurzen Filmepisoden des britischen Regisseurs Julian Phillips über die Arbeit, Philosophie und Geschichte der Band. Der Albumtitel SPIN wurde von verschiedenen musikalischen, kinetischen, natürlichen, mentalen und sozialen Spin-Momenten inspiriert. Das Cover des Albums zeigt einen Teil der Arbeiten „3/2024//7235“ und „4/2024//235“ (Eiche) des Möbeltischlers Ernst Gamperl (www.ernst-gamperl.de), fotografiert von Bernhard Spöttel. Gamperl und Bärtsch haben in Live-Performances Holzkunstwerke mit Musik geschaffen, die quasi aus dem gleichen kinetischen Moment und der gleichen Liebe zum Handwerk entstanden sind. Inspiration für den Albumtitel war Bärtschs bewegende Begegnung mit dem Gedicht „Child“ (aus dem Band „Sachet“) der australischen Dichterin Jillian Pattinson.

Text: Ronin Rhythm Productions

Titelliste

  1. Modul 66
  2. Modul 63
  3. Modul 70_51
  4. Modul 14
  5. Modul 23

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