Bassist Niklas Lukassen über „Still Waters": Raum geben, Tiefe finden
Manchmal liegt die größte Bewegung unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche. Genau dieses Bild steht im Zentrum von Still Waters, dem Debütalbum des Bassisten und Komponisten Niklas Lukassen. Was zunächst wie stille, lyrische Klanglandschaften erscheint, entpuppt sich beim Hören als vielschichtiger Raum aus Improvisation, Kontrasten und individuellen Stimmen.
Mit Musikerpersönlichkeiten wie Ben van Gelder, Kit Downes und Francesco Ciniglio hat Lukassen ein Ensemble versammelt, das seine offenen Kompositionen mit feiner Sensibilität und großer Eigenständigkeit zum Leben erweckt. Die Musik wirkt dabei zugleich konzentriert und frei, als würde sie sich erst im Moment des Spiels vollständig entfalten.
Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Niklas Lukassen von seinem Weg zum ersten eigenen Album, von prägenden Jahren in New York bei Ron Carter, von der Kunst, starken Persönlichkeiten Raum zu geben – und davon, warum Improvisation für ihn immer auch bedeutet, unter die Oberfläche zu tauchen.
jazz-fun.de:
Der Titel Still Waters verweist auf eine ästhetische Haltung zwischen äußerer Ruhe und innerer Bewegung. Was bedeutet dieses Bild für dich persönlich, musikalisch wie auch konzeptionell?
Niklas Lukassen:
Dieses Album einzuspielen, vor allem als mein Bandleader Debüt, fühlte sich an wie ein Sprung ins kalte Wasser. Damit gingen für mich neue Erfahrungen und auch gewisse Unsicherheiten einher. Als Musiker und vor allem als Sideman bin ich über die Jahre mit vielen Menschen in Berührung gekommen und habe an unterschiedlichen Orten gelebt.
Mit diesem eigenen Erstlingswerk, das ausschließlich Kompositionen von mir enthält, hatte ich jedoch das Gefühl, mit einer leeren Leinwand arbeiten zu dürfen. Diese wollte ich möglichst bunt füllen, um verschiedene Etappen meiner musikalischen Entwicklung bis zum Zeitpunkt der Aufnahme abzubilden. Man sagt ja, stille Wasser sind tief. Ich habe meinen Albumtitel bewusst als eine Art Trugschluss gewählt, um Zuhörer zu überraschen und sie mit mir unter die Oberfläche zu nehmen. So fühlt sich Improvisation für mich ohnehin an. Das komponierte Ausgangsmaterial gewinnt durch das Abtauchen, durch kontrastvolles Zusammenspiel und die bewusst gewagte Kollision von Individualisten eine ungeahnte Tiefe.
jazz-fun.de:
Deine Kompositionen wirken offen, lassen viel Raum für Improvisation und sind zugleich klar strukturiert. Wie entwickelst du diese Balance zwischen Freiheit und formaler Stringenz?
Niklas Lukassen:
Da habe ich unterschiedliche Ansätze. Als Komponist habe ich bei meinen Stücken darauf geachtet, dass die Entwicklung der Melodien, Harmoniefolgen und des harmonischen Rhythmus bereits eine musikalische Richtung suggeriert. So entsteht für alle ein dramaturgischer Bogen, der jedoch mit großem Interpretationsspielraum individuell gestaltet werden kann.
Mir war es besonders wichtig, jedem Raum zur Entfaltung zu geben. Meine eigene Vision wächst durch die Symbiose der sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten auf dem Album enorm.
jazz-fun.de:
Du spielst auf dem Album Kontrabass, E Bass und singst auch ein Stück („Luna“). Wie beeinflusst diese klangliche Vielseitigkeit deine kompositorische Denkweise?
Niklas Lukassen:
Ich muss sagen, dass ich, obwohl ich Bassist bin, fast alle Stücke auf dem Album am Klavier und teilweise mithilfe meiner Stimme geschrieben habe. Das beeinflusst nicht nur meine melodische und harmonische Sprache, sondern auch, wie ich mich als Bassist in meinem eigenen Ensemble positioniere.
Oft geben mir Stücke, die ich nicht auf dem Bass geschrieben habe, die Möglichkeit, mich in der Band fast „demokratisch“ wie ein Sideman zu integrieren. Mit dieser Herangehensweise fällt es mir leicht, immer wieder neue Ansätze zu finden, ohne darauf zu bestehen, meine eigenen Parts festzulegen.
Auf diesem Album wollte ich bewusst zeigen, dass ich sowohl Kontrabass als auch E Bass spiele. Ich identifiziere mich gleichermaßen mit beiden Instrumenten und spiele gerne verschiedenste Musik auf beiden. Daher glaube ich, dass alle Stücke grundsätzlich auf beiden Instrumenten funktionieren würden. Außerdem sind auf dem Album zwei Stücke mit Songtexten vertreten. Songwriting ist für mich ein wichtiger kreativer Ausdruck, und ich wollte das auf Still Waters bereits andeuten. In meiner Band ECHO spielen wir ausschließlich Stücke mit meinen eigenen Texten.
jazz-fun.de:
Das Quartett vereint starke, sehr individuelle Musikerpersönlichkeiten aus unterschiedlichen europäischen Szenen. Wie schreibst du für solch profilierte Stimmen, ohne deren Eigenständigkeit einzuengen?
Niklas Lukassen:
Seit der Aufnahme hatten wir einige Gelegenheiten, zusammen zu spielen und noch stärker zusammenzuwachsen. Ehrlich gesagt vertraue und schätze ich meine Mitmusiker, Ben van Gelder, Kit Downes und Francesco Ciniglio, sehr. Da braucht es kaum bewusste Planung.
Auch wenn wir unterschiedlich sind, findet jeder schnell seinen Platz in der Musik, und oft muss gar nicht viel gesagt werden. Wir spielen einfach und haben keine Scheu, Dinge auszuprobieren oder zu verändern. So bleibt die Musik offen, und wir lernen die Kompositionen immer besser kennen.
jazz-fun.de:
Mit Gästen wie Kurt Rosenwinkel, Céline Rudolph oder Wanja Slavin erweitert sich das Klangspektrum zusätzlich. Wann war dir klar, dass diese Stimmen das Album bereichern würden, und nach welchen Kriterien wählst du solche Kollaborationen aus?
Niklas Lukassen:
Das sind alles Freunde, die ich in Berlin kennengelernt habe. Palisade, ein Stück, auf dem sowohl Kurt als auch Geoffroy De Masure gastieren, habe ich mit 18 geschrieben. Damals war ich am Jazzinstitut in einem Ensemble, das die beiden geleitet haben. Kurt hat dort selbst Gitarre gespielt. Dieser Moment ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Deshalb dachte ich, es gäbe nichts Passenderes, als beide für die Aufnahme einzuladen.
Rainbow Surfer habe ich einige Jahre später ebenfalls nach einer Erfahrung mit Kurt geschrieben. Wir hatten zwei gemeinsame Abende im A Trane in Berlin gespielt, und diese Stimmung hat sich kurz darauf in einem neuen Stück manifestiert.
Céline war mit ihrem Sound und ihrer intimen Atmosphäre die perfekte Wahl für Interlude. Um den Songtext optimal wirken zu lassen, habe ich im Studio spontan entschieden, dass Francesco und ich nicht mitspielen. Stattdessen lagen wir auf dem Studioboden und haben Céline, Ben und Kit bei ihrer Performance zugehört.
jazz-fun.de:
Dein Spiel zeichnet sich durch eine lyrische, fast malerische Qualität aus. Ist Lyrik für dich ein bewusstes kompositorisches Ziel oder eher ein intuitiver Ausdruck?
Niklas Lukassen:
Ich glaube, ich spiele einfach so, wie ich spiele. Ich liebe Melodik und Balladen, und durch meine Nähe zum Gesang überträgt sich das ganz natürlich als künstlerische Stimme auf mein Bassspiel.
jazz-fun.de:
Du hast prägende Jahre in New York verbracht und bei Ron Carter studiert. Inwiefern hat diese Zeit deine Haltung zu Ensembleführung und Komposition beeinflusst?
Niklas Lukassen:
Maestro Ron war für mich absolut prägend. Ich durfte viel Zeit bei ihm zu Hause verbringen und habe von ihm Geduld, Präzision und die Bedeutung konzeptioneller Klarheit gelernt.
Ich habe meine Zeit in New York geliebt. Ohne die Pandemie wäre ich wahrscheinlich noch dort. Die Stadt hat mir eine gewisse Leichtigkeit gegeben. Exzellenz ist dort normalisiert, und ich habe es genossen, wie vielfältig die musikalischen Situationen und Herausforderungen sind.
jazz-fun.de:
Trotz der internationalen Besetzung klingt Still Waters sehr geschlossen und fokussiert. Wie gelingt es dir als Bandleader, eine gemeinsame Klangidentität zu formen?
Niklas Lukassen:
Ich glaube, es geht darum, allen Raum zu geben und sich wirklich aufeinander einzulassen. Als Komponist und Bandleader versuche ich, im geschriebenen Material meine musikalischen Intentionen richtungsweisend anzulegen.
Ich wollte bewusst Musiker in der Band haben, die aus unterschiedlichen Kontexten kommen. Ben, Kit und Francesco bringen alle eine besondere, oft gelassene Eleganz in ihr Spiel. Bei der Aufnahme ging es vor allem darum, überraschende und spannende Momente einzufangen. Ich nenne das gerne „Feinstaub einsammeln“.
jazz-fun.de:
Die Musik bewegt sich im zeitgenössischen Jazz, ohne sich stilistisch festzulegen. Wie definierst du deine eigene Position innerhalb des aktuellen europäischen Jazz?
Niklas Lukassen:
Ich weiß gar nicht, ob ich mich da definieren kann oder will. Ich mag eine bunte Welt, und ich glaube, dass ich mit meinen kommenden Alben unterschiedliche ästhetische Ansätze gezielt erkunden möchte. Mein Basscello Trio mit Gwilym Simcock und James Maddren unterscheidet sich zum Beispiel stark von dem, was ich aktuell mit ECHO mache. Dort arbeite ich mit Immy Churchill und Jonny Mansfield in einer ganz anderen klanglichen Welt.
Für unterschiedliche Besetzungen zu schreiben hilft mir, bewusst kontrastreiche ästhetische Ansätze zu verfolgen.
jazz-fun.de:
Das Bild des Wassers taucht mehrfach auf. Arbeitest du bewusst mit solchen Metaphern oder entstehen sie erst im Nachhinein?
Niklas Lukassen:
Ich glaube, Wasser weist viele Parallelen zur Musik auf. Es ist ein formwandelndes Element, und als Musiker wollen wir, dass Musik fließt. Wasser steht für Veränderung und existiert nicht als statisches Phänomen, sondern als lebendige, bewegliche Materie.
Bei der Wahl der Songtitel hat mich dieses Bild ganz natürlich angezogen. Damit bin ich aber nicht allein. Jetzt ist es Zeit für neue Themen.
jazz-fun.de:
Du pendelst zwischen Berlin und London. Spiegelt sich dieses Dazwischen auch in deiner Musik wider?
Niklas Lukassen:
Absolut. An verschiedenen Orten zu leben und so viele unterschiedliche künstlerische Ansätze kennenzulernen, hat meine Perspektive enorm erweitert.
Ich habe gelernt zu schätzen, wie unterschiedlich Menschen Musik wahrnehmen und suchen. Gleichzeitig finde ich mehr und mehr zu mir selbst, gerade weil ich mich keiner bestimmten Szene verschreibe. Ich bin gewissermaßen zwischen den Stühlen und genau dadurch bei mir selbst.
jazz-fun.de:
Wenn du Still Waters als Entwicklungsschritt betrachtest, was ist anders und wie geht es weiter?
Niklas Lukassen:
Still Waters war mein Schritt ins Bandleader Dasein und das ist eine ganz eigene Welt. Auch wenn ich weiterhin sehr gerne als Sideman arbeite, habe ich gemerkt, dass mir diese Rolle liegt und mir große künstlerische Freiheit gibt.
Das Album hat mir ermöglicht, viele Facetten von mir selbst zu zeigen. Daran möchte ich anknüpfen. Die Band mit Ben, Kit und Francesco besteht weiterhin, und wir haben auf Tour bereits viel neues Repertoire gespielt.
Dieses Jahr bin ich mehrfach auf Release Tour in Europa, vor allem in Deutschland und im Vereinigten Königreich. Die Besetzung variiert gelegentlich, auch das ist spannend.
Einige Klangfarben auf dem Album sind als Teaser zu verstehen, es kommt bald mehr Musik. Im Moment reizt mich besonders die Idee, mit der Band ein Live Album aufzunehmen. Einfach spielen. Darüber hinaus möchte ich künftig thematisch fokussierter arbeiten. Meine Songs finden mit ECHO einen eigenen Raum, während ich im Trio mit Gwilym und James mein Basscello als neues Instrument stärker in den Fokus rücke.
Und irgendwann erfülle ich mir noch den Traum, ein eigenes Album aufzunehmen, auf dem ich ausschließlich E Bass spiele und es auch etwas rockiger werden darf.
Naja, eins nach dem anderen. Meine unterschiedlichen Interessen rühren wahrscheinlich von meiner vielseitigen Arbeit als Sideman her. Ich finde, dass Vielseitigkeit einer eigenen künstlerischen Handschrift nicht im Wege steht. Im Gegenteil, viele Farben fördern kreative Ideen. Ich mag mein Leben bunt!
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Aktuelles Album:
Niklas Lukassen - Still Waters: Jazz zwischen Ruhe und innerer Bewegung
Niklas Lukassen Internetseite:
https://de.niklaslukassen.com/
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