Óskar Guðjónsson – Acht Jahre für den eigenen Sound: Das Projekt MOVE
Der Saxophonist Óskar Guðjónsson ist ein sehr besonderer Musiker, sein Saxophonsound berührt. Sein neues Projekt MOVE hat einen langen Anlauf genommen, acht lange Jahre hat das Quartett aus Island geprobt. Erst als Óskar das Gefühl hatte, sowohl die Musik als auch seine Musikerkollegen vollständig verstanden zu haben, ging es ins Studio. Das Ergebnis ist eine dichte und atmosphärische CD, die den Zuhörer an die Hand nimmt. Ein Gespräch über das Leben im Allgemeinen und die Musik im Besonderen. Und einen rumpeligen Interviewstart, der statt Video nur über Telefon geführt werden konnte.
Von Angela Ballhorn
Óskar Guðjónsson:
Ich habe eine besondere Beziehung zu Videoanrufen, sie erinnern mich an das Musikbusiness. Jeder Jazzmusiker muss Videos machen, um sich zu vermarkten. Das was ich für Musik fühle, ist das Stärkste. Wenn ich meine Augen schließe, tauche ich in die Musik ab. Bei Telefonaten ist es ähnlich, ohne Bilder muss ich die kleinen, subtilen Unterschiede in der Stimme verstehen. Dann merke ich das ganze Chaos wie bei Videocalls nicht, Hund, Katze oder das Essen, das ich koche. Videotelefonate schaffen eine zusätzliche Ebene, die ablenkt.
jazz-fun.de:
Mittlerweile ist ja Musik schauen statt Musik hören wichtiger geworden.
Óskar Guðjónsson:
Das ist inzwischen normal für die Gesellschaft. In den Siebzigern oder Achtzigern konkurrierte man mit Freunden in einem freundschaftlichem Wettbewerb, wie gut die Lautsprecher sind und wie groß die Stereoanlage ist. In den Neunzigern und in den Zweitausendern konkurrierte man mit seinen Musikerkollegen, wie viele Platten man gekauft hatte. Ich erinnere mich an die Telefonate mit Freunden, spätestens, wenn man zum Steuerberater musste. „Was hat dein Steuerberater gesagt?“ „Ich habe für 280.000 (ISK, 1900 €) Platten gekauft.“ „Ich habe für 320.000 gekauft, also habe ich gewonnen.“ Es war ein freundschaftlicher Wettbewerb, wie sehr man sein eigenes Arbeitsfeld unterstützte. Spotify nimmt das alles weg. Ich verstehe den Wert einer Bibliothek, aber meiner Meinung nach sollte eine Organisation die Kontrolle übernehmen, nicht ein privates Unternehmen. Das nimmt der Musik den Wert.
Ich habe ein bisschen von der Sehnsucht nach Abenteuerlust verloren. Früher hat man jemanden anrufen und gefragt: Was hörst du gerade? Was gibt's Neues? Aber es ist positiv, wieviel Musik live gespielt wird. Es gibt mehr Live-Musik als je zuvor. Das ist gut, weil es der einzige Weg zum Lebensunterhalt als Musiker ist, reisen und zu spielen.
jazz-fun.de:
Was ist für deine Aufnahme von „MOVE“ geplant? Wird sie nur auf Vinyl erscheinen oder auch auf CD?
Óskar Guðjónsson:
Als CD und Vinyl, weil ich ein Kind der CDs bin. Ich bin 1974 geboren, ich habe 1985 begonnen Schallplatten zu kaufen. Aber bald merkte man, daß die Schallplatte verschwindet und die CD übernimmt. Mit fünfzehn bin ich auf CDs umgestiegen
jazz-fun.de:
Inzwischen besitzen viele Leute gar keinen CD-Player mehr.
Óskar Guðjónsson:
Das ist typisch für die westliche Gesellschaftsmentalität. Man muss mit dem Trend gehen und tun, was alle anderen tun, sonst ist man altmodisch. In Japan haben viele einen CD-Player, niemand hat Schallplatten. Dort verkauft man keine Schallplatten, sondern CDs. Es ist von Land zu Land unterschiedlich. Ich liebe Schallplatten, aber auch CDs. Es gibt einige Sounds und Frequenzen von MOVE, die ich meine auf der CD zu hören, aber nicht auf Vinyl. Sogar ein Teil der Luft in meinem Sound überträgt sich besser auf CD als LP.
jazz-fun.de:
Erzähl mir etwas über das MOVE-Projekt. Es ist seit sieben Jahren in der Mache, oder?
Óskar Guðjónsson:
[lacht] Es sind genau genommen acht Jahre. Im Jahr 2017 gab es eine Diskussion zwischen mir und Eyþór (Gunnarsson, Pianist), einem lieben Freund von mir. Ich kenne ihn, seit ich zwanzig bin, also seit mehr als dreißig Jahren. Es gab eine Diskussion, wie wir eigentlich Musik machen. Wir als Musiker in Island machen viele verschiedene Dinge, um zu überleben. Es ist ein kleines Land, in dem man sich nicht auf eine Sache konzentrieren und das den Rest seines Lebens machen kann. Wenn man auf ein Fachgebiet festgelegt ist, entspricht das definitiv nicht der isländischen Gesellschaft.
Jedenfalls ging es in unserer Diskussion darum, wie und ob wir bereit sind, loszulassen? Bist du bereit, einfach zu spielen ohne zu denken?
Es war eine fortlaufende Diskussion über Kreativität. Wie kannst du kreativ sein, warum stehen dir manche Dinge im Weg? Im Laufe der Diskussion sagte ich zu Eyþór „Ich glaube, wir haben eine Band.“ Ich hatte Musik geschrieben, die Charakter hatte, von der ich aber nicht wusste, wohin sie führen würde. Ich habe nie verstanden, was in der Musik schwierig und was einfach ist. Ich habe verstanden, daß manche Musik mehr Zeit braucht. Also habe ich mich gefragt, ob ich eine Platte mit akustischem Klaviertrio und Tenorsaxophon aufnehmen kann, die so wie ich ist. Es gibt so viele wunderschöne Platten mit ähnlicher Besetzung. Ich wollte den Mut haben, es anzugehen: Etwas, das von mir kommt und mich repräsentiert.
jazz-fun.de:
Ich glaube, das Ergebnis ist ziemlich speziell, weil du ein besonderer Saxophonist bist, auch Eyþór spielt anders als andere Pianisten, zusammen mit Valdimar Kolbeinn Sigurjónsson am Bass und Drummer Matthías Hemstock ist es ein einzigartiger Klang.
Óskar Guðjónsson:
Ich hoffe es. Ich glaube nicht, daß ich das beurteilen kann, das müssen andere sagen. Aber ich bin total zufrieden mit der Aufnahme und glücklich, daß wir nicht den Druck hatten, etwas in einer bestimmten Zeit fertig zu stellen. Das ist einzigartig in meinem Leben. Ich habe noch nie für etwas acht Jahre geübt. Manchmal die immer gleichen zehn Lieder. Wir haben wahrscheinlich dreißig oder mehr Lieder in diesen acht Jahren gespielt, um herauszufinden, was wir gern spielen und wie wir spielen wollen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um wirklich für das Quartett zu komponieren.
Ich wollte, daß die Band sich wohl fühlt herauszufinden, wer ich in dieser Band bin. Das brauchte schon zwei Jahre. Es war eine Reise zu mir selbst, um herauszufinden, wer ich als Komponist und Saxophonist bin. Wie kann ich so tief wie möglich in die Band mit diesen Musikern und in die Lieder eintauchen, um vollständig kreativ zu sein? Je mehr Zeit man mit den Liedern verbringt, desto vielfältiger werden die Perspektiven, aus denen man sie spielen kann.
jazz-fun.de:
Am Ende kannst du die Lieder völlig frei spielen, weil du alle Perspektiven ausprobiert hast.
Óskar Guðjónsson:
So werden sie zu etwas Leichtem, nicht einfach, aber vertraut. Das ist ein Anfang. Sie werden zu etwas Kreativem, weil man sie so oft gespielt hat und sich frei fühlt mit den Liedern.
Manche der Songs sind schwierig, sie richtig zu spielen, das hat Zeit gebraucht.
Weißt du, wenn man auf Tour ist, geschieht etwas in der Freundschaft zu den Liedern und zu dem Musiker neben dir. Es besteht eine Art Bindung, man spürt, daß die Lieder dadurch flexibler werden. Also haben wir das Besondere nur zwischen uns vieren entwickelt, ohne Publikum. Es ist eine sehr intime Angelegenheit zwischen uns vieren, die vielen verschiedenen Wege zu finden, um die gleichen Lieder zu spielen.
jazz-fun.de:
Hattest du auch eine regelmäßige Verabredung wie mit Magnús Jóhann für dein Fermented Friendship Projekt?
Óskar Guðjónsson:
Ja. Wir haben versucht, eine Probe pro Woche zu haben, zu der wir alle gekommen sind, wenn wir konnten. Wenn jemand nicht kommen konnte, waren wir trotzdem da. In der COVID-Zeit hatten wir zwei Termine pro Woche. Eigentlich war MOVE wie eine Universität für mich, um ein tiefergehendes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Melodie und Harmonie zusammenwirken können.
jazz-fun.de:
Ich mag an der Aufnahme, daß die Stücke nie klassisch der Melodie-Solo-Melodie Form folgen, alles ist immer in Bewegung.
Óskar Guðjónsson:
Ich glaube, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Es entwickelt sich einfach von selbst, weil alle Musiker sie so gut kennen. Musik ist für mich immer dieser Faden der Freundschaft und der Gefühle. Für mich sind es diese goldenen Fäden von deinem Magen zu den Mägen der anderen Leute. Manchmal sind es mehr und manche sind dick und elastisch. Wenn man richtige Freundschaften hat, hat man diese elastischen Fäden. Es spielt keine Rolle, wo du dich auf der Welt befindest, du fühlst es trotzdem.
jazz-fun.de:
Das ist eine starke Verbindung.
Óskar Guðjónsson:
Diese Bindungen zu Menschen aufbauen kann man nur, wenn man Zeit mit ihnen verbringt. So habe ich die acht Jahre in dem Schuppen von Eyþór verbracht. Wir haben die Zeit dort gemeinsam verbracht, um Kreativität zu verstehen, aber auch um unsere Freunde zu verstehen, woher sie kommen und was ihnen wichtig ist. Das ging über Musik hinaus, über Persönlichkeit und den Charakter. Über das Leben und die Menschheit. Woher kommst du, wohin willst du gehen, was ist dir wichtig?
Schon alleine diese Zeit zu verbringen, verändert die Freundschaft völlig, weil man versteht, daß man die Sichtweise der anderen liebt, obwohl die Menschen anders sind als man selbst.
jazz-fun.de:
Ich glaube, es hat für dich viel mit Vertrauen zu tun, egal, ob du mit ADHD oder mit MOVE spielst. Zu wissen, daß die Musiker da sind, um dich aufzufangen, falls du fällst.
Óskar Guðjónsson:
Vertrauen und Respekt vor dem, daß Leute anders spielen, als du es hörst, und das Vertrauen, daß du es gemeinsam hören wirst. Jeder macht mit, damit du das ganze Stück spürst und jeder spürt, was losgeht. Also helfen alle mit, nicht egoistisch, sondern daß sich die ganze Band wohlfühlt.
jazz-fun.de:
Ich mag den Aspekt der Zeit, daß die Musik sich entwickeln kann. Ich bin kein Freund davon, dass zuerst etwas neues geschrieben und aufgenommen wird, um die Musik erst in den Konzerten zu entwickeln. Es gibt keine Chance für die Musik, auf eine bestimmte Weise zu atmen.
Óskar Guðjónsson:
Das merkt man, wenn man im Schuppen ist und versucht, die Melodien zu lernen. Wenn man anfängt, spielt man viel, weil man versucht, alles zu verstehen. Je mehr man versteht, desto weniger spielt man, desto mehr Raum entsteht und desto mehr Luft bekommt man.
Und je mehr Bedeutung, tiefste emotionale Qualität oder Verständnis des Liedes du erhältst, dann kommt die Musik von dieser Seite, nicht von der technischen oder tonalen Seite her. Du wirst zum Geschichtenerzähler, weil du das Lied verstehst. Und du erzählst die Geschichte des Liedes von dort, wo du heute stehst.
Für mich ist es immer emotional, da die emotionale Seite die menschliche Seite der Musik ist. Die spüre ich und ich verbinde mich mit den Musikern, die die Songs spielen. Und wir hoffen uns mit dem Publikum zu verbinden.
Das ist für mich der wichtigste Teil des Lebens, diese Verbindung und die Erkenntnis, daß wir trotz aller Unterschiede gleich sind. Wir schreiben den Leuten nicht vor, wie sie sein sollten oder wie die Musik sein sollte. Ich versuche, so wenig wie möglich zu schreiben und die Musik jedem seiner Interpretation zu überlassen.
Die Art und Weise, wie Eyþór, Valdi und Matti die Lieder präsentieren, ist definitiv das, was ich geschrieben habe, aber auch nur ein Teil dessen. Man gibt den Musikern kreative Freiheit, weil man ihre Spielweise mag und ihre Ideen, wie man es anders machen als ich.
Normalerweise bin ich der Langsame, der die Lieder lernen musste. Es hat mich am längsten gekostet, zu verstehen, was da vor sich ging.
jazz-fun.de:
Ich schätze, als du mit der Band gespielt hast, hast du auch viele neue Aspekte deiner eigenen Songs entdeckt.
Óskar Guðjónsson:
Absolut. Außerdem bin ich einfach so schlecht am Klavier, wenn ich versuche zu komponieren, so daß ich den Song noch nie richtig gehört habe. Wenn die Band ihn spielt, ist er völlig neu für mich. Deshalb versuche ich, etwas frei zu lassen, damit jeder seine eigene Interpretation einbringen kann.
jazz-fun.de:
Ihr habt schon einige Konzerte in Island gespielt, aber noch nicht in Europa?
Óskar Guðjónsson:
Wir haben noch nicht in Europa gespielt. Offensichtlich bekommt man keine Auftritte ohne Platte. Und wenn man mehr als ein Projekt hat, ist das Booking schwierig. Ich habe mehrfach gehört: „Du spielst doch auch mit XY, du kannst nicht noch mit einer anderen Band hier auftauchen.“
jazz-fun.de:
Wenn man Publikum für ein Projekt hat, sollte man das auch für andere Projekte haben?
Óskar Guðjónsson:
So sollte es sein, aber weil wir mehr reisende Musiker als je zuvor in der Geschichte haben, gibt es nicht genug Auftrittsmöglichkeiten. Außerdem braucht man ja auch Publikum. Wie viele Tage pro Woche sind die Leute bereit, abends auszugehen?
jazz-fun.de:
Wieviel können sie sich leisten? Ja, das ist das Problem.
Óskar Guðjónsson:
Genau. Und es scheint, als hätten die Leute jetzt weniger Geld. Wir sind noch dabei, die Pandemie zu überwinden. Es wird Zeit brauchen, bis alles wieder normal ist. Aber ich würde gerne mit MOVE überall auf der Welt spielen. Denn auf Tour zu sein, ist die einzige Zeit, in der man Leute richtig kennenlernt. Man lebt entweder mit ihnen zusammen oder man tourt mit ihnen. Weil man wirklich spürt, wer neben einem steht, wenn man mit ihm zusammen ist – sechzehn Stunden am Tag auf der Bühne, im Bus, im Hotel.
jazz-fun.de:
Die einzigen Personen, die man so gut kennt, sind Familienmitglieder.
Óskar Guðjónsson:
Genau, die Leute, mit denen man zusammenlebt. Deine wahren Freunde sind die Menschen, denen du deine schlechtesten Seiten zeigen kannst oder denen du deine besonderen Eigenschaften anvertrauen kannst. Die Dinge, die dich ausmachen, die dich zu dem machen, der du bist, aber die du manchmal verbirgst.
jazz-fun.de:
Es geht wieder um Vertrauen, nicht nur in der Musik, sondern auch im persönlichen Bereich.
Vielleicht kannst du mir etwas über einen besonderen Song sagen, von dem ich finde, dass er wegen seinem anderen Stil heraussticht: „Ýkt, Ýkt“. Hier sind Tempo und Stimmung anders.
Óskar Guðjónsson:
[lacht] „ Ýkt, Ýkt, Mega, Mega, Gamma, Gamma“ ist ein ziemlich altes Lied. Am Anfang von ADHD haben wir tatsächlich dieses Lied ausprobiert. Ich habe es überarbeitet, ein bisschen etwas verändert und nahm es zur Probe mit. In den ersten vier Jahren habe ich versucht herauszufinden, was ich brauche, wie ich spielen muss. Aber „ Ýkt, Ýkt, Mega, Mega, Gamma, Gamma“ ist eine Art Manie, irgendwie außer Kontrolle: Es mag irgendwie lustig aber gleichzeitig für Menschen um dich herum schrecklich sein, weil sie Angst bekommen, weil sie das Leben in einem anderen Spektrum als du sehen.
Mega ist etwas großes, wir benutzen es hier, wenn Leute Pizzas verkaufen. Es gibt mega, mega, was bedeutet, daß man zwei für den Preis von einer bekommt. Es ist laut, übertrieben, mega groß, sehr lustig. Was man nicht kennt, ist normalerweise beängstigend und wenn man etwas noch nie gesehen hat, ist es normal, ein bisschen Angst zu haben. Wir haben es immer mit einer Gesellschaft zu tun: Als ob die Gesellschaft genau wüsste, wie die Dinge sein sollten. Wir vergessen manchmal, daß sich Gesellschaften entwickeln, und das extrem langsam in manchen Bereichen. Es dauert lange, bis die Gesellschaft versteht.
jazz-fun.de:
In der Gesellschaft sind die Menschen Individuen, also ist jeder anders.
Óskar Guðjónsson:
Manchmal fragt man sich, wie es mit den verschiedenen Individuen aber auch all diesen spezifischen Echokammern auf Facebook funktionieren soll, wo die Leute denken, daß das, was sie sehen, völlig richtig ist.
Da bekomme ich manchmal Angst, wenn Leute glauben, daß sie genau wissen, daß etwas richtiger ist als etwas anderes.
jazz-fun.de:
Deshalb ist es gut, eine Band wie MOVE zu haben, es ist eine Art Schutzraum, in dem man einander vertraut und seine Meinungen ohne Angst austauschen kann. Und zusammen Musik machen kann.
Óskar Guðjónsson:
Genau, und man ist befreit beim Spielen, weil es okay ist, so zu sein, wie man ist, weil man spielt und die Leute zuhören wollen.
jazz-fun.de:
Meistens haben die Leute, wenn sie Musik hören, keine Zeit oder Konzentration, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das ist also auch gut.
Gibt es eigentlich schon ein Veröffentlichungsdatum?
Óskar Guðjónsson:
Es gibt noch kein Veröffentlichungsdatum. Das ist typisch für mich, weil ich Aufschieber bin. Ich denke immer, daß es da noch etwas gäbe, was ich tun sollte. Die Dinge sind nie fertig und sind nie gut genug. Aber der Veröffentlichungstermin liegt irgendwo zwischen April und Mai. Ich wünsche mir das Album als etwas Frühlingshaftes.
Aber die Frage ist auch: Wo kann die Band spielen? Weil wir spielen wollen, ist auch eine Frage von unterschiedlichen VÖs in Deutschland und Island.
Ich verrate dir ein kleines Geheimnis, was ich für die Veröffentlichung in Island vorhabe, daß ich gleichzeitig ein neues Album aufnehmen möchte, während ich dieses hier veröffentliche.
Also könnte ich das tun, was ich schon immer tun wollte, nämlich etwas zu kombinieren. [lacht] Ich will immer so viel Zeit von Leuten, und Leute haben verständlicherweise nicht diese Zeit, weil sie arbeiten müssen. Ich würde gerne eine Woche lang im April oder Mai Konzerte geben und gleichzeitig aufnehmen.
jazz-fun.de:
Das klingt nach einer wunderbaren Idee.
Óskar Guðjónsson:
Ja, wie manche meiner Ideen, die nicht in die Realität passen.
jazz-fun.de:
Man könnte das im Berliner A-Trane machen.
Óskar Guðjónsson:
Es ist eine gute Idee. Vielleicht ist das der Anstoß, den ich brauchte.
Das Veröffentlichungsdatum wird am Ende Werner von Enja festlegen. Ich hatte heute das letzte Treffen mit dem Coverdesigner, jetzt wird das Cover verschickt. Das Mastering ist fertig, bis auf einen Track, den ich noch überprüfen lassen wollte. Es sollte nächste Woche zur Produktion gehen. Ich wollte im Oktober oder November fertig sein, aber ich bin unglaublich langsam. [lacht] Weil manche Dinge acht Jahre dauern müssen. Ich möchte es einfach so gut wie möglich machen.
jazz-fun.de:
Überstürze nichts, erst recht nicht, wenn es so lange gedauert hat.
Óskar Guðjónsson:
Ich bin extrem stolz und glücklich, weil es mich zu neuen Spielweisen geführt hat und die Aufnahme mich zu einem besseren Saxophonisten gemacht hat und gleichzeitig zu einem besseren Menschen. Weil ich diese Leute gut kenne und sie jetzt noch besser kennengelernt habe. Matti zum Beispiel ist schon mein Freund seit ich ein Kind war. Er wohnte neben mir und gehört zu den Menschen, die mich wirklich in der Musik geprägt haben und einen tiefgreifenden Einfluss auf mich hatten und wie ich Musik höre. Und Valdi habe ich immer bewundert, seit ich ihn zum ersten Mal gehört habe, seine Sensibilität ist einzigartig. Ich hätte nie gedacht, daß wir so gute Freunde werden könnten. Ich bin so glücklich darüber.
jazz-fun.de:
Das ist ein Geschenk.
Óskar Guðjónsson:
Freundschaft ist für mich der größte Wert im Leben. Das macht dich reich, der größte Reichtum, den man haben kann: So gute Freunde zu haben, daß man weiß, daß sie kommen und einen retten würden, wenn dein Haus brennt.
jazz-fun.de:
Ich verfolge deine, Ómars und ADHDs Musik schon lange, also wollte ich dieses Gespräch unbedingt führen. Weil ich die Entwicklung verfolgen und die Bands auf ihrer musikalischen Reise begleiten möchte.
Óskar Guðjónsson:
Absolut, und wenn du noch etwas brauchst, ruf mich an. Ich bin ein gesprächiger Mensch und schreibe ungerne Mails. Gespräche entwickelt sich ganz anders, wenn man die Stimme hört. Und man versteht Dinge, ohne es wirklich zu wissen.
Ich glaube, das ist der wichtigste – oder einer der wichtigsten Aspekte – der Musik, den ich so liebe. Man hört etwas, versteht es nicht wirklich, aber es macht das Leben interessanter und schöner. Weil es einen an einen Ort führt, von dem man nicht wusste, daß er existiert, und man ihn nicht vollständig versteht. Es vermittelt einem einen Aspekt dessen, was es heißt, Mensch zu sein. Das ist einfach ein Gefühl, das man schlecht in Worte fassen kann. Es ist einfach ein Gefühl, das man hat, wenn man etwas hört oder wenn man jemanden trifft.
jazz-fun.de:
Dem stimme ich vollkommen zu. Ich hoffe also, dich bald mit diesem Projekt auch in Deutschland zu sehen, aber vielleicht treffen wir uns auch wieder bei der Jazzahead? Das wäre ein großartiger Tag für eine Veröffentlichung.
Óskar Guðjónsson:
Das wäre es. Das Album wird definitiv vor der Jazzahead fertig sein. Ich hoffe, ich kann auch dabei sein. Es hängt ein bisschen davon ab, wie viel Arbeit ich habe und wie die finanzielle Lage ist. Es ist immer schön, die Community von den echten Jazz-Nerds, die wir sind, zu sehen.
Mir fällt im Moment nichts weiter ein, abgesehen von dem, worüber wir gesprochen haben. Ich habe neue Musik geschrieben, die wir gemeinsam musikalisch gestaltet haben. Und ich habe tatsächlich Aufnahmen von fast allen Proben. Ich wollte schon immer einen Weg finden, wie man die Entwicklung der letzten acht Jahre am besten präsentieren kann.
Es gibt Aufnahmen vor allem von den Anfängen der Band. Für Archivare und vielleicht andere Liebhaber wäre es interessant zu hören, wie schlecht wir am Anfang klangen oder wie lange es dauerte, bis wir wirklich verstanden haben, wie wir spielen konnten.
jazz-fun.de:
Das ist wirklich interessant.
Óskar Guðjónsson:
Wenn ich mal Archivar bin, werde ich das veröffentlichen. Oder falls jemand, der sich mit Musikgeschichte auskennt, Interesse hat, ist das Material vorhanden. Wenn sich jemand näher damit befassen möchte oder wenn jemand in der Schule ein Projekt braucht, dann ist das hier genau das Richtige. Weil ich es selbst nicht ganz verstehe und nicht genau weiß, was es sein soll. Aber vielleicht versteht es ja jemand anderes. Es ist Musik. Und ich liebe sie.
Website:
www.adhdiceland.com
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