OVERSÁEZ - Abstract Emotions

OVERSÁEZ - Abstract Emotions - Album cover
OVERSÁEZ - Abstract Emotions

OVERSÁEZ
Abstract Emotions

Erscheinungstermin: 13.06.2025
Label: Boomslang Records, 2025

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jazz-fun`s recap:

Das ist kein typisches Piano-Trio, in dem der Pianist die meiste musikalische Fläche beansprucht. Bei OVERSÁEZ – bestehend aus Sandro Sáez (Piano), Jonas Westergaard (Bass) und Nathan Ott (Schlagzeug) – ist die Musik bewusst so konzipiert, dass alle Instrumente gleichberechtigt zur Klangarchitektur beitragen. Auch in den improvisierten Passagen spielt die Rhythmusgruppe eine tragende und kreative Rolle, wodurch sich ein stark verwobenes und kollektives Zusammenspiel ergibt. Die durchdacht konstruierten Kompositionen schaffen weiten Raum für gemeinsame Improvisationen und entwickeln sich zu kompakten, erzählerischen Miniaturen. Die Homogenität des Trios und die Klarheit ihres musikalischen Konzepts sorgen für ein geschlossenes Hörerlebnis. Darüber hinaus begeistert das Album mit ideenreichen Arrangements, spannenden Entwicklungen und einem besonderen Gespür für dynamische Feinheiten. Ein eindrucksvolles Werk voller Energie, Tiefe und künstlerischer Reife. (Jacek Brun, 20.06.2025)

Besetzung

Sandro Sáez - piano/composition
Jonas Westergaard - bass
Nathan Ott - drums

Ein homogenes Kollektiv mit Tiefgang – OVERSÁEZ und ihre „Abstract Emotions“

Vor gut einem Jahr machte der Pianist Sandro Sáez erstmals mit einer Trio-CD auf sich aufmerksam. „No Perspective“ erschien ohne viel Getöse auf einem kleinen Label und erhielt dennoch einige bemerkenswerte Reaktionen. So lobte der renommierte Pianist Richie Beirach Sáez' „eigenen Spiel- und Improvisationsstil“ und befand, er könne „alles spielen“. Die Süddeutsche Zeitung zeigte sich begeistert von Sáez' groovenden Miniaturen, die er „in cooler Free-Jazz-Abstraktion wieder zerbröseln“ lässt. Das niederländische Magazin Jazz In Europe erklärte Sáez zu einer „unverwechselbaren Stimme in der europäischen Jazzszene“.

Inzwischen hat sich einiges getan. Nach mehreren Wechseln fand Sáez im Laufe des vergangenen Jahres mit Jonas Westergaard aus seiner Sicht endlich den richtigen Bassisten. Entsprechend versteht er sein Trio nun als eine echte Band, die den Namen OVERSÁEZ trägt. Die weiteren musikalischen Entwicklungen der letzten Zeit sind mindestens ebenso markant. Sie verleihen dem ersten Werk in der neuen Besetzung, Abstract emotions, das am 13.06.2025 bei Boomslang Records erscheint, ein beeindruckendes und herausragendes Format.

„Unser Zusammenspiel, die Kommunikation untereinander und die Ausformulierung von Ideen gelingt nun viel konsequenter“, freut sich der 27-jährige Pianist und Komponist. Mit dem Schlagzeuger Nathan Ott arbeitet Sáez schon seit fünf Jahren zusammen. Entsprechend intuitiv verstehen sich beide, selbst in komplexen und freien Momenten, die die Musik reichlich bietet. Der einige Jahre ältere Westergaard kann seine weitreichende Erfahrung (u. a. bei Dell, Lillinger, Wollny und Daniel Erdmann) in die wandlungsfähige und stilwillige Formation einbringen. Zudem haben er und Ott bereits eine gemeinsame Basis über Nathan Otts Alben, zuletzt Continuum im März 2025, und sind als starke Spieler, gute Zuhörer und sensible bis kraftvolle Begleiter bekannt – Tugenden, die nun auch an Sáez' Seite hervorragend zum Tragen kommen.

Sandro Sáez ist womöglich stärker als andere aktuelle Jazzpianisten von europäischer Klassik und Moderne inspiriert. Diese und weitere Einflüsse, darunter Minimalismus, verleihen seinen unkonventionellen Stücken einen innovativen Charakter. „Vor einigen Jahren hatte ich eine Phase, in der ich glaubte, den Jazz hinter mir lassen zu müssen“, erzählt Sáez. „Als ich von Hamburg nach Berlin kam, spürte ich vor allem den Drang, etwas komplett auszukomponieren. Doch dann habe ich in New York erlebt, wie selbstverständlich Jazzmusiker dort aus gängigen Kontexten ausbrechen und sich nicht auf eine Stilistik festlegen lassen. Das hat meine Perspektive geändert und mir neue Türen geöffnet.“

In einer musikalischen Familie in Hamburg aufgewachsen, begann Sáez im Alter von vier Jahren, in die Tasten zu greifen. Als er Chopin für sich entdeckte, kam der Spaß ins Spiel. Mit 14 Jahren drückte ihm sein Vater ein Album von Oscar Peterson in die Hand. Der Altmeister beeindruckte den Nachwuchspianisten nachhaltig: „Peterson wurde für Jahre mein Held.“ Bis heute übt Sáez Klassiker von Bach über Mozart bis Prokofjew und Schönberg. Zwischenzeitlich beschäftigte er sich mit der Kirchenorgel und dem französischen Klangfarben-Genie Messiaen sowie dessen Lehrern. „All das hat meine Improvisationen inspiriert, aber auch meine Art zu komponieren.“ Einen Bezug zu Messiaens Vogelgesängen findet sich nun in Rhythmik und Harmonien von „Soothsayajin“, während das Aufmacherstück des Albums, „You don’t know until you know“, auf einer Zwölftonleiter basiert.

Die Kompositionen auf „Abstract Emotions“ wirken zwar sehr durchdacht und zuweilen ausgefuchst, ihre Hintergründe sind aber trotzdem vielfach persönlich und emotional. So reflektiert das eigenwillig strukturierte „You Don’t Know …“ die Erfahrung, dass eine echte Erkenntnis mitunter erst viel später kommt und dann auch noch anders ausfällt als zunächst gedacht. „Abstract emotions“, das von fließenden und kreiselnden Motiven geprägt ist, zielt in eine ähnliche Richtung: Hat man bestimmte Gefühle im entscheidenden Moment tatsächlich richtig gedeutet? Einige der jüngeren Stücke sind, mehr oder weniger intensiv, vom Tod seines Vaters geprägt, verrät Sáez. Ein Beispiel ist das vergleichsweise ruhige, stellenweise fast impressionistisch angehauchte „For Heaven's Sake“: „Die Idee der Reinkarnation finde ich sehr inspirierend.“ Streckenweise wirkt „Soothsayajin“ filmisch-suggestiv. Der Titel greift mit listigem Humor Wayne Shorters „The Soothsayer“ auf und kombiniert ihn mit einer Anime-Figur.

Eine anfangs noch etwas dunklere Atmosphäre kreiert „Distorted Dreams“. Später steigt die Spannung und das Tempo nimmt zu. In „Paternoster“ vereint Sáez geradezu exemplarisch und mit großer Vorstellungskraft scheinbar sehr unterschiedliche Einflüsse, darunter Ideen eines weiteren Jazz-Impulsgebers: Anthony Braxton. Das Stück vollzieht eine lange, sich stetig zuspitzende Entwicklung bis hin zu einer kraftvoll-virtuosen, vielleicht sogar kathartischen Eruption.

Im Laufe einer kleinen Tournee hat sich das Trio im letzten Jahr die neuen Stücke erschlossen, im Januar 2025 fanden die Aufnahmen im MPS-Studio statt. Ausgerechnet dort, wo Sáez’ einstiger Held Oscar Peterson einige seiner Alben einspielte. In einer ruhigen Minute interpretierte Sáez „A Child Is Born” in derselben Tonart wie Peterson. Das war ein ziemlich krasser Moment. Ich fühlte mich, als säße ich in der Aufnahme von damals.“ Sáez wäre zweifellos nicht der erste jüngere Pianist, den das Studio mit seiner großen Geschichte beflügeln konnte. „Wir haben jeweils zwei bis drei Takes von jedem Titel aufgenommen und dabei immer ohne Trennwände zusammengestanden“, beschreibt Sáez die fast liveähnliche Situation, die wohl auch einen Anteil an der Intensität des Albums hat.

Mit „Abstract emotions“ präsentiert Sandro Sáez ein beeindruckendes Debüt seines Trios OVERSÁEZ. Die raffinierten, stilistisch offenen Kompositionen zeigen Gestaltungswillen und flirrende Konturen, Sáez' Spiel fesselt mit Virtuosität und zukunftsweisenden Ideen. So profiliert sich OVERSÁEZ als starke Stimme des aktuellen Avantgarde-Jazz.

Text: Boomslang Records

Titelliste

  1. You don't know until you know
  2. Abstract emotions
  3. For heavens sake
  4. Soothsayajin
  5. Distorted dream
  6. Paternoster

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