Peter Fulda - icons
Peter Fulda
icons
Erscheinungstermin: 14.01.2025
Label: label11, 2024
Schon von den ersten Tönen an wird deutlich, dass wir es hier mit herausragenden Musiker*innen zu tun haben, die ihr Handwerk über viele Jahre verfeinert und ihr Ausdrucksspektrum erweitert haben und genau wissen, was sie voneinander erwarten können. Peter Fulda schafft mit seinem Spiel eine besondere Atmosphäre der Nähe, ja der musikalischen Intimität, die den gesamten Sound des Trios prägt. Die Musik fließt sanft dahin und entfaltet sich wie eine Erzählung, in der der Bandleader seine musikalischen Faszinationen mit uns teilt. Ein großartiges Album - wir sind begeistert! (Jacek Brun, 08.05.2025)
Besetzung
Peter Fulda - Klavier
Peter Christof - Kontrabass
Florian Fischer - Schlagzeug
Musikalische Nähe – Peter Fuldas intime Klangreise
Das vierte Album der Edition mit aktuellen Werken des Jazzkomponisten Peter Fulda zeigt eine ganz eigene Perspektive auf die Jazztradition. Das Trio bedient sich eines breiten Spektrums zeitgenössischer musikalischer Konzepte, um den so genannten „Standards“ neue Geschichten zu entlocken.
Im gleichberechtigten Trialog schaffen die Musiker vielschichtige Texturen, ungewöhnliche Grooves und überraschende formale Wendungen. Die Herangehensweise des Trios an das sorgfältig ausgewählte Repertoire stellt alle bekannten Konventionen in Frage.
Die Auswahl der Standards auf icons deckt einen Großteil der Repertoirefelder ab, aus denen sich die Jazztradition speist:
"Body & Soul" und My Funny Valentine" gehören sicherlich zu den bekanntesten Stücken aus dem Great American Songbook", Goodbye Pork Pie Hat", Beatrice", Nature Boy" und In a Sentimental Mood" sind im Laufe der Zeit in unzähligen Jazz-Variationen zu eigenen Legenden geworden, Laura! der Titelsong des gleichnamigen Film Noir, entwickelte ein zweites Leben als Standardballade, „Lionheart“ ist eine Anleihe aus der Popmusik, und mit John Scofields „The Beatles“ bringt das Trio schließlich eine echte Rarität ans Licht.
Aus einer europäischen Jazz-Perspektive will icons diesen Stücken jeweils neue Aspekte abgewinnen.
Bisher hat Fulda fast ausschließlich Alben mit Eigenkompositionen veröffentlicht, meist in Form von Zyklen, Songbooks oder Suiten. Doch das Spiel mit Standards ist für ihn nicht nur professionelle Grundvoraussetzung, sondern Herzensangelegenheit und künstlerische Heimat. Und als gemeinsames Vokabular ermöglichen sie den spontanen Austausch mit anderen Musikern.
Die Musik auf icons wagt neue, eigene Perspektiven auf traditionelles Material und verschiedene Ansätze im künstlerischen Umgang damit - von der Interpretation bis zur Neukomposition.
Body & Soul (John W. Green):
ist seit Coleman Hawkins" legendärer Aufnahme von 1939 ein Kernstück des Jazzrepertoires. Das Peter Fulda Trio dehnt und verdichtet Thema und Form auf drei Tempoebenen und webt ein Gewebe von Zitaten der drei großen Colemans“ ein: Neben Coleman Hawkins finden sich Melodie- und Formteile aus Ornette Colemans Komposition "Lonely Woman!", und die Improvisation basiert auf einem "Drum Chant" im Stile von Steve Coleman.
Beatles (John Scofield):
Dieses Stück einen Standard zu nennen, ist vielleicht etwas gewagt: Obwohl die Noten in einem Fakebook zu finden sind, kennen sie wohl nur wenige Musiker. Das ist schade, denn es hat neben einer sehr ungewöhnlichen Chorusform eine besonders interessante Harmonieentwicklung zu bieten.
Ein übliches Verfahren bei der Aneignung eines Standards ist die sogenannte "Reharmonisation": die raffinierte Anreicherung oder Umdeutung der Harmonik des Originals. Fulda geht hier für das Bass-Solo den umgekehrten Weg und reduziert die raffinierte, reiche Harmonik des Originals auf ihre denkbar einfachste Grundform: eine idyllische Country-Ballade.
Goodbye Pork Pie Hat (Charles Mingus):
Ein sehr ungewöhnliches Stück mit einer ebenso ungewöhnlichen Geschichte. Als Requiem für den Saxophonisten Lester Young geschrieben, erzeugt es auf einem harmonisch schillernden Fundament eine ganz eigene Blues-Stimmung. Und es ist der seltene Fall einer Jazzkomposition, die überzeugende Interpretationen in der Popmusik gefunden hat (u.a. Joni Mitchell
und Jeff Beck).
Fuldas Version durchsetzt das Thema mit grüblerischen Zeitverschiebungen, stotternden Neuanfängen und Sprüngen und baut für die Improvisatoren einen wahren Hindernisparcours aus irrationalen Metren, Tempozonen und Einsprengseln aus einem anderen Requiem (dem von Gabriel Fauré) auf.
Beatrice (Sam Rivers):
Während „Beatrice“ bei Musikern sehr beliebt ist, fliegt das Stück beim Publikum eher unter dem Radar. Sein Komponist, der Saxophonist Sam Rivers, bewegte sich meist auf musikalischen Nebenpfaden.
Im Original handelt es sich um ein nur 16 Takte langes Thema, das reich an hellen Stimmungszonen ist. Fulda verdunkelt diese poetischen Stimmungszonen merklich, ersetzt ihr leichtes Swing-Feel durch einen pulsierenden Bass, verschiebt die Rhythmik der Melodie zu einem vorsichtigen Tasten und erweitert sie schließlich für die Improvisationen zu jeweils eigenen Formteilen.
Lionheart (Kate Bush):
Kate Bushs Musik gilt bis heute als mitreißend und exzentrisch zugleich - nicht zuletzt wegen ihres besonders unkonventionellen Songwritings: Ihre Melodien arbeiten oft bewusst gegen den Sprachfluss des Textes und verweigern sich der domestizierten, simplen Mitklatsch-Metrik des Pop-Mainstreams.
Neben einer Hommage an die große Künstlerin will die "Lionheart!"-Version auf icons auch als leiser Brexit-Trauergesang verstanden werden - der Klang eines nostalgisch verstimmten Klaviers dient als Vorlage für die harmonische Deutung. Einer der schönsten Texte von Kate Bush muss hier leider Subtext bleiben, den das Trio aber so deutlich wie möglich zu spielen versucht.
My Funny Valentine (Richard Rogers):
Auf der Basis des 11-fachen Triputa-Talas (rhythmisches Muster in der klassischen nordindischen Musik) trägt ein subtil verlangsamender und beschleunigender Groove die Melodie, bis sie an der passenden Textstelle* (natürlich wieder "Subtext!") in ein anderes Stück kippt: "Smile" von Charlie Chaplin. Zwischen den beiden Stücken und ihren gegensätzlichen Perspektiven auf ein Lächeln entfalten sich auch Klavier- und Bass-Solo, um dann unter dem Schlagzeugsolo ins Unhörbare zu entschwinden.
Nature Boy (Eden Ahbez):
Ein naturmystisches, idyllisch-seltsames Stück aus der Feder des wohl ersten amerikanischen Hippies, das durch die Interpretation von Nat King Cole 1948 über Nacht zum Millionenhit wurde. Unter anderem Charles Mingus, John Coltrane und Greg Osby haben der „sentimental“-Melodie ganz eigene Facetten abgewonnen und sie als Jazz-Standard etabliert. In der vorliegenden Version tauschen „Melodie“ und „Begleitung“ die Rollen: Melodie und harmonischer Formverlauf erklingen rubato im Klavier, bilden aber nur den Hintergrund für das Geschehen zwischen Bass und Schlagzeug, bevor das Trio schließlich gemeinsam in einem breiten Groove-Strom ausatmet.
Laura (David Raksin):
Ursprünglich als Erkennungsmelodie der Hauptfigur in Otto Premingers gleichnamigem Film Noir geschrieben, entwickelte „Laura“ schnell eine zweite Karriere als Jazz-Standard. Die ungewöhnliche Aufgabe des Stücks, in der ersten Hälfte des Films tatsächlich die Hauptfigur zu ersetzen, also für etwas Unsichtbares, Geheimnisvolles zu stehen, legt eine esoterische Deutung jenseits des Balladencharakters nahe.
In a Sentimental Mood (Duke Ellington):
ist wohl eine der schönsten Balladen der Jazzgeschichte, zu der Ellington selbst in einer Aufnahme mit John Coltrane eine der schönsten Introduktionen der Jazzgeschichte erfand. Unzählige Versionen haben dem Stück eine schillernde Patina verliehen.
icons nähert sich dem Stück aus ständig wechselnden Perspektiven: Melodische Miniaturkanons, Überlagerungen und Echos werden von "kubistischer" Harmonik (von Akkord zu Akkord wechselnde "Haustonarten"!) über allerlei rhythmische Blasenwürfe getragen. Der Improvisationsteil wagt eine „Verschränkung“ dreier gleichzeitiger Soli.
jazz-fun`s recap:
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