Bayreuth, eine Winterreise
pijazzo – Pianojazz im Palais 2026
Von Robert Fischer
Winterstimmung im Wonnemonat Mai? Nein, ganz so schlimm war es dann doch nicht, obwohl Michael Wollny, der am zweiten Tag auftrat, schon einen Punkt hatte, als er das Publikum zum „Winterfestival in Bayreuth“ begrüßte. Bei nächtlichen Temperaturen um die sechs bis neun Grad Celsius im zwar überdachten, aber offenen Hof des Palais Steingruber hüllte man sich gern in die am Eingang ausgegebenen Decken. Warm ums Herz aber wurde einem auch so: Denn die fünf Konzerte an vier Tagen in Bayreuth bewiesen auf das Eindrücklichste, dass dieses jedes Jahr um Christi Himmelfahrt stattfindende Event im historischen Steingraeber Palais eine ideale Gelegenheit ist, besten Pianojazz live zu erleben.
Was an der vorzüglichen Programmierung, der exzellenten Organisation unter Mithilfe vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer des Jazzforum Bayreuth e.V. sowie am stimmungsvollen Veranstaltungsort liegt, auf dem Gelände der 1852 in Bayreuth gegründeten, heute in siebter Generation von den Geschwistern Alban und Fanny Schmidt-Steingraeber geführten Klaviermanufaktur. Diese residiert in einem 1754 errichteten Rokoko-Palais; die Erkundung der im Erdgeschoss präsentierten Pianos gleicht für PianistInnen einem Streifzug durchs Schlaraffenland. Gern veranstaltet man für die Musikerinnen und Musiker des Festivals auch Führungen durch die Werkstätten im Nachbargebäude. Dort erfährt man einiges über die Geheimnisse des Klavierbaus, es riecht nach Holz, Leim, Filz und Leder. 14 Monate lang dauert die Fertigung eines großen, aus 12.500 Einzelteilen bestehenden Flügels. Für Akustik, Mechanik, Oberfläche und Gestaltung sind jeweils eigene Experten zuständig, jedes einzelne Teil wird von Hand geprüft. Geduld ist dabei unabdingbar: Allein für einen Hammersatz werden 17.000 Stiche benötigt, und zuletzt muss alles aussehen wie aus einem Guss.
Grandioser Auftakt
Das erste Konzert der diesjährigen, vom 14. bis zum 17. Mai veranstalteten Festivalausgabe fand im Kammermusiksaal der Klaviermanufaktur statt, was auch den kalten Temperaturen geschuldet war: Der Schweizer Jazzsänger und Komponist Andreas Schaerer hatte sich erst vor zehn Tagen eine schwere Erkältung zugezogen und wollte seine zu unglaublicher Vokalartistik fähige Stimme keinem zusätzlichen Risiko aussetzen. Sein Konzert mit dem spanischen Pianisten Daniel García Diego war das sechste und letzte einer kurzen Tour, auf der die beiden Ausnahmemusiker ein Programm vorstellten, an dem sie teilweise noch unterwegs im Zug oder Auto gefeilt und es quasi „live erprobt“ hatten. Was auch für die beiden selbst, die sich vor der Tour nur einige wenige Soundfiles hin und hergeschickt hatten, eine spannende Erfahrung war. Mindestens genauso spannend – und ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis – war ihr Konzert für das Publikum in Bayreuth: Dass schweizerische Tradition (Jodeleinlage inklusive), Obertongesang und Beatboxing mit zeitgenössischem Jazz und spanischer Folklore eine so innige Verbindung eingehen können, dass Musik also wie mühelos alle Grenzen (ob Genre oder Nationalität) überwinden kann, um gemeinsam etwas Neues zu kreieren – das wurde im Kammermusiksaal zurecht mit anhaltenden Standing Ovations gefeiert.
Vögel singen, Kirchenglocken läuten, ein Flügel verleiht Flügel
Alle übrigen Konzerte fanden im Hof der Klaviermanufaktur statt. Von der Musik inspiriert fühlten sich offenbar auch einige Vögel in der Umgebung, deren so angeregtes wie anregendes Gezwitscher weder auf der Bühne noch im Publikum unbemerkt blieb. Das gilt auch für die in regelmäßigen Abständen läutenden Glocken der benachbarten Stadtkirche Bayreuth: Alle Musizierenden gingen auf ihre Weise – mindestens aufmerksam lauschend, lächelnd – darauf ein; die israelische Pianistin Sharon Mansur versuchte sogar, den Ton der Kirchenglocken zu erahnen, spielte zwei Tasten an und meinte erst „somewhere in between“, um sich dann mit einem Dreiklang zu behelfen, in den sich die Kirchenglocken tatsächlich bestens einfügten. Musiziert wurde jeweils auf einem ganz besonderen Instrument: einem wunderbar transparent klingenden Steingraeber-Flügel mit Kohlefaser-Resonanzboden, der eigens für den Einsatz in schwierigen klimatischen Bedingungen entwickelt wurde.
Magische Momente
Von den klanglichen und spieltechnischen Qualitäten dieses Flügels konnten sich an den auf das Auftaktkonzert am Donnerstag folgenden drei Tagen die Pianistinnen und Pianisten Michael Wollny, Hania Derej, Marco Mezquida und Sharon Mansur überzeugen. Der deutsche Jazzpianist Michael Wollny trat im Duo mit dem französischen Sopransaxofonisten Émile Parisien auf, den er schon seit rund 20 Jahren kennt und mit dem er bereits in einigen größeren Formationen auf der Bühne gestanden hat. Aber eben erst seit Kurzem auch im Duo. Dabei sei doch genau DAS die ideale Konstellation „zum SPIELEN“, sagte Wollny in Bayreuth. Was er damit meinte, als er das Duo-Spiel mit dem Spiel im Sandkasten verglich, bei dem man mit verschiedenen Förmchen immer wieder etwas Neues gestalten könnte, zeigten die beiden in ihrem von der ersten bis zur letzten Minute faszinierenden, vom Publikum ebenfalls mit anhaltenden Standing Ovations begeistert gefeierten Konzert auf das Imposanteste. Als musikalische „Förmchen“ für unglaublich intim-virtuose Improvisationen auf Augenhöhe dienten ihnen etwa Joachim Kühns „Missing a page“ oder Wollnys „Vienna Pitch“; besonders anrührend gelang den beiden auch das auf einem traditionellen irischen Volkslied basierende „She moved through the fair“ von Wollnys Trioalbum „Living Ghosts“.
Fusionpower und schön(st)e Balladen
Am Festivalsamstag gab es gleich zwei Konzerte im Hof der Klaviermanufaktur. Zunächst trat am Nachmittag die erst 21 Jahre alte Pianistin Hania Derej auf, die in ihrer polnischen Heimat bereits als Shootingstar gehandelt wird, hierzulande aber noch zu entdecken ist. In Bayreuth trat sie mit einem sehr guten, sich beim Soundcheck mal eben mit Jaco Pastorius’ grooviger „The Chicken“-Version einspielendem Trio auf, in dem Mateusz Szewczyk am fünfsaitigen E-Bass und Gniewomir Tomczyk am Schlagzeug überzeugen konnten; für weitere solistische Glanzpunkte sorgte der Saxofonist Krysztof Kusmierek als Überraschungsgast.
Hania Derejs Musik lässt sich vom Sound her irgendwo zwischen dem Tingvall Trio und Hiromi verorten – auffallend ist ihr gutes Gespür für eingängige Melodien, sympathisch ihre erkennbare Lust am dynamischen, jazzrockaffinen Powerplay.
Das danach am Abend auftretende Trio des spanischen Pianisten Marco Mezquida ist ohnehin ein Glücksfall für jeden Veranstalter: Wie die drei die Seele jedes Publikums zum Leuchten bringen, das macht ihnen so leicht keiner nach. Die Freude an der eigenen Musik – an diesem Abend vornehmlich die ihres Trioalbums „Táctil“ – steht Mezquida selbst, aber auch seinen langjährigen Weggefährten, dem Percussionisten Aleix Tobías und dem sein Instrument überwiegend pizzicato „als höher klingenden Bass“ einsetzenden Cellisten Marín Meléndez förmlich ins Gesicht geschrieben. Wobei Mezquida nicht nur ein sehr guter Pianist ist, der eingängige, spanische Folklore mit zeitgenössischem Jazz verbindende Melodien erfinden kann, sondern auch ein Musiker, der weiß, wann das Schöne ins Gefällige zu kippen droht – weshalb seine Stücke oft „kurz davor“ noch eine etwas überraschendere Wendung nehmen. Gern hört man auch seine Botschaft der „Brüderlichkeit“, die er mit seiner harmonieseligen Musik verbreiten möchte und die in diesen unfriedlichen Zeiten vielleicht naiv klingen mag – er selbst ist das ganz sicher nicht. Jedenfalls ist es ja leider aktuell nicht mehr so selbstverständlich, wie es sein sollte, dass Künstler sich wie er auf offener Bühne für ein friedfertiges Leben überall in der Welt, dezidiert auch in Palästina UND in Israel, einsetzen.
Drei Herzen in ihrer Brust?
Zum Abschluss des Festivals trat die auch erst 30 Jahre alte isralische Pianistin und Komponistin Sharon Mansur auf. Im Trio mit dem eigentlich fantastischen, diesmal aber mit einigen Intonationsproblemen kämpfenden Kontrabassisten David Michaeli und dem exzellenten Schlagzeuger Yali Stern spielte sie vorwiegend das Programm ihres ACT-Debüts „Trigger“. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass es mindestens drei Herzen sind, die da in ihrer Brust schlagen: das des klassischen Pianojazztrios, das der gern mit orientalischen Arabesken verführenden Weltmusik und das des club- und dancefloortauglichen Ambient Jazz (oder Goa Trance). Am schwächsten zu schlagen scheint ihr Herz für das klassische Pianojazztrio, obwohl sie mit ihrer beidhändig geläufigen Klaviertechnik gute Voraussetzungen dafür mitbringt. Am meisten bei sich selbst schien sie – im Stehen tanzend am Keyboard spielend – bei einem Stück wie „Change Your Narrative“, das sie live noch um einiges überzeugender als auf dem Album zu gestalten wusste. Sie selbst meinte, in Israel würde man auch gern zu ungeraden Takten tanzen – am meisten inspiriert aber habe sie der Prog-Rock der 1970er-Jahre. Das hörte man einigen der nicht immer ganz frisch wirkenden Synthesizer-Sounds auch an.
Bayreuth ohne Wagner, …
… das geht natürlich nicht. Weshalb der Berichterstatter am Sonntagvormittag noch zum Haus Wahnfried ging, dem heute als Museum eingerichteten ehemaligen Wohnsitz von Cosimo und Richard Wagner. Dort gab es einen 150 Jahre alten Konzertflügel zu besichtigen, den die Firma Steinway & Sons 1876 Richard Wagner geschenkt hatte – in Anerkennung seiner kompositorischen (nicht aber seiner eher bescheidenen eigenen pianistischen) Leistungen. Nach einer mehrmonatigen, hochspezialisierten, in enger Zusammenarbeit mit der Klaviermanufaktur Steingraeber erfolgten Restaurierung durch das belgische Atelier Chris Maene wurde der Flügel wieder in jenen Zustand versetzt, der einen „historisch informierten“ Eindruck geben kann, wie das Instrument wohl zu Wagners Zeit geklungen haben mag. Um das mit eigenen Ohren überprüfen zu können, spielte der Pianist Michael Wessel, Professor für Klavierspiel, Liedbegleitung und Methodik an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth, auf dem zu neuem Glanz polierten Instrument Franz Liszts Transkriptionen „Walhall“ und „Isoldes Liebestod“ sowie „Feierlicher Marsch zum heiligen Gral“. Wobei der den Einführungsvortrag haltende Museumsdirektor Dr. Sven Friedrich es sich nicht nehmen ließ, anzumerken, dass Liszts Opernadaptionen der Wagnerschen Musik für ihn immer auch etwas Parodistisches hätten (was der ausführende Pianist offenbar anders sah).
Und, wie klang er nun, der 150 Jahre alte Steinway? Ein bisschen wie ein Bösendorfer, weich, warm, mit volltönendem Bass. Oder in den Worten von Sven Friedrich: „glockiger als vorher, schwebender“.
Gern hätte man sich am Nachmittag dann noch seinen Vortrag über Richard Wagners „notorischen Antisemitismus“ angehört, zu dem der Direktor aus Anlass des Internationalen Museumstags an diesem 17. Mai mit den folgenden Worten geladen hatte: „Insbesondere angesichts zunehmender historischer Erblindung und Gleichgültigkeit als Nährboden des gegenwärtig wieder vermehrt wahrnehmbaren Judenhasses erscheint es notwendig, die historischen Wurzeln und Eigenarten jenes irrationalen Wahns gerade an einem seiner prominenten Repräsentationsorte in den Blick zu nehmen.“
Frühlingsgefühle garantiert
Stattdessen war man aber zu diesem Zeitpunkt schon mit Hendrik Schröder verabredet, dem stellvertretenden Leiter des nur ein paar Schritte von der Klaviermanufaktur Steingraeber entfernten Friedrichforums: Nach einem sich mehrfach verzögernden Umbau der ehemaligen Stadthalle steht Bayreuth nun ein modernsten Anforderungen entsprechendes Mehrspartenhaus zur Verfügung. Herzstück des sehr schmuck gewordenen Friedrichforums ist der fast 800 Besucherinnen und Besucher fassende Große Saal, der – wie an diesem Nachmittag bei einer Anspielprobe der Cappella Aquileia unter der Leitung von Marcus Bosch zu erleben war – über eine bis in die hintersten Reihen reichende fantastische Akustik verfügt. Am Abend gegeben wurde u.a. Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll op. 16, am Klavier saß Joseph Moog. Aber nicht an irgendeinem Klavier, sondern an einem hochmodernen Konzertflügel der Klaviermanufaktur Steingraeber, der unter anderem über einen innovativen „Mozart-Zug“ verfügt, welcher ein authentisches Spielen wie zu Zeiten der Hammerflügel ermöglicht.
Womit wir zuletzt noch einmal in den Hof dieser Manufaktur zurückkehren, wo Kaspar Schlösser vom Jazzforum Bayreuth e.V. das Publikum nach dem erfolgreichen Festivaljahrgang 2026 mit den Worten verabschiedete, man solle sich schon mal das nächste Festival im Kalender notieren, das vom 6. bis zum 9. Mai am selben Ort stattfinden wird, eine Woche früher als heuer. Und da werde es ganz bestimmt wärmer sein als heuer, versprach er uns. Wir nehmen ihn gern beim Wort.
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