Punkt Festival 2026 – Die Kunst des Live-Remix

Punkt 2026 live-remix
Punkt 2026 live-remix, Foto: Henning Bolte

Punkt Festival 2026 - Kristiansand, Norwegen

Von Henning Bolte

Man kann Stücke in immer neuer Weise, in mehr oder weniger großer Verwandlung, spielen wie etwa im Jazz seit Jahrzehnten üblich mit sogenannten Standards/Evergreens. Dabei können ab einem bestimmten Punkt gänzlich neue Stücke entstehen, die ihr eigenes Leben leben. Zu dieser sehr alten Praxis hat sich im Zuge fortgeschrittener Speicherungs-technik und beliebiger Reproduzierbarkeit, Zerlegbarkeit und fortge-schrittener Technik der (elektronischen)  Klangmanipulation das elek-
tronische Re-Mixen von Stücken herausgebildet.

Im Zuge dieser Veränderung hat sich auch ein metaphorischer Gebrauch des Ausdrucks herausgebildet, der jedoch auch irreführend sein kann, denn nicht alles Zusammenkommen und Ineinanderfließen verschiedener musikalischer Einflüsse entsteht in einem Prozess vergleichbar mit dem (elektronischen) Mixen.

Die Ausdrücke ‘Klang’ und ‘Sound’ sind nicht synonym. ‘Sound’ hat eine breitere Bedeutung als Klang und wird hier in den meisten Fällen verwendet.

Punkt-Idee und Umsetzung

Jan Bang und Erik Honoré, die beiden Gründerväter des vor 22 Jahren im südnorwegischen Kristiansand gegründeten Festivals, sind zwei Musiker, die damals vor allem im Studio als elektronische Musiker arbeiteten. Sie wollten aber mehr. Als ihr wandlungsreicher Kollege Bugge Wesseltoft ihnen vorschlug, doch die Studioarbeit live auf die Bühne vor Publikum zu verlagern, griffen sie zu und konzipierten daraus das Live-Remix Festival Punkt.

Zur Umsetzung der Idee brauchte man ein live Konzert, das direkt im Anschluss durch eine weitere Musiker-Crew , die Remix-Crew, live auf der Bühne eine Remix-Bearbeitung erfährt. Kurzum, das ganze Original-konzert  wird zum live Experimentierfeld der Remix-Crew. Wie das praktisch vonstatten geht?

Die Remix-Crew verfolgt das Originalkonzert, hört ihm gemeinsam aufmerksam zu und verständigt sich dabei darüber, wie sie das Konzert  bzw. welche Elemente davon - akustisch oder elektronisch - in/zu einem Remix ‘bearbeiten’ will. Dies kann auf dem Hinterteil der Bühne passieren oder in einem anderen Bühnenraum, in den die Musik für die Remix-Crew übertragen wird. Bei der Bearbeitung kommt oft avancierte Elektronik zum Zuge, ist aber nicht obligatorisch. Es geht auch (rein) akustisch. Die acht Live-Remixe der diesjährigen Ausgabe weisen eine grössere Bandbreite an Zugriffen und Verfahren auf.

Die Remix-Crew muss einen sonischen/musikalischen Kontext schaffen, der die Bearbeitung ‘trägt’. Die Bearbeitung kann die Remix-Crew gänzlich aus dem eigenen Gedächtnis machen oder mit Hilfe des Zugriffs auf dessen elektronische Aufzeichnung und dessen Manipulation. Und natürlich geht es auch mit einer Kombination von beidem. Die Remix-Crew kann sich nahe am Original bewegen, aber auch weit(er) entfernt davon. Sie kann größere oder kleinere Ausschnitte des Originals zur ‘Bearbeitung’ heranziehen und diese mehr oder weniger radikal umformen und kann natürlich auf verschiedenste Weisen Eigenes einfügen.

Der Umfang der am Live-Remix arbeitenden Crew ist nicht festgelegt und kann auch aus nur einem einzigen Mitglied bestehen (siehe unten die Tabelle mit der Anzahl der Musiker im Originalkonzert und der Anzahl der Musiker in den Live-Remixes). Bei mehreren Mitgliedern muss natürlich in der musikalischen live-Interaktion untereinander eine gemeinsame Form improvisatorisch hergestellt werden, die die Umwandlung trägt und erkennbar macht.

Neue Prozesse, neue Einblicke

Es war also eine erhebliche Erweiterung und Herausforderung gängiger Improvisationspraxis. Man reagierte nicht mehr auf einzelne Mitspieler im Rahmen der ‘freien’ kollektiven Entwicklung von Stücken, sondern als Kollektiv auf die live Version eines ganzen Stückes, das man als Vorlage nahm, um daraus improvisierend ‘irgendwie’ etwas Eigenes, Konstruktives, Kohärentes zu erschaffen. Für das Publikum hieß das, dass es den Umbau-prozess live als Performance verfolgen und an der eigenen Wahrnehmung des Originalkonzerts  spiegeln konnte. Da dem Umbauen keinerlei äusserliche Grenzen gesetzt sind, sind der Überraschung Tor und Tür geöffnet. Auch wenn die Bearbeitung sich in sonischen Weiten oder Tiefen  verlieren würde, gab es immer einen festen Halte- und Orientierungspunkt im Originalkonzert bzw. der Erinnerung daran.

In dieser Aufstellung geben die Aufführenden des Originalkonzerts ihre Schöpfung uneingeschränkt frei an die Schöpfungslust und -richtung der Live-Remix Crew. Das ist der Kern dieses experimentellen Geschehens, das durch die Art des jeweils entstehenden Kontrastes verrückte, verzückende, ergreifende, überraschende, befremdliche, witzige, komische, nachdenk- liche etc. Ergebnisse zeitigen kann. Die Aufstellung wirft einfach viel mehr Licht auf den Schaffensprozess und die Tiefenstrukturen einer Performanz. Zuschauer können dabei Zeugen eines Umbauprozesses werden und Einblick in Rezeptionsweisen gewinnen, und das Ganze hat durchweg einen hohen Spielcharakter.

Das Herausfordernde Punkt Festival ist nicht nur das Geschehen des Live-Remix, sondern vor allem, welchen musikalischen Entwicklungslinien und -richtungen sich das Festival anschliesst, und zu welchen Besetzungen der Rollen dies in der inzwischen 22jährigen Geschichte geführt hat. Hier nur einige Partners in Crime der vergangenen Jahre: Brian Eno, Laurie Anderson, Jon Hassell, David Sylvian, Daniel Lanois, John Paul Jones, Christian Fennesz, Hamid Drake, Sidsel Endresen, Nils Petter Molvær.

Der König

Das diesjährige Festival fiel in die Begräbnisperiode des bei allen gesellschaftlichen Gruppierungen geliebten verstorbenen norwegischen ‘Volks’königs König Harald. Folgerichtig trugen Erik Honoré und Fiona Talkington, die die Konzerte als MC moderierte, statt großer Worte das Festival kurzerhand an ihn auf.

Spezifika der 2026-Ausgabe und Einstieg Live-Remix

Das hervorstechende Ereignis der diesjährigen Ausgabe dürften Anwesen- heit und vielfältige Mitwirkung von Bassist Arild Andersen (1945) gewesen sein, einem der markantesten Jazzveteranen des in Norwegen. Es gibt nur wenige von dieser Gründergeneration, die noch so aktiv sind und ihr Debut auf Punkt machen. Andersen, Mitglied des legendären Jan Garbarek Quartets (1967-1972 mit Jon Christensen und Terje Rypdal), war einer der ersten, der - neben Eberhard Weber - mit Elektronik auf seinem Bass arbeitete. Seine musika- lische Reichweite ist eindrucksvoll, was sich in seiner Diskographie nieder- schlägt. Und er ist eine der zugewandtesten und ausgeglichensten Persön- lichkeiten in der norwegischen Jazzszene.

In einem Generationen-Trio mit Keyboarder Bugge Wesseltoft und Schlagzeuger Gard Nilssen sorgte er mit geistreichen Initiativen und Wendungen für ein durchweg spannend ineinandergreifendes Konzert von hoher Dynamik. Im Duo mit Jan Bang sorgte er gleich zu Beginn des Festivals für einen Live-Remix erster Klasse zum eröffnenden Solokonzert von Schlagzeuger Erland Dahlen. Die Art, wie Andersen und Bang sich dabei den Ball zuspielten, und in immer wieder neue, höhere Kurven einschwenkten, entwickelte sich ausgesprochen stimmig wie vergnüglich mit beidseitig raffinierten Gebrauch von Elektronik. Erland Dahlen war als Mitglied von anderen Gruppen bereits Gast auf Punkt. Sein Eröffnungs-konzert setzte ein starkes perkussives Zeichen voller melodischer Ränder und Unterströmungen. Zusammen mit dem lebendigen, spannenden Live Remix von Andersen/Bang ein rundum gelungener Anfang des Festivals!

Die Reihe Wassié, Molvaer/Herskedal, Giannouli

Eine Sonderstellung nahm die franko-äthiopische Vokalistin Etenesh Wassié ein, die solo auftrat und deren konzentrierter,  pure Askari-Gesang, eine Art äthiopischer Rebetika, nicht dem Procédé des Live-Remix unterzogen wurde, was an sich schon ein Statement war. Wassié ist eine alte Bekannte des Punkt Festivals. 2012 trat sie mit Mathieu Sourisseau (akustische Bassgitarre), Jan Bang (electr) und Hamid Drake (dr) beim Banlieu Bleu Festival in Paris auf und gastierte 2013 im Duo mit Mathieu Sourisseau beim Festival in Kristiansand (Live-Remix Audun Kleive, Jan Bang).

Es war ein spezielles Erlebnis ihrem intensiven a-capella Gesang beizu- wohnen. Ihre Stimme bewegte sich in permanenter hoher Intensität in kühnen Schleifen, Kurven und Verschlingungen, was niemanden kalt ließ. Erstaunlich, zu was die menschliche Stimme in der Lage ist. Da kann so mancher Kunstgesang nicht dran tippen.

Tiefgreifendes, singendes Blechblasspektrum

Was diese beiden Musiker in ihrem Duo mit heiligem Ernst, hoher Kon-zentration  und gleichzeitiger Mühelosigkeit aus ihren Brass-Instrumenten, Molvær auf der Trompete und Herskedal abwechselnd auf Tuba und Basstrompete, an verdichtenden fliessenden melodischen Linien zauberten, war schlicht erstaunlich und von bestechender Schönheit. Ihr schier unerschöpflicher Vorrat an reichem melodischem Material, das wunderbar ineinander griff, einfach umwerfend. Ein ausgesprochen starkes Duo, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Molværs Qualitäten pur als Trompetenstimme zeigten sich bereits i seinem letzten Album “Be Quiet”, das Duos mit 9 Partnern in acht verschiedenen Städten, von Bangkok bis London, enthält (“Be Quiet”, Edition Records). Ähnliches lässt sich über Herskedals letztes Album “Movements of Air” sagen (auch auf Edition Records).

Molvær und Herskedal stammen aus derselben Gegend nördlich von Bergen, Molvær von der Insel Sula und Herskedal aus Molde - eine Gegen, die ihre Spuren in dem berühmten Stück von Mal Waldron “Seagulls of Kristiansund” hinterlassen hat (sollte man unbedingt in der Fassung mit den Vokalen von Jeanne Lee zu sich genommen haben!)

Rezension des Jazz Albums "Movements of Air" von Daniel Herskedal

Byzantinische Leuchtkraft und tiefe Bässe in rhythmischer Intensität

Dies sind drei wichtige zusammenwirkende Elemente der Musik von Tania Giannouli, die sie auf und im Flügel mit großer Bestimmtheit und Durchsetzungskraft im Verein mit kontrastierender lyrischer Sensibilität in meisterlichem Timing vollzog. Die Art, wie sie Räume öffnete und durch- klingen ließ, zwischen Vordergrund und Hintergrund hin- und her wandernd überraschende Wendungen entstehen ließ, war packend, stimmig und ausdrucksstark. Die Themen, Motive, die im und aus dem Fluss  von Giannoulis Musik hervortraten,  boten wirksame Identifikationsmöglich- keiten für die Zuhörer (auch vertieft und erweitert zu hören auf dem gerade erschienen Duo-Album “Metakosmos” mit Nik Bärtsch (Fuga Libre)).

So zeichnete sich mit diesen vier anfänglichen Konzerten eine kohärente, sich progressiv gegenseitig verstärkende Linie ab.

Die Schule des Live-Remix

Punkt tut - in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Universität - seit einigen Jahren auch systematischer etwas an Nachwuchsförderung des typischen Kristiansand-Formats. Dazu gehört auch ein während des Festivals laufender Workshop, an dem jüngere Musiker teilnehmen. Das Format wird dabei an Musiker jüngerer Generationen weitergegeben und durch diese weiterentwickelt. Teilnehmer des Workshops brachten sich beim Live-Remix des Duos Nils Petter Molvær/Daniel Herskedal und beim Live-Remix des Generationen-Trios Andersen/Wesseltoft/Nilssen ein.

Die erste Remix-Crew unter Leitung von Ingri Jordakl zu Molvær/Herskedal bestand dabei mit fünf Musikern aus einer weit größeren Zahl von Musikern als die Besetzung der Originale. Dadurch war die Heraus- forderung an die Schaffung eines tragfähigen eigenen Bearbeitungskontext entsprechend hoch. Von Beginn ab setzte ein Strom komplexerer elektronischer Sounds ein, durchsetzt von instrumentalen Spuren, harten drums von Siv Oyunn Kjenstad (die ich namentlich identifizieren konnte) wie gelegentlichen Vokalen. Es war ein Strom, in dem Samples aus dem Original (geheimnisvoll) in der Tiefe verschwanden und in überraschenden Momenten aus Schattengefilden wieder auftauchten - ein lebendiger und zuweilen gespenstischer Organismus von Soundschichten.

Die zweite Fünfer-Crew unter Leitung von Doglover95, einem elektroni schen Freigeist, der bereits 2018 seinen ersten Live-Remix auf dem Punkt-Festiva, absolvierte, setzte ihre Zähne in die Musik der drei alternHasen (Andersen/Wesseltoft/Nilssen) und projezierte Teile davon mit ihren heftigen elektronischen Bearbeitungen in, auf und unter ihre Soundsheets, klar ein aufschlussreicher Maximalkontrast von zwei Welten.
www.doglover95.com

Musik vs. Erinnerung an Musik im Live-Remix

Die Live-Remixes, insgesamt acht an der Zahl an den drei Festivalabenden, waren unterschiedlich angelegt und fielen entsprechend unterschiedlich aus. Ein Live-Remix von Punkt  Art lässt sich nur schwer mit dem Thema-Variation-Konzept aus der klassischen Musik vergleichen. Auch nicht unbedingt mit einem Studio-Remix oder einer Studiobearbeitung wie etwa im Fall von Bob Dylans “All Along The Watchtower” durch Jimi Hendrix. Die Remix-Crew muss bereits während des Zuhörens zum Original Entschei-dungen treffen, welche Teile, welche Elemente sie zur gemeinsamen Bearbeitung heranziehen will und eine Vorstellung davon herausbilden,  wohin die Reise damit gehen soll. Viel Möglichkeiten zum expliziten Austausch hat die Crew dabei nicht, da die live Bearbeitung direkt nach Ende des Originals beginnt. Während das Originalkonzert jeweils im ober- geschossigen Theatersaal stattfand, saß die Live-Remix Crew lauschend im Kellergeschoss, wohin das Konzert übertragen wurde. Der Live-Remix er- folgte auf der flachen Bühne des Kellersaales (in den früheren Ausgaben von Punkt Alpha-Room genannt).

Die Remix-Crew kann mit den ausgewählten Elementen eine Menge Sachen entwickeln und ausprobieren, auch Sachen, die weit vom Original wegführen. Das ist der Offenheit des Konzepts eigen. Im Laufe der Jahre habe ich viele unterschiedliche, überraschende, verblüffende und auch befremdliche Varianten erlebt (siehe Links zu meinen Berichten früherer Ausgaben).

Im Live-Remix wird nicht wie in herkömmlicher Improvisation auf Vorgaben einzelner anderer Musiker direkt oder indirekt reagiert. Es wird auf ein Konzert als Ganzes (bzw. Elemente/Teile davon) reagiert, die Musiker der Remix-Crew dann (zusammen) bearbeiten/weiterführen. Sie sind dabei auf ihre scharfe Wahrnehmung und ihr Gedächtnis angewiesen. Sie können Gebrauch machen von Samples des ‘elektronischen Gedächtnisses’ (= aus der elektronische nKonzertaufzeichnung). Beide Arten von Gedächtnis stehen im Live-Remix in Interaktion miteinander. Im ersten Live-Remix setzte Arild Andersen seine musikalische Erinnerung direkt zur Schöpfung von neuer, aus dem Original abgeleiteter Musik ein, während Bang Teile aufgezeichneter Erinnerung an Musik (samples) verwendete und diese im Lichte seiner persönlichen Erinnerung an das Original und die Remix-Vorgaben von Arild Andersen einsetzte. Ihr Live-Remix entwickelte sich linear mit Sprüngen, Umschwüngen moderat vielschichtig.

Der Live-Remix des Konzerts von Tania Giannouli durch Alessandra Bossa zeigte im Vergleich zu den bisher beschriebenen Remixes noch weitere Eigenschaften, die sich aus Bossas Konzept der ‘Akustronika’ ergaben.

Elektronik und Körperlichkeit: zum Alessandra Bossa Live-Remix

Das Spielen eines herkömmlichen Musikinstruments erfolgt mit (teils intensiven) Körperbewegungen begleitet von expressiver Gestik und Mimik. Dies unterscheidet sich von Instrument zu Instrument und von Musiker(in) zu Musiker(in). Berüchtigt sind bestimmte Dirigenten. Dieser Körperausdruck ist ein einflussreicher Faktor bei der Rezeption von Musik.

Ein Modellfall der asketischen Variante war der Pianist Svjatoslav Richter. Er tat alles (bis zur sparsamen Saalbeleuchtung), um ausschliesslich die Musik voll wirken zu lassen. Er arbeitete mit dem Mittel der Fokussierung und der Konzentration, während andere mit gestischer Hervorhebung arbeit(et)e. Auch Pianist Mauricio Pollini war bekannt für seinen asketischen Aufführungsstil.

Wie aber sieht das beim Einsatz von Elektronik aus? Auch hier gibt es deutliche individuelle Unterschiede. Manche Elektronikregler und -steuerer tanzen um die Kästen mit Drehknöpfen herum wie etwas Jan Bang und bringen Phrasen und rhythmische Akzente in ihren Körperbewegungen zum Ausdruck. Eine zentrale Rolle spielt dabei das  Ausdruckspotential der Armbewegungen und die Dynamik der Körperhaltung. Andere steuern die Sounds stoisch wie Major Tom in der  Raumstation, wieder andere springen hektisch zwischen verschiedenen Panelen hin und her oder rücken ihnen ganzkörperlich mit heftigen Bewegungen ‘zu Leibe ‘ wie etwa Victoria Shen (mit Kämmen, Haaren, Fingernägeln etc.) oder Gitarrist Julien Deprez mit seinem Tanz auf den Pedalen. Alessandra Bossa hat sich die Gestaltung dieser Dimension explizit zur Aufgabe gemacht.  

Das Interessante/Auffällige an der Konstellation Giannou;li - Bossa war, dass Tania Giannouli bei ihrem Vortrag eher  dem Richterschen Stil folgt(e), während Alessandra Bossas Live-Remix einer üppigen Bewegungschoreo- graphie folgte. Auch im Aspekt musikalischer Linearität zeigte sich ein deutlicher Kontrast zwischen Original und Live-Remix, der keine Linearität im klassischen Sinn enthielt.

Alessandra Bossa folgte bei ihrem Live-Remix ihrem Konzept Akustronika, das Folgendes beinhaltet

  • Grenzverwischung: Einsetzen von live Processing, um physische akustische Gesten in Richtung von elektronischer Erscheinung zu drängen bis Hörer nicht mehr unterscheiden können, was was ist
  • Visual Sound: der Live-Remix ist physischer Natur. Der Klang wird physisch mit Händen und Objekten gebildet, wodurch er zu etwas geformt wird, was in gleichem Maße sichtbar, beobachtbar wie hörbar ist und damit zu einem visuellen wie akustischem Erlebnis wird

Herausforderung der Maschine
Anstatt Technologie Klänge lediglich statisch wiederholen zu lassen  oder als loop abspielen zu lassen, spielt sie aktiv mit dem  algorith-mischen Gedächtnis und fordert es heraus, unvorhersehbare, sich sich wandelnde Texturen zu generieren (Einsatz von Maschinelles Lernen)

Bridging tradition and remixing
Live-Remixing erfordert deep listening, den Umgang mit digitalen Werkzeugen und Software mit der Präzision und Sorgfalt eines klassischen Instrumentalisten sowie den Einsatz von Intuition und Neugier, um eine Brücke zwischen avantgardistischer Improvisation und elektronischer Live-Manipulation zu schlagen.

In ihrem live-remix sahen wir vor allem die zwei Elemente von Akustronica in voller Blüte, wobei Bossa ihre gestische Aktivität noch durch Vocals unterstützte/ergänzte. Sie ist im Kern hingerissen von Sound in allen Dimensionen, Nuancen und unendlichen Ausweitungen/-schweifungen, was wieder eine große Herausforderung an Kontrolle mit sich bringt.

Im Ergebnis ihres Live Remixes von Giannoulis Originalperformance führte das zu großflächigen Soundsheets über tiefen Abgründen, aus denen  Klangketten freikamen, fragmentierte ‘Echos’ aus Giannoulis Konzert. Manchmal zeichneten sie sich schärfer ab, mitunter blieben sie aber auch nebulös. Sie legten sich über oder in die Soundsheets, verschwanden aber auch wieder darin. Alles blieb dabei in ständiger Bewegung und Verände-rung.

Skeletaler Groove

Im Kontrast dazu etwa gestaltete sich der Live-Remix von Bugge Wesseltoft, Ingebrigt Håker Flaten und Anders Egen zu Goran Kajfjes Tropiques. Er blieb von allen Live-Remixes am dichtesten beim Original. Während das Original sich mehrschichtig tranceartig bewegte, reduzierte die Dreiercrew des Live-Remix das Original auf sein Skelett und entlockte dem einen high groove, der sich immer wieder erneuerte und erweiterte. Gefundenes Fressen für diesen Dreier, genial!

Alighting

“Alighting” ist ein neues Werk von Jan Bang, das im Januar als Album er-scheint. Die Lyrics stammen von Tim Elsenburg von Sweet Billy Pilgrim, einer Gruppe, die David Sylvian nahesteht und früh mit Punkt verbunden war. Ursprünglich ein Auftragswerk des Jazzfestivals Turin, wo es seine Uraufführung u.a. mit Sanem Kalfa und Michele Rabbia erlebte, kam es bei Punkt in einer rein norwegischen Besetzung, mit der es auch als Album aufgenommen wurde, mit Eivind Aarset (g), Mats Eilertsen (b), Ingolf Haaland (p), Anders Engen (dr), Vokalistin Benedikte Kløw Askedalen und Emanuel Bang (electr.) als Gast. Beim Live Remix von Erik Honoré und dem jungen Bassisten Frederik Lindseth Nordby ‘mischte’ Erik Honoré als Neuerung seine zusätzlichen Lyrics “Republic of Traces” ein.

“Alighting” ist ein Werk mit den üblichen Bang-Qualitäten, aber in einem anderen, ernsteren dramatischem Tonfall fast mit Hollywood-Anflügen. Der Live-Remix verdunkelte und versiegelte dies Klangbild nochmal in seinen lyrisch-epischen Dimensionen.

Erik Honoré kam noch einmal zum Zuge im Verein mit Punkt-Neuling, Trompeter Eivind Lønning, bekannt von Streifenjunko, und Jan Bang beim Live-Remix des Konzerts der jungen aufstrebenden Flötistin Henriette Eilertsen mit ihrem Trio bestehend aus Joel Ring (vcl) und Oystein Arne Vik (dr). Im Moment manifestiert sich eine kleine Renaissance der Flöte mit   hochentwickelten Flötistinnen vorweg Naïssam Jalal, Delphine Joussein, Eve Risser, Ketija Ringa Karahona und Clara Saleiro, um ein paar zu nennen. Eilertsen ist eine weitere klare und vielseitige Stimme in dem Reigen auf diesem Instrument, die die Podien in Norwegen erobert und auch nach Deutschland und Frankreich ausschwärmt. Sie verlieh dem Instrument neue starke Konturen in ihrem Konzert. Ähnlich wie beim Live-Remix von Bangs “Alighting” mischte Honoré im Live-Remix von Eilertsens. Konzert  hier seine zusätzlichen Lyrics “Insular” ein und verlieh damit der Musik eine extra Dimension. Der Live-Remix wurde als Premiere dem Trompeter Eivind Lønning zuteil, flankiert von den zwei alten Hasen Jan Bang und Erik Honoré. Lønning  hielt sich konsequent an die qualitativen Eigenheiten seines Trompetenklangs und lieferte dadurch auch wieder ausgezeichne— ten Input für die beiden Elektronikcracks. Der Ansatz ging vollständig auf und lieferte damit einen wunderbaren Übergang vom flötendominierten zum intensiv trompetengefärbten Sound. Eine gelungene Premiere!

Umkehrungen: CIMOTA

Schon von der neuen norwegischen Gruppen Cimota gehört? Beim Blick auf die Besetzung müsste eigentlich ein Licht aufgehen: Håvard Wiik (p), Ingebrigt Håker Flaten (b), Hans Hulbækmo (dr), Eivind Lønning (tr), Espen Reinertsen (sax). Die ersten drei Namen kennen wir von der bekannten, in- zwischen nicht mehr aktiven Gruppe Atomic (Hans Hulbækmo ersetzte vor ein paar Jahren Paal-Nilssen-Love), und die letzten zwei Namen kennen wir von der noch immer aktiven Gruppe Streifenjunko, beides Gruppen mit einem sehr eigenen Profil. Die fünf Musiker bilden seit kurzem eine neue Gruppe, deren Name, Cimota, ein Palindrom von Atomic ist. Die neue Gruppe hat eine Form der Musik, die eine gute, reife Kreuzung aus beiden Pflanzen darstellt, ein interessanter Versuch (erstes Album [ˈkɪmɔtɑː] Sonic Transmissions), ein permanenter Gruppen-Remix, wenn man so will.

Der Live-Remix erfolgte durch drei aufkommende Youngsters aus dem Feld elektronischer Musik, Even Sigurdsen Røstad, Emanuel Bang und Audun Skier, wobei sie auch auf andere Felder, wie Röstad auf Songwriting aus-greifen. Live (re)mixing und Improvisation gehören zu ihrem Handwerks-zeug. Ihr Remix wurde dann auch Musik, in der das Original in der Tiefe und Weite elektronischer Soundfelder auftauchte und sich darin schillernd wandelte. Zuhörer konnten sich mitunter darin verlieren aber auch stets wiederfinden.

Und dann noch die S e m i n a r s

Zum Rahmenprogramm gehören Seminars, die an den ersten zwei Tagen vor dem Konzertprogramm im Kunstsilo, einem zur Kunsthalle ausgebauten alten Getreidesilo, stattfanden und von seit einigen Jahren von Musiker und Buchautor David Toop kuratiert und moderiert werden. David Toop ist Autor von einer ganzen Reihe von Schlüsselwerken zur Entwicklung explorativer und kreativer Musik der letzten Jahrzehnte (Ocean of Sound, Exotica, Haunted Weather, Sinister Resonance, Into The Mælstrom, Two-Headed Doctor (on Dr. John’s Gris-Gris)).

Bei der Besetzung der Seminars und dem, was dort verhandelt wird, ist  er immer für Überraschungen gut. Meistens gibt er Künstlern, die sich ausser- halb standardisierter Gefilde in eigensinnigen Koalitionen bewegen, die Gelegenheit Einblicke in eher unsichtbare Zwischenzonen musikalischer Aktivität zu gewinnen. Dieses Jahr waren das Miki Yui - Lina Lapolyte - Vicki Bennett/People Like Us - Mike Cooper - Yara Asmas — Ecka Mordechai

Was da aufs Tapet kam, ist zu interessant, um es hier in ein paar Zeilen an- zusprechen. Ich werde dem einen kleinen späteren Extrateil widmen.

Fazit: Es gibt noch reichlich zu erkunden

Der aktive transgenerationelle Ansatz macht das Punkt-Festival zu einem wertvollen Instrument des Zuhörens und Erkennens. So wurde/wird deutlich, dass live-Elektronik weit mehr als verschönerndes Beiwerk oder erleichternde Verarbeitungshilfe(smoothening)  ist, sondern ein Gebiet mit eigener Klang- und Aktionslogik (die sich auch über Generationen unterscheiden können).  Dabei geraten auch die Auswirkungen auf Artikulation und Gestaltung rein akustischer Klänge in den Blick /ins Ohr. Das Laboratorium-Setting des Festivals bleibt nach wie vor einzigartig. Es wird zwar viel mit live-Elektronik gearbeitet, aber wenig in solchen Lab-Settings. Es fallen einem eine Menge Musiker ein, die man gerne in diesem ebenso herausfordernden wie intim-familiären Kontext in Aktion sehen würde. Podia und Festivals anderswo sollten sich aber realisieren, dass man einen Teil dieses Mikrokosmos auch an anderen Orten hineinholen kann und be fruchtend wirken lassen kann. Zweiseitiger Austausch war von Anfang an ein Grundelement von Punkt. Kurzum: es ist einiges erreicht und es gibt noch reichlich zu erkunden/erkennen.

Text und Fotos: Henning Bolte

Über den Autor:

Henning Bolte lebt in Amsterdam und arbeitet seit vielen Jahren als Musikjournalist, Autor und Radiomacher. Sein Schwerpunkt liegt auf Jazz, improvisierter Musik und den Übergängen zu Neuer Musik, Folk und elektronischen Klangformen. Er schreibt für deutsche, niederländische und internationale Medien und begleitet Festivals und musikalische Entwicklungen mit analytischem Blick und großer Detailgenauigkeit.

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