Rezension des Jazz-Albums "San Paolo di Galatina" von Raül Refree & Maria Mazzotta
Raül Refree & Maria Mazzotta
San Paolo di Galatina
Erscheinungstermin: 30.01.2026
Label: Galileo MC, 2025
Zwischen Ritual und Metamorphose
Maria Mazzotta zählt zu den prägendsten Stimmen Apuliens und der italienischen Weltmusikszene. Als langjähriges Mitglied des Ensembles Canzoniere Grecanico Salentino trug sie maßgeblich zur internationalen Sichtbarkeit der süditalienischen Tradition bei. Ihre außergewöhnliche stimmliche Ausdruckskraft verbindet archaische Erdung mit moderner Sensibilität.
An ihrer Seite steht Raül Refree – einer der innovativsten europäischen Produzenten der vergangenen Dekade. Bekannt für seine genreübergreifende Arbeit und seine Fähigkeit, musikalische Traditionen radikal neu zu interpretieren, nähert er sich dem apulischen Repertoire mit analytischer Neugier und klanglicher Offenheit.
Der Ausgangspunkt des Albums war ein Auftrag des Festivals Clàssics in Barcelona: eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Thema Metamorphose. Refree entschied sich, zu jenem Repertoire zurückzukehren, das er durch Maria Mazzotta in Apulien kennengelernt hatte – um es neu zu deuten. Musik erscheint hier als Heilmittel gegen Melancholie, als Mittel zur Transformation, als Übergang vom Körperlichen ins Transzendente.
San Paolo di Galatina entfaltet diesen Gedanken entlang eines dramaturgischen Bogens: von Wiegenliedern und religiösen Gesängen über Trauerklänge bis hin zur Pizzica – jener ekstatischen, ursprünglich heidnischen Tanzmusik, die historisch als Form kollektiver Katharsis verstanden wurde. Der Trance-Zustand wird nicht folkloristisch reproduziert, sondern neu kontextualisiert.
Die Bezüge reichen dabei weit über Süditalien hinaus. Die Erzählungen über musikalische Ekstase erinnern an die griechischen Bakchantinnen – an Rituale weiblicher Befreiung, an kollektive Grenzüberschreitung. Entsprechend integriert Refree einen Chor junger Frauen, der die archaische, weibliche Dimension dieser Musik verstärkt und erweitert.
Das Projekt entwickelte sich organisch, ohne Zeitdruck, getragen von Festivalanfragen und gemeinsamer Neugier. Diese Offenheit ist hörbar: Die Musik wirkt nicht konstruiert, sondern gewachsen.
Im Zentrum steht jedoch Maria Mazzottas Stimme. Kraftvoll, vibrierend, emotional aufgeladen – sie trägt das gesamte Werk. Ihre impulsive, empathische Textinterpretation verleiht den Stücken eine beinahe rituelle Intensität. Ihre einzigartige Klangfarbe lässt die Musik zwischen sakraler Innigkeit und tranceartiger Ekstase oszillieren.
San Paolo di Galatina ist kein folkloristisches Projekt, sondern eine zeitgenössische Reflexion über Tradition, Transformation und weibliche Energie. Ein außergewöhnliches Album, das historische Wurzeln ernst nimmt – und sie zugleich in einen neuen, offenen Raum führt.
(Jacek Brun, 14.02.2026)
Besetzung
Maria Mazzotta - Gesang
Raül Refree - Gitarre
Cor Plèiade - Chor (Tracks Nr 1, 2, 3, 4, 5, 8)
Titelliste
- Mara l'acqua
- I'tela na su po'
- La lettera
- Lu dattulu
- Damme nu ricciu
- Stornelli (fiorin di canna)
- Moroloja
- Lunidia matina
- Ninía ninía ninía
- San Paolo di Galatina
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