Das Berliner rejazz-festival feiert sein fünfjähriges Jubiläum mit spannenden Kontrasten, starken MusikerInnen und viel kreativer Energie – von Ella Zirina über Sanne Huijbregts bis Evi Filippou.
rejazz-festival Berlin in der Kunstfabrik Schlot: von Kalimbas, Vibraphonen und Tischglocken
Von Angela Ballhorn
„Toitoitoi“, über die Schulter spucken oder „Hals- und Beinbruch“ wünschen ist eine gängige Geste in der Kulturbranche. In der Theaterwelt ist "Hals- und Beinbruch" ein traditioneller Glückwunsch für Schauspieler, da „viel Glück“ wünschen Unglück bringen soll. Dieser Wunsch hat sich anders und etwas zu realistisch in Berlin erfüllt – Jacobien Vlasman, Kuratorin des rejazz-festivals, stolperte an Tag zwei ihres Festivals bei den Vorbereitungen, stürzte über einen Sessel und brach sich dabei den Oberschenkelhals. Statt umtriebig im Berliner Schlot unterwegs zu sein und den ausgewählten Acts zu lauschen musste sie operiert werden und auf ihr Team vertrauen, auf dass Tag zwei und drei gut über die Bühne gehen mögen. Auch an dieser Stelle: Alles Gute und komm schnell wieder auf die Beine, Jacobien!
-
Jacobien Vlasman, Foto: Detlev Schilke -
Julia Kadel, Foto: Detlev Schilke -
Evi Filippou, Foto: Detlev Schilke
Zwei gegensätzliche Acts pro Abend, eine Klein(st)besetzung und eine grössere Ensemblestärke, das galt auch für das sechste Festival im fünften Festivaljahr. Zudem standen mit Ella Zirina und Holly Schlott auch gleich die jüngste und die älteste Musikerin am selben Abend auf der Bühne.
Einen Festivalauftakt ganz alleine zu bestreiten und das zumindest hierzulande quasi noch als unbekannter Name, diese Rolle fiel der lettischen Gitarristin Ella Zirina zu. Sie hat ihre Liebe zur Gitarre spät entdeckt, Jimi Hendrix und Led Zeppelin liefen ihr erst mit 17 über den Weg, aber schon zwei Jahre später studierte sie an der Hochschule in Amsterdam Jazzgitarre. So vereint Ella sowohl den Spätzünder und auch die Senkrechtstarterin in einer Person, was auf ein ganz besonderes Talent hinweist. Ihr Set war sehr speziell zusammengestellt. Zum einen gab es Jazzstandards, die in den Voicings und der Eleganz von ihrem Vorbild Jim Hall beeinflusst waren. Besonders schön waren ihre Bearbeitungen von Billy Strayhorns „A Flower is a Lovesome Thing“ und George Geshwins „I Loves You, Porgy“. Andere und eigene Stücke unterlegte sie mit Looper und Drones, um ein wenig Hintergrund-Begleitung zu haben. Ella Zirina ist eine Musikerin, von der man in den nächsten Jahren sicher noch viel hören wird.
Und der Kontrast zu Holly Schlotts UNIQUE Besetzung konnte nicht grösser sein, denn hier drängelten sich zwölf Personen sich auf der Bühne der Kunstfabrik Schlot.
UNIQUE war die Grossformation, auf die sich Jacobien Vlasman schon im Vorfeld sehr gefreut hatte. Eigentlich zu gross für die Finanzen des Festivals, aber als Festival, das sich mit Musik von Frauen oder weiblich definierten Musikern beschäftigt, kam man um die Band der Saxophonistin und in diesem speziellen Fall „Komponistin Only“ Holly Schlott nicht herum. UNIQUE ist prominent besetzt: Erik Leuthäuser und Zuza Jasinska teilen sich den vokalen Part, der meist instrumental eingesetzt ist, Julie Sassoon glänzte am Klavier mit einigen schönen Solospots, Luise Volkmann steuerte ihr eruptives Saxophon bei, für den Untergrund sorgte Orlando de Boeykens an der Tuba und Tilo Weber schob das Ensemble an den Drums vorwärts. Die Kompositionen waren komplex, Holly Schlott leitete die grosse Besetzung mit grossen Gesten durch die verschiedenen Abschnitte, so dass auch auf Zuruf von Teil zu Teil gesprungen werden konnte.
Interessant war, dass bei UNIQUE mit Julius Apriadi der erste Vibraphonist des rejazz-festival auf der Bühne stand, offensichtlich war es eine Herausforderung des Festivals, jeden Abend einen Vibraphonspieler entweder als Leader oder zumindest in der Band zu haben - oder es war schlichtweg ein doch ziemlich bemerkenswerter Zufall.
Auch der zweite Abend wurde solo eröffnet, die Berliner Pianistin Julia Kadel brannte darauf, nach ihrer Babypause wieder auf der Bühne zu sein und spielte ein Solokonzert mit reichlich spröder Musik. Der neue Weg mit inspirierenden Zitaten von Maya Angelou oder James Baldwin (Teil 1, „individuelle Stimme“) erschien noch etwas unausgegoren, vor allem der 2. Teil mit den Fieldrecordings einer ProPalestine Demonstration („kollektive Stimme“) oder die „universelle Stimme“, das viel zu lange Improvisieren um und über Babygeschrei und -geplapper. Logisch, dass das eigene Kind das Zentrum des Universums ist, aber der abschliessende Teil wäre in gestraffter Version verständlicher gewesen.
Der zweite Act war die Entdeckung des Festivals, die holländische Band der Sängerin / Komponistin / Vibraphonistin (und Kalimba- und table bells Spielerin) Sanne Huijbregts legte einen spektakulären Auftritt hin. Sanne Sanne, so der einfachere Bandname, da kaum jemand ausserhalb von Holland den Nachnamen korrekt aussprechen kann, spielt aussergewöhnliche Kompositionen in ungemein aparter Besetzung. Zum Vibraphon kommen Rhythmusgruppe und Bratsche, alle vier Musiker singen auch, und das absolut hinreissend.
Ist es Jazz? Vielleicht. Ist es Singer / Songwriter? Auf jeden Fall spannende Texte ziemlich kongenial vertont. Gut war der Auftritt von Sanne Huijbregts zusammen mit Roosmarijn Tuenter (Bratsche und Gesang), Pat Cleaver (Bass, Gesang) und Jeroen Batterink (Drums und Gesang) allemal.
Die Latte lang also hoch für den letzten Abend, der mit Birgitta Flick (Saxophon) und Sylvia Bruckner (Klavier) eröffnet wurde. Frei Improvisiertes brachten die beiden Musikerinnen auf die Bühne, manchmal mit Anleihen von skandinavischer Volksmusik. Oft spielt die Pianistin im Stehen, um die Präparationen im Klavier besser im Griff zu haben. Schienen die ersten Stücke noch ein Abtasten zu sein, hatten sich Flick und Bruckner in den letzten Songstrukturen gut gefunden.
Evi Filippou (auch Vibraphon) beschloss das Festival mit ihrer gross besetzten Band. Ein Septett ist eine Festivalband, da die meisten Clubbetreiber bei einer Bandgrösse, die über eine Trio oder vielleicht noch Quartett hinausgeht, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So konnte die Vibraphonistin ihr inEvitable Extended Projekt mit zwei E-Gitarren, Saxophon, Stimme (wieder Zuza Jasinska) und der spektakulären Rhythmusgruppe mit Schlagzeuger Andi Haberl und Bassist Robert Lucaciu präsentieren.
Hier war vor allem die Dramaturgie in den Stücken gut durchdacht, das Publikum fordert vehement nach einer Zugabe, die gewährt wurde, aber nach dem eigentlich perfekt stimmigen Schlussstück etwas unrund lief.
Fünf Jahre Festival zu schaffen, das war das grosse Ziel und der Traum von Jacobien Vlasman für ihr rejazz-festival, und das ist ihr gelungen. Das Festival, das zu Corona-Zeiten debütierte, hat seinen Platz und mit dem Schlot auch seine Spielstätte und sein Publikum gefunden. Denn die Zuschauer kamen zahlreich und waren deutlich international – und spiegelten so die verschiedenen Nationalitäten der MusikerInnen auf der Bühne wider.
-
Sanne Huijbregts, Foto: Detlev Schilke -
Birgitta Flick, Foto: Detlev Schilke -
Ella Zirina, Foto: Detlev Schilke
Einen Kommentar schreiben