Red Hering - Butter bei die Fische
Red Hering
Butter bei die Fische
Erscheinungstermin: 25.10.2024
Label: Double Moon Records, 2024
Die Bandmitglieder verstehen sich bestens und manövrieren frei zwischen den verschiedenen Stimmungen, die der Bandleader komponiert hat - es gibt viele konzentrierte, starke Motive, die auf vielschichtigen, ausgeklügelten polyrhythmischen Strukturen basieren, es gibt verblüffende farbige Erkundungen, aber auch schräge Arrangements und ungewöhnliche improvisatorische Ideen. „Butter bei die Fische“ zeugt von der Phantasie und Kreativität der jungen Künstler, unterstützt von einer hervorragenden Technik. Einfallsreicher Jazz vom Feinsten! (Jacek Brun, 02.11.2024)
Besetzung
Red Hering:
Philipp Rüttgers - Piano
Milan Kühn - Alto Saxophone
Marko Mebus - Trumpet
Sara Bax - Vocals
Maximilian Hering - Drums
Dion Nijland - Double bass
Paranormal String Quartet:
Gustavo Strauss - Violin
Felix Key Weber - Violin
Jakob Roters - Cello
Katherine Barritt - Viola
Über das Jazz Album von Red Hering - Butter bei die Fische
Er heißt Hering - Maximilian Hering. Für den deutschen Schlagzeuger und Komponisten war schnell klar, dass er ihn als Aufhänger für den Bandnamen und den Titel seines Debütalbums verwenden würde. Das englische „to throw a red herring“ bedeutet sprichwörtlich „eine falsche Fährte legen“, ein Ablenkungsmanöver inszenieren. „Butter bei die Fische“ ist eine traditionelle, auch heute noch weit verbreitete Redewendung aus dem Norddeutschen, mit der man jemanden auffordert, zur Sache oder auf den Punkt zu kommen oder „keine halben Sachen“ zu machen.
Der Spruch mit den Fischen, gibt Maximilian Hering lachend zu, war ihm selbst zunächst nicht geläufig. Kein Wunder: Der Musiker ist in Mainz aufgewachsen, hat im niederländischen Arnheim studiert, dann zwei Jahre in Barcelona gelebt und ist erst kürzlich von Mainz nach Köln gezogen. „Butter bei die Fische“ - das hat er auf all den Wegen nirgends gehört. Hering mag das. „Ich fand es schon immer lustig, wenn Leute wie Thelonious Monk oder Lee Konitz sich in Titeln auf ihren Namen bezogen.“ Dahinter steckt auch eine Lebenseinstellung: „Ich versuche oft, die Dinge mit Humor zu nehmen. Es kann komisch wirken und sogar gefährlich sein, wenn man etwas zu ernst und zu seriös verkauft. Es ist grundsätzlich gut, sich nicht immer so ernst zu nehmen.“ Da schwingt auch eine sympathische Bescheidenheit mit. Schließlich, so betont er selbst, gehöre er nicht zu den Etablierten, sondern sei mit Red Hering und den anderen Gruppen und Projekten seines Wirkungskreises erst am Anfang.
Red Hering gibt es seit 2019. Alle Mitglieder des deutsch-niederländischen Sextetts sind mit Arnheim verbunden, der Hauptstadt der niederrheinischen Provinz Gelderland. Maximilian Hering ist Jahrgang 1994 - im Juli wurde er 30. Schon im Vorschulalter bekam er sein erstes kleines Schlagzeug geschenkt: der Beginn einer Leidenschaft. Irgendwann öffnete sich für ihn die Welt des Jazz. Mit mehreren Nachwuchspreisen in der Tasche lag ein Studium nahe. 2015 ging der Schlagzeuger nach Arnheim. Für sein Bachelor-Konzert 2019 stellte er eine sechsköpfige Formation zusammen, die personell fast identisch ist mit der aktuellen Red Hering-Besetzung (als neue Stimme ist heute Sara Bax dabei, schon damals eine Studienkollegin Herings - in ihrer Band spielt er auch). Das Konzert war nicht nur ein großer Erfolg, es hatte auch Nachwirkungen. Die Band war sich einig, dass es mit dem Sextett weitergehen musste. Red Hering war also in der Welt.
Kurz zuvor hatte Maximilian Hering ein Erasmus-Semester in Barcelona verbracht. Nach seinem Studium kehrte er zunächst dorthin zurück. Die drastischen Einschränkungen der ersten Corona-Periode hinderten ihn nur vorübergehend daran, in der dortigen Musikszene Fuß zu fassen. „Das hat mich nachhaltig fasziniert, vor allem die besondere Mentalität der Menschen, die sich auch in der Art des Spielens ausdrückt: Alle sind sehr positiv, alle trauen sich was.“ Dort gründete er die Maximilian Hering Group - mit dem klassisch besetzten Quintett nahm er 2021 sein Debütalbum „Nostalgia“ auf. Außerdem entstand eine EP mit einer ganz anderen Besetzung: Max Hering & The Foaming Waves ist ein Surf-Jazz-Quartett! Seine Liebe zum Surf-Sound entwickelte Maximilian durch Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“. Seine Begeisterung für Filme hat mit seinem Elternhaus zu tun. Sein Vater ist Filmkomponist. Auch Maximilian hat schon Musik für Kurzfilme komponiert oder entwickelt. Fest steht aber: „Ich bin eher ein Instrumentalist, der gerne rausgeht und mit anderen zusammen Musik macht“.
Acht der zehn Titel auf „Butter bei die Fische“ hat der Leader komponiert und arrangiert. Sein zweites Instrument ist das Klavier. „Ich finde es meistens schade, wenn Schlagzeuger so komponieren, dass die Stücke nur ein Gerüst für Beats und krasse Sachen sind, aber sonst nicht viel inspirieren.“ Maximilians Stücke sind das genaue Gegenteil. Sein großes Vorbild ist Brian Blade und die Musik, die der Amerikaner für seine Fellowship-Band geschrieben hat. Aus dem Schlagzeug entwickelt Hering nur wenig. Auffälligste Ausnahme ist der coole 7/8-8/8-Groove, der „Journey“ zu einem spannenden Ausflug ins Programm macht. Viele Kompositionen haben einen autobiografischen Hintergrund. Der Opener trägt den Namen einer Straße in einem zentralen, eher rauen Viertel Barcelonas, die er schätzen gelernt hat (Carrer de Joaquín Costa). Das schnelle „Corredors de l’Alba“ über Jogger bei Sonnenaufgang am Strand von Barcelona gibt es auch in einer Version mit den Foaming Waves. „Marona“ ist der Kosename einer Verflossenen - ein melodiöses, umarmendes Album-Finale. Mit „Farewell Season“, einem melancholisch angehauchten Höhepunkt des Programms, fängt er die Gefühle zweier Abschiede ein: von der katalanischen Metropole und von seiner Studienheimat. Mitten in Arnheim liegt der „Park Sonsbeek“ - eine grüne Oase mit Aufenthaltswert. „Dort ist mir emotional viel passiert, bis hin zu Begegnungen und Trennungen.“ Das vielschichtige Stück weist mit seinen Stimmungen und Klangfarben auf Maximilians filmmusikalische Prägung hin. Es ist eines von zwei Stücken, für die er das Paranormal String Quartet aus München engagiert hat. Das kammermusikalische „Nostalgia“ schrieb er noch in Arnheim, später fügte er gezielt das Flügelhorn von Marko Mebus hinzu.
Wenn man insgesamt unbedingt einen Zusammenhang zwischen Musik und Albumtitel konstruieren will: „Butter bei die Fische“ verspricht nicht zu viel - genau das hat Maximilian Hering hier in jeder Hinsicht geliefert. Und wie!
Titelliste
- Carrer de J.C.
- Journey
- Park sonsbeek
- Nostalgia
- Butter bei die Fische
- The lost once
- Corredors de l'alba
- Farewell season
- Ein Zug nach Halle
- Marona
jazz-fun`s recap:
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Kommentar von Ralf Erbskorn |
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