Small country big music gilt in Island auch für Jazz!
Reykjavík Jazz 26.8. bis 31.8.2025
Island
Von Angela Ballhorn
Die Insel aus Feuer und Eis zeigt sich in der letzten Augustwoche ausserordentlich freundlich, schönes Wetter und für Island erstaunlich sommerliche Temperaturen liessen das Konzerthaus Harpa mit seiner von Olafur Eliasson entworfenen Glasfassade in der Sonne glitzern, das Meer in der Bucht leuchtete blau mit dem Himmel um die Wette. Im kleineren Saal der Harpa, Hauptveranstaltungsort des Festivals, strahlte die Musik ebenfalls.
Vor allem für die eigene Szene ist es eine breite Plattform, neue Projekte vorzustellen, mit Musikern aus dem skandinavisch-europäischen Raum zu kooperieren oder und Alben mit neuer Musik zu veröffentlichen. Festivalleiter Pétur Oddbergur Heimisson hat für die 2025er Ausgabe eine kluge Mischung zusammengestellt, die in einem fulminanten Konzert der US-Sängerin Cecile McLorin Salvant gipfelte.
(Jazz)Musiker ist ein komplizierter Beruf in Island. Gigs gibt es nicht viele und ausserhalb von Reykjavík sind die Konzertmöglichkeiten noch rarer gesät. Musiker dagegen gibt es viele, und die eine stilistische Bandbreite ist enorm. Straight Ahead Jazz über wildere Mischungen aus Rock und Singer-Songwriter über Latin bis Balkanmusik geben einen Einblick in die Jazzszene des (kleinen) Landes, aus dem (grosse) Künstler wie Björk, Sigur Rós, Kaleo, Mezzoforte, GusGus oder Olafur Arnalds stammen.
Das Reykjavík Jazzfestival Ende August ist so eine Feier der eigenen Szene und ein Fenster nach aussen. Hier werden neue Projekte vorgestellt, Kooperationen mit Musikern aus anderen Ländern gezeigt und neue Alben veröffentlicht.
Das Fest der Vielfalt im Land aus Feuer und Eis überraschte vor allem mit seiner Qualität an kubanischen Bands. Neben Halli Guðmunds Cuban Club oder Los Bomboneros überraschte Barrio 27 mit dem Salsa-Tanzpaar, das gefühlt überall im Saal der Harpa war. Die vielköpfige Band begeisterte mit blutjungen Musikern und enormer Spielfreude.
Auf der Bühne wurde nicht nur ein musikalisches Süppchen gekocht. Der Keyboarder Tómas Jónsson – 25 Prozent der in Deutschland inzwischen gut bekannten Band ADHD - kochte Gumbo. Wortwörtlich. Mit dem 81jährigen Þórir Baldursson an der Hammondorgel als Gast und dem mikrofoniert vor sich hinblubbernden Südstaaten-Gumbo im Topf auf der Herdplatte am Bühnenrand.
Das Duo Fermented Friendship spiegelt ein leises intensives Gespräch, entstanden aus langen regelmäßigen Proben von Pianist Magnús Jóhann und Saxofonist Óskar Guðjónsson. Zwei Musiker, die einander zuhören und ein ausdrucksstarkes Gespräch führen, gepaart mit sehr sensiblem Klavieranschlag.
Duo und Quartett waren beliebte Besetzungen des Festivals, mutig und alleine gingen der Bassist Kham Meslien mit seinen Stories und erstmals auch die Gitarristin Róberta Andersen auf die Bühne. Letzteres Programm schillerte, funkelte und zerbarst zwischen Gitarrensounds und Elektronik. Besonders der politische Gedanke bei der Kombination von Liedern des homophoben Komponisten Gylfi Ægisson mit Stücken von Billy Strayhorn war ein gutes Arrangement.
Das norwegische BLISS Quintet überzeugte mit ausdrucksstarken Solisten und für die jungen Musiker sehr ausgereiften Kompositionen. Kaum zu glauben, dass die Band schon seit sechs Jahren besteht und etliche Konzerte auf dem Buckel hat. Oscar Andreas Haug an der Trompete und vor allem Zakaria Meyer Øverli an Tenorsaxophon und Kaval bilden eine fantastische Bläserfrontline.
O.N.E aus Polen musste die erkrankte Bassistin Kamila Drabek ersetzen. Die Schlagzeugerin Patrycja Wybrańczyk lud dafür den Baritongitarristen Þorkell Ragnar ein, mit dem sie schon in der Band C4therine der Sängerin Björg Blöndal, einer der spektakulären Bands des Festivals, auf der Bühne stand. Fast nahtlos und mit immenser Energie brachte sich der Musiker in die Frauenband ein.
Hammondorgeln sind für die Isländer offensichtlich ein wichtiges Instrument. Es gibt sogar seit bald 20 Jahren ein Hammondorgelfestival inDjúpivogur (447 Einwohner).
ADHD kam nicht ohne aus und Sara Magnúsdóttir konnte ihr aktuelles Album „A Place To Bloom“ auf ihr präsentieren.
Schwerlich transportabel wäre das Ungetüm für das Konzert des Bassisten Sigmar Matthiasson im Þingvellir Nationalpark gewesen. Die umgebende Landschaft zusammen mit den Stücken mit Weltmusikelementen vom Balkan und der Türkei waren spektakulär.
Sunna Gunnlaugs konnte gleich zwei Konzerte spielen, zum einen ein brandneues Klaviertrioprogramm (sehr besonders ihre Interpretation von U2‘s Hit „I still haven’t found“) sowie zusammen mit der Sängerin Marína die Vertonung der Texte von Jón ú Vör.
Die Formationen, die aus dem isländisch-europäischen Festival ein internationales machten, stachen heraus: Das australische Klaviertrio Brekky Boy war witzig, groovy und begeisterte das Publikum. Krönender Abschluss war das grandiose Konzert von Cécile McLorin Salvant. Eigentlich war die Sängerin krank, was ihre Stimme ein bisschen rau machte, doch sie schonte weder sich noch ihre fulminante Band mit Sullivan Fortner am Klavier, Yasushi Nakamura am Bass und Kyle Poole an den Drums. Stehende Ovationen und Zugaben beschlossen das Festival, anschliessend entschwebte leise Björk, die dem Konzert ebenfalls beiwohnte, aus dem Zuschauerraum in die Dunkelheit.
Text und Fotos: Angela Ballhorn
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