Mit dem dreiteiligen Ballettabend Noise Signal Silence präsentiert sich Richard Siegal als neuer Ballettdirektor des Staatstheaters Nürnberg
Gelungener Auftakt
Richard Siegals - Premiere als Ballettdirektor und Chefchoreograf am Nürnberger Staatstheater
Von Robert Fischer
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne: Wer bei diesem gern zitierten Spruch von Hermann Hesse an einen leisen, poetischen Zauber denkt, der sah sich bei der Eröffnungsproduktion dieser Ballettsaison 2025/2026 im Nürnberger Staatstheater erst mal mit einem sehr lauten, sehr grellen Spektakel konfrontiert, das sicher beeindruckend war, aber das Publikum wohl doch eher überwältigen sollte. Der Zauber stellte sich erst ganz zum Schluss des dreiteiligen, vom neuen Ballettdirektor Richard Siegal choreografierten Tanzabends ein: im letzten Stück, das eine Uraufführung war – und ein kleines Wunder.
„Noise Signal Silence“ ist der Ballettabend des im US-amerikanischen Laurinburg, North Carolina, geborenen und in Peterborough, New Hampshire, aufgewachsenen Choreografen überschrieben. Mit Beginn der Spielzeit 2025/2026 übernahm Richard Siegal die Sparte Ballett in der fränkischen Metropole, wo die aus 20 Tanzenden bestehende Kompanie nun offiziell den Namen „Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference“ trägt.
Etwa ein Drittel der Kompanie wurde von Siegals Vorgänger am Staatstheater übernommen, dem hier 17 Jahre lang höchst erfolgreich agierenden Guy Montero. Ein weiteres Drittel war bereits in Köln, Siegals letzter Station, an seiner Seite; das letzte Drittel wurde neu gecastet. Entstanden ist so ein schon jetzt auf höchstem Niveau tanzendes Ensemble, in dem 14 Nationalitäten vertreten sind.
Tatsächlich scheint Siegal genau der richtige Mann dafür zu sein, in Nürnberg – Tradition und Moderne miteinander verbindend – etwas Neues auf die Beine zu stellen. In seiner wechselvollen Karriere folgte der Sohn eines Malers und einer musischen Mutter zunächst seinem älteren Bruder, einem Tänzer, nach New York City. Dort besuchte er das College, studierte Französisch und Religionswissenschaften, ehe er sich vergleichsweise spät doch noch für eine Tanzausbildung entschied. Bis 1997 tanzte er in verschiedenen Kompanien, kellnerte nebenbei – dann machte er sich auf nach Europa zu einer Audition-Tour. Doch sein Vortanzen war erst mal erfolglos: Als er nach Manhattan zurückkam, hatte er kein einziges Angebot in der Tasche. Erst einige Wochen später bekam er eine Nachricht von William Forsythe, der ihn in Frankfurt gesehen hatte. Sieben Jahre lang, von 1997 bis 2004, gehörte Siegal daraufhin zum Ballett Frankfurt. Danach etablierte er sich als international erfolgreicher Choreograf, der seit 2008 seine künstlerische Heimstatt in Deutschland und seit 2025 auch eine Gastprofessur „Zeitgenössischer Tanz“ an der Folkwang Universität der Künste hat. Über München und Köln führte ihn sein Weg schließlich nach Nürmberg.
Am überzeugendsten anschaulich wird die Kunst, die ihn so erfolgreich gemacht hat, in „Unitxt“ von 2013, das in Nürnberg die Mitte des dreiteiligen Tanzabends markierte. Hier führt Siegals Bestreben, Tanz als moderne, Elemente von Pop und Techno integrierende Kunst zu inszenieren, auch noch mehr als zehn Jahre nach der Uraufführung zu einer „orgiastischen Tanzexplosion“ (Eva-Elisabeth Fischer), atemberaubend präzise, kraftvoll elegant und in immer wieder neuen tänzerischen Tableaus eindrucksvolle Bilder erzeugend. Wobei die schönsten Momente dieser neoklassizistischen, auch (modern interpretierten) Spitzentanz integrierenden Kunst manchmal gar nicht im Zentrum des Geschehens zu sehen sind, in einem fast klassisch anmutenden Pas de deux am vorderen Bühnenrand etwa, sondern im Hintergrund, wo ein paar Tänzer auf einmal die stampfende Rhythmik der artifiziell inszenierten Geräuschkulisse aufnehmen, als hätte Siegal hier die lustvoll zuckende Körperlichkeit der in einem Technoclub Tanzenden auf die Ebene des Balletts gebracht und dort, quasi als Gattung, vollendet.
So faszinierend all das ist – in „Unitxt“ noch unterstützt durch raffinierte Ausstattungsdetails wie an den Korsetts der Tänzerinnen angebrachte Halteschlaufen, ohne die bestimmte Bewegungsabläufe niemals möglich wären: Das neuere erste Stück des Abends, „Oval“, 2019 mit dem Staatsballett Berlin uraufgeführt, zeigte doch auch die Limitierung eines vornehmlich auf akustische und visuelle Reize setzenden Konzepts. Ohne die Dramaturgie eines Handlungsballetts, radikal abstrakt und exaltiert, verliert auch die höchste Tanzkunst an Reiz, droht beliebig zu werden. Das lässt sich gut am Ende von „Oval“ festmachen: Während das ältere „Unitxt“ zumindest auf ein eindrucksvolles Schlussbild hinausläuft (vor einem gleißend hellen Hintergrund erstarren die Tanzenden wie in einem Schattenriss), ist das Ende des neueren Stücks seltsam unmotiviert, könnte so oder anders auch zehn Minuten früher oder später stattgefunden haben – und ist auch schon bald aus dem visuellen Gedächtnis verschwunden.
Was für ein Glück deshalb, dass der dreiteilige Abend mit dem letzten Stück, „Lilac“, noch eine Uraufführung zu bieten hatte. Hier war nun wirklich alles anders. Beginnend mit der Musik von Lorenzo Bianchi Hoesch, zu der Benjamin Clementines Version von Nick Drakes „River Man“ den Ton vorgab, über den Verzicht auf gleißende Lichteffekte oder das Geschehen dominierende Bühnenobjekte hin zu einer schlichten schwarzen Bühnengestaltung in Form eines sich nach hinten verjüngenden, die Tiefe verdeutlichenden Dreiecks. Am beeindruckendsten aber: der Verzicht auf jeden spektakulären Effekt zugunsten einer – nennen wir es – Innerlichkeit der von allen Seiten der Bühne und auch aus dem Orchestergraben auftauchenden, sich in vielfältiger Weise begegnenden, als Individuum kenntlich werdenden Tanzenden. Man beginnt darüber nachzudenken, welche Geschichte jedes dieser Individuen wohl mit auf die Bühne bringt, und wie genau Richard Siegal das schafft, ist allein mit einer Reduktion der Mittel bis hin zu Momenten völligen Stillstands – und völliger Stille – kaum zu erklären. Es bleibt auch dann ein kleines Wunder, wenn man erkennt, dass sein Stück die Ambivalenz des vieldeutigen „River Man“-Textes wie die melancholische Grundstimmung der Musik aufgreift, sie als choreografische Fragen in den Raum stellt, ohne Antworten zu suchen. Denn was ihm damit gelingt, ist Kunst, die nicht mehr nur verführt, sondern wirklich: berührt.
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Staatstheater Nürnberg Noise Signal Silence - Unitxt, Foto: Pedro Malinowski -
Staatstheater Nürnberg Noise Signal Silence - Unitxt, Foto: Pedro Malinowski -
Staatstheater Nürnberg Noise Signal Silence - Unitxt, Foto: Pedro Malinowski -
Staatstheater Nürnberg Noise Signal Silence - Unitxt, Foto: Pedro Malinowski
Text: Robert Fischer
Fotos: Staatstheater Nürnberg / Pedro Malinowski
Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference: Noise Signal Silence
Drei Choreografien von Richard Siegal: Oval, Unitxt, Lilac (UA)
Musik von Carsten Nicolai aka Alva Noto und Lorenzo Bianchi Hoesch
OVAL
Choreografie, Bühne: Richard Siegal
Musik: Carsten Nicolai aka Alva Noto
Kostüme: UY
Licht/Video: Matthias Singer
Einstudierung: Evan Supple
UNITXT
Choreografie, Bühne: Richard Siegal
Musik: Carsten Nicolai aka Alva Noto
Kostüme: Richard Siegal
Industriedesign: Konstantin Grcic
Licht/Video: Philip Deblitz, Gilles Genter, Richard Siegal, Matthias Singer
Einstudierung: Zuzana Zahradnikova
LILAC (UA)
Choreografie, Bühne: Richard Siegal
Musik: Lorenzo Bianchi Hoesch, Benjamin Clementine
Kostüme: Richard Siegal
Licht/Video: Matthias Singer
Weitere Informationen, Termine, Tickets
https://www.staatstheater-nuernberg.de/
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