Robert Lucaciu – Klangforscher zwischen Kammermusik, Improvisation und Haltung
Robert Lucaciu gehört zu den markantesten Stimmen des deutschen Jazzkontrabasses zwischen freier Improvisation, kompositorischer Präzision und interdisziplinärem Denken. Der in einem deutsch-rumänischen Musikerhaushalt aufgewachsene Bassist und Komponist verbindet klassische Prägung mit experimenteller Offenheit – und entwickelt daraus eine eigenständige, unverwechselbare Klangsprache.
Lucaciu begann seine musikalische Laufbahn am Violoncello, das er zwölf Jahre lang studierte. Früh sang er in Chören, hörte intensiv Kammermusik, sakrale Chorwerke und Volkslieder. Diese klassische Sozialisation prägt sein musikalisches Empfinden bis heute. Gleichzeitig suchte er bewusst nach einer eigenen Ausdrucksform jenseits familiärer Traditionen – und fand sie in experimenteller Musik und freier Improvisation.
Ab 2005 war er Jungstudent an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, bevor er ab 2008 klassischen Kontrabass bei Thomas Stahr sowie Jazz-Kontrabass bei Pepe Berns in Leipzig und Dresden studierte. Seitdem bewegt er sich souverän zwischen notierter und improvisierter Musik, zwischen kammermusikalischer Dichte und klanglicher Grenzerkundung.
Sein Spiel ist beeinflusst von Persönlichkeiten wie Mark Dresser, Barry Guy, Sebastian Gramss oder Larry Grenadier. Gleichzeitig wirken Komponisten wie Charles Ives, Béla Bartók oder Olivier Messiaen ebenso nach wie Songwriter wie Nick Drake oder Reinhard Mey. Lucaciu streicht ebenso virtuos wie er zupft, arbeitet mit erweiterten Spieltechniken und versteht den Kontrabass als klangliches Labor.
Ein frühes eigenes Projekt war die Band Castravez (2010–2012), mit der 2011 das Album Tagtraum erschien. Später prägte er Formationen wie PLOT, Nautilus oder das Trio Altered Forms. Seit 2021 steht sein Projekt Fallen Crooner im Zentrum seines kompositorischen Schaffens. Hier hinterfragt Lucaciu (cis-)männliche Selbstbilder und entwirft gemeinsam mit Musiker*innen wie Laura Totenhagen, Shannon Barnett oder Pascal Klewer einen musikalischen Diskurs über Identität und Rollenbilder. Eigenkompositionen, Songmaterial und literarische Texte verschmelzen zu einer vielschichtigen Montage, in der jede beteiligte Stimme ihren Raum findet.
Neben seinen eigenen Projekten arbeitete Lucaciu mit einer Vielzahl renommierter Musikerinnen und Musiker, darunter Werner Neumann, Angelika Niescier, Theresia Philipp, Bill Elgart, Achim Kaufmann, Hayden Chisholm oder Richie Beirach. Mit dem Eva Klesse Quartett wurde er 2015 mit dem Echo Jazz als „Newcomer des Jahres“ ausgezeichnet. 2023 gastierte er mit Günter Baby Sommers Brotherhood & Sisterhood bei JazzBaltica.
Auch kulturpolitisch engagiert er sich: Von 2010 bis 2014 war Lucaciu künstlerischer Leiter der wöchentlichen Konzertreihe im Leipziger Liveclub Telegraph. Gemeinsam mit seinem Bruder Antonio Lucaciu gründete er das Label Egolaut Leipzig. Seit 2020 ist er im Vorstand des Jazzverbandes Sachsen aktiv.
Als Pädagoge wirkte er von 2018 bis 2024 als Lehrbeauftragter für Jazzkontrabass an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Seit 2024 ist er Professor für Jazz-Bass an der Hochschule für Musik Nürnberg.
Robert Lucaciu ist ein Musiker, der Tradition nicht verwaltet, sondern befragt – und der den Kontrabass als Instrument des Denkens, Forschens und gesellschaftlichen Dialogs begreift.
Diskografie (chronologisch, Auswahl)
Als Sideman:
- Gregor Forbes / Robert Lucaciu / Johannes von Buttlar – Altered Forms Trio (Boomslang Records, 2024)
- Günter Baby Sommer & the Lucaciu 3 – Karawane (Intakt Records, 2022)
- Dorn / Elgart / Lucaciu – Dreifinger (Lakeland Records, 2022)
- PLOT – Cadenza (WhyPlayJazz, 2019)
- Eva Klesse Quartett – miniatures (enja, 2018)
- Werner Neumann / Florian Kästner / Philipp Scholz / Robert Lucaciu – Baby Boomer (Klaeng Records, 2017)
- Arne Jansen – Nine Firmaments (Traumton Records, 2016)
- Nautilus – Infrablue (Two Rivers Records, 2016)
- PLOT – Tightrope (WhyPlayJazz, 2015)
- Das blaue Pony – Zweigedanken (Unit Records, 2014)
- PLOT – Heimarbeit (Egolaut Leipzig, 2012)
- Castravez – Tagtraum (Egolaut Leipzig, 2011)
Soloalben:
- monaxia (2015)
- Solo live at Kulturnhalle (2021)
Links
Robert Lucaciu Internetseite:
https://robertlucaciu.info/
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