Rezension des Albums "Rokost" von Rokost

Rokost - Rokost - Album cover
Rokost - Rokost

Rokost
Rokost

Erscheinungstermin: 03.04.2026
Label: Selftape Records, 2026

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Experimenteller Jazz zwischen Elektronik und Improvisation

jazz-fun`s recap:

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum präsentiert die Hamburger Band Rokost ein Projekt, das sich bewusst jenseits klarer stilistischer Kategorien bewegt. Die Band wurde 2023 vom Trompeter und Komponisten Michel Schroeder gegründet, der mit Rokost eine musikalische Plattform für Energie, Experiment und kollektive Kreativität geschaffen hat.

Zum Ensemble gehören außerdem die Synthesizer-Spielerin Marta Winnitzki, der Schlagzeuger und Klangtüftler Leon Saleh sowie der Bassist Christian Müller. Alle vier Musiker bringen Erfahrungen aus den Bereichen Jazz, improvisierte Musik und zeitgenössische Klangkunst mit – eine Kombination, die sich unmittelbar im Klang der Band widerspiegelt.

Schon der Name Rokost verrät viel über den ästhetischen Ansatz des Projekts. Ursprünglich als humorvolle Wortspielerei entstanden, entwickelte er sich zu einer treffenden Beschreibung der Musik: roh, direkt und unverstellt. Wie frische, unbearbeitete Zutaten wird hier Musik ohne dekorative Verzierungen serviert – konzentriert, energiereich und unmittelbar.

Ein entscheidender Unterschied zu vielen elektronisch geprägten Jazzprojekten liegt im Umgang mit Klangmaterial. Rokost arbeitet nicht mit vorgefertigten Soundbibliotheken oder Standard-Presets. Stattdessen programmieren die Musiker ihre Synthesizer selbst, entwerfen eigene Effekte und nutzen Werkzeuge wie Max/MSP oder Ableton Live, um eine individuelle Klangsprache zu entwickeln.

Diese Arbeitsweise verleiht der Musik eine besondere Unmittelbarkeit. Zwar bilden die Kompositionen von Schroeder den strukturellen Ausgangspunkt, doch im Probenprozess werden sie durch kollektive Improvisation und spontane Entscheidungen weiterentwickelt. So entsteht ein lebendiger Klangorganismus, der ständig in Bewegung bleibt.

Klanglich bewegt sich das Album zwischen klar gezeichneten melodischen Linien, komplexen rhythmischen Strukturen und überraschenden elektronischen Texturen. Schroeders Trompete fungiert dabei häufig als erzählerische Stimme – mal lyrisch, mal kantig, aber immer präsent – innerhalb dieser Klanglandschaft.

Eine große Rolle spielt dabei auch Marta Winnitzki an den Synthesizern. Ihre Klangflächen und elektronischen Strukturen schaffen Räume, in denen sich die musikalischen Ideen entfalten können. Gleichzeitig sorgen Bassist Christian Müller und Schlagzeuger Leon Saleh für ein rhythmisches Fundament, das präzise, kraftvoll und voller überraschender Wendungen ist.

Was Rokost jedoch besonders interessant macht, ist nicht nur die Mischung aus Jazz und Elektronik. Die Band verfolgt keinen bloßen Genre-Mix, sondern entwickelt eine eigene musikalische Logik. Zwischen komponierter Struktur und improvisierter Freiheit sowie zwischen akustischer Tradition und digitaler Klanggestaltung entsteht ein Klangbild, das gleichzeitig physisch, rhythmisch und detailreich wirkt.

So wird Rokost zu einem Album, das Grenzen nicht nur überschreitet, sondern neu definiert. Es verbindet die Offenheit des Jazz mit der Experimentierfreude elektronischer Musik – roh, direkt und voller Energie. Eine Aufnahme, die neugierig macht, überrascht und zeigt, wie spannend zeitgenössischer Jazz heute klingen kann.

(Jacek Brun, 07.04.2026)

Besetzung

Michel Schroeder - trumpet & FX
Marta Winnitzki - synthesizers
Christian Müller - electric bass
Leon Saleh - drums

Titelliste

  1. Lambo No. 5
  2. Menschenfeind
  3. Trotz
  4. Jazon Hunter Strikes Again!
  5. Meloda
  6. Attitude Adjustment
  7. We Will Still Be Here Tomorrow
  8. Lines & Crimes
  9. The Machines That Walk At Midnight

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