Zwischen Musik, Theater und Improvisation – Ruedi Häusermann im Interview
Von Jacek Brun
Ruedi Häusermann gehört zu den eigenständigsten Stimmen der Schweizer Musikszene. Als Komponist, Improvisator, Regisseur und Theatermacher bewegt er sich seit Jahrzehnten selbstverständlich zwischen den Künsten. Sein neues Album oeppis-isch-immer verbindet fein komponierte Strukturen mit spontaner Improvisation, Humor mit Poesie und überraschenden Klangfarben. Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Häusermann über musikalische Kurzgeschichten, die Bedeutung von Ambivalenz, den kreativen Wert des Zufalls und darüber, warum Humor für ihn der Weg zur Herzlichkeit ist.
jazz-fun.de:
Ruedi, schon der Titel "oeppis-isch-immer" wirkt gleichzeitig alltäglich, poetisch und geheimnisvoll.
Was bedeutet dieser Satz für dich - und warum wurde er zum Titel des Albums?
Ruedi Häusermann:
Der Kopf des Künstlers ist bekanntlich immer auf Empfang. Er ist fortwährend damit beschäftigt, wie Empfang in Sendung umgewandelt werden könnte. Es ist also immer etwas los, eben: oeppis isch immer, wie es hier in der Schweiz heisst.
jazz-fun.de:
Die Musik auf diesem Album wirkt wie eine Folge musikalischer Kurzgeschichten - voller überraschender Wendungen, Stimmungen und feiner Details. Denkst du beim Komponieren tatsächlich in narrativen Bildern oder entsteht diese Dramaturgie eher intuitiv?
Ruedi Häusermann:
Ich versuche beim Komponieren möglichst an nichts zu denken.
Eine rein musikalische Idee taucht auf, ohne irgendwelche Einordnungsabsichten, dann die Lust, diese Idee weiter zu denken und umzusetzen. Motive entwickeln sich, Themen kristallisieren sich heraus, erste Gedanken über mögliche Verbindungen zur Welt der Improvisation werden formuliert.
Es entstehen in der Tat eine Art Kurzgeschichten, zu welchen dann in nächsten Arbeitsschritten Verbindungen untereinander erarbeitet werden. Das führt dann schliesslich zu den grösseren musikalischen Bögen.
jazz-fun.de:
In deiner Arbeit als Regisseur und Komponist spielt das Detail eine zentrale Rolle. Spürt man in "oeppis-isch-immer" auch dein musiktheatrales Denken - selbst ohne Bühne und Inszenierung?
Ruedi Häusermann:
Die beiden Welten befruchten sich gegenseitig.
Szenische Fragen lassen sich oft durch musikalisches Denken entwirren. Und umgekehrt kann szenisches Vorstellungsvermögen in gewissen Fällen der musikalischen Entwicklung hilfreich den Weg weisen.
Die Erfahrung in der Kunst des Improvisierens, das Wissen um die absichtslose Spontanität ist fürs Inszenieren Gold wert.
Anderseits ist beim Komponieren das Geübtsein im nüchternen Abstandhalten, welches beim Inszenieren eine wichtige Voraussetzung ist, ebenfalls eine grosse Hilfe.
jazz-fun.de:
Komposition und Improvisation greifen auf dem Album organisch ineinander, manchmal kaum voneinander zu trennen. Wie offen sind deine Stücke angelegt - und wo setzt du bewusst Grenzen?
Ruedi Häusermann:
Das ist unterschiedlich. Im Fall von "oeppis-isch-immer" habe ich für gewisse Stücke aus einer grossen Sammlung von Improvisationen Abschnitte ausgewählt und diese, quasi in einem zweiten Kompositionsschritt, miteinander in Beziehung gebracht. Dann wurden ‘Brücken’ zu den notierten Passagen erarbeitet und schliesslich entstanden die grösseren Bögen.
Es gibt aber auch Nummern auf dem Album, von denen wir verschiedene Versionen aufgenommen und dann eine davon ausgewählt haben, ohne nachträgliche Bearbeitungen. Auch first take – best take Aufnahmen sind vertreten.
Beim Aufnehmen setzen wir bewusst keine Grenzen, sondern schaffen Platz für Zufälle. So kann es passieren, dass eine spontane Idee alles vorher Gedachte in den Schatten stellt.
jazz-fun.de:
Das Instrumentarium des Albums ist ungewöhnlich und eröffnet faszinierende Klangräume - von Bassklarinette und Hohner-Mignon bis Asa-Chan und Glockenspiel. Wie entscheidend sind Klangfarben für deinen kompositorischen Prozess?
Ruedi Häusermann:
Die Festlegen des jeweiligen Instrumentariums für das ich schreibe, ist der erste Schritt beim Entstehen eines neuen Stückes.
Die primären Klangfarben, eben die verschiedenen Instrumente, haben die grösste Assoziationskraft. Doch die tiefergelegene Klangfarbe, welche durch den musikalischen Ausdruck entsteht, Rhythmik, Melodik, Harmonik, Dynamik usw. sind im Endeffekt entscheidend für die Essenz der Musik.
jazz-fun.de:
Beim Hören entsteht der Eindruck, dass hier nicht Virtuosität im Vordergrund steht, sondern Präzision des Ausdrucks und eine sehr bewusste Erzählweise. Ist das eine bewusste Gegenbewegung zu manchen Entwicklungen im heutigen Jazz?
Ruedi Häusermann:
Es ist grossartig, wenn man im richtigen Moment zur Virtuosität greifen kann. Als Mittel zum Zweck. Die Virtuosität als Hauptakteur ist auf die Länge reizlos.
Ich lass mich bewusst nicht von der Idee einer Gegenbewegung zum heutigen Jazz leiten. Mir ist es lieber, Schritt für Schritt dem eigenen Ausdruck auf der Spur zu sein.
jazz-fun.de:
Mit Marco Käppeli und Claude Meier arbeitest du mit Musikern, die deine musikalische Sprache offenbar tief verstehen. Was macht diese Zusammenarbeit besonders - und wie entwickelt sich musikalisches Vertrauen in einem solchen Trio?
Ruedi Häusermann:
Als erstes ist zu sagen, dass es immer um ein gegenseitiges Verstehen geht und der Grund für das gegenseitige Vertrauen hängt an vielen dünnen Fäden.
Im konkreten Fall der geschriebenen Musik ist die Voraussetzung für das musikalische Vertrauen sicher das Gutheissen des kompositorischen Ausgangsmaterials und die Bereitschaft, die komplexen Arrangements zu verinnerlichen. Ausserdem ist bei der gemeinsamen Weiterentwicklung der Musik entscheidend, die Sprache des Mitspielers zu verstehen und wertzuschätzen. Es gibt ein geheimes Rezept, das besagt, man solle immer so spielen, dass der Mitspieler besser tönt.
Mit Marco spiel ich schon fast von Kindesbeinen an zusammen. Claude ist seit der Gründung des Trios vor zehn Jahren bei uns. Es ist eine wichtige Freundschaft entstanden.
jazz-fun.de:
Die Musik überrascht ständig: Ideen werden aufgenommen, verändert, abgebrochen und neu zusammengesetzt. Ist dieser Prozess bereits in der Komposition angelegt oder entsteht vieles erst im Zusammenspiel?
Ruedi Häusermann:
Veränderungen sind ein musikdramaturgischer Prozess. Bei uns ist vieles davon bereits in der Komposition angelegt, anderseits ist es eine Eigenart der Improvisation, für Überraschungen zu sorgen, Motive zu erfinden, abzubrechen, weiterzuspinnen.
Als Improvisator tut man allerdings gut daran, nicht allzu sehr darauf bedacht sein, ständig überraschen zu wollen. Überraschungen erwachsen aus rein musikalischen Zusammenhängen.
jazz-fun.de:
Trotz aller Offenheit wirkt das Album erstaunlich transparent und klar strukturiert. Wie wichtig ist dir Ordnung innerhalb von Komplexität?
Ruedi Häusermann:
Eine einleuchtende Struktur zu finden ist mitunter ein Hauptanliegen. Möglicherweise spielt auch hier wieder ein theatralisches Denken eine gewisse Rolle. Die Ordnung ist eine wichtige Voraussetzung für das kreative Chaos.
Die Ordnung der Komposition und der dazugehörenden konzeptionellen Abmachungen bieten Hand und laden ein, die Vorsätze lustvoll zu durchbrechen.
jazz-fun.de:
Du arbeitest seit Jahren an einer eigenen Sprache zwischen Musik, Theater und Poesie. Fühlst du dich heute eher als Komponist, Klangforscher oder Geschichtenerzähler?
Ruedi Häusermann:
Alles was ich zu machen versuche, ist Geschichten zu erzählen. Als Komponist, als Improvisator, oder als Theaterschaffender.
Deshalb bin ich froh, dass ich diese Abteilungen für mich selbst nicht trennen muss. Alles geht Hand in Hand, bedingt und ergänzt sich. Die verschiedenen Sparten sind mir noch nie in die Quere gekommen.
Nicht gewollte Vermischungen kenne ich nicht. Beim Musikschreiben zum Beispiel ist es für mich immer klar, dass die Musik einzig sich selbst genügen muss. Sie muss weder etwas kommentieren noch etwas vertonen. Ich liebäugle beim Schreiben auch nicht damit, was die Hörenden allenfalls für Assoziationen haben sollten.
Was die angesprochene Poesie betrifft, sie ist ein Traumgebilde, sie ist nicht fassbar und lässt sich nicht erzwingen. Sie ist ein Kind der Herzlichkeit, der gegenseitigen menschlichen Vorsicht.
jazz-fun.de:
"oeppis-isch-immer" wirkt sehr persönlich und gleichzeitig offen für viele Deutungen. Welche Rolle spielt Ambivalenz in deiner Kunst - also das bewusste Offenlassen von Bedeutungen?
Ruedi Häusermann:
Ich finde, die Ambivalenz ist eines der wichtigsten Merkmale für ein Kunstwerk.
Die Mehrdeutigkeit schafft Raum, sich mit dem Kunstwerk zu verbinden. "Oeppis-isch-immer" versucht diese Räume zu öffnen.
jazz-fun.de:
Zum Abschluss: Wenn jemand "oeppis-isch-immer" zum ersten Mal hört- was würdest du dir wünschen, dass diese Person entdeckt, fühlt oder vielleicht sogar neu hört?
Ruedi Häusermann:
Ich wünsche mir, dass diese Person unsere Gegenwartsmusik mit Neugier, Lust und Interesse anhören kann. Ich wünsche mir, dass man hinter der Ernsthaftigkeit das Spielerische, den Humor entdeckt.
Humor ist der Heilige Geist, der den Weg zur alles bestimmenden Herzlichkeit weist.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
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