Von Saalfelden bis Ebersberg: Shake Stew zeigt, warum ihre Musik wirklich „Jazz für alle“ ist.

Shake Stew - EBE-JAZZ
Shake Stew - EBE-JAZZ, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

Die sechste Ausgabe des in zweijährigem Turnus in Grafing und Ebersberg stattfindenden Festivals EBE-JAZZ ist inzwischen, wie der Festivalleiter Frank Haschler es kürzlich in einem Interview mit dem Merkur ausdrückte, etwas „ganz Seriöses geworden“ – dabei habe man doch anfangs „nur ein wenig Spaß haben wollen“. Jede Menge Spaß machte dann auch das diesjährige Auftaktkonzert am 10. Oktober in der Stadthalle Grafing, für das man die erfolgverwöhnte Band um den österreichischen Tausendsassa Lukas Kranzelbinder eingeladen hatte, die sich mit dem mehr oder weniger sinnfreien Namen Shake Stew und einer in der Tat Sinn stiftenden, nämlich das Leben schöner (und tanzbar) machenden Musik die Bühnen nicht nur in Europa erobern konnte.

Ein Tausendsassa ist Kranzelbinder deshalb, weil er sich als Komponist, Instrumentalist und offenbar begnadet netzwerkender Organisator schon früh in den verschiedensten Metiers versuchte, etwa eine (Surfrock-)Oper schrieb, ein Label und mehrere Bands gründete sowie durchaus seriös (E- und Kontra-)Bass sowie Gimbri (ein lautenähnliches, in den Maghreb-Ländern Marokko, Tunesien und Algerien verbreites Instrument mit drei Saiten) spielt. Neun Jahre ist es jetzt her, dass er diese Band ins Leben rief – 2016 war das, als er einen Kompositionsauftrag bekam, um das traditionelle Eröffnungskonzert auf der Hauptbühne des Jazzfestivals Saalfelden zu gestalten. Schon im Vorfeld dazu wurde ihm klar, dass das mit zwei Bassisten, zwei Schlagzeugern, zwei Saxophonisten und einem Trompeter durchaus ambitioniert angelegte Projekt keine einmalige Aktion sein sollte. Im Gegenteil: „Mit dieser Band wird noch einiges passieren“, verkündete er  selbstbewusst in der Presse. Allerdings darf man bezweifeln, ob ihm damals schon wirklich selbst klar war, was das konkret bedeuten könnte: Inzwischen gilt das Septett als „das internationale Aushängeschild der jungen österreichischen Jazzszene“, über dessen Erfolg im In- und Ausland sogar der ORF im letzten Jahr eine knapp 45-minütige Dokumentation gedreht hat, die mit dem schönen Titel „Shake Stew – Jazz für alle“ überschrieben ist.

Wie sehr diese Behauptung stimmt, konnte man nun auch aktuell in Ebersberg feststellen: Die – meist auf der Basis unerschütterlich groovender Basslinien freie Improvisation mit treibenden Rhythmen, eingängigen Strukturen und herzergreifend schönen Melodien verbindende – Musik der Band erzeugt vom ersten Takt an einen unwiderstehlichen Flow, dem sich wohl jedes Publikum nur allzu gern hingibt. Dass Kranzelbinder eben dieses Publikum in seinen Ansagen auch mit charmantem Schmäh durch das Programm zu führen weiß, ist dem Erfolg sicher nicht abträglich. Hinzu kommen exzellente Musiker, für die Kranzelbinder inzwischen auf ein Reservoir bewährter Mitstreiter:innen zurückgreifen kann. In der Stadthalle Grafing waren das neben Kranzelbinder selbst und Oliver Potratz an den Bässen die beiden Schlagzeuger Herbert Pirker und Niki Dolp, die Saxophonisten Johannes Schleiermacher und Fabian Rucker sowie der Trompeter Lorenz Widauer. Letzterer hatte die undankbare Aufgabe, für den eigentlichen – und eigentlich unersetzbaren – Stammtrompeter Mario Rom auf der Bühne zu stehen, wusste aber gegen Ende des Konzerts auch selbst in einem ausgiebigen Solo zu glänzen.

Wer die Band schon mehrfach gehört hat, mochte neben Mario Rom vielleicht noch ein bisschen vermissen, dass Oliver Potratz nicht wie sonst auch einen zweiten Kontrabass spielte. Aber was der kürzlich von Berlin nach Wien umgesiedelte Musiker etwa mit Hilfe von diversen Effektgeräten aus seinem Fender VI (einem sechssaitigen, eine Oktave tiefer als eine Gitarre gestimmten E-Bass) für sphärische Klänge zu zaubern vermag, ist schon sehr, sehr hörenswert.

Standing Ovations im voll besetzten Haus beendeten schließlich den gelungenen Festivalauftakt und machten neugierig auf die im kommenden Jahr anstehenden Aktivitäten, wenn Shake Stew das 10-jährige Bandjubiläum unter anderem mit einem neuen (Doppel-)Album feiern wird.

Text und Fotos: Robert Fischer

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