Sokratis Sinopoulos & Yann Keerim - Topos

Sokratis Sinopoulos & Yann Keerim - Topos - Album cover
Sokratis Sinopoulos & Yann Keerim - Topos

Sokratis Sinopoulos & Yann Keerim
Topos

Erscheinungstermin: 17.10.2025
Label: ECM, 2025

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jazz-fun`s recap:

Was Sokratis Sinopoulos und Yann Keerim auf Topos präsentieren, lässt sich kaum in gängige Kategorien fassen. Es ist weder reine Klassik, noch Jazz, noch Weltmusik – vielmehr eine Form zeitgenössischer, moderner Musik, die aus allen diesen Quellen schöpft und daraus etwas Eigenständiges formt.

Diese Klangwelten leben und atmen. Mit größter Sorgfalt komponiert und ausgeführt, entfalten sie eine stille, aber tiefgehende Schönheit. Jeder Ton hat hier Bedeutung, jede Pause ist bewusst gesetzt. Die Musik wirkt wie eine lebendige Skulptur aus Klang, die sich ständig verändert, während sie sich zugleich treu bleibt.

Die Begegnung der beiden Musiker ist ein Glücksfall: Sinopoulos mit seiner expressiven Lyra und Keerim mit seinem fein nuancierten, manchmal impressionistisch anmutenden Klavierspiel erschaffen eine Musik, die zugleich archaisch und modern, emotional und strukturell durchdacht ist.

Topos ist ein Album, das Raum öffnet – für Hören, Denken, Fühlen. Es ist ein Werk, das man nicht einfach konsumiert, sondern erlebt. Eine weitere großartige Veröffentlichung aus dem Hause ECM, das hier einmal mehr zeigt, wie weit die Grenzen der sogenannten „zeitgenössischen Musik“ gefasst sein können.

(Jacek Brun, 17.10.2025)

Besetzung

Sokratis Sinopoulos - lyra
Yann Keerim - piano

Archaisch und modern zugleich – die Kunst von Sinopoulos & Keerim

Das erste Studioalbum des griechischen Duos, bestehend aus dem Lyraspieler Sokratis Sinopoulos und dem Pianisten Yann Keerim, ist eine Fundgrube inspirierter musikalischer Dialoge. Nahtlos überbrücken sie den idiomatischen Raum zwischen europäischer Volkstradition und Kammerjazz. Bartóks sechs „Rumänische Volkstänze” sind in neu gestalteter Form auf dem gesamten Album zu hören. Dabei setzt Sokratis' malerisches Lyraspiel einen lyrischen Kontrapunkt zu Yanns mal rhythmisch treibender, mal ruhig-nachdenklicher Begleitung. Dies ist das erste Mal, dass das Duo aus Sokratis' gefeiertem Quartett (Alben „Eight Winds” und „Metamodal”) zu hören ist. Ihre Dialoge greifen elegant ineinander, sind immer aufeinander abgestimmt und zeugen von einem ausgeprägten Gespür für Raum und Atmosphäre. Ihre eigenen Duo-Ausarbeitungen fügen sich unmerklich in die Bartók-Studien ein, da durch den fließenden Ausdruck des Duos alles miteinander verbunden wird.

Entwickelt während fast zwei Jahrzehnten enger Zusammenarbeit – vor allem als Teil von Sokratis' Quartett – erreicht das intime musikalische Verständnis der Lyra- und Klavierspieler füreinander auf „Topos” eine neue Flüssigkeit. Der Titel bezieht sich direkt auf ihre gemeinsame, vertraute Musiklandschaft, wie die beiden Musiker erklären: „Im Griechischen kann ‚topos‘ auch ‚Heimat‘ oder ‚Heimatland‘ bedeuten. Aber es geht nicht nur um den Ort oder die Dinge. Es geht um die Kultur, die Verbindung zwischen den Menschen – das ist auch die Bedeutung des Begriffs. Was wir auf diesem Album tun, ist also, unseren Topos zu schaffen, der weitreichende musik-kulturelle Implikationen hat, darunter Ungarn, Rumänien und der Balkan. Und wir erweitern ihn ständig und machen ihn anderen Menschen bekannt, indem wir sie einladen, ein Teil davon zu werden.“ Ihr gemeinsamer Hintergrund in der griechischen Volksmusik, mit der sie aufgewachsen sind, ist in diesem Fall der Ausgangspunkt, der es ihnen ermöglicht, tief in die musikalische Gedankenwelt des anderen einzutauchen.

Einen großen Teil des Repertoires des Duos in diesem besonderen Projekt machen die „Rumänischen Volkstänze“ von Béla Bartók aus. Sokratis beschäftigt sich seit fast zehn Jahren mit diesem Repertoire, seit er vom Dirigenten Jonathan Morton eingeladen wurde, es zusammen mit Mortons Scottish Ensemble aufzuführen. Durch die Linse des Duos wurden die Tänze jedoch verwandelt, dekonstruiert und schließlich als Echo oder Reaktion auf das Originalmaterial neu zusammengesetzt. „Wir haben das Material stark geöffnet, die melodischen und rhythmischen Muster aufgegriffen und sie auf vielfältige Weise weiterentwickelt“, erklärt Sokratis.

Die lyrischen Qualitäten der Lyra werden durch besonders ausdrucksstarke Glissando-Bogenstriche noch verstärkt und durch Yanns einfühlsame Klavierbegleitung anmutig untermalt. Mal umhüllt von dröhnenden Tasten in „In One Spot“, mal beflügelt von einem sanften harmonischen Schritt in „Slash Dance“ und dann unterstützt von minimalistischen, pinselartigen Tastenanschlägen, bevor das Klavier in „Dance For Bucsum“ die Melodie übernimmt. Auf seiner Lyra singt Sokratis diese Lieder mit Einfühlungsvermögen und einer tiefen Verbundenheit zu Yanns spontanen Ideen. Bei „Romanian Polka“ teilen sich die beiden die rhythmische Komponente zu gleichen Teilen, wobei Sokratis sich von seiner freizügigsten Seite zeigt.

Yann ergänzt: „Man muss die Geschichte der Lyra respektieren, wenn man mit ihr interagiert. Man hat diese Verantwortung. Man darf seinen Mitmusiker – in diesem Fall Sokratis – nicht das Gefühl geben, außerhalb der Welt zu stehen, die er sich ausgemalt hat. Es ist also ein Balanceakt, sich von bestimmten Formalitäten zu befreien, aber gleichzeitig innerhalb einer bestimmten Tradition, Ästhetik oder Klangwelt zu bleiben. So schafft man in diesem behutsamen Austausch schließlich seinen eigenen Klangraum.“

Zur Vorbereitung auf die Aufnahme kehrte das Duo zu den Wurzeln zurück und hörte sich die Originalfeldaufnahmen von Bartók mit verschiedenen Volksmusiken an. Doch sie ließen auch Raum für spontane Inspiration, als sie ins Studio gingen. Dort nahmen der Lyraspieler und der Pianist die Tänze in einer einzigen durchgehenden Performance auf, statt jedes Stück einzeln. Yann erläutert den gemeinsamen Prozess und fügt hinzu: „Während der Aufnahmen zu diesem Album passierten viele Dinge spontan. Die Songs wurden umgestaltet und mit viel spontaner Improvisation versehen. Wir spielten alles in einem Durchgang, als wäre es ein einziges großes Stück. Auf diese Weise wurde die Musik in einer sehr einzigartigen und kohärenten Atmosphäre eingefangen, wodurch eine spezifische Klangwelt entstand, in die wir eintauchten und die schließlich unsere eigenen Stücke beeinflusste.“

Die Originalstücke des Duos – „Vlachia“, „Valley“, „Mountain Path“ und „Forest Glade“ – knüpfen als Erweiterungen des Bartók-Anteils der Platte an das Programm an. Sie sind Weiterentwicklungen der ästhetischen und volksbasierten Strukturen, die der ungarische Komponist der Welt geschenkt hat. Dies kommt auf dem Eröffnungsstück des Albums, „Vlachia“, durch grollende Klavierarpeggios und eine sehnsuchtsvolle Melodie zum Ausdruck. „Valley“ ist dagegen in einem eher dialogorientierten Stil gehalten, in dem sich Sokratis und Yann in einem dynamischen Wechselspiel befinden. „Mountain Path“ fungiert als atmosphärisches Intermezzo, während „Forest Glade“ den impressionistischen Höhepunkt der Klangwelt markiert, die das Duo auf Topos entfaltet.

Text: ECM

Titelliste

  1. Vlachia
  2. Valley
  3. In One Spot
  4. Sash Dance
  5. Dance from Bucsum
  6. Romanian Polka
  7. Fast Dance
  8. Mountain Path
  9. Forest Glade
  10. Stick Dance

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