Stefan Schöler Trio - Folklore

Stefan Schöler Trio - Folklore - Albumcover
Stefan Schöler Trio - Folklore

Stefan Schöler Trio
Folklore

Erscheinungstermin: 20.09.2024
Label: Double Moon, 2024

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jazz-fun`s recap:

„Folklore“ strahlt vor allem Frische und Fantasie in den Kompositionen des Leaders aus, der uns einmal mehr in eine Klanggeschichte voller Emotionen und Träumereien einlädt. Alle Musiker haben viel Raum, um sich auszudrücken, was diese schöne Musik noch abwechslungsreicher macht. Wer auf der Suche nach etwas ist, das ihn bewegt, sollte zu diesem Album greifen, und wer auf der Suche nach billiger Unterhaltung ist, sollte die Hoffnung aufgeben. Dieses Album ist einfach gut. (Jacek Brun, 23.09.2024)

Stefan Schöler - Piano
Lukas Keller - Bass
Simon Bräumer - Drums

Folklore? Nichts liegt Stefan Schöler ferner, als sich mit populären Melodien der Volksmusik zu beschäftigen. Oder in anderer Form an folkloristische Traditionen anzuknüpfen. Um Missverständnissen bezüglich des Albumtitels vorzubeugen, liefert der Pianist und Komponist in den Liner Notes eine Erklärung. Der hierzulande oft skeptisch beäugte Begriff birgt für ihn eine Idee, eine Vision. Jenseits aller Konventionen, Klischees und Vorurteile könnte fast jede Musik, die Menschen unterschiedlicher Generationen und sozialer Herkunft zusammenführt, Folklore sein. Warum nicht auch diese?

Stefan Schöler ist kein weltfremder Träumer. Er ist ein eigensinniger Kopf, dessen musikalische Intuition von freiem Denken und spirituell gefärbtem Streben begleitet wird. „Ich suche das Schöne in der Musik“, erklärt er ohne Scheu. „Das ist leicht zu finden.“ Damit meint er nicht das gängige Verständnis von „Schönheit“, sondern einen besonderen Ausdruck und Gehalt. Und: persönliche Erfüllung. „Die Grundhaltung meiner Musik ist eigentlich fröhlich, optimistisch, hoffnungsvoll, tröstend.“ Dass manche Stücke, manche Passagen vielleicht andere Assoziationen wecken, andere Emotionen und Eindrücke auslösen, stellt das nicht in Frage. Seine Musik bietet unendlich viele Möglichkeiten, das Eigene daran zu knüpfen.

Stefan Schöler lebt in Kleve, der niederrheinischen Grenzstadt zu den Niederlanden. Er kommt aus Kreuztal im westfälischen Siegerland. Seit seinem 7. Lebensjahr spielt er Klavier. Jazz studierte er im holländischen Arnheim - ausdrücklich dankt er dem Meisterpianisten Rob van den Broek aus den Niederlanden, der ihm Wesentliches mit auf den Weg gegeben habe, vor allem den Mut zum improvisatorischen Experiment. Aber auch Größen wie John Taylor, Carla Bley und Steve Swallow vermittelten ihm einiges an Rüstzeug für seine individuelle Entwicklung. Nach einem Intermezzo in Schweden kehrte Schöler in heimische Gefilde zurück. Mit Köln ist er besonders verbunden - die Mitglieder seines famosen Trios, der Bassist Lukas Keller und der Schlagzeuger Simon Bräumer, gehören zur hiesigen Jazzszene.

Im Gegensatz zu vielen Jazz-Aktivisten war Schöler nie ein besonders umtriebiger Sideman. Obwohl er handwerklich alles mitbrachte, fühlte er sich in dieser Rolle nicht wohl. Statt sich den Vorstellungen anderer anzupassen, suchte er vor allem das Eigene, „meinen Jazz, meine Musik“. Das führte dazu, dass er zeitweise regelrecht abtauchte. Das erste eigene Album, eine Trio-Aufnahme, entstand 2006 („Introducing Stefan Schöler“). Die Resonanz war vielversprechend - ein Auftakt nach Maß. Das zweite, ebenfalls in Triobesetzung, folgte erst 2022 („Wiedersehen“). Was war geschehen?

Zum einen kam das (Familien-)Leben dazwischen, zum anderen die ständige Auseinandersetzung mit musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Und das gerne auch mal abseits von Bühnen und Jazzpublikum. „Im Herzen bin ich vor allem Pianist. Ich übe täglich mehrere Stunden. Manchmal verkrieche ich mich regelrecht in mein Zimmer und beschäftige mich mit meinem inneren Garten. Bei der Gartenpflege gibt es immer viel zu tun!“ Zwischendurch geht es zu Spaziergängen in den Wald. Doch von Naturromantik will Schöler nichts wissen. Das zeigt schon der Charakter von „Gelbe Blumen“, dem Abschluss des Albums.

Gleich mehrere Stücktitel werfen Fragen auf. „(Sexy)Bikini(Atoll)“ verweist auf den kruden Zusammenhang zwischen Atomwaffentests in der Region des pazifischen Bikini-Atolls in den 1950er Jahren und der parallelen Vermarktung des Zweiteilers. „To a Täter“ führt in philosophische Sphären: Schuld als Last, Schuld als Geschenk, Schuld als Motiv religiöser Praxis. „Psalm A“ ist ein weiteres Kapitel in einer Reihe, in der sich Schöler auf biblische Psalmen bezieht. Der Unterschied: Er verzichtet nun darauf, konkrete Stellen zu zitieren. Ihm ist es wichtig, seinem eigenen spirituellen Hintergrund Raum zu geben. „Wo weniger Menschen leben“ ist inspiriert von einer Reise in dünn besiedelte Gegenden Schwedens, wo schmucke Weiler mit der Landschaft zu verschmelzen scheinen.

Schon immer hat der Pianist, der im Laufe der Jahre auch als Solist und im Duo (Klavier/Stimme) aufgetreten ist, die Beschäftigung mit Standards geschätzt. „Diese Jazz-Orthodoxie hat für mich einen großen Reiz. Ich bin da auf der Suche nach etwas Freiem.“ Zu „My Foolish Heart“ kam er über Versionen von Bill Evans und Keith Jarrett, letzterer war eine zentrale Inspiration. „All Of You“ war der erste Standard überhaupt, den Schöler kennenlernte.

Musik ist für den gebürtigen Klever ein von vielen Eindrücken, Gedanken und Gefühlen geprägter Weg zu sich selbst, „zu einer Ruhe in sich selbst“. Die Kompositionen sind Ausgangspunkte für die gemeinsame Improvisation. „Triomusik ist wie ein Gespräch im kleinen Kreis“. Die außergewöhnlichen Qualitäten des aktuellen Trios mit seiner ausgeprägten Gesprächskultur würdigt auch der Altmeister am Vibraphon, David Friedman, mit dem die Gruppe vor einiger Zeit in Tübingen auftrat. Er steuerte Zeilen höchster Anerkennung zum Album bei.

Die Wahl des Albumcovers ist - wie alles an dieser hervorragenden Produktion - typisch Stefan Schöler. Das Foto des bildenden Künstlers Timo Katz zeigt die aufgeräumte Banalität einer Wohnsiedlung. „Typisch deutsch“, lächelt Schöler. Zugleich liegt für ihn etwas Geheimnisvolles in dem Bild. Hoch über den Dächern: ein Vogel im freien Flug, unbehelligt von dem, was er unter sich lässt.

Text: Double Moon

  1. (sexy)bikini(atoll)
  2. Folklore
  3. All of you
  4. An einen schuldigen
  5. Wo weniger leute leben
  6. Psalm a
  7. Flotter walzer
  8. My foolish heart
  9. Gelbe blumen

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