„K.I.nd of human“ – eine Tanzperformance mit Livemusik des arcis_collective im Bergson Kunstkraftwerk in München am 11. April 2025

K.I.nd of human
K.I.nd of human, Foto: Robert Fischer

Es beginnt zunächst einmal verstörend. Eben noch hat sich das Publikum in einem Vorraum des Bergson Kunstkraftwerks eingefunden, einen Drink in der Hand, gespannt in Erwartung eines unterhaltsamen Abends. Aber dann wird ein merkwürdiges Gefährt hereingefahren, das je nach individueller Fantasie an ein Krankenhausbett erinnert oder an einen überdimensionalen Brutkasten. In diesem Gefährt jedenfalls befindet sich ein seltsam zartes – künstliches? – Wesen, das nach und nach in einem an archaische Schöpfungsmythen erinnernden Akt zum Leben erweckt wird. Dass das Gefährt dabei im Raum immer wieder neu positioniert wird, bis schließlich, zufällig oder nicht, ein paar Sonnenstrahlen das Gesicht des Wesens erhellen, gibt dem Ganzen einen auch im Wortsinn überirdisch wirkenden Anschein. Und weil das nun wirklich nicht mehr zu toppen ist, wechselt die Szenerie gleich darauf in den modernen neuen Konzertsaal des Bergson Kunstkraftwerks, wo im Folgenden vier Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern des arcis.collective ein Stück aufführen, in dem es um Künstliche Intelligenz geht: darum also, wie man mit diesem (Un?)Geist, da er nun mal aus der Flasche ist, umgehen kann und soll.

Das Setting erinnert ein bisschen an Mats Ek, der bei seinem Stück „Apartment“ – heute ein zeitloser Klassiker des modernen Tanzes – ebenfalls mit Musikern zusammengearbeitet hat, dem Fleshquartet, das ebenso wie hier das Arcis Sacophone Quartett live auf der Bühne musizierte. Aber bei K.I.nd of Human bleiben die Musiker:innen des Arcis Saxophon Quartetts nicht in ihren angestammten Rollen, sondern greifen auch aktiv in das beeindruckende tänzerische Geschehen ein. Entstanden ist das Stück unter der künstlerischen Leitung und Choreografie von Roberta Pisu, einem langjährigen Ensemblemitglied des Münchner Gärtnerplatz Theaters. Die Musik dafür schrieb der Komponist Leonhard Kuhn, dem damit wohl eine seiner bislang spannendsten Arbeiten gelungen ist. Sowohl bei der Choreografie als auch bei der Komposition soll künstliche Intelligenz – bzw. jene Tools, die als solche bezeichnet werden – zuhilfe gezogen worden sein. Das zeigt, dass es dem arcis.collective weder um eine Lobpreisung noch um eine Verdammung der künstliche Intelligenz geht, sondern viel mehr darum, Fragen in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer anzuregen.

Im Fall des Autors dieser Zeilen kam so der Gedanke auf, ob Elon Musk nicht nur grundsätzlich falsch liegt, wenn er „Empathie“ als „grundlegende Schwäche der Zivilisation“ bezeichnet, oder genauer: „die Ausbeutung von Empathie“. Denn vielleicht wäre es ja gerade eine Chance für die Menschheit, könnte sie der KI Empathie beibringen, um so das beste zweier Welten, der künstlichen wie der menschlichen, zu vereinen. Und, ja, das mag naiv gedacht sein, aber: Dass K.I.nd of human vom arcis_collective solche Gedanken anregt, zeigt, dass Kunst immer noch mehr zu leisten vermag, als mit KI allein auch nur zu benennen wäre.

Künstlerische Leitung und Choreografie: Roberta Pisu
Komposition: Leonhard Kuhn
Musik: Arcis Saxophon Quartett
Tänzer:innen: Cristian Cucco, Fabio Calvisi, Vittoria Franchina, Elisabet Morera Nadal
Kostümdesign: Bregje van Balen
Kostümassistenz: Lucia Zettl
Choreografieassistenz: Francesca Poglie

Tournee: 14.4. Teatro Civico, Alghero (Italienpremiere), 15.4. Teatro Constantio, Macomer, 16.4. Teatro Comunale, San Gavino, 17.4. Teatro Massimo, Cagliari
Nächste Aufführung in Deutschland: 21.5.2025, Tanztage Ingolstadt

Text und Fotos: Robert Fischer

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 4 und 4?