International Women’s Day 2026: European Jazz Magazines präsentieren 8 aufstrebende Jazzmusikerinnen

Tara Cunningham - International Women’s Day – Milestones IWD 2026

Artist: Tara Cunningham
Magazine: UK Jazz News

Tara Cunningham – Eine neue Stimme der britischen Jazzgitarre

Von der erstaunlich vielseitigen und gefragten Gitarristin Tara Cunningham wird man in Zukunft noch viel hören. In den vergangenen achtzehn Monaten ist ihr Name in der britischen Jazzszene immer häufiger aufgetaucht – in Bands unter der Leitung von Trompeterin Laura Jurd, Saxofonist Tom Challenger, Pianist Liam Noble oder Schlagzeuger Seb Rochford, um nur einige zu nennen. Dieser Text ist das erste veröffentlichte Porträt einer in London geborenen und in Bath aufgewachsenen Musikerin mit unverwechselbarem Klang, starker musikalischer Präsenz und einer bemerkenswert positiven Ausstrahlung.

Das Gespräch mit Tara Cunningham fand an ihrem einzigen freien Vormittag zwischen zwei Tourneen statt. Gerade war sie von elf Konzerten entlang der amerikanischen Ostküste mit der Avant-Rock-Band Modern Nature zurückgekehrt. In dieser Formation teilt sie sich Lead- und Rhythmusgitarre sowie den Leadgesang mit dem zentralen Bandmitglied Jack Cooper. Noch am selben Tag sollte sie mit der Band Rites and Revelations der Trompeterin Laura Jurd zu Konzerten in die Niederlande aufbrechen. Als ich sie auf den Druck, den schnellen Wechsel zwischen Projekten und die völlig unterschiedlichen musikalischen Kontexte ansprach, fiel sofort auf: keine Spur von Müdigkeit – stattdessen inspirierende Zuversicht.
„Ich liebe das alles – es fühlt sich an, als gehöre alles zum selben Ganzen.“

Geboren wurde die Gitarristin 1999 in Haggerston im Osten Londons. Als sie zwei Jahre alt war, zog ihre Familie jedoch aus der Hauptstadt weg.
„Ich bin in Bath aufgewachsen. Mit acht habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Ich bin mit der Plattensammlung meines Vaters groß geworden – viel Psychedelic Rock und Art Rock aus den Siebzigern: Pink Floyd, David Bowie. Und Talking Heads mochte ich besonders.“

Eine wichtige Motivation erhielt sie früh durch engagierte Lehrer an ihrer Schule in Bath. Einer von ihnen leitete die Schul-Bigband und führte außerdem eine Jazzgruppe, die bei Veranstaltungen in der Region auftrat. Als Tara Cunningham im Alter von nur dreizehn Jahren eingeladen wurde, in dieser Band mitzuspielen, war das ein prägender Moment.
„Auftritte zu spielen und sogar Geld dafür zu bekommen – das war in diesem Alter definitiv formend“, erinnert sie sich. Ebenso dankbar blickt sie auf ihre ersten Lehrer zurück: „Es war wichtig, dass Menschen da waren, die mir gezeigt haben, in welche Richtung ich gehen kann.“

Zu ihnen gehörte auch der freiberufliche Session-Schlagzeuger Mark Whitlam, der an der Schule eine Popband leitete. Er riet ihr, Jazz zu studieren, da dies musikalisch vielseitiger aufstelle als ein Popstudium. Cunningham begann daraufhin, die Samstagsschule der Junior Department der Royal Academy of Music zu besuchen.
„Das war mein Einstieg in die Londoner Jazzwelt. Es war ein echter Augenöffner, Menschen in meinem Alter zu treffen, die Ähnliches machten.“ Zu ihren damaligen Mitstudierenden gehörten später bekannte Musiker wie die Trompeter Ife Ogunjobi (Ezra Collective) oder Alex Ridout.

Die Erfahrungen im Jazzstudium – zunächst an der Junior RAM, später an Trinity Laban – bestärkten eine wichtige künstlerische Richtung: das, was Cunningham selbst als ihre „Rebellion gegen die archetypische Jazzgitarre“ beschreibt. Sie erkannte, dass „andere Instrumente oft viel interessanter und ausdrucksstärker klingen können“. Für sie geht es weniger um glatte Linien oder Homogenität, sondern darum, einzelnen Tönen und Klangfarben einen eigenen Charakter zu geben.
„Ich habe mich immer stärker zu texturalem und gestischem Spiel hingezogen gefühlt als zur komplexen Sprache einer Linie.“

Ihr jüngstes Soloalbum „Almost – Not Exactly“ (Nonclassical) unterstreicht diesen Ansatz deutlich. Die Aufnahmen arbeiten mit unterschiedlichen Präparationen der Saiten, Klopfgeräuschen auf dem Gitarrenkorpus und verschiedenen Mikrotonalitäten. Mit einem Lächeln sagt sie:
„Mich zieht dieses kleine ‚Wonk‘ in der Musik einfach an.“

Besonders gut kommt diese Spielweise beim Pianisten und Bandleader Liam Noble zur Geltung. In seinem Quartett mit Cunningham, Schlagzeuger Will Glaser und Bassist Tom Herbert entsteht ein Klangbild, das entfernt an Ornette Colemans Prime Time erinnert – ergänzt durch elektronische Effekte. Tara Cunningham trägt wesentlich zu dieser besonderen Dynamik bei.
„Sie nimmt die Musik sehr ernst“, sagt Noble, „aber gleichzeitig steckt viel Humor in dem, was sie tut.“ Die Gitarristin bestätigt das: „Humor ist ein großer Teil meiner Persönlichkeit.“

Trotz ihrer Skepsis gegenüber klassischen Jazzgitarren-Vorbildern gibt es dennoch Musiker, zu denen sie eine besondere Verbindung spürt. Ein wichtiger Einfluss ist Jim Hall. Sie nennt vor allem das Duoalbum Conversations mit Joey Baron sowie sein letztes Studioalbum von 2010.
„Duo-Konstellationen finde ich generell unglaublich spannend, weil alles so offen und explorativ ist. Für mich zeigt dieses Album alles, was ich an Jim Halls Spiel liebe.“

Selbst arbeitet sie häufig im Duo mit dem Bassisten Caius Williams, einem engen Kollegen aus ihrer Studienzeit an Trinity Laban. Gemeinsam bewegen sie sich intensiv in der freien Improvisationsszene.
„Ich liebe die Seite der freien Improvisation, bei der man auch lustige oder sogar ziemlich verrückte Klänge erzeugen kann.“

Sie erinnert sich auch an ein Duo-Konzert mit der Sängerin Eska beim Moment’s Notice-Gig in Peckham. Während der Performance begann ein Baby im Publikum zu weinen – und Eska integrierte diesen Klang spontan in die Musik.
„Das war eine unglaublich kraftvolle und gleichzeitig humorvolle Art, mit dem Publikum zu kommunizieren.“

Zentral für Tara Cunninghams Arbeitsweise ist die Freude an Zusammenarbeit mit Künstlern, die sich nicht an feste Regeln halten. Ein Beispiel dafür ist ihre erste Begegnung mit dem Schlagzeuger Steve Noble.
„Das war ein echter Brain-Expander. Ihm waren die Regeln, die man normalerweise mit Free Jazz verbindet, völlig egal. Er brachte plötzlich Puls – und sogar Melodie – hinein. Das war inspirierend.“

Selbst ihr jüngstes „Soloalbum“ Almost – Not Exactly versteht sie eher als kollaboratives Projekt – diesmal zusammen mit der visuellen Künstlerin Jemima Seymour.
„Ich mochte schon immer beatgetriebene Musik und die Verwendung von ‚Found Sound‘“, sagt sie über ihre Kompositionen. Vollständig wird das Projekt jedoch erst durch die visuelle Ebene: Die rhythmischen Strukturen dienen als Soundtrack für ein Tanzduo in Athen.

Saxofonist Tom Challenger beschreibt sie so:
„Sie ist eine großartige Kollaborateurin. Ihr Spiel ist einzigartig und zugleich von starker Persönlichkeit geprägt.“

Eine Einschätzung, der Tara Cunningham gerne zustimmt:
„Ich liebe Zusammenarbeit in jeder Form. Wenn sich zwei Köpfe im Live-Moment begegnen, entsteht etwas ganz Besonderes.“

Tara Cunningham ist zu sehen in:
‘Barb and Feather’ (Lo Recordings) by Red Snapper - (Bandcamp)
‘Almost - Not Exactly' (Nonclassical) – YouTube
‘Finding Ways’ by Seb Rochford

The Sleeves – (with Jack Cooper) for release May 2026

Website: https://www.tara-cunningham.com/

Tara Cunningham
Tara Cunningham, Foto: Casey Vock

Von Kai Hoffman
Foto: Casey Vock

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