Rezension des Albums "La lucha es un poema colectivo" von tellKujira

tellKujira - La lucha es un poema colectivo - Album cover
tellKujira - La lucha es un poema colectivo

tellKujira
La lucha es un poema colectivo

Erscheinungstermin: 29.05.2026
Label: SuperPang Records, 2026

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Vielleicht besteht Musik manchmal nur darin, einen flüchtigen Augenblick davor zu bewahren, vergessen zu werden.

jazz-fun`s recap:

Manche Alben erzählen Geschichten. Andere dokumentieren eine Zeit oder einen musikalischen Prozess. La lucha es un poema colectivo versucht etwas noch Schwierigeres: einen flüchtigen Moment festzuhalten, bevor er verschwindet. Es ist Musik als Erinnerung – nicht an ein Ereignis, sondern an ein gemeinsames Erleben.

Entstanden während einer langen Künstlerresidenz im IRCAM in Paris im November 2023, trägt das Album die Atmosphäre jener Tage tief in sich. Während die Musiker im Inneren des Gebäudes arbeiteten, protestierten vor dem Centre Georges Pompidou zahlreiche Beschäftigte für ihre Rechte und riskierten dabei ihre berufliche Zukunft. Kunst zu schaffen und gleichzeitig Zeuge dieses sozialen Konflikts zu sein, wurde für das Ensemble zu einer Erfahrung, die sich nicht einfach ausblenden ließ. Aus genau dieser Spannung entstand schließlich der Titel des Albums: „Der Kampf ist ein kollektives Gedicht.“

Bemerkenswert ist dabei, dass die Musik keine politischen Parolen formuliert und keine Antworten liefert. Vielmehr stellt sie eine Frage: Mit wem teilen wir unsere Erfahrungen, unsere Hoffnungen und unsere Verletzlichkeit? Die Musiker beschreiben selbst das Bild von Menschen, die auf der Straße einen Satz an einer Wand lesen, für einen kurzen Moment innehalten und dadurch spüren, dass sie miteinander verbunden sind. Genau dieses Innehalten scheint zum eigentlichen Zentrum des Albums zu werden.

Die Kompositionen entwickeln sich mit großer Ruhe und innerer Konzentration. Nichts drängt nach vorne, nichts sucht den spektakulären Effekt. Stattdessen entsteht eine Musik des Zuhörens – offen, geduldig und voller feiner Schattierungen. Nostalgie und Gegenwart existieren nebeneinander, als würden Erinnerungen und Wirklichkeit für einen Augenblick dieselbe Sprache sprechen.

Beim Hören verändert sich unmerklich die Wahrnehmung von Zeit. Die Musik scheint nicht voranzuschreiten, sondern zu verweilen. Sie lädt dazu ein, langsamer zu werden und den kleinen Bewegungen des Klangs dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie den großen Gesten. Gerade darin liegt ihre poetische Kraft: Sie beschreibt keinen Moment, sondern lässt ihn noch einmal entstehen.

Vielleicht ist dies deshalb weniger ein Jazzalbum als ein kollektiver Gedanke, der Klang geworden ist. Eine stille Meditation über Gemeinschaft, Würde und Hoffnung. Und über jene seltenen Augenblicke, in denen Menschen – ohne sich zu kennen – durch eine Idee, einen Satz oder einen Klang miteinander verbunden sind.

La lucha es un poema colectivo ist ein Werk voller Nostalgie, Konzentration und leiser Inspiration. Man beendet das Album nicht mit dem Gefühl, etwas gehört zu haben, sondern etwas erlebt zu haben, das sich kaum in Worte fassen lässt und gerade deshalb lange nachhallt.

(Jacek Brun, 07.06.2026)

Besetzung

Ambra Chiara Michelangeli - Viola/fx
Francesco Diodati - Guitar/fx
Francesco Guerri - Cello
Stefano Calderano - Guitar/fx

Titelliste

  1. En greve
  2. ¡Que viva México!
  3. Tarantella
  4. Walking on the beach / what to love and fight for

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