Thomas Stieger im Gespräch über sein Solo Projekt "Choices"
Seine Basstöne gehört haben vermutlich schon die meisten, sei es bei Popqueen Sarah Connor, in den Bands von Wolfgang Haffner oder Nils Landgren, der zusammen mit Schlagzeuger Felix Lehrmann geleiteten Fusionband Marriage Material oder bei Torsten Goods. Auf über 100 Aufnahmen ist Thomas Stieger mittlerweile zu hören.
Nach Jahren der verlässlichen, geschmackvoll-groovenden und doch immer aufregenden Basslinien hinter einem Künstler im Rampenlicht geht der Berliner E-Bassist nun einen Schritt nach vorne: „Choices“ (Leopard / Jazzline, VÖ 13.09.2024) ist ein hörenswertes Debüt. In elf Eigenkompositionen stellt Thomas Stieger seine musikalische Welt dar. Und die zeigt mit einem Streichquartett, das nach Bartok oder Schostakowitsch klingt oder Aly Keïtas Balafon ungewohnte Klangfacetten auf. Die Stammbesetzung mit Wolfgang Haffner am Schlagzeug und Simon Oslender an den Keyboards wird mit Gästen Randy Brecker (Flügelhorn), Alma Naidu (Voice) oder auch den beiden E-Bassisten Will Lee und Tim Lefebvre erweitert.
Ein Interview von Angela Ballhorn
jazz-fun.de:
Erste Frage: Warum ein Soloalbum und gleich die zweite hinterher: Warum erst jetzt?
Thomas Stieger:
Die Fragen habe ich mir beide auch oft gestellt. Warum erst jetzt, weiss ich eigentlich nicht. Irgendwann bin ich aufgestanden und dachte, ich kenne so viele tolle Musiker, die ich fragen könnte…
jazz-fun.de:
… und die Schublade mit den eigenen Stücken war voll….
Thomas Stieger:
Voll nicht, aber da waren viele Songs drin, die teilweise schon älter waren, die ich wieder ausgegraben habe. Weil sie mir immer noch gefallen haben, habe ich das als Zeichen genommen, sie endlich mal mit einigen meiner Lieblingsmusiker aufzunehmen. Das war der Anstoss. Warum ich es nicht früher gemacht habe? Keine Ahnung. Vielleicht keine Zeit? Das ist immer die einfachste Entschuldigung.
jazz-fun.de:
Du bist natürlich auch als gefragter Sideman viel unterwegs.
Thomas Stieger:
Das sicher auch, aber der Hauptgrund war eher, dass ich mich als Komponist wohl nicht so richtig ernst genommen habe.
jazz-fun.de:
Aber du schreibst doch auch für die Fusionband Marriage Material, die du mit Drummer Felix Lehrmann, Gitarrist Arto Mäkelä und Vibraphonist Raphael Meinhart leitest? Oder war das auch ein Anstoss?
Thomas Stieger:
Das hat auf jeden Fall geholfen. Hinter Marriage Material war Felix der Motor, das ist ja unsere Band. Da gab es die Momente, in denen man dann feststellen darf, dass nicht alles totaler Quatsch ist, was man so schreibt. Es hilft, dass es jemand wie Felix gibt, der einen antreibt. Oder auch Wolfgang Haffner, er war ebenfalls ein wichtiger Motor. Und er war sofort bereit, bei den Aufnahmen mitzumachen.
jazz-fun.de:
In dessen Band spielst du ja schon lange, und es hilft natürlich, wenn die Rhythmusgruppe gut eingespielt ist.
Thomas Stieger:
Ja, und es war wichtig, dass mich ein paar Leute anschubsen. Dafür bin ich sehr dankbar.
jazz-fun.de:
„Choices“ ist eine eher untypische Bassisten-CD, nicht eine, wie sie vor allem in den 90er Jahren angesagt war, wo in jedem Stück ein langes Basssolo drin war.
Thomas Stieger:
Ich habe sowas zwar früher viel gehört, Marcus Miller oder Stanley Clarke und die ganzen Helden. Die Alben waren mir damals wichtig, aber vermutlich würde ich mir das heute eher weniger anhören. Solche Bassalben haben ihre Zeit gehabt. Bassisten machen mittlerweile andere Alben. Ich müsste jetzt überlegen, Victor Wooten wäre vielleicht jemand für eine zeitgenössische Bassistenplatte oder Hadrien Ferraud.
jazz-fun.de:
Du sagst von dir selber, dass du sowohl von der Art zu spielen wie auch zu komponieren von Jaco Pastorius beeinflusst bist. Vor allem auf seinem selbstbetitelten Debüt „Jaco“ sind zwar Solos dabei, trotzdem sind die Songs eher untypisch, weil es mehr um die Kompositionen geht.
Thomas Stieger:
Auf jeden Fall der Anspruch, dass es weniger um den Bass als Instrument geht, sondern mehr um die Musik, gefällt mir als Komponist. Ich wollte Atmosphären schaffen und mich nicht als Spieler in den Vordergrund zu drängen, das liegt nicht in meinem Interesse.
jazz-fun.de:
Es ist dein Album mit deinem Namen und deinem Gesicht, das muss reichen?
Thomas Stieger:
Das reicht mir auf der Bühne auch, vermutlich habe ich deswegen mein Instrument gewählt, damit ich nicht im Vordergrund stehen muss.
jazz-fun.de:
Wie lange hat dich deine Produktion beschäftigt? Wie lange dauerte es vom Sichten der Kompositionen bis zur endgültigen Form?
Thomas Stieger:
Es ging über einen Zeitraum von zwei Jahren. Ich habe die Songs ausgewählt und fertiggestellt. Es dauerte, bis mir klar war, was für eine Besetzung ich brauchen würde und welche Musiker ich gerne mit dabei hätte. Die Produktion selber dann hat ein Jahr gedauert mit Aufnahmen, Overdubs und Mixen.
jazz-fun.de:
Das Line-Up mit Streichquartett ist ja eher ungewöhnlich, aber da geht es um Klangästhetik, du wolltest keine Keyboardstreicher.
Thomas Stieger:
Genau, das wollte ich schon lange mal machen. Ich höre auch gerne Streichquartette und ich wollte immer schon für Streichquartett schreiben, jetzt ist es halt in den Bandsound eingebettet. Vielleicht wird die nächste Platte da anders.
jazz-fun.de:
Viel ungewöhnlicher ist es, dass du dir noch weitere Bassisten zur Aufnahme dazu geholt hast. Da fragt man sich, warum? Vermutlich, weil es gute Bassisten und gute Freunde sind, oder?
Thomas Stieger:
Die Frage ist berechtigt, ich finde Will Lee und Tim Lefebvre einfach super als Musiker, und als Menschen liebe ich die ebenfalls. Zudem dachte ich, dass sie als Solisten auch gut zu den Songs passen. Beide haben auch sofort zugesagt. Ich habe rumgesponnen, ich wollte nicht die üblichen Besetzungen haben und auch was ungewöhnliches machen.
jazz-fun.de:
Wenn man schon Aly Keïta am Balafon auf der Aufnahme dabei hat, warum dann nicht noch zwei E-Bassisten?
Thomas Stieger:
Die beiden habe ich in den zwei Jahren immer wieder getroffen, da lag es nahe, zu fragen. Zu den beiden Nummern passten die auch gut, Tim ist ja eher der ausgefallenere Bassist und Solist und Will Lee steht auf harmonisch komplexe und interessante Musik, er spielt so wunderbar melodisch. Klar hätte ich auch selber ein Solo spielen können, aber so fand ich es besser.
jazz-fun.de:
Es ist schon ungewöhnlich, als E-Bassist noch einen weiteren E-Bass in das Line-Up zu holen. Als Bläser einen zweiten Bläser zur Seite zu haben, ist dagegen völlig normal oder weniger ungewöhnlicher.
Thomas Stieger:
So wurde es vielleicht doch eine Bassplatte? Ich habe auch überlegt, ein Basstrio mit den beiden zu spielen, aber dafür ist mir nichts eingefallen.
jazz-fun-de:
Und Randy Brecker ist dazu gekommen, weil er mit Wolfgang und dir auf Tour war?
Thomas Stieger:
Genau, und er hatte auch sofort zugesagt. Randys Ästhetik passt gut mit den Changes, finde ich. Ein Teil des Songs wurde auch von Randys Art, mit Slash-Chords zu arbeiten inspiriert. Alle im Studio ermutigten mich, Randy zu fragen, der bestimmt Lust hätte mitzumachen. Ihm hat das Stück gefallen und er hat gerne mitgemacht wie Tim und Will auch. Das war eine tolle Unterstützung und Bestätigung, sie haben mir nie das Gefühl gegeben, dass es unter ihrem Niveau wäre oder das sie keinen Bock hätten, auf „Choices“ mitzuspielen.
jazz-fun.de:
Ich suche mir immer gerne ein paar Stücke von einem Album aus, über die man sprechen könnte. Ich habe mir „Noemi’s Song“, „The Night you changed your mind“ und „Ocean“ rausgesucht.
Thomas Stieger:
Ich bin auf alle Songs stolz. „Noemi’s Song“ habe ich für mein Patenkind geschrieben, das mittlerweile 14 ist. Die ersten Ideen habe ich gesammelt, als sie geboren wurde, da ist mir das Thema des A-Teils in den Kopf gekommen. Ihr gefällt das Stück, aber momentan ist Instrumentalmusik eher nicht so ihr Ding.
jazz-fun.de:
Der Song hat eine besondere Klangästhetik mit Stimme, Flügelhorn und Balafon.
Thomas Stieger:
Die kam erst, nachdem wir die Rhythmusgruppe aufgenommen hatten. Wolfgang (Haffner) sagte, es fehle noch was. Aly ist ein guter Gegenpart zu Randy, weil er diatonisch und pentatonisch spielt, weil sein Instrument so konzipiert ist. Keine chromatischen Tricks und Licks, wie Randy das macht. Diese Slash-Chords im C-Teil sind von Randys Art zu komponieren inspiriert. Es wird zu fast jedem Song auch ein Video geben, warum dieses das erste ist, weiss ich gar nicht, aber es fühlte sich gut an als erstes Stück.
jazz-fun.de:
Es hätte natürlich auch der Titeltrack „Choices“ sein können.
Thomas Stieger:
Ich glaube, der ist fast ein bisschen zu speziell, „Noemi’s Song“ ist etwas zugänglicher. Nicht ganz kompliziert, sondern auch für Leute, die Musik nebenher hören. Joachim (Becker, Produzent und Labeleigner) meinte, dass der Song ein gute erste Single sei, der auf die Platte aufmerksam macht.
jazz-fun.de:
„The Night You Changed your Mind“?
Thomas Stieger:
Da dachte ich sofort an eine Art Filmmusik, für einen Thriller. Es hat eine düstere Atmosphäre, vor allem, wenn das Solo losgeht.
jazz-fun.de:
War das nicht die Beschreibung für Marriage Material? Cinematischer Jazz?
Thomas Stieger:
Ja, das ist ja auch ein Einfluss. Es gibt eine Nummer von Marriage Material, die ein ähnliches Konzept mit sich verschiebenden übermäßigen Akkorden hat. Da habe ich von mir selbst geklaut, muss ich gestehen. Tim ist dafür ein guter Solist, die Idee dahinter war, dass er etwas total Outes macht, er seiner Fantasie freien Lauf lässt und etwas unerwartetes macht. Es kam dann auch ein tierischer Take zurück. Für die Melodie hatte ich mir ein Konzept vorgenommen, was ich normalerweise nicht mache. Die Idee war, eine streng chromatische Melodie zu schreiben und sie zu harmonisieren. Chromatik war das Konzept, dazu im Soloteil die übermäßigen Akkorde, die sich auch immer chromatisch verschieben - wenn man das musiktheoretisch betrachten möchte. Der übermäßige Akkord ist einer meiner Lieblingsakkorde. Der hat etwas schwebendes, der spricht mich total an. Monk hat den Akkord ja auch geschätzt, vielleicht bin ich deswegen grosser Monk Fan. Wolfgang kam mit der Idee der Marching Snare, die eine besondere Atmosphäre schafft, das wäre mir nicht eingefallen.
jazz-fun.de:
„Ocean“ steht noch auf meiner Liste.
Thomas Stieger:
Das ist zu einer Zeit entstanden, in der ich viel Beach Boys und Brian Wilson gehört habe. Die Akkorde und die Melodie hatte ich schon vor Jahren geschrieben. Als ich das Stück wieder ausgegraben hatte, dachte ich, dass ein Text fehlt und jemand singen müsste. Mir fiel nichts ein, deshalb habe ich die Musik an Alma Naidu weitergegeben. Ich hatte da schon die Idee, dass man das Stück Brian Wilson-mässig aufziehen könnte, ohne dass der Titel klar war. Ich hatte an eine grosse Besetzung mit Bläsern und vielleicht Streichern gedacht. Die ist es dann nicht geworden, aber der Ansatz, dass es klein anfängt und sich dann steigert, blieb. Alma ist sofort ein Text eingefallen, den hat sie wohl irgendwo in Spanien am Strand geschrieben. Ich hatte ihr nichts davon erzählt, dass Brian Wilson eine Inspiration war. Als sie die Strandszenerie in ihrem Text beschrieben hat, habe ich das mal als gutes Zeichen gesehen. Das fand ich sofort passend. Den Text hat hat sie eingesungen und ich bin sehr happy damit. Damit ist auch dieser Song, der schon länger rumlag, fertig geworden.
jazz-fun.de:
Du sagtest ja auch, dass du die Sachen immer immer wieder durchgehört hast - wann ist dann eine Produktion fertig?
Thomas Stieger:
Irgendwann muss man selber „Schluss“ sagen. Wenn man so viel selber macht, ist es echt schwer, den guten Zeitpunkt zu erwischen. Irgendwann weiss man, dass es nicht mehr besser wird. Dann gibt es den Punkt, ab dem es nur noch zu viel oder schlechter wird. Man muss sich auf seinen Instinkt verlassen. Ich höre immer wieder rein, wenn es mir immer noch etwas gibt, dann ist es gut genug, dann kann ich es rausgeben an die Welt. Bei einigen Songs dauert das, bei anderen ist es sofort da.
jazz-fun.de:
Jetzt gibt es Record Release und dann? Solokarriere und weniger Sideman?
Thomas Stieger:
Wenn es so ist, dann ist es so. Ich will spielen und für nächstes Jahr auch eine kleine Tour zusammenstellen.
jazz-fun.de:
Wie wirst du dein Album live umsetzen? Kannst du die Streicher mitnehmen?
Thomas Stieger:
Nein, leider nicht. Das wäre natürlich schön. Momentan ist es ein Quintett mit Piano, Gitarre, Tenorsax / Flöte, Bass und Schlagzeug, so kann man die Musik ganz gut darstellen. Es soll ja auch nicht genau wie auf der Platte klingen. Ein Album stellt eine Idee vor, live öffnen sich die Stücke ein bisschen. Es ist schliesslich kein Pop und muss nicht 1:1 gespielt werden. Ich bin ein grosser Fan, wenn die Musik bei Konzerten ganz anders klingt als man es von einer Platte kennt. Reproduzieren finde ich zu wenig….
jazz-fun.de:
Du hattest für den Song „Resistance“ im Pressetext Glen Campbell genannt, der vor allem durch sein Stück „Wichita Lineman“ bekannt wurde. Hier spielst du ein besonderes Instrument.
Thomas Stieger:
Ja, von diesem Song stammt die Bariton Gitarre, der Fender 6, ein 60er Jahre Instrument. Damit muss ich noch ein bisschen üben, damit ich das richtig spielen kann. Das Instrument ist wie eine Gitarre gestimmt, nur eine Oktave tiefer. Sie klingt nur nicht so tief, weil die Saiten dünner sind und sie meist über einen Gitarrenverstärker gespielt wird. Deshalb klingt sie mehr nach Gitarre als nach Bass. Und es kommen dann noch Effekte wie das Tremolo dazu. So stellt man sich ein paar neue Aufgaben, das ist doch auch schön.
jazz-fun.de:
Grundsätzlich interessiert mich immer, warum sich jemand sein Instrument aussucht.
Thomas Stieger:
Das ist eine gute Frage, aber es ist ja auch immer die Frage, ob man sich sein Instrument aussucht oder sich das Instrument einen.
jazz-fun.de:
Du hast aber nicht mit E-Bass angefangen, oder?
Thomas Stieger:
Nein, auch wenn es inzwischen Short Scale Bässe für kleine Hände gibt. Ich habe mit klassischer Gitarre angefangen. Mit neun habe ich gemerkt, dass alleine spielen und üben nicht wirklich Spass macht. Dann gab es eine Schulbigband, die einen Bass gebraucht hat. Mein Gitarrenlehrer hatte mich ermutigt, ich solle doch Bass probieren. „Deine Persönlichkeit erinnert mich an die eines Bassisten“, hat er mir auch genauso direkt gesagt. „Wenn du Bass spielen kannst, hast du immer Arbeit“, sagte er auch. Also habe ich mir einen Bass ausgeliehen, die Freundin meiner Mutter hatte so ein altes Ding und mit üben begonnen: Beatles-Sachen und Bassschlüssel lesen. Dann habe ich in der Band gespielt und festgestellt, dass es genau das ist, was ich machen möchte. Mit anderen zusammenspielen - auch wenn die Bigband nicht sonderlich gut war, aber mit einem Schlagzeuger in einer Band zusammenzuspielen, das war augenöffnend. Ich kann mich heute noch genau an das Gefühl erinnern, wie wir in diesem Raum zusammen sassen.
jazz-fun.de:
Und dann eben nicht vorne sitzen, sondern im Hintergrund. Das hat ja auch mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, welches Instrument man auswählt.
Thomas Stieger:
Ja, für mich war das total klar, dass ich auch gar nichts anderes mehr machen wollte. Ich habe noch ein bisschen Gitarre gespielt, aber dann war klar, Bass und Bands, auf der Bühne mit anderen Leuten stehen, das ist meins.
jazz-fun.de:
Kontrabass war nie dein Ding?
Thomas Stieger:
Nein, ich habe es versucht, hatte tatsächlich auch ein Jahr klassischen Kontrabass-Unterricht. Ein bisschen was kann man von der Technik übernehmen, aber Bogen und Daumenlage ist doch ganz schön anders. Ich habe schnell gemerkt, dass es mir nicht so leicht fällt. Ab und zu mache ich das, bei manchen Gigs spiele ich E-Kontrabass. Ich bewundere Leute, die beides können.
jazz-fun.de:
Welche Einflüsse hast du, vom Bass her und musikalisch? Kannst du dich an deine erste CD erinnern, wo dir der Bass aufgefallen ist?
Thomas Stieger:
Ich glaube die erste war eine Monk-Platte, so eine Blue Note Compilation, oder es war „Heavy Weather“ (Weather Report), die bei uns zuhause herumlag. Die hatte mein Vater als Vinyl von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen, der sie nicht mehr haben wollte. Mein Vater hat sonst Blues und Rock gehört. Dann habe ich Dollar Brands „African Marketplace“ entdeckt, die ich rauf und runter gehört habe. Ziemlich bald hatte ich auch eine Band, in der wir versucht haben, Stücke wie „Teen Town“ nachzuspielen. Monk hat mich ziemlich beeinflusst, auch wenn man das vielleicht nicht direkt hört. Schräge Akkorde, diese #11 Geschichten mag ich sehr. Jaco war natürlich ebenso ein Einfluss wie Pat Metheny, den habe ich eine Zeitlang rauf und runter gehört. Seine „Travels“ habe ich oft gehört, aber auch das Trio „99-00“. Von Charlie Haden die „Silence“ und die „Nocturnal“ mit Gonzalo Rubalcaba. Eigentlich ist das die ganze Zeit über nur derselbe Groove, aber seine Art zu solieren, fand ich immer total melodisch. Es ist nie zu viel oder zu wenig. Und von Scofield finde ich alles gut, er schreibt wirklich sehr eigen. Plus er hat dieses tolles Trio mit Steve Swallow. Und Steve komponiert auch toll, seine Triosachen mit Chris Potter habe ich viel gehört.
jazz-fun.de:
Und weil du auch afrikanische Einflüsse auf deinem Album hast: Richard Bona ist vermutlich auch wichtig?
Thomas Stieger:
Klar, auf jeden Fall. Das ging über Mike Sterns Platten „Voices“ und „These Times“, über die bin ich zu Richard Bona gekommen und natürlich über Joe Zawinul. Und über Zawinul bin ich zu Linley Marthe gekommen. Ich habe eine Zeitlang versucht, mich in diese Richtung zu bewegen.
jazz-fun.de:
Auf meiner Einflussliste stehen noch Marcus (Miller), Victor (Wooten) und Tim (Lefebvre).
Thomas Stieger:
Auf jeden Fall das Trio mit Wayne Krantz und Keith Carlock, bei dem Tim mitspielt. Und Anthony Jackson darf auch nicht vergessen werden.
jazz-fun.de:
Das sind alles keine stromlinienförmigen Bassisten, Bassisten, die man entweder gleich am Sound oder an der Art zu spielen erkennen kann, keine Studiobassisten, die zwar alles perfekt bedienen, aber im Sound und Spielweise angepasst sein müssen.
Thomas Stieger:
Bei Studiobassisten finde ich Will Lee wichtig, auch die Brecker Brothers Platten, auf denen er mitspielt, sind toll, oder seine Solo-Platten, vor allem „Oh“, auf der er auch singt.
jazz-fun.de:
Du hast studiert, bist aber nie in die Staaten gegangen zum weiterstudieren?
Thomas Stieger:
Nein, aber das hatte ich tatsächlich überlegt. Dann hatte ich schon so viel zu tun, zu viele Jobs. Luxusproblem! (lacht). Ich bereue es ein bisschen, ich hätte es gerne gemacht.
jazz-fun.de:
Du hast an der Berliner UdK studiert?
Thomas Stieger:
Das war eine tolle Zeit, damals waren echt ein paar Superleute da. Kurt Rosenwinkel war mir ein grosser Einfluss. Zwar kam das erst später, aber wie er schreibt und an die Musik rangegangen ist, fand ich total spannend. Für E-Bass gab es damals keinen Lehrer, aber es gab spannende musikalische Sachen. Ich hatte bei David Friedman, Peter Weniger und bei Kurt Unterricht. Ganz am Anfang noch bei Siggi Busch, der ist aber nach meinem ersten Semester in Rente gegangen. Ich hatte Superkommilitonen, mit denen ich immer noch gut in Kontakt stehe. Die meisten machen tatsächlich noch Musik. Nicht alle, viele sind auch als Produzenten oder Mixer tätig. Oder als Lehrer.
John Hollenbeck war noch an der UdK, ein Schlagzeuger, der auch komponiert. Er war ein toller Lehrer, weil er innerhalb von Kompositionen ganz verschiedene Blickwinkel aufzeigen konnte. Wie man an Sachen rangehen kann oder wie man rauskommt, wenn man gerade mal keine Ideen hat.
jazz-fun.de:
Jetzt hast du für dein erstes Album alles in eigener Hand gehabt. Für Marriage Material als Co-Leader auch, aber jetzt warst du wirklich selber für alles alleine verantwortlich. Also sehr viel Arbeit – würdest du es nochmal machen?
Thomas Stieger:
Auf jeden Fall, ich mag es, dass man alles in der Hand hat und kontrollieren kann. Wenn ich die Möglichkeit habe, bin ich schon ein Kontrollfreak. Bei anderen Sachen muss man das ablegen, wenn man irgendwo mitspielt, da muss man sich raushalten.
jazz-fun.de:
Dann geht es nur darum, sich um den eigenen Sound zu kümmern?
Thomas Stieger:
Manchmal nicht mal mehr das, dann sind das künstlerische Entscheidungen, wie der Bass zu klingen hat. Ich würde wahrscheinlich einen anderen Sound wählen, aber dann geht der Künstler vor. Ich musste lernen, mich da rauszuhalten. Bei meinen eigenen Sachen weiss ich genau, was ich haben will.
Jazz-fun.de:
Hast du die Aufnahmen gegenhören lassen?
Thomas Stieger:
Ich habe meine ganzen Kumpels die Tracks hören lassen, das war mir wichtig, vor allem im Mischprozess. Eigentlich geniesse ich das schon, wenn man die Zeit und die Muße hat, die Musik oft genug zu hören und wirken zu lassen
jazz-fun.de:
Hast du bei deinem vollen Tourplan überhaupt die Zeit dafür?
Thomas Stieger:
Die habe ich mir genommen, ich bin ja sonst wirklich viel unterwegs. Ich hatte extra weniger Gigs angenommen, weil ich einfach fertig werden wollte. Ich würde heute zwar ein paar Sachen anders machen, aber es auf jeden Fall nochmal machen wollen. Und dann auch wieder alles selber machen, es sei denn ich finde jemand, dem ich voll vertrauen kann. Ich war dankbar, dass mir Joachim freie Hand gelassen hat und ein paar Tipps gegeben hat, wenn es noch nicht so geklungen hat, als ob es fertig wäre. Er unterstützte immer. Es ist toll, jemanden zu haben, der einem so freie Hand lässt. Ich bin dankbar, dass ich bei ihm dabei sein darf. Mir macht das Freude, ich würde das auf jeden Fall nochmal machen.
jazz-fun.de:
Mitte September stehen dann drei Record Release Konzerte an, zwei im A-Trane, eines im Red Horn District in Bad Meinberg, bevor deine anderen Tourneen dann wieder los gehen.
Thomas Stieger:
Jetzt muss ich mich erst mal als Bandleader finden, für Interviews und als Bandleader. Da wird ja auch gefragt, wie das live so ankommt. Auf jeden Fall wird es anders als auf der Platte!
jazz-fun.de:
Hast du deine Ansagen schon vorbereitet? Das gehört ja auch zum Bandleader-Sein dazu...
Thomas Stieger:
Nein, noch nicht (lacht)! Aber das kommt noch!
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