Wanja Slavin: Reine Glücksmomente
Konzert in der Münchner Seidlvilla am 10. Juni 2025
Klein, fein und (sehr, sehr) gut: Die von Martin Kolb kuratierte Reihe JAZZ+ in der Münchner Seidlvilla ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine feste Institution in der städtischen Szene, wenn es um freie Improvisation, Avantgarde und Artverwandtes geht. Dass Martin Kolb selbst auch Musiker (und ein exzellenter Schlagzeuger) ist, hat sicher dazu beigetragen, dass sich diese Konzertreihe an idyllischem Ort im Münchner Stadtteil Schwabing etablieren konnte: Er verfügt nicht nur über beste Kontakte in der Szene, sondern weiß einfach auch, was gut ist. Mit dem Effekt, dass sich das Publikum, darunter zahlreiche Immerwiederkommer, quasi blindlings darauf verlassen kann, was hier geboten wird. Schlecht ist das nie, interessant immer, und nicht selten kommt es zu reinen Glücksmomenten wie dem Konzert von Wanja Slavin am 10. Juni 2025.
Der in Freiburg geborene Saxofonist und Komponist lebte lange Jahre in München, ehe er nach Berlin weiterzog und sich als eine in vielen Projekten aktive, dabei auf ihre Weise immer unverwechselbar eigenständige Stimme in der europäischen Jazzszene etablieren konnte. An die Münchner Zeit des inzwischen auch mit vielen renommierten Preisen bedachten Musikers erinnerte dann auch Martin Kolb vor dem Konzert in der Münchner Seidlvilla: In deren Keller gab es einst Proberäume, in denen unter anderem auch der junge Wanja stundenlange Sessions abhielt.
Gut 30 Jahre mag das nun schon her sein, meinte Martin Kolb, dem die Freude darüber, Wanja Slavin nun in seiner Konzertreihe vor ausverkauftem Haus präsentieren zu können, sichtlich ins Gesicht geschrieben war. Da machte es auch gar nichts, dass die Musik, die Wanja Slavin an diesem Abend präsentierte, weder im Stream noch in physischer Form erhältlich war: Er selbst erzählte über das Programm, dass es „aus einigen schon älteren und einigen nicht so alten Stücken“ bestehe, von denen die meisten noch gar keinen Namen hätten – bis auf eines, das er seinem niederländischen Lieblingssaxophonisten Ben van Gelder gewidmet hat. Wobei „erzählt“ vielleicht nicht das ganz richtige Wort ist: Wanja Slavin ist augenscheinlich kein Mann großer Worte auf der Bühne – dass die meisten Stücke von ihm sind („bis auf eines, das von Gary Peacock ist“), erfährt man noch; ansonsten begnügt er sich mit der mehrfachen Vorstellung seiner MusikerInnen (und einer Danksagung an Martin Kolb). Am liebsten lässt er wohl die Musik für sich sprechen – und die hat es in der Tat in sich.
„libelle“ nennt sich sein aktuelles Bandprojekt – dass es sich bei dem gleichnamigen Insekt um Räuber handelt, die ihre Beutetiere im Flug fangen, wird ihm nicht verborgen geblieben sein. Man darf aber annehmen, dass es sich im Fall seiner Band um einen friedlichen Raubzug handelt, bei dem vielfältigste Einflüsse aufgenommen und in ein ganz eigenständiges musikalisches „Gebräu“ umgewandelt werden. Auffallend viele Balladen sind darunter, und immer ist da ein unwiderstehlich groovender Puls, der die Musik sukzessive dichter und drängender werden lässt. Entscheidende Akzente setzt dabei nicht nur Slavin selbst am Altsaxophon und Synthesizer – auch den Namen des Gitarristen, Bertram Burkert, sollte man sich merken: Der Mann verfügt nicht nur über einen fließend parlierenden Ton auf seinem Instrument, sondern hat auch „seine Sounds“ auf effektvolle (nicht aber: effektheischende) Art und Weise stets „im Griff“. Dass Burkert mit dem Schlagzeuger von „libelle“, Max Stadtfeld, auch in dessem eigenen, ebenfalls sehr hörenswerten Projekt „Stax“ aktiv ist, kam der rhythmisch-harmonischen Ausgewogenheit des Abends sicher ebenfalls zugute. Vervollständigt wurde das (Klang-)bild durch die stoisch-zuverlässig-souverän ihr Instrument bedienende E-Bassistin Lucy Liebe und Johannes Lauer, der am Klavier und auch an der Posaune zu überzeugen wusste. Bleibt als Gesamteindruck nach zwei langen, aber nie länglichen, energiegeladenen Sets: Diese „libelle“ hat nicht nur Flügel, sie kann in der Tat fliegen. – Und dem beschwingt in die laue schwabinger Nacht entlassenen Publikum einige jener Glücksmomente schenken, für die es diese Konzertreihe so liebt.
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Wanja Slavin, Foto: Robert Fischer -
Wanja Slavin, Foto: Robert Fischer -
Wanja Slavin, Foto: Robert Fischer -
Wanja Slavin, Foto: Robert Fischer -
Johannes Lauer, Foto: Robert Fischer -
Johannes Lauer, Foto: Robert Fischer -
Johannes Lauer, Foto: Robert Fischer -
Johannes Lauer, Foto: Robert Fischer -
Bertram Burkert, Foto: Robert Fischer -
Bertram Burkert, Foto: Robert Fischer -
Bertram Burkert, Foto: Robert Fischer -
Lucy Liebe, Foto: Robert Fischer -
Lucy Liebe, Foto: Robert Fischer -
Lucy Liebe, Foto: Robert Fischer -
Lucy Liebe, Foto: Robert Fischer -
Maximilian Stadtfeld, Foto: Robert Fischer -
Maximilian Stadtfeld, Foto: Robert Fischer
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