Rezension des Albums "A Portrait" von Wolfgang Lackerschmid
Wolfgang Lackerschmid
A Portrait (7 CD Box)
Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Dot Time, 2026
Fünf Jahrzehnte, unzählige Begegnungen
Wolfgang Lackerschmid auf den Vibraphonisten zu reduzieren, würde nur einen Teil seiner künstlerischen Persönlichkeit beschreiben. Seit mehr als fünf Jahrzehnten arbeitet er ebenso als Komponist, Bandleader, Arrangeur und Produzent – und vor allem als Musiker, für den Begegnungen mit anderen Menschen immer wieder zum Ausgangspunkt neuer Musik geworden sind.
Die sieben CDs umfassende Box A Portrait zeichnet diesen Weg von den ersten Aufnahmen der 1970er-Jahre bis in die Gegenwart nach. Begleitet von einem 60-seitigen Booklet entsteht kein gewöhnliches „Best of“, sondern ein weit gefasstes Porträt eines Musikers, dessen Neugier bis heute nicht nachgelassen hat.
Schon früh schrieb Lackerschmid Jazzgeschichte. Seine Zusammenarbeit mit Chet Baker, insbesondere das Duoalbum Ballads for Two, gehört zu den prägenden Stationen seiner Karriere. Doch die Box macht schnell deutlich, wie wenig sich sein Schaffen auf einzelne prominente Begegnungen reduzieren lässt. Über Jahrzehnte arbeitete er in unterschiedlichsten Formationen und musikalischen Kontexten – mit Musikerinnen und Musikern aus Europa, den USA und Südamerika, in kleinen Jazzensembles ebenso wie in größeren Besetzungen.
Die sieben CDs folgen dabei verschiedenen Etappen und Schwerpunkten seiner Arbeit. Die frühen Jahre und die Neunziger werden ebenso dokumentiert wie spätere Tourformationen, Projekte mit Trompetern und Lackerschmids intensive Beschäftigung mit brasilianischer Musik. Eine eigene CD ist seinen Songs gewidmet, eine weitere seinen Kompositionen für Ensembles, Chor, Orchester, Ballett und Musical.
Viele Aufnahmen werden erstmals veröffentlicht. Neben eigenen Kompositionen finden sich Bearbeitungen von Jazzstandards und klassischer Musik. Namen wie Chet Baker, Kenny Wheeler, Attila Zoller, Paquito D’Rivera, Marilyn Mazur oder Hendrik Meurkens vermitteln nur einen Eindruck davon, wie weit Lackerschmids musikalisches Netzwerk im Laufe der Jahrzehnte gewachsen ist.
Dabei zieht sich eine Eigenschaft durch die unterschiedlichsten Besetzungen: Lackerschmid versucht nie, die Musik seinen instrumentalen Fähigkeiten unterzuordnen. Sein Vibrafon kann virtuos, rhythmisch komplex und harmonisch anspruchsvoll sein, bleibt aber immer Teil eines größeren musikalischen Zusammenhangs. Er hört zu, reagiert und schafft Räume für seine Mitspieler.
Noch deutlicher wird seine Vielseitigkeit als Komponist. Lackerschmid schreibt nicht aus einer abstrakten Vorstellung heraus, sondern häufig für konkrete Menschen, Ensembles oder Situationen. Erfahrungen, Freundschaften und Begegnungen werden zu musikalischem Material. Besonders die vokalen Stücke sowie seine Arbeiten für größere Formationen zeigen, wie weit sein kompositorisches Denken über das klassische Jazzquartett hinausreicht.
A Portrait erscheint zu seinem 70. Geburtstag und könnte deshalb leicht wie eine abschließende Werkschau wirken. Doch davon kann keine Rede sein. Lackerschmid ist weiterhin aktiv, neugierig und mit derselben Freude am gemeinsamen Musizieren unterwegs, die seine Arbeit seit den 1970er-Jahren prägt.
Diese sieben CDs erzählen deshalb nicht die Geschichte einer abgeschlossenen Karriere. Sie zeigen, wie viele Wege ein Musiker in fünfzig Jahren gehen kann – wenn er nie aufhört, neugierig zu bleiben.
(Jacek Brun, 08.10.2026)
CD Liste
- CD 1: First Years From 1976 -1990
- CD 2: From the Nineties
- CD 3: Touring Formations 2000+
- CD 4: Mainly Bands with Trumpet
- CD 5: Mainly Brazil-Jazz Until Now
- CD 6: Songs
- CD 7: Compositions for Ensembles, Choir, Orchestra, Ballet, Musical
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